Blick in die Zukunft: Meine Stadt von morgen

26.08.2015 - Weltweit leben immer mehr Menschen in Städten. Massnahmen, die Siedlungsdichte mit Lebensqualität verbinden, sind daher dringend gefragt. Begrünung etwa verbessert Stadtklima und Geräuschkulisse, erhöht die Biodiversität und macht die City wohnlich. Auch die Planung trägt dazu bei, zukunftsorientierte Städte zu entwickeln.

Text: Cornélia Mühlberger de Preux

Leben spriesst auf dem Dach des städtischen Bestattungsinstituts an der Avenue des Figuiers 28 in Lausanne. Auch gegen Ende des Sommers blühen hier noch Blumen - etwa der Gewöhnliche Natternkopf, die Kartäusernelke oder auch die Tauben-Skabiose. Das Dach wurde im April 2014 begrünt: In einer Ecke befindet sich ein kleiner Tümpel, und auch einige Steinhaufen, Äste und Baumstrünke wurden verteilt. «Schon kleinste Elemente schaffen ein Mikroklima, bieten Schatten und sammeln Feuchtigkeit, sodass sich die Gewächse wohler fühlen», erklärt Aino Adriaens von der Stadtgärtnerei Lausanne, die für die Dachbegrünung zuständig ist. Nicht weniger als 74 einheimische Pflanzenarten wurden direkt mit Wurzelballen eingepflanzt oder ausgesät. In der Regel ist die Substratschicht auf Dächern 8 bis 10 Zentimeter dick, hier aber beträgt sie an gewissen Stellen bis zu 20 Zentimeter. Das gibt den Wurzeln mehr Platz. Die Gärtnerinnen und Gärtner spielten mit unterschiedlichen Bodentiefen, um vielfältige Mikrohabitate zu schaffen und die Anzahl der vorhandenen Pflanzen- und Tierarten zu erhöhen. Dabei trugen sie auch Sand und Schlamm auf, damit die Insekten hier Eier ablegen können.

In Lausanne haben in den letzten Jahren mehrere öffentliche Gebäude eine grüne Haube bekommen. «Gründächer weisen viele ökologische Vorteile auf», bestätigt Aino Adriaens. Sie erfrischen das städtische Klima, schützen die Gebäude, isolieren sie und halten das Regenwasser zurück, sodass geringere Mengen sauberes Wasser in die Kanalisation fliessen. Ausserdem reduzieren sie Lärm und Geräusche, reinigen die Luft und fördern die Biodiversität. Und nicht zuletzt verschönern sie die Stadt und steigern damit das Wohlbefinden der Bevölkerung.

Vegetation verbessert das Stadtklima in mehrfacher Weise.
© Uster AG; Aino Adriaens

Alle Sinne berücksichtigen

Die Zukunft gehört den Metropolen. In den meisten westlichen Industrieländern leben rund 80 % der Bevölkerung in Städten. Hierzulande haben sich gemäss dem Bundesamt für Statistik rund 74 % der Menschen für einen Wohnsitz im städtischen Umfeld entschieden. Auch in Entwicklungsländern steigt der Urbanisierungsgrad rasant an. Die Herausforderung besteht deshalb darin, die Dichte möglichst menschen- und umweltfreundlich zu gestalten.

«Die Siedlungsentwicklung nach innen, wie sie heute gefördert wird, ist sinnvoll», bestätigt Urs Walker von der BAFU-Abteilung Lärm und NIS. Allerdings gilt es von Anfang an, nicht nur den visuellen Aspekt zu berücksichtigen, sondern auch den Lärm. Für die meisten Wohnungssuchenden ist eine ruhige Lage nämlich entscheidend: Wenn es zu laut ist, zieht man um. Nicht umsonst wird die Lärmbelastung als zweithäufigster Grund für einen Wohnungswechsel genannt. Die GIS-Lärmdatenbank SonBase gibt Aufschluss über die Lärmbelastung in der Schweiz. Sie erfasst vor allem Immissionen durch den Strassenverkehr. Diese Daten helfen abzuschätzen, wie stark eine Wohnung dem Lärm exponiert ist.

Voraussicht und Planung sind unabdingbar, um Dichte und Wohlbefinden in städtischen Zonen unter einen Hut zu bringen. Dazu gehört die Gesundheitsfolgenabschätzung (GFA), eine von der Umweltorganisation equiterre mitentwickelte Methode, mit der die Auswirkungen spezifischer Aktivitäten auf die Gesundheit der betroffenen Bevölkerung bewertet werden können. 2007 liess etwa Pruntrut (JU) im Rahmen einer geplanten Sanierung von Altbauten eine solche GFA durchführen. Im laufenden Jahr 2015 wurde equiterre nun beauftragt, sich bei der Umsetzung eines Teils dieses Projekts mit der allgemeinen Zugänglichkeit des öffentlichen Raums zu befassen.

Das nationale Forschungsprogramm NFP 54 beschäftigt sich ebenfalls mit der nachhaltigen Siedlungsentwicklung. Es untersucht unter anderem, wie Siedlungsräume für eine alternde Gesellschaft gestaltet werden müssen, wie Einfamilienhaussiedlungen nachhaltig entwickelt werden können und wie sich Mobilitätsgewohnheiten verändern lassen. Auch die Bundesämter für Energie und für Raumentwicklung unterstützen die Schaffung nachhaltiger Quartiere. Sie bieten fachlichen Beistand für Gemeinden, organisieren Treffen zum Erfahrungsaustausch und bilden entsprechende Beraterinnen und Berater aus. Zudem stellen sie eine Software zur Verfügung, die bei der Planung, Realisierung und Nutzung solcher Projekte hilft.

Hier verschönert sie die gläserne Lärmschutzwand des Gebäudekomplexes «Central» in Wädenswil (ZH) und hilft, den Schall zu zerstreuen.
© Uster AG; Aino Adriaens

Vielversprechende Verbindungen

Programme, die städtische Verdichtung mit gesundheitlichen Aspekten verknüpfen, berühren viele Bereiche. So könnte man hier über die Vernetzung der Lebensräume, die Bedeutung körperlicher Aktivität oder lokal erzeugte Lebensmittel sprechen. Was Letztere betrifft, führen Quartiergärten in mehreren Gemeinden der Westschweiz zu neuen und wertvollen Erfahrungen.

Oft werden auch verschiedene Massnahmen miteinander kombiniert. In Lausanne etwa wurden auf den Südhallen des Palais de Beaulieu, wo Ausstellungen und Messen stattfinden, Dachbegrünung und Fotovoltaik miteinander verbunden. «Die Bepflanzung erhöht im Sommer die Leistung der Solarmodule um 6 bis 8 %», erklärt Aino Adriaens. Sobald nämlich die Temperatur auf über 25 Grad steigt, überhitzen sich die Module. Die Pflanzen auf dem Dach sorgen dafür, dass die Umgebungstemperatur verkraftbar bleibt. Und weil die Sonnenpaneele bereits durch die Begrünungsunterlage beschwert würden, brauche es weniger Betonblöcke, was die Dachkonstruktion entlaste, so die Fachfrau.

Ein weiteres Beispiel für einen gesundheitsbewussten Umgang mit Dichteproblemen findet man mitten in Wädenswil (ZH), zwischen den Eisenbahngleisen und der von täglich 12‘000 Fahrzeugen genutzten Seestrasse. Auf den ersten Blick scheint dieses Areal mit dem treffenden Namen «Central» für ein Wohngebäude denkbar ungeeignet, weil es gleich mehreren Lärmquellen ausgesetzt ist. Bis das Planungs- und Architekturbüro Uster AG dort ein Wohngebäude erstellen wollte, interessierte sich denn auch niemand für dieses Grundstück, auf dem ursprünglich eine Garage stand. Doch das Ergebnis überzeugt. Das Wichtigste war, die Wohnungen vor Lärmeinwirkungen zu schützen. Gegen die Vibrationen, die durch die Züge verursacht werden, hilft ein System mit tief versenkten Verdrängungspfählen und einer Versteifung der Böden. Zudem werden die Wohnungen durch einen Innenhof, der an zwei Seiten durch rund 9 m hohe begrünte Lärmschutzwände aus Glas abgegrenzt wird, vom Strassen- und Eisenbahnverkehr abgeschirmt. Die Schlaf- und Wohnräume sind zu diesem Hof hin ausgerichtet, der mit einer Wasserfläche und zahlreichen Pflanzen wie etwa Efeu, Glyzinien, Schilf und verschiedenen Gräsern attraktiv gestaltet wurde.

Die für den Wohnblock «Central» gefundene Lösung lässt sich aber nicht ohne Weiteres auf andere Projekte übertragen. «Nackte und glatte Fassaden reflektieren den Verkehrslärm. Zwar ist es im Innenhof ruhiger, aber gegen aussen nimmt die Intensität des Lärms zu», gibt Urs Walker zu bedenken. Im Unterschied zu blanken Wänden würden Mauern aus porösem Material den Schall absorbieren und solche, die von Pflanzen überwachsen sind, den Lärm zerstreuen und gleichzeitig die Natur in die Stadt bringen.

Pflanzen können ausserdem das Stadtklima kühlen; auf den Hallen des Palais de Beaulieu in Lausanne senken sie die Umgebungstemperatur.
© Uster AG; Aino Adriaens

Grün von unten bis oben

In der Schweiz sind immer mehr begrünte Fassaden anzutreffen, die als natürliche Klimaanlage dienen und gleichzeitig den Schall verteilen. Unterstützt durch das BAFU, haben die Genfer Hochschule für Landschaft, Ingenieurwesen und Architektur (hepia), die Hochschule für Technik Changins (EIC), der Keramiker Jacques Kaufmann und das Unternehmen Creabeton Matériaux AG unter dem Namen Skyflor ein patentiertes System von selbsttragenden und hinterlüfteten Fassadenelementen für die Begrünung entwickelt. Diese bestehen aus drei Schichten: poröser Keramik, mineralischem Substrat und Ultrahochleistungs-Faserbeton. In Genf wurden an der Rue Ernest Pictet 28-30 bereits zwei Fassaden mit solchen Elementen ausgestattet. Den Anwohnern gefallen diese Wände, deren Erscheinungsbild sich mit den Jahreszeiten verändert. «Wenn die Menschen daran vorbeigehen, werden sie langsamer, und einige bleiben sogar stehen», sagt Robert Perroulaz, einer der Patentinhaber. Skyflor wird heute international vermarktet.

In Lausanne werden solche Entwicklungen aufmerksam verfolgt: Schon bald soll auch hier die Fassade eines Verwaltungsgebäudes begrünt werden. Die Waadtländer Hauptstadt will sich diese Gelegenheit, die Natur in der Stadt zu fördern, nicht entgehen lassen - zumal sie im Juni 2014 Gastgeberin der 17. internationalen Konferenz des European Forum on Urban Forestry (EFUF) war. Dabei wurde über neue Ergebnisse, Lösungen und Strategien für die urbane Waldwirtschaft diskutiert.

Aber um auf die Dachbepflanzungen zurückzukommen: Lausanne begnügt sich nicht damit, Gebäude im Stadtbesitz extensiv zu begrünen, sondern unterstützt auch Private, die ihre Dächer in grüne Oasen verwandeln wollen. Im Frühling 2015 wurde deshalb ein Pilotprojekt zur finanziellen Förderung solcher Vorhaben lanciert. Lausanner Hauseigentümer haben die Möglichkeit, Zuschüsse in Höhe von 40 CHF pro Quadratmeter für eine Fläche von maximal 300 Quadratmetern zu erhalten. Dafür gilt es jedoch, gewisse Qualitätskriterien einzuhalten, die sich an die SIA-Norm 312 zur Begrünung von Dächern anlehnen.

Im Frühling 2016 will die Stadtgärtnerei an der Avenue du Chablais 46 ausserdem einen speziel-len Ausstellungsraum eröffnen. Aino Adriaens lädt Interessierte schon jetzt zu einem Besuch ein: «Es werden Versuchsflächen mit verschiedenen Arten von Substraten und Gestaltungen eingerichtet. Sie zeigen, wie ein begrüntes Dach aussehen könnte, das zugleich der Biodiversität zugutekommt.»

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Letzte Änderung 26.08.2015

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