Feinstaub bleibt ein Problem: Richtig durchatmen

26.08.2015 - In der Schweiz ist die Belastung mit Luftschadstoffen in den letzten 30 Jahren gesunken. Trotzdem bleibt im Kampf gegen lungengängige Partikel noch einiges zu tun. Die Eidgenössische Kommission für Lufthygiene etwa fordert einen Grenzwert für besonders feinkörnigen Feinstaub und eine Reduktion der Russbelastung um 80 %. Denn auch geringe Mengen dieser Partikel können Krebs oder Herzversagen begünstigen.

Text: Pieter Poldervaart

Das Tessin gilt als Sonnenstube der Schweiz, doch punkto Luftbelastung hat der Südkanton auch Schattenseiten. Einerseits werden mit dem Wind grosse Mengen an Stickstoff und Feinstaub aus der Industrieregion Mailand mit rund 10 Mio. Einwohnern in die Schweiz verfrachtet. Andererseits herrscht im Südtessin häufig eine Wetterlage, welche die Luft wie in einem Kessel festhält. Bleibt der Föhn aus, sammeln sich in den unteren Luftschichten Stickoxide und Feinstaub. Unter der Einwirkung von Sonnenlicht bildet sich daraus im Sommer Ozon, das Augen und Atemwege reizt. «Insgesamt hat sich die Luftqualität in den letzten 30 Jahren zwar verbessert», bilanziert Marco Pons, Medizinischer Direktor des Regionalspitals Lugano. Doch aus den erwähnten geografischen und meteorologischen Gründen sei das Südtessin im Vergleich zur übrigen Schweiz vom Ozonproblem besonders betroffen, so Lungenspezialist Pons. Dazu komme, dass das Verkehrswachstum auf der Autobahn zwischen Gotthard und Chiasso einen Teil der Fortschritte bei der Luftreinhaltung wieder zunichtegemacht habe.

Im Blickpunkt der Forschung

Marco Pons ist auch Leiter des Tessiner Studienteils von Sapaldia. Das Kürzel steht für die englische Bezeichnung der Schweizer Studie «Luftverschmutzung und Atemwegserkrankungen bei Erwachsenen», die seit 1991 das Befinden von über 8000 Personen verfolgt. Neben Interviews zum Gesundheitszustand gehören Allergietests, Blutdruckmessungen und Elektrokardiogramme zum Diagnose-Instrumentarium. All diese Parameter werden in einen Zusammenhang mit der spezifischen Schadstoffbelastung in der Atemluft gestellt, die am Wohnort der untersuchten Person vorherrscht. Für das Südtessin zeigte Sapaldia, dass 70 % der Bevölkerung im unteren Kantonsteil mit einem Tagesdurchschnittswert von über 30 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft (µg/m3) leben müssen - gesamtschweizerisch sind nur 3 % der Bevölkerung einer derart starken Partikelbelastung ausgesetzt. Umgekehrt leben nur 8 % der Südtessiner mit einer Belastung unter dem Grenzwert von 20 µg/m3, während es landesweit immerhin 60 % sind. «Zwar handelt es sich bei allen Zahlen um PM10», so Studienleiter Pons. Aber PM10-Feinstaub ist ein sogenannter Leitschadstoff, denn proportional dazu steigt auch die Belastung mit Stickoxid, Ozon und PM2.5 (zum Unterschied von PM10 und PM2.5 siehe Kasten unten). Insbesondere der Schwebestaub PM2.5 beunruhigt Marco Pons: «Während die grösseren Partikel die Lungen vor allem reizen, dringt PM2.5 in die feinen Lungenbläschen, die sogenannten Alveolen, ein und kann in der Folge Krebs und Herzinfarkt begünstigen.»

Schon für Ungeborene ein Problem

Die Resultate von Sapaldia werden in Langzeit-Forschungsprojekte auf europäischer Ebene eingespeist. Dazu gehört etwa die «European Study of Cohorts for Air Pollution Effects» (ESCAPE), die 32 Kohortenstudien mit über 50 Studienorten zusammenfasst. Ein Resultat zeigt beispielsweise, dass die Feinstaubbelastung mit einem tieferen Geburtsgewicht bei Säuglingen korrelieren kann. «Dieses Resultat legt nahe, dass diese Schadstoffe schon in frühesten Lebensphasen eine Wirkung entfalten können», erklärt Nicole Probst-Hensch, Professorin für chronische Krankheiten am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) in Basel, wo die Leitung von Sapaldia angesiedelt ist. Kinder mit einem tiefen Geburtsgewicht seien unter anderem anfälliger für Infekte, was dazu führen könne, dass sie im Erwachsenenalter häufiger von der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit (COPD) betroffen sind. Auch bei erwachsenen Nichtrauchenden habe Feinstaub das Risiko von COPD erhöht.

Laut den Messergebnissen für PM10 sind verkehrsreiche Innenstädte und Agglomerationen deutlich stärker belastet als siedlungsferne Gebiete. Aus Sorge um die eigenen Kinder aufs Land zu ziehen, sei dennoch die falsche Strategie, betont Nicole Probst. Denn oft seien ländliche Gegenden zwar weniger von PM10 belastet, litten dafür aber unter höheren Sommersmogwerten. «Die Lösung ist nicht das Wegziehen aufs Land, sondern es braucht vermehrte Anstrengungen der Politik, um die Luftqualität zu verbessern», betont die Professorin.

Massnahmen auf Partikelgrösse abstimmen

Eine intakte Umwelt fördert die Gesundheit und das Wohlbefinden (grüne Kreise). Wenn die Umwelt belastet ist, schlägt dies auf den Menschen zurück, und das Risiko für Krankheiten steigt (rote Kreise).

Diesbezüglich hat die Schweiz eine Vorreiterrolle eingenommen, als sie im Jahr 2000 den Ausstoss von Dieselruss bei Baumaschinen zu reglementieren begann. «Dank des 2006 vom Bundesrat beschlossenen Aktionsplans Feinstaub konnten unter anderem Partikelfilter bei neuen dieselbetriebenen Verkehrsmitteln beschleunigt eingeführt werden. Dies hat die Russemissionen erheblich verringert. Grossen Handlungsbedarf gibt es aber noch bei der Holzverbrennung», so Denise Felber Dietrich von der Abteilung Luftreinhaltung und Chemikalien des BAFU.

PM2.5 wirkt sich auf die Gesundheit teilweise anders aus als PM10, weshalb das hierzulande geltende Limit für PM10 nicht genügt. Den unterschiedlichen Partikelarten lässt sich nur mit separaten Grenzwerten Rechnung tragen, wie sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen werden. Messungen zeigen, dass die Schweiz zwar die von der WHO vorgeschlagenen Zielwerte für PM10 einhalten kann, die Belastung durch PM2.5 aber über der WHO-Empfehlung liegt. Dasselbe gilt für Russ, dessen Konzentration selbst in ländlichen Regionen die WHO-Zielwerte übersteigt. Die Eidgenössische Kommission für Lufthygiene (EKL) schlug in ihrem Bericht von 2014 deshalb vor, für PM2.5 einen Jahresmittelgrenzwert von 10 µg/m3 einzuführen. «Auch die Belastung durch den krebserregenden Russ muss dringend abnehmen, die Belastung sollte in den nächsten 10 Jahren um 80 % gesenkt werden. Längerfristig ist eine Reduktion um den Faktor 10 bis 20 nötig», fordert Nicole Probst, die auch Mitglied der EKL ist. Eine konsequente Luftreinhaltepolitik allein genügt jedoch nicht, um das von der EKL vorgeschlagene Ziel zu erreichen. Es braucht weitere Anstrengungen im Vollzug, aber auch in der Energie- und Landwirtschaftspolitik, damit die Emissionen bei allen wesentlichen Quellen reduziert werden können.

Regelmässig kurz und kräftig lüften

Nicht nur im Freien, auch im Gebäudeinnern ist die Qualität der Luft entscheidend für Wohlbefinden und Gesundheit. 2- bis 3-mal täglich 5 bis 10 Minuten Stosslüften hilft, Staub und Gerüche ins Freie zu befördern. «Wer an einer stark befahrenen Strasse wohnt, sollte ausserhalb des morgendlichen und abendlichen Stossverkehrs für Luftaustausch sorgen, aber keineswegs ganz darauf verzichten», rät Roger Waeber von der Fachstelle Wohngifte beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Denn nur ein Teil des Feinstaubs gelangt beim Lüften in die Wohnräume.

Besonders wichtig ist es, Feinstaubquellen im Gebäudeinnern zu eliminieren. Dazu gehören etwa russende Kerzen, Räucherstäbchen und natürlich das Rauchen in geschlossenen Räumen. Konsequentes Lüften ist auch für Badezimmer und Küche nötig. Hingegen ist in der kalten Jahreszeit das stundenlange Ankippen der Fenster aus energetischen Gründen zu vermeiden. Gegen Staub und damit auch Feinstaub hilft, regelmässig zu saugen und glatte Flächen feucht abzuwischen, wobei man anschliessend die Fenster öffnen sollte, um sich des aufgewirbelten Feinstaubs zu entledigen. Moderne Wohnungen sind häufig mit einer mechanischen Lüftung ausgerüstet, was die Energieeffizienz stark verbessert. «Nach einem Besuch von Freunden, nach dem Abbrennen von Kerzen oder nach dem Staubsaugen ist dennoch ein kurzes manuelles Lüften sinnvoll», erklärt Roger Waeber. Selbst wer im Winter mehrmals täglich kurz, aber kräftig lüftet, begeht übrigens keine Energiesünde: «Dabei wird nur die verbrauchte Luft gegen frische ausgetauscht; die meiste Wärme ist im Gebäude und in den Möbeln gespeichert und geht im Nu wieder in die saubere Luft über.» Zumindest in den Wohnräumen kann also jede und jeder selbst viel zu einem gesunden Klima beitragen.

Was ist Feinstaub?

Feinstaub PM10 besteht aus Partikeln mit einem Durchmesser von weniger als 10 Tausendstelmillimetern, was etwa einem Zehntel des Durchmessers eines menschlichen Haars entspricht. Partikel des lungengängigen Feinstaubs PM2.5 haben einen Durchmesser von weniger als 2,5 Tausendstelmillimetern. Feinstaub entsteht einerseits bei der unvollständigen Verbrennung von Treib- und Brennstoffen oder auch in der Atmosphäre aus Gasen wie Stickoxide oder Ammoniak. Besonders schädlich sind die sehr kleinen, krebserzeugenden Russpartikel.

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Letzte Änderung 26.08.2015

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