Wie Natur die Gesundheit stärkt: Geerdet im Garten

26.08.2015 - Der Mensch neigt zur Bequemlichkeit und lässt sich rasch einmal dazu verleiten, seine Ziele motorisiert zu erreichen. Umso wichtiger ist es, dass eine attraktive Umgebung zum Spaziergang oder zur Velofahrt ins Grüne einlädt. Denn der Aufenthalt in der Natur stärkt die Gesundheit gleich mehrfach.

Text: Elsbeth Flüeler und Lucienne Rey

Den breitenwirksamen Auftakt setzte das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF): Im Juni 2015 brachte es mit der Aktionswoche «SRF bewegt» unser Land auf Trab. Mit Tipps von bekannten Sportgrössen, motivierenden «Power-Songs» und einem interaktiven Aktionskalender im Internet sollten auch Bewegungsmuffel zu körperlicher Aktivität animiert werden. Bereits im Mai des gleichen Jahres riefen die beiden Gemeinden Nyon und Gland (VD) ihre Bevölkerung auf, in einem freundschaftlichen Wettstreit möglichst viele «bewegte Minuten» zu absolvieren - laufend, auf dem Rad, schwimmend oder sonst wie physisch aktiv. Dieser Wettstreit der Gemeinden fand im Rahmen des bereits im Jahr 2005 vom Bundesamt für Sport initiierten Programms «schweiz.bewegt» statt.

Abschied von der Bewegungsarmut

Auch die Aktionswoche «SRF bewegt» gehört zu einer breit angelegten Kampagne. Sie ist Teil des Nationalen Programms Ernährung und Bewegung (NPEB), welches das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 2008 ins Leben rief und das der Bundesrat 2012 um vier weitere Jahre bis 2016 verlängert hat. Die vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) zusammengetragenen Werte sind nämlich alarmierend: Die landesweite Gesundheitsbefragung von 2012 weist gut 42 % übergewichtige Personen aus. Zu besonderer Besorgnis Anlass gibt, dass sich der Anteil adipöser, das heisst viel zu schwerer Menschen in den letzten 20 Jahren beinahe verdoppelt hat, vor allem in der Altersklasse der 15- bis 24-Jährigen.

Der Grund für diese Entwicklung liegt in unserer sesshaften Lebensweise. Drei Viertel der Schweizer Bevölkerung wohnen in Städten und Agglomerationen, wo ein dichtes öffentliches Verkehrsnetz den ausgedehnten Fussmarsch überflüssig macht, verstopfte Strassen die Lust aufs Velofahren dämpfen und der Lift im Bürohaus vom Treppensteigen dispensiert. Zudem arbeiten immer mehr Menschen sitzend am PC. Die Folgen dieses bewegungsarmen Lebens: Blutdruck und Cholesterinwerte steigen. Langfristig können chronische Krankheiten begünstigt werden, wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 oder bestimmte Krebsarten. Mit dem NPEB ruft das BAG die Bevölkerung dazu auf, gesund zu essen und sich ausreichend zu bewegen. Als Minimum pro Woche gelten 150 Minuten Bewegung mit moderater Intensität oder 75 Minuten intensives Training.

Planen für eine bewegte Gesellschaft

Das Programm zeigt Wirkung, wie die Resultate des Monitoring-Systems zum NPEB, des MOSEB, belegen. Inzwischen halten immerhin 72 % der Landesbevölkerung die Minimalempfehlung für Bewegung ein. Im Januar 2013 wurde zudem das NPEB durch die Gesamtstrategie «Gesundheit 2020» ergänzt. Auch andere Ämter sind gehalten, sich für eine bewegtere Gesellschaft ins Zeug zu legen, etwa das BAFU und das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE). Gemeinsam sollen sie Grundlagen erarbeiten, um das Arbeits- und Wohnumfeld so zu gestalten, dass es zur Bewegung anregt.

Vom rein mechanischen Standpunkt her könnte sich die Raumplanung allerdings darauf beschränken, den Bau ausreichender Fitnesscenter sicherzustellen, sodass sich auch Menschen im dicht überbauten Umfeld problemlos sportlich betätigen können. Doch damit wäre es nicht getan. Denn mittlerweile ist wissenschaftlich erwiesen: Das Joggen durch Feld und Flur unterscheidet sich in seiner Qualität vom Traben auf dem Laufband.

So deckte eine im Jahr 2008 an der Eidgenössischen technischen Hochschule (ETH) in Zürich durchgeführte Studie auf, dass Menschen, die sich im Freien bewegen, ihre Alltagssorgen besser vergessen und ihre geistige Ausgeglichenheit mehr steigern konnten als Personen, die sich in einer Indoorsportanlage verausgabten. Letztgenannte hingegen vermochten ihr Stressniveau deutlicher zu senken und ihr körperliches Wohlbefinden stärker anzuheben als die Vergleichsgruppe der Waldläufer. Ins Gewicht fällt zudem, dass Besucherinnen und Besucher von geschlossenen Fitnesscentern eher auch im Freien trainieren, während bei den Personen, die sich im Wald bewegen, der Anteil derer grösser ist, die sich nie in geschlossenen Räumen fit trimmen würden. Um möglichst viele Menschen zu einem bewegteren Lebensstil zu animieren, braucht es also zugängliche und attraktive Grünräume.

Fit, mental ausgeglichen und schneller gesund

Zahlreiche weitere Untersuchungen bestätigen, dass insbesondere der Aufenthalt im Wald Gemütsruhe und seelische Ausgeglichenheit fördert. Sie untermauern damit die Erfahrungen aus der Praxis: Der Wald decke tatsächlich ganz unterschiedliche Bedürfnisse ab und spreche damit auch viele Menschen an, unterstreicht Silvio Schmid, der bis vor Kurzem in der Sektion Waldleistungen und Waldpflege des BAFU tätig war: «Wer beruflich viel am PC brütet, schätzt es, beim Joggen das Gehirn auszulüften, während Personen, die eine emotional fordernde Arbeit ausüben, beim Spaziergang gerne jemandem ihr Herz ausschütten. Grillplätze wiederum stillen den Wunsch nach Geselligkeit, und dann gibt es noch Menschen, die im Wald den Kontakt zu ihren spirituellen Wurzeln suchen.»

Mit der Natur in Verbindung zu stehen, stärkt nicht nur das psychische Wohlbefinden, sondern auch die körperliche Gesundheit. Den ersten empirischen Beleg dafür lieferte eine Untersuchung, die 1984 in der US-amerikanischen Wissenschaftszeitschrift «Science» veröffentlicht wurde. Roger S. Ulrich, Architekturprofessor und Spezialist für Health Design an der Texas A&M University in Houston, zeigte an zwei Gruppen von Patienten, denen die Gallenblase entfernt worden war, Folgendes auf: Diejenigen, die von ihrem Bett aus auf Bäume sehen konnten, mussten weniger lang im Spital ausharren und benötigten deutlich weniger Medikamente als die Rekonvaleszenten in Räumen, deren Fenster zu einer Backsteinmauer hin orientiert war.

Seither haben unzählige Studien die positiven Effekte einer natürlichen Umgebung auf die Gesundheit nachgewiesen. Das jüngste wissenschaftliche Grossvorhaben, das sich mit dem vielschichtigen Thema befasst, lancierte die Europäische Union 2012 im Rahmen ihres 7. Forschungsrahmenprogramms. Unter dem Titel PHENOTYPE (für Positive Health Effects of the Natural Outdoor environment in Typical Populations in different regions in Europe) werden mit 16 breit angelegten Studien aus 4 europäischen Ländern die Beziehungen zwischen Gesundheit und natürlicher Umgebung ausgeleuchtet. Das Programm dauert bis Ende 2016; seitens der Schweiz beteiligt sich die Universität Genf daran.

«Therapeutische Landschaften»

Freilich ist grün nicht gleich grün. So weist eine naturbelassene Trockenwiese ganz andere Eigenschaften auf als ein aufgeräumter Golfplatz. Und seit 1992 der US-amerikanische Medizingeograf Wilbert Gesler das Schlagwort der «therapeutischen Landschaft» prägte, untersuchen unzählige Fachleute, welche Landschaftsmerkmale die Saiten unserer psychischen Klaviatur zum Klingen bringen. Quintessenz der Studien: Es handelt sich dabei durchwegs um malerische Landstriche, durchsetzt mit Alleen oder Einzelbäumen, Aussichtspunkten, plätschernden Bächen und mit einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt, die uns reichhaltige Naturerlebnisse ermöglichen. Bestenfalls lassen sie uns gar mit unserer geschichtlichen Tradition in Beziehung treten, etwa wenn historische Parklandschaften oder Klostergärten Bestandteil einer therapeutischen Landschaft sind.

Weiter als das blosse Verweilen im idyllischen Kurpark geht das gestaltende Zupacken im Pflanzbeet. 2012 erregte eine physiotherapeutische Studie aus der Schweiz international Aufmerksamkeit. Sie wies an Schmerzpatienten der RehaClinic Bad Zurzach (AG) nach, dass diese erheblich von Gartenarbeiten profitieren konnten: Zusätzlich zur üblichen Schmerztherapie hatten sie bei Rundgängen durch das Treibhaus und den Garten vieles über Pflanzen erfahren und wurden aufgefordert, selber Stecklinge zu teilen und zu setzen. Die Probanden fühlten sich unmittelbar nach dem Gärtnern deutlich besser sowie weniger deprimiert und verzagt als die Patientinnen und Patienten, die nur die konventionelle Schmerztherapie erhalten hatten. Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften erarbeitete in der Folge mit der RehaClinic Bad Zurzach ein Konzept für die Hortikultur-Therapie, das auch in anderen Gesundheitseinrichtungen auf Interesse stösst.

Schutz durch Schmutz

Vor allem für Kinder ist es gesund, wenn sie sich regelmässig mit feuchter Erde schmutzig machen oder auf dem Bauernhof spielen dürfen. Denn eine sterile Umgebung begünstigt die Entstehung von Allergien. Das besagt die Hygienehypothese, die der Londoner Epidemiologe David P. Strachan 1989 aufgrund einer Untersuchung an 17‘000 31-jährigen Probanden aufstellte. Sie wurde seither mehrfach bestätigt und 2012 auch im Laborversuch erhärtet. Dieser zeigte, dass Darmbakterien, die Mäuse in ihren ersten Lebenswochen aus der Umwelt aufnehmen, in Wechselwirkung mit den Immunzellen treten und damit das körpereigene Abwehrsystem anregen. Im Unterschied dazu entwickelten die Nager, die keimfrei aufgezogen worden waren, deutlich häufiger Allergien.

In den letzten Jahren wurden gar die Würmer im Darm rehabilitiert. Es gibt solide wissenschaftliche Belege dafür, dass der Mensch sich im Lauf seiner Evolution an die Parasiten gewöhnt hat und sein körpereigenes Abwehrsystem darauf programmiert ist, gegen diese vorzugehen. Fehlt dieser natürliche Sparringpartner, wendet sich das Immunsystem gegen den Körper, den es schützen soll, was insbesondere Asthma begünstigt.

Modelle für eine grüne und artenreiche Umgebung

Der unter Federführung des ARE und der Mitwirkung von BAG und BAFU erarbeitete Leitfaden «Freiraumentwicklung in Agglomerationen» bezweckt, verdichtete Siedlungen mit lebendigen Grünflächen und Naherholungsgebieten zu verschränken. Damit stimmt er mit den Ergebnissen aus unterschiedlichsten Forschungszweigen überein - und mit dem subjektiven Empfinden vieler Menschen.

Auch das «Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung» des Bundes, das Freiräume über die Gemeindegrenzen hinweg vernetzen und Achsen zur Förderung vielfältiger Lebensräume schaffen will, kommt der Biodiversität wie auch einem gesünderen Lebensstil der Menschen zugute. Es trägt nicht zuletzt dem Umstand Rechnung, dass es um weit mehr geht als um die blosse Quantität der Grünflächen: Auch ihre Qualität fällt ins Gewicht, wenn die Natur ihre gesundheitsfördernde Wirkung entfalten soll.

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Letzte Änderung 26.08.2015

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