Geregelter Umgang mit Chemikalien: Unsere heimlichen Begleiter

26.08.2015 - Chemie durchdringt unseren Alltag und macht ihn komfortabel. Etwa, indem sie potente Wirkstoffe zur Verfügung stellt oder den Ersatz schwerer und spröder Materialien durch leichten und formbaren Kunststoff ermöglicht. Doch gewisse Chemikalien gefährden die Umwelt und die menschliche Gesundheit. Daher hat der Gesetzgeber Regelwerke erlassen, die eine sichere Anwendung chemischer Substanzen gewährleisten.

Text: Susan Glättli

Sie ist in praktisch allen Schweizer Haushaltungen zu finden: die antiseptische Tinktur Merfen. Mit dem Präparat «Mercurochrome» hat sie die erste Silbe gemein, und diese weist hin auf «Mercurium», die lateinische Bezeichnung für Quecksilber (Hg). Der Markenname blieb, obschon man das flüssige Schwermetall bereits vor der Jahrtausendwende aus den Medizinalprodukten eliminiert und durch andere Substanzen ersetzt hatte. Im Jahr 2006 wurde die giftige Substanz gänzlich aus der Hausapotheke verbannt - dürfen doch seither auch keine quecksilberhaltigen Fieberthermometer mehr verkauft werden. Dies schreibt die Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung (ChemRRV) vor.

Mit dem Meeresfisch Metall auf den Teller

Als chemisches Element ist Quecksilber nicht abbaubar. Es reichert sich in der Umwelt an und gelangt in die Nahrungskette. So enthalten beispielsweise Meerestiere, die sich in belastetem Wasser aufhalten, viel Quecksilber. Kommen sie auf den Teller, nimmt der Mensch mit dem Fisch auch das Schwermetall zu sich. «Obwohl die Emissionen von Quecksilber in Europa seit 1990 stark zurückgingen, sind sie weltweit angestiegen. Die Exposition der Menschen gegenüber Methylquecksilber ist stark korreliert mit dem Konsum von Meeresfisch», betont denn auch Josef Tremp von der BAFU-Sektion Industriechemikalien. Doch nicht nur der Verzehr von kontaminiertem Dorsch und Thunfisch ist problematisch: Unsere Zähne selbst können zur Quelle einer erhöhten Exposition werden. Wenn sie mit Amalgam geflickt wurden, setzen solche Füllungen nämlich elementares Quecksilber frei.

Die toxische Wirkung von Quecksilber ist seit Langem bekannt. Verheerende Auswirkungen hatte es im japanischen Minamata: Dort entsorgte der Chemiekonzern Chisso bis 1968 seine Quecksilberabfälle in der Meeresbucht. Er bestritt jedoch, dass die gesundheitlichen Schäden, unter denen die Anwohnerinnen und Anwohner zunehmend litten, damit in Zusammenhang stünden. Mittlerweile wurden 1700 der zwischen 1956 und 2001 eingetretenen Todesfälle offiziell auf die Quecksilbervergiftung zurückgeführt, wobei die genaue Zahl der Todesopfer und der Erkrankten bis heute nicht bekannt ist; Schätzungen zufolge könnte die Umweltkatastrophe bis zu 80‘000 Menschen getroffen haben.

Erfolgreiche Schweizer Massnahmen

Weil an den desaströsen Wirkungen von Quecksilber kein Zweifel besteht, hat die Schweiz dessen Verwendung relativ früh eingeschränkt und mittlerweile grösstenteils verboten. Bereits 1971 mit der Verordnung über verbotene Giftstoffe und 1986 mit der Stoffverordnung wurde sichergestellt, dass Quecksilber zumindest nicht mehr über Publikumsprodukte in Verkehr gebracht wird. Allerdings wirkte sich Letztere nicht auf seine Verwendung in industriellen Prozessen aus. Dort wurde es erst ersetzt, als die Europäische Union (EU) strenge Regelungen einführte, welche auch die Schweiz übernahm. Die 1985 in Kraft getretene Luftreinhalte-Verordnung wiederum trug mit strengen Grenzwerten dazu bei, den Ausstoss des Schadstoffes aus Industrie- und Verbrennungsanlagen stark zu reduzieren. Von dieser Regulierung haben Gesundheit und Umwelt gleichermassen profitiert.

Das Problem ist damit aber nicht aus der Welt geschafft. Denn zu den Hauptemittenten von Quecksilber gehören die Kohlekraftwerke, die in der Energieversorgung grosser Schwellenländer eine zentrale Rolle spielen. Auch wird Quecksilber beim kleingewerblichen Abbau von Gold verwendet und gelangt dabei in die Umwelt. Weltweit wird also nach wie vor viel von dieser toxischen Substanz freigesetzt. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hält in einem 2013 erschienenen Bericht fest, dass im Jahr 2010 allein durch menschliche Aktivitäten schätzungsweise 1960 t gasförmiges Quecksilber ausgestossen und via Atmosphäre über den Erdkreis verteilt wurden.

Umso wichtiger ist es, den Umgang mit dem giftigen Stoff global zu regeln. Die Schweiz hat sich in den letzten Jahren dafür eingesetzt, dass auch in anderen Ländern kein Quecksilber mehr in die Umwelt ausgebracht wird. So engagierte sie sich für die Schliessung der letzten Quecksilbermine in Kirgisistan, und sie trug ausserdem dazu bei, dass ein internationales Quecksilber-Abkommen ausgehandelt wurde. Dieses trägt den Namen der Stadt, die am stärksten unter der toxischen Wirkung von Quecksilber zu leiden hatte: Die Verhandlungen zur Minamata-Konvention sind abgeschlossen, und das Vertragswerk befindet sich im Ratifizierungsprozess.

Harmloser Schein kann trügen

Giftige, krebserregende oder erbgutschädigende Stoffe - nebst Quecksilber gehören etwa Arsen und Asbest zu den bekanntesten - und auch für die Umwelt besonders problematische Stoffe wie persistente, bioakkumulative, toxische Stoffe (PBT-Stoffe) und persistente organische Schadstoffe (POP) sind in der Schweiz stark reguliert. Die ChemRRV regelt in 35 Anhängen zahlreiche dieser Substanzen, die entweder streng beschränkt oder gar verboten sind. Doch ob ein Gegenstand aus einem Material gefertigt ist, das eine problematische Chemikalie enthält, sieht man ihm selten an.

Unverdächtig wirkende Kunststoffprodukte wie Airbag, Badekappe und Zahnbürste enthalten Weichmacher, ohne die sie spröde und brüchig würden. DEHP ist einer davon. Das Kürzel steht für Diethylhexylphthalat, und die Chemikalie dient dazu, Kunststoff geschmeidig zu machen. Zu einer anderen Stoffkategorie gehört Bisphenol A (BPA), ein wichtiger Bestandteil sogenannter Epoxidharze. Sind diese erst einmal ausgehärtet, halten sie hohen Temperaturen stand und sind chemisch wie auch mechanisch sehr robust. Diese Eigenschaften machen sie für die Hersteller von Lacken und von elektrotechnischen Installationen wie auch für die Verpackungsindustrie interessant.

Doch was im täglichen Gebrauch praktisch ist, gefährdet unter Umständen langfristig Umwelt und Gesundheit, denn die Weichmacher können aus dem Kunststoff austreten. Ihre hormonaktive Wirkung ist mittlerweile unbestritten: «In Laborversuchen mit BPA und auch mit DEHP an Fischen zeigte sich, dass sich das Geschlechterverhältnis in der Population verschob und die Reproduktionsleistung abnahm», bestätigt Petra Kunz von der Sektion Biozide und Pflanzenschutzmittel beim BAFU. Bei DEHP spricht das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung von «hinreichenden Anhaltspunkten für die Annahme», dass der Stoff die menschlichen Fortpflanzungsorgane schädigen und dadurch die Reproduktionsfähigkeit reduzieren und die Entwicklung des Kindes im Mutterleib beeinträchtigen kann.


REACH: Hoher Standard bei der Chemikaliensicherheit

Seit 2007 regelt die REACH-Verordnung den Umgang mit Chemikalien in der EU. REACH steht für Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (Registration, Evaluation, Authorisation and Restrictions of Chemicals). Die Verordnung soll Menschen und Umwelt besser vor Risiken bei der Handhabung von Chemikalien schützen. Hersteller sind verpflichtet, gefährliche Eigenschaften chemischer Substanzen abzuklären und Informationen über deren sichere Verwendung in der Lieferkette an die beruflichen Anwender weiterzugeben. Stoffe mit besonders besorgniserregenden Eigenschaften werden einer Zulassungspflicht unterstellt und müssen in den nächsten Jahren substituiert werden, soweit dies technisch möglich und wirtschaftlich tragbar ist. Die Schweiz hat wesentliche Inhalte der Verordnung übernommen, vor allem diejenigen über besonders gefährliche Stoffe und über Anwendungsbeschränkungen für bestimmte risikobehaftete Chemikalien.

Die Exposition begrenzen ...

Weichmacher entweichen zwar nur teilweise aus dem Material, dem sie zugesetzt wurden, und werden in der Umwelt relativ rasch abgebaut. Doch weil der Austrag stetig erfolgt und insgesamt grosse Mengen des Stoffes freigesetzt werden, kommt es in den Worten der Wissenschaft zu einer «Pseudopersistenz». Und der Mensch nimmt die Chemikalien kontinuierlich auf, etwa durch den ständigen Kontakt mit Kunststoffen, die DEHP als Weichmacher enthalten. «Es ist gar nicht möglich, Menschen im Zustand der Nullexposition zu testen, weil von überall Chemikalien aufgenommen werden, auch über die Haut», erklärt Martine Bourqui-Pittet von der Sektion Risikobeurteilung im Bundesamt für Gesundheit (BAG). Der wichtigste Eintrittspfad in den menschlichen Körper führt allerdings über Lebensmittel: dann nämlich, wenn Produkte konsumiert werden, die aus Kunststoffbehältern oder aus Konservendosen mit DEHP- oder BPA-haltigen Beschichtungen stammen.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) richtet ein besonderes Augenmerk auf die Stoffe in Lebensmittelverpackungen. Sie kommt in ihrer BPA-Risikobewertung von 2015 zum Schluss, die Substanz stelle angesichts der derzeitigen Exposition für Verbraucher kein Gesundheitsrisiko dar. Auch bei DEHP liegt laut Erhebungen des Bundesinstituts für Risikobewertung die Menge, die Konsumentinnen und Konsumenten zu sich nehmen, weit unter einem gesundheitlich bedenklichen Wert.

DEHP wird von der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) auf einer Liste derjenigen Substanzen aufgeführt, über deren Vorkommen die Konsumenten auf Anfrage hingewiesen werden müssen. Auch in der Schweiz besteht diese Auskunftspflicht der Produkthersteller gegenüber den Konsumenten, wenn eine Substanz im Anhang 7 der Chemikalien-Verordnung als besonders besorgniserregender Stoff gelistet ist. Die grenzüberschreitende Regulierung von Chemikalien ist ausserdem ein wichtiger Schritt, um angesichts des internationalen Warenflusses die Verbreitung möglicherweise gefährlicher Substanzen zu kontrollieren und zu begrenzen.

... und ermitteln

Während Chemikalien in Lebensmitteln und Lebensmittelverpackungen kontrolliert werden, verfügt die Schweiz kaum über Daten zur menschlichen Exposition. Aufschluss bringen soll ein nationales Biomonitoring-Programm - also eine periodische Erhebung bestimmter Schadstoffkonzentrationen in Haaren, Blut, Urin und womöglich Speichel. Die Europäische Union startete 2005 ein Projekt für ein europaweites Biomonitoring unter dem Akronym COPHES («Consortium to Perform Human Biomonitoring on a European Scale»).

Die Schweiz hat sich im Zeitraum von 2010 bis 2012 unter der Federführung des BAG an der Machbarkeitsstudie «DEMOCOPHES» beteiligt, die sich auf 120 Mutter-Kind-Paare stützte. Um die Belastungsquellen zu eruieren, wurden in einem Interview auch Angaben zu Wohnsituation, Ernährung und sonstigen Lebensgewohnheiten erfasst, mit aufschlussreichen Ergebnissen. «Leicht erhöhte Quecksilberkonzentrationen in den Haaren konnten mit dem Konsum von Meeresfischen assoziiert werden», bestätigt Martine Bourqui-Pittet; die gemessenen Werte lagen freilich weit unter der Grenze für eine gesundheitliche Gefährdung. Dies gilt auch für die übrigen erhobenen Schadstoffe, zu denen DEHP gehört. Allerdings ist dieser Befund wegen des kleinen Stichprobenumfangs nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Doch die Pilotstudie zeigt: Das Biomonitoring würde den Behörden ermöglichen, die Wirkung von Massnahmen gegen schädliche Chemikalien am Menschen zu überprüfen - und gegebenenfalls weitere Vorkehrungen zu seinem Schutz zu treffen.

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Letzte Änderung 26.08.2015

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