Die Herausforderungen in der Landwirtschaft: «Wir sollten nicht nur mit Geld steuern, sondern auch das Herz ansprechen»

08.06.2017 - Nachdem das Magazin umwelt sein letztes Dossier dem Thema «Landwirtschaft und Ernährung» gewidmet hat, legen Markus Ritter, Nationalrat und Präsident des Schweizer Bauernverbandes, und Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse, ihre Sicht der anstehenden Herausforderungen dar. In der Pflicht stehen nicht nur die Schweizer Bäuerinnen und Bauern, sondern alle mit der Landwirtschaft verbundenen Kreise und die Konsumentinnen und Konsumenten.

Interview: Lucienne Rey 

umwelt: Herr Brändli, Herr Ritter – welches sind die wichtigsten Herausforderungen für die Schweizer Landwirtschaft im Umweltbereich? 

Markus Ritter (MR): Für uns ist wichtig, dass wir zum Boden Sorge tragen. Jedes Jahr verbauen wir 2500 Hektaren bestes Kulturland. Wenn wir so weitermachen, ist in 250 Jahren das ganze Mittelland zwischen Boden- und Genfersee zubetoniert. Ausserdem setze ich auf die Forschung: Wir brauchen gesunde und robuste Tiere, die wir lange nutzen können. Im Pflanzenbau geht es um ertragreichere Sorten, die unseren Bedingungen angepasst sind.

Urs Brändli (UB): Für die Biobauern ist der Schutz der landwirtschaftlichen Nutzfläche ebenfalls wichtig. Da wünsche ich mir auch mehr Unterstützung von der Politik. Doch abgesehen davon, dass es den Boden als solchen für die Landwirtschaft zu bewahren gilt, muss auch seine Fruchtbarkeit dauerhaft für die nächsten Generationen erhalten bleiben. Laut Agrarbericht 2014 ist dies in unserem Land nicht sichergestellt. Die Intensität der Landwirtschaft hat in gewissen Bereichen und Regionen eine Grenze erreicht.

In einem Interview mit dem «St. Galler Bauern» haben Sie, Herr Ritter, die «interessante Zukunft» unserer Landwirtschaft hervorgehoben. Worauf gründet sich dieser Optimismus?

MR: Angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums, des Klimawandels und der Knappheit von Süsswasser werden wir unter erschwerten Produktionsbedingungen mehr Nahrungsmittel benötigen. Die Schweizer Landwirtschaft hat mit ihren Ressourcen einen multifunktionalen Auftrag zu erfüllen. Sie spielt bei der Erreichung vieler Ziele eine entscheidende Rolle. 

UB: Die Bauern müssen aber wieder Freude an der Landwirtschaft finden. Versammlungen von Kolleginnen und Kollegen der konventionellen Landwirtschaft sind oft von einer negativen Stimmung gekennzeichnet. Bei den Biobauern dagegen herrscht Aufbruchsstimmung. Sie haben Ideen für Projekte, die sie umsetzen möchten. Sie warten nicht auf Unterstützung. Diese Zuversicht wünschen wir uns für die ganze Landwirtschaft. 

MR: Es gibt viele Bereiche, die gut funktionieren, etwa Geflügel oder Rindfleisch. Doch der Gradmesser für die Stimmung in der Schweizer Landwirtschaft ist die Milchwirtschaft, bei der sich der Preis pro Kilogramm in den letzten 20 Jahren halbiert hat. Heute liegen die Erlöse bei der konventionellen Milch weit unter den Kosten für die Produktion. Viele Milchbauern hören auf. Das geht nicht spurlos vorbei. Früher haben die Bauern an Versammlungen wortgewaltig gekämpft, heute haben viele resigniert.

Sie halten selber Kühe, Herr Ritter ...

MR: Ja, aber ich produziere biologisch. Solche Milch bringt etwa 80 Rappen pro Kilogramm, sodass sich auch mit 26 Kühen ein akzeptables Ergebnis erzielten lässt. Im konventionellen Bereich muss auf vielen Betrieben mit 50 Rappen gerechnet werden. Sind dann noch hohe Investitionen getätigt worden, wird es sehr schwierig. Doch auch in der Bioproduktion ist der Milchbereich einer der anspruchsvollsten, man muss sehr viel Zeit für die Betreuung der Kühe aufwenden. Milchbauer sein ist fast wie Pfarrer sein, das ist ein Lebensmodell, eine Berufung an 365 Tagen im Jahr.

UB: Wenn sich jemand berufen fühlt, stimmt die Einstellung. Ich sehe aber oft, dass Höfe und die Art des Bewirtschaftens über Generationen weitergeführt werden. Was vor 30, 40 Jahren in der landwirtschaftlichen Ausbildung gelehrt wurde, entspricht meist nicht mehr den aktuellen Erkenntnissen. Es ist unverständlich, wie viele Bauern an der seinerzeit noch gelernten Maximalstrategie festhalten und nicht nach anderen, weniger intensiven Produktionsformen suchen. Nicht, weil weniger per se besser wäre. Aber aus weniger Input resultieren oft bessere finanzielle Ergebnisse. Beratung und Ausbildung sollten viel stärker auf Wirtschaftlichkeit ausgelegt werden.

Markus Ritter
Der gelernte Wirtschaftsingenieur Markus Ritter bewirtschaftet mit seiner Familie in Altstätten (SG) einen Bio-betrieb mit Milchwirtschaft und Feldobstbau. Als Mitglied der CVP sitzt er seit 2011 für den Kanton St. Gallen im Nationalrat, 2012 wurde er Präsident des Schweizer Bauernverbandes.
© Michael Würtenberg, Ex-Press/BAFU

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um in der Landwirtschaft weiterhin effizient zu produzieren und gleichzeitig die natürlichen Ressourcen zu schonen?

UB: Innovationen werden uns allen enorm helfen. Wir sehen zum Beispiel die ersten leichten selbstfahrenden Maschinen mit Solarantrieb, die mit Tanks für Pflanzenschutzmittel oder mit Messern bestückt werden können. Sie bringen gezielt Pestizide aus oder zerstören Unkräuter mechanisch. Man kann sich zu Recht fragen, ob es eine Variante mit Spritzmitteltank überhaupt braucht, wenn es doch auch mechanisch geht. Gerade der konventionellen Landwirtschaft werden solche Innovationen viel bringen. 

MR: Tatsächlich ist es oftmals von Vorteil, wenn wir Unkräuter durch Bodenbearbeitung bekämpfen statt mit Pflanzenschutzmitteln. Denn durch das Lockern des Bodens wird Stickstoff freigesetzt und das Wachstum gefördert. Solche Erkenntnisse werden zum wirtschaftlichen und ökologischen Erfolg beitragen.

Die Biodiversität im Grün- und Ackerland geht nach wie vor zurück. Welchen Handlungsspielraum hat hier die Landwirtschaft?

MR: Was die quantitative Zielsetzung betrifft, steht der Schweizerische Bauernverband hinter den agrarpolitisch definierten Vorgaben. Im Talgebiet wurden als Ziel 65 000 Hektaren ökologische Ausgleichsflächen festgelegt. Dieses Ziel haben wir bereits Ende 2015 überschritten. Wir sind der Ansicht, dass auf den Biodiversitätsförderflächen, die heute 12 Prozent des Kulturlandes ausmachen, nun vor allem die Qualität und die Vernetzung gefördert werden sollen. Diese bringen unserer Natur am meisten. 

UB: Die Betriebe müssten konsequenter auf die eigene Futtergrundlage ausgerichtet sein. Ökologische Flächen dürfen also nicht dazu führen, dass zum Ausgleich Futter importiert wird. Mein Eindruck: Vielerorts muss die Biodiversitätsförderung als Sündenbock herhalten, wenn es am Ende finanziell nicht aufgeht. Vor zwei Jahren hat aber die EUKommission festgestellt, dass 1 Hektare Biodiversitätsfläche dank der Nützlinge einen Gegenwert von bis zu 3400 Eurobringe! Wir müssen den jungen Bauern aufzeigen, dass auch solche Flächen viel zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen. Zudem freuen sich viele Menschen an diesen blühenden Wiesen.

MR: Ja, wir sollten nicht nur mit Geld steuern wollen, sondern auch das Herz ansprechen. Qualität ist bei der Biodiversitätsförderung oftmals nur langfristig zu erreichen. Zudem braucht es das Wissen darüber, welcher Standort sich für eine Trockenwiese, eine Hecke oder eine Trockenmauer eignet. Das müssen wir den jungen Bäuerinnen und Bauern eben genauso beibringen. Es ist ein hohes Verständnis für das Zusammenspiel in der Natur anzustreben.

Urs Brändli
Urs Brändli legte am Strickhof in Zürich die landwirtschaftliche Meisterprüfung ab. Nach Aufenthalten in Australien und Neuseeland übernahm er im Jahr 1985 einen Betrieb in Goldingen (SG), den er 1994 auf Bio umstellte. Seit 2011 ist er Präsident von Bio Suisse.
© Michael Würtenberg, Ex-Press/BAFU

Der grosse, auch durch importiertes Futter ermöglichte Viehbestand stellt die Umwelt vor Probleme. Was kann die Landwirtschaft dagegen unternehmen?

MR: 85 Prozent der Futtermittel – namentlich Raufutter – produzieren wir
selber. Aber wir sehen mit Sorge eine Million Tonnen importiertes Kraftfutter. Wir setzen zwar nicht mehr Kraftfutter ein als vor 25 Jahren, doch wir produzieren viel weniger davon selber. Unser Ziel ist es, bei den Futtermitteln wieder selbstständiger zu werden, nicht zuletzt im Hinblick auf die Swissness-Vorlage. Um schweizerische Herkunftsbezeichnungen
verwenden zu dürfen, benötigen wir nämlich in den verarbeiteten Lebensmitteln Rohstoffe aus der Schweiz. Daher haben wir ein Interesse, dass auch vermehrt wieder Futtergetreide in der Schweiz angebaut wird.

UB: Ich bin überzeugt, dass die Konsumierenden mehr bezahlen würden für ein inländisches Ei, das mit Schweizer Futtermitteln erzeugt wird. Eine
«Schweizer Ei»-Initiative müssten alle Marktpartner gemeinsam starten. Sie sollten nicht warten, bis im Bundeshaus etwas geschieht, sondern im Kleinen aktiv werden. Wenn der Markt zieht, folgen die Bauern. Der steigende Futtermittelimport hängt ja auch damit zusammen, dass immer mehr Pouletfleisch gekauft wird. Die Landwirtschaft reagiert auch hier auf die Nachfrage.

MR: Im Biolandbau glauben wir an die geschlossenen Kreisläufe. Aus meinem Betrieb fliessen in Form von Milch und Fleisch grosse Nährstoffströme ab. Hier müssten Überlegungen angestellt werden, wie innerhalb des gesamten Kreislaufs in der Gesellschaft Nährstoffe zurückgewonnen werden können, ohne dass die Umwelt belastet wird. Der Dünger, der aus dem Konsum von Fleisch und Milch resultiert, landet zurzeit in der ARA und wird schliesslich verbrannt. Im Gegenzug importieren wir wiederum Dünger – dies im Wissen, dass der Phosphor irgendwann ausgeht. Hier bräuchten wir raffinierte Lösungen, damit wir unseren eigenen Dünger in einer sauberen Form wieder ausbringen könnten.

Und was sagen Sie zu Ammoniakemissionen, die in der Schweiz auch viel zu hoch sind?

MR: Die Kunst besteht darin, den Stickstoff möglichst ohne Verluste vom Tier bis an die Wurzel der Pflanze zu bringen. Den grössten Spareffekt bringt nicht die Technik; mit dem Schleppschlauch lassen sich nur etwa 25 Prozent des möglichen Verlustes verhindern. Wenn ich hingegen den richtigen Zeitpunkt wähle – bei Windstille, Temperaturen zwischen 5 und 15 Grad sowie bei genügender Luftfeuchtigkeit – macht die Differenz bis zu 60 Prozent aus. Entscheidend ist, dass wir mit der Natur arbeiten und nicht nach vorgegebenen Zeitfenstern, die im Kalender festgelegt werden. Es braucht Verständnis für die Zusammenhänge – und zwar von allen Beteiligten. 

UB: Die Reduktion der Ammoniakemissionen würde aus Sicht des Biolandbaus grosse Probleme lösen. Heute haben wir wegen des Ammoniaks unerwünschte Nitrateinträge in Gewässern und ökologisch wertvollen Flächen. Zudem weisen viele Wasserversorgungen im Mittelland viel zu hohe Nitratwerte auf. Biobetriebe dürfen keine Kunstdünger einsetzen, daher wenden sie die vorhandenen Düngemittel wie Hofdünger oder Kompost viel gezielter und sorgfältiger an. So erhalten die Pflanzen zum richtigen Zeitpunkt die nötigen Nährstoffe, die Umwelt wird geschont. Als positiver Nebeneffekt wird viel Energie gespart, denn die Produktion von künstlichen Nitratdüngern ist extrem energieaufwendig.

Wie stehen Sie zum «Aktionsplan Pflanzenschutzmittel» des Bundes, und was kann die Landwirtschaft dazu beitragen, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (PSM) zu reduzieren?

MR: Es sollten nicht nur die Bauern in die Pflicht genommen werden, sondern alle, die Pflanzenschutzmittel einsetzen. Das Problem betrifft nämlich die Privaten, die ihre Gärten behandeln, genauso wie Gemeinden und Kantone bei der Grünraumpflege und die SBB. Ziel in der Landwirtschaft muss es sein, die richtigen Mittel für das entsprechende Problem zu wählen und diese möglichst gezielt einzusetzen, denn weniger PSM bedeutet letztlich auch tiefere Kosten. Wir müssen hier ebenso die Natur beobachten und die Landwirte entsprechend schulen. Da sehen wir in der PSM-Strategie durchaus eine Chance.

UB: Wir sind nicht wirklich begeistert von der Strategie, denn es fehlt ein Wille zum Paradigmenwechsel. Anbausysteme ohne PSM müssten stärker gefördert werden, und umweltbelastende Hilfsmittel sollten mit einer Lenkungsabgabe verursachergerecht besteuert werden. Wenn PSM im Abwasser landen, stellt sich schon die Frage, ob das die Steuerzahler berappen müssen oder ob die Reinigung nicht in den Kaufpreis des Produktes integriert werden soll. Im Unterschied zu den Bioprodukten sind bei den konventionellen Erzeugnissen die externen Kosten nicht im Preis enthalten. Auch Bio Suisse sieht nicht die Landwirtschaft alleine in der Pflicht. Die Mengen an PSM, die von öffentlichen Stellen und privaten Anwendern eingesetzt werden, sind nicht zu unterschätzen. Ein griffiger Aktionsplan muss alle miteinbeziehen!

Der Staat lässt der Schweizer Landwirtschaft jährlich knapp 3,4 Milliarden an Direktzahlungen und anderen Stützungsmassnahmen zukommen. Braucht unsere Landwirtschaft eine Perspektive, die sie weniger abhängig macht von der Stützung?

MR: Es ist wichtig zu wissen, dass eine Topmotivation der Bauern durch gute Markterlöse für ihre hochwertigen Produkte erzeugt wird. Aber die Bedeutung des Markterlöses nimmt mit zunehmender Höhe des Betriebs ab. Im Berggebiet und bei Sömmerungsflächen sind die Direktzahlungen essenziell, beim Gemüsebau hingegen sind sie von geringer Bedeutung.

UB: Die Gesellschaft muss definieren, welche Landwirtschaft sie wo haben will. In vielen Regionen ist es schon wegen des Tourismus sinnvoll, auch steile Flächen zu bewirtschaften. Doch ich wünsche mir, dass wir künftig das Einkommen wieder mehr mit unseren Produkten erzielen können. Die steigende Anzahl Konsumenten, die bereit sind, für kontrollierte und zertifizierte Mehrwerte tiefer in den Geldbeutel zu greifen, zeigt, dass diese Hoffnung nicht utopisch ist.

MR: Es bräuchte dazu einen ganzen Strauss von Massnahmen. Wichtig sind zum Beispiel die Aus- und Weiterbildung. Zudem: Die öffentliche Hand kann bei der Beurteilung eines Projektes von Investitionshilfen für Ökonomiebauten dessen Rentabilität in den Vordergrund rücken. Bisher war es die Tragbarkeit. Damit würden ebenfalls richtige Signale gesendet.

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Letzte Änderung 08.06.2017

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