Erderwärmung: Tropenklima im Tessin

26.08.2015 - Die Klimaerwärmung bleibt nicht ohne Folgen für die Gesundheit: Stechmücken, die Infektionskrankheiten übertragen, breiten sich aus, der länger andauernde Pollenflug führt zu vermehrten Allergien, und die häufiger werdenden Hitzeperioden gefährden geschwächte Menschen und kleine Kinder. Als Südkanton ist das Tessin besonders gefordert.

Text: Vera Bueller

Tobias Suter beisst die Zähne zusammen: «Ab dem hundertsten Mückenstich tut es weh», bemerkt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu, dass dann auch der Arm immer mehr anschwelle. Um die 600 Tigermücken zu ernähren, die in ihrem Zuchtgefäss nach Blut gieren, muss er täglich ebenso viele Stiche aushalten, und das über Wochen. Alle Versuche, die Insekten auf andere Art - etwa maschinell - zu ernähren, seien gescheitert, erklärt der Mückenexperte: «Es braucht Schweiss, Blut und Körperwärme für die Aufzucht.» Ergo habe er sich geopfert.

Kein Aufwand war dem Biologen Tobias Suter zu gross für seine Doktorarbeit, die er am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) über die Tigermücke (Aedes albopictus) schreibt. Während zweier Jahre streifte er von Juni bis Oktober alle vierzehn Tage durch die Wälder im Südtessin und auf der italienischen Seite, schaute in jedes Astloch, durchsuchte Vorgärten und Friedhöfe, kontrollierte 280 von ihm aufgestellte Mückenfallen - je 140 in der Schweiz und in Italien. Er entnahm den simulierten Brutstätten insgesamt 230‘000 Eier und wertete sie im Labor aus.

Italien als neue Heimat der Tigermücke

Während Italien in der Grenzregion zur Schweiz gegen die Ausbreitung der Mücke wenig unternimmt, laufen im Tessin seit 2003 aufwendige Forschungs-, Aufklärungs- und Bekämpfungsmassnahmen - mit Erfolg. «Es zeigte sich, dass das Problem in Italien signifikant grösser ist als im Tessin», stellt der junge Wissenschaftler fest, zumal die ursprünglich in südostasiatischen Wäldern beheimatete Tigermücke ihr Verhalten geändert hat und heute vor allem in urbanen Gebieten vorkommt. Die meisten potenziellen Brutstätten von Tigermücken befänden sich nämlich auf privatem Grund, etwa in Regenwasserfässern, in Untersätzen von Blumentöpfen, in Vasen auf Friedhöfen.

Die Botschaft im Kampf gegen die Tigermücke lautet deshalb: nicht unnötig Wasser im Freien herumstehen lassen oder aber dieses wöchentlich erneuern. Denn die Tigermücke, die ihren deutschen Namen wegen der auffälligen hellen Streifen an Rücken und Beinen trägt, kann Trägerin gefährlicher Krankheiten wie des Dengue- oder des West-Nil-Fiebers sein. Hauptursache für ihre Verbreitung ist der globale Handel. Eier der ursprünglich im asiatischen Raum heimischen Tigermücke gelangten beim Transport von gebrauchten Autoreifen und Bambuspflanzen nach Italien. Von dort aus verbreitete sich das Insekt als blinder Passagier in Autos und Lastwagen weiter.

Tobias Suter beim Aufstellen der Tigermückenfallen im Tessin.
© unibas

Tropenkrankheiten in den gemässigten Breiten

Seit 2003 wird die Tigermücke im Tessin nachgewiesen, wo ihre Eier auch überwintern können. «Die Klimaerwärmung könnte längerfristig dazu beitragen, dass die Eier eventuell auch nördlich der Alpen der kalten Jahreszeit trotzen werden», erklärt Basil Gerber von der Sektion Biotechnologie des BAFU, das das Auftreten von krankheitsübertragenden gebietsfremden Stechmückenarten überwacht. «Eine solche Überwachung ist wichtig, um bei Bedarf krankheitsübertragende Mücken gezielt bekämpfen und so die Ausbreitung von Krankheiten verhindern zu können. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass es besser ist, sich frühzeitig zu wappnen», so der BAFU-Experte.

Tigermücken könnten Viren bei einem infizierten Reiserückkehrer aufnehmen und bei der nächsten Blutmahlzeit an weitere Personen übertragen. So geschah es im Sommer 2007 in Ravenna (IT). Damals brachte ein infizierter Indienreisender das Chikungunya-Virus nach Norditalien. In Ravenna wurde er dann von dort ansässigen Tigermücken gestochen, die in der Folge den Erreger auf Hunderte von Personen übertrugen und eine lokale Epidemie auslösten.

Auch das West-Nil-Virus könnte vom Klimawandel profitieren. «Es gab bereits Krankheitsfälle in Europa, etwa in Frankreich», sagt Basil Gerber. «In der Schweiz existieren bislang aber noch keine Nachweise, dass hier Krankheiten durch Mückenstiche übertragen worden wären», beschwichtigt er und warnt vor Hysterie. In der Nordschweiz werde die Tigermücke zudem oft mit der kaum von ihr zu unterscheidenden Buschmücke verwechselt. Ein Stich dieses verbreitet vorkommenden Insekts sei zwar schmerzhaft, aber bis dato seien keine von ihm ausgehenden Krankheitsübertragungen bekannt.

Die Entwicklung laufend überwachen

Bereits konnten Eiablagen der Tigermücke nördlich des Gotthards beobachtet werden. Das Swiss TPH führt zusammen mit der Gruppo Lavoro Zanzare (GLZ) der Fachhochschule des Kantons Tessin seit 2013 eine schweizweite Überwachung der Tigermücke durch. Da diese sich in Europa vor allem passiv über Verkehrswege ausbreitet, wurden an Autobahnraststätten, Flughäfen und den Rheinhäfen Mückenfallen aufgestellt. Man fing jedoch weder adulte Tiere, noch konnten weitere Eiablagen zeitnah am selben Ort gefunden werden. «Das deutet darauf hin, dass zwar einzelne Tigermücken mit Autos oder Lastwagen verschleppt werden, sich bisher jedoch keine stabilen Mückenpopulationen etablieren konnten», meint Pie Müller vom Swiss TPH, der das nationale Überwachungsprogramm leitet. Das Monitoring wird zunächst bis 2016 entlang der Autobahnen, an den Flughäfen von Genf und Zürich sowie in den Basler Rheinhäfen durchgeführt.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist zusammen mit den Kantonen für die Überwachung, Prävention und Bekämpfung von Infektionskrankheiten zuständig. Bei den durch Insekten übertragenen Krankheiten stehen zum Beispiel das Chikungunya-Fieber, das Dengue-Fieber, das Gelbfieber, Malaria und das West-Nil-Fieber im Fokus.

Vermehrt Hitzetote

Aber nicht nur Krankheitserreger werden dem Menschen auf einer erwärmten Erde zu schaffen machen. Auch Hitzewellen, die der Forschung zufolge häufiger auftreten werden, stellen eine Gefahr dar. Obschon sich der Mensch an eine allmähliche Temperaturzunahme anpassen kann, halten es Mediziner für unwahrscheinlich, dass er sich auch an aussergewöhnliche Hitze gewöhnt. «Diverse Studien zeigen, dass extreme Hitzeperioden negative gesundheitliche Folgen haben», betont Damiano Urbinello vom BAG. Im «Jahrhundertsommer» 2003 verzeichnete die Schweiz fast 1000 Todesfälle mehr (also rund 7 %) als durchschnittlich in dieser Jahreszeit.

Das BAG und das BAFU entwickelten in der Folge eine Informationskampagne, um Angehörige, Pflegepersonal, Ärzteschaft und gefährdete Personen für die gesundheitlichen Risiken von Hitze und die entsprechende Vorsorge zu sensibilisieren. «Anstrengungen vermeiden, den Körper kühlen, viel trinken und leicht essen wirkt vorbeugend. Die Sorge um die Gesundheit älterer Menschen während Hitzetagen geht alle an. Alleinstehende, betagte und pflegebedürftige Personen benötigen unsere Aufmerksamkeit», weiss Damiano Urbinello. Viele Kantone haben die Empfehlungen übernommen. Ziel ist, vor allem bei älteren Menschen negativen gesundheitlichen Auswirkungen vorzubeugen und dadurch eine höhere Sterblichkeit zu vermeiden. Zudem wollen die Behörden hitzebedingte Notfalleinsätze und Hospitalisierungen reduzieren. Mittlerweile verfügen zahlreiche Kantone über Alarmdispositive und haben ihre Präventionsmassnahmen verstärkt.

Im Jahr 2014 lancierte zudem das Swiss TPH das Pilotprojekt «Effekt von Hitzeperioden auf die Sterblichkeit und mögliche Adaptionsmassnahmen», um den Einfluss von Hitzeereignissen auf die Sterblichkeit zu untersuchen. Dabei werden besonders betroffene Bevölkerungsgruppen sowie Wettermerkmale identifiziert, die für die Gesundheit relevant sind. «Bewertet werden auch die Massnahmen, die seit 2003 eingeleitet wurden, um die hitzebedingte Sterblichkeit zu reduzieren. Gesundheitsbehörden auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene sollen dadurch die notwendigen Grundlagen und Informationen erhalten, um effiziente Präventionsmassnahmen ergreifen zu können», erklärt der Projektleiter Martin Röösli vom Swiss TPH.

Tessin besonders betroffen

Um die Folgen zu ermitteln, die die Erderwärmung hierzulande nach sich ziehen wird, haben mehr als 20 Forschungsgruppen aus der Schweiz 2 Jahre lang am Bericht der «CH2014-Impacts»-Initiative gearbeitet. Unterstützt wurden sie vom BAFU und von MeteoSchweiz. Das Ergebnis: Je nach Szenario könnte sich die Durchschnittstemperatur bis Ende dieses Jahrhunderts um 0,9 bis 5,2 Grad erhöhen. Die regionalen Unterschiede sind jedoch gross: Besonders betroffen vom Klimawandel ist die Südschweiz, wo etwa die Zahl der Tropennächte erheblich ansteigen wird. Dort könnten Hitzephasen künftig bis zu 2 Monate dauern.

Eine weitere Folge des Klimawandels betrifft hauptsächlich die Allergiker. Frühblüher wie Hasel und Erle dürften bereits im Dezember blühen, und Gräser früher spriessen. Die stark allergieauslösende Pflanze Ambrosia, die sich hierzulande ausbreitet, wird die Pollensaison bis gegen Ende September verlängern, wenn die Pollenbelastung durch die einheimischen Pflanzen nur noch gering ist.

Hohe Ozonwerte wirken sich zusätzlich schädlich aus. «Mit einer höheren Ozonkonzentration werden die Atemwege und Bronchien mehr gereizt, wodurch speziell für Patientinnen und Patienten, die an Krankheiten wie Asthma oder an der obstruktiven Lungenkrankheit (COPD) leiden, das Risiko steigt», erklärt Denise Felber Dietrich von der Sektion Luftqualität des BAFU. Zwar seien die Schadstoffbelastungen von Luft und Wasser in der Schweiz gesunken. Die Belastung mit Ozon und Stickoxiden ist aber weiterhin vielerorts übermässig. Vor allem im Tessin. Dort steigen die sommerlichen Ozonwerte höher als in anderen dicht besiedelten Regionen der Schweiz .

Ozon ist ein aggressives Reizgas, das tief in die Lunge einzudringen vermag. Die Folge sind Gewebeschäden, starke Reizwirkungen und Entzündungen der Atemwege. Denise Felber Dietrich sagt: «Eine Studie im Tessin hat gezeigt, dass bei Kindern bei moderater Anstrengung im Freien messbare Lungenfunktionseinbussen auftraten. Bei empfindlichen Personen, die im Freien körperlich aktiv sind, können solche Einbussen an Tagen mit hoher Ozonbelastung bis gegen 30 % betragen.» Massnahmen gegen den Klimawandel sind also aus zahlreichen Gründen unabdingbar - allein schon, damit die Tessiner Sonnenstube nicht zum Krankenzimmer der Schweiz wird.

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Letzte Änderung 26.08.2015

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