Umweltkriminalität: Das Milliardengeschäft mit bedrohten Arten

20.05.2015 - Auch das gehört zu den Kehrseiten der Globalisierung: Der weltweite Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten und aus ihnen gewonnenen Produkten nimmt zu. Er ist eine wachsende Gefahr für die Biodiversität, behindert die Entwicklung der Herkunftsländer und hilft, Terrorgruppen und Bürgerkriegsmilizen zu finanzieren.

CITES
© Montage: Ruth Schürmann; Bildquellen: Tengwood, WWF

Text: Hansjakob Baumgartner

Im Wirtschaftssektor der krummen Geschäfte gehört er zu den führenden Branchen: Der Schmuggel von wilden Tieren und Pflanzen sowie der Güter, die aus ihnen gewonnen werden, macht laut Schätzungen des UNO-Umweltprogramms (UNEP) einen Jahresumsatz von mindestens 7, möglicherweise gar 23 Mrd. Dollar.

Die Liste der betroffenen Arten ist umfangreich. Sie umfasst Affen, Elefanten, Nashörner, Tiger, Antilopen, Vögel, Reptilien, Orchideen und Kakteen, aber auch vermehrt Fische und Schalentiere. Manche von ihnen sind vom Aussterben bedroht.

Schwunghafter Elfenbeinhandel

Das kriminelle Geschäft macht Erfolge im Artenschutz zunichte, die in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurden. Zum Beispiel beim Schutz der Elefanten. Wegen des Elfenbeins wurden die Dickhäuter im letzten Jahrhundert rigoros bejagt. Deren Populationen brachen förmlich ein. Die Situation besserte sich, als die Elefanten dem Schutz des 1973 beschlossenen Übereinkommens über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES, siehe Kasten) unterstellt wurden. Der Handel mit Elfenbein wurde damit faktisch verboten. Einzelne Populationen begannen, sich zu erholen.Doch jetzt hat der Trend gekehrt. Eine wachsende Schicht kaufkräftiger Asiatinnen und Asiaten lässt die Nachfrage nach Elfenbein ansteigen. 2013 wurde weltweit mehr illegal gehandeltes Elfenbein beschlagnahmt als je zuvor. Der gesamte Bestand afrikanischer Elefanten war in den letzten Jahren wieder rückläufig.

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bei den Nashörnern. Das Pulver ihrer Hörner gilt in Asien als Wundermittel gegen unzählige Gebrechen. Auch hier hat sich nach ersten zögerlichen Erfolgen der Schutzbemühungen die Situation in den letzten Jahren wieder deutlich verschlechtert. Zwischen 2007 und 2013 stieg die Zahl der in Simbabwe und Südafrika gewilderten Nashörner von jährlich weniger als 50 auf über 1000.

Geldquelle des Terrors

Der kriminelle Handel mit wild lebenden Arten sei nicht nur für die Biodiversität ein Problem, stellte die UNEP in einem 2014 erschienenen Bericht fest. Er behindere auch die Entwicklung in Ländern Asiens und Afrikas, schwäche die dortigen staatlichen Institutionen und untergrabe zuweilen auch die Sicherheit der Bevölkerung - zumal Terrorgruppen und Bürgerkriegsmilizen im Geschäft mitmischen, um ihre Waffenkäufe zu finanzieren.

Das Thema stand denn auch auf der Traktandenliste der ersten UNO-Umweltversammlung in Nairobi im Juni 2014. In der Schlussresolution wurden alle Staaten dazu aufgerufen, ihre Bemühungen im Kampf gegen den illegalen Handel mit frei lebenden Arten zu intensivieren. Gefordert werden eine Null-Toleranz-Politik sowie die Entwicklung alternativer Einkommensmöglichkeiten für die ländliche Bevölkerung betroffener Gebiete.

In der Schweiz haben die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV), die Bundesämter für Polizei (FEDPOL) sowie für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zusammen mit dem BAFU eine Arbeitsgruppe gebildet. Diese koordiniert die Aktivitäten zur Bekämpfung der Umweltkriminalität auf nationaler und internationaler Ebene.

Buschfleisch für europäische Küchen

Unser Land ist weder für Elfenbein noch für Nashornpulver ein relevanter Absatzmarkt. Betroffen ist die Schweiz hingegen vom Handel mit sogenanntem Buschfleisch - dem Fleisch von Tieren, die in den Wäldern oder Savannen Afrikas leben: Antilopen, Affen, Stachelschweine, Büffel, aber auch Vögel und Reptilien.

In Afrika hat der Verzehr von Buschfleisch Tradition. Auf den lokalen Märkten findet man ein reiches Angebot. In einigen Ländern scheint der Konsum in den letzten Jahren gewachsen zu sein. «Es gibt Indizien dafür, dass dies mit dem Rückgang der Fischbestände in den küstennahen Bereichen der Meere zusammenhängt», sagt Christoph Wenger von der Abteilung Recht im BAFU. Die Menschen müssen ihren Proteinbedarf auf andere Weise decken.

Immigranten aus Afrika bringen die kulinarische Gewohnheit aus ihrer Heimat nach Europa. Das Buschfleisch wird im Fluggepäck über die Grenze geschmuggelt. Die Schweizer Tierschutzorganisation Tengwood, die sich für die Erhaltung der Primaten einsetzt, liess in Zusammenarbeit mit dem Zoll und dem BLV Gewebeproben von Fleisch analysieren, das zwischen September 2011 und November 2013 an den Flughäfen Kloten und Genf beschlagnahmt worden war. Die Laboranalysen ergaben, dass rund ein Drittel davon von geschützten Arten stammte, am häufigsten von Schuppentieren. Oft gefunden wurde zudem Fleisch des Duckers, einer kleinen waldbewohnenden Antilope, von Affen namentlich Meerkatzen, sowie von Landschildkröten. Tengwood schätzt, dass jährlich mindestens 40 t Buschfleisch über die hiesige Grenze geschmuggelt werden.

Darin steckt auch ein gesundheitliches Problem. Verschiedene Krankheiten werden durch das Fleisch wild lebender Arten übertragen. Um die Einfuhr und damit auch die Einschleppung von gefährlichen Keimen zu verhindern, sind am Zoll der internationalen Flughäfen der Schweiz neuerdings auch spezifisch trainierte Spürhunde im Einsatz.

Königswolle von Antilopen

Shahtoosh, die Königswolle, gehört zu den edelsten Textilfasern. Deren Lieferantin, die Tibetantilope, ist stark gefährdet. 2 bis 5 Tiere müssen für die Herstellung eines einzigen Schals ihr Leben lassen. Die Wilderei führte in den 1990er-Jahren zu einem Rückgang der chinesischen Population dieser Art um 80 bis 90 %. Seit die Behörden Chinas strikte Schutzmassnahmen ergriffen haben, erholen sich die Bestände langsam wieder. Sie bleiben aber verletzlich.

Darum ist es wichtig, dass auch der weltweite Absatz der Königswolle unterbunden wird. Hier gehört die Schweiz durchaus zu den Absatzmärkten. Käuferinnen und Käufer, die mehrere Tausend CHF für einen Schal locker machen können, fänden sich vorab in den teuersten Tourismusorten, sagt Mathias Lörtscher vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), das hierzulande für die Umsetzung des CITES-Übereinkommens zuständig ist. Die Schals würden in Indien und Pakistan produziert und - teils von bezahlten Kurieren - im Fluggepäck in die Schweiz geschmuggelt. 2005 flog ein Boutique-Besitzer eines bekannten Kurorts auf. Unter dem Ladentisch wurden Shahtoosh-Schals gefunden. «Eine Kontrolle der Buchhaltung ergab, dass der Besitzer damit um die 3 Mio. CHF umgesetzt hatte», erinnert sich Mathias Lörtscher. Die Ware wurde konfisziert, der Täter musste 800‘000 CHF Busse zahlen.

Dennoch fand er Nachahmer. Im Februar 2015 wurden im Kanton Graubünden im Bergell, im Unterengadin und am Flughafen von Samedan erneut 22 Shatoosh-Schals beschlagnahmt.

CITES in der internationalen Umweltpolitik

Obschon die Umsetzung von CITES in die Zuständigkeit des BLV fällt, befasst sich auch die Abteilung Internationales im BAFU immer wieder mit diesem Übereinkommen. «Wir setzen uns dafür ein, dass dessen Ziele in alle relevanten Bereiche der internationalen Umweltpolitik einfliessen und umgekehrt», sagt Andreas Obrecht von der Sektion Rio-Konventionen. Ein konkretes Ziel sei, dass der Globale Umweltfonds (GEF), der Projekte der nachhaltigen Entwicklung und der Umsetzung internationaler Umweltabkommen in Entwicklungsländern unterstützt, im Kontext seiner Tätigkeit zum Schutz der globalen Biodiversität mehr Geld für CITES-Anliegen zur Verfügung stelle.

CITES

Das Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES) - nach dem Ort seiner Erstunterzeichnung auch Washingtoner Artenschutzabkommen genannt - listet in 3 Anhängen rund 5000 Tier- und 29‘000 Pflanzenarten auf. Diese sind in 3 Schutzstufen eingeteilt. Je nach Zuordnung sind Aus- und Einfuhr von Exemplaren dieser Arten - oder Teilen davon - verboten oder nur mit ausdrücklicher Bewilligung erlaubt. Eine solche gibt es bloss, wenn feststeht, dass das Überleben der Art in der Wildnis dadurch nicht beeinträchtigt wird und das Ursprungsland die Ausfuhr erlaubt hat.

Die Umsetzung des Übereinkommens in der Schweiz regelt das 2013 in Kraft getretene Bundesgesetz über den Verkehr mit Tieren und Pflanzen geschützter Arten (BGCITES). Es definiert die Massnahmen zum Vollzug der Bestimmungen, legt die Strafnormen bei Verstössen fest und regelt die Kontrolle des Verkehrs mit geschützten Tier- und Pflanzenarten sowie die Bewilligungspflicht für deren Ein- und Ausfuhr.

Die Schweiz gehört zu den Erstunterzeichnern des CITES-Übereinkommens. Dessen Sekretariat befindet sich in Genf. Daneben hat die Schweiz aber auch aus einem anderen Grund ein grosses Interesse daran, dass die Konvention effizient umgesetzt wird und gut funktioniert: Kein anderes Land stellt so viele CITES-Bescheinigungen für die Uhren- und Luxusindustrie aus. Dabei geht es vorwiegend um Reptilienleder, aus dem Armbänder, Gürtel, Taschen oder Schuhe gefertigt werden.

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Letzte Änderung 20.05.2015

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