Umweltwissenschaften: Die Forschung als Hebamme der Umweltpolitik

11.02.2015 - Wissenschaftliche Fachgremien mit internationaler Ausrichtung leisten wichtige Geburtshilfe bei der globalen Umweltpolitik. Die von ihnen zusammengetragenen Forschungsergebnisse bilden eine zentrale Voraussetzung für die breite Abstützung von umweltpolitischen Vorgaben. Die Schweiz profiliert sich dabei als eines der führenden Länder.

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Text: Viera Malach

«Die Naturwissenschaften sind für die Umweltpolitik unverzichtbar - ebenso wie Medizin, Ökonomie und weitere Fachdisziplinen», erklärt José Romero, BAFU-Verantwortlicher für den Bereich Umwelt-Wissenschaft International. «Bei komplexen Problemen wissen wir oft nicht genau, welche Faktoren zu welchen Auswirkungen führen. Angesichts dieser Unsicherheit benötigt die Politik für ihre Entscheide wissenschaftliche Grundlagen und solide Umweltdaten.» Insbesondere der Klimaschutz und die Reduktion von Schadstoffen stehen laut José Romero weit oben auf der politischen Agenda.

Deshalb beteiligt sich die Schweiz in mehreren internationalen Umweltgremien oder entsendet Fachleute, zum Beispiel in den Weltklimarat Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das wohl bekannteste Wissenschaftsforum. Seine systematischen Erhebungen bilden die Basis für globale Verhandlungen zur Reduktion von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2). Die aufwendige jahrelange Arbeit der Forschenden führte zur Definition von konkreten Zielen im Kyoto-Protokoll der Klimakonvention und bahnte auch in der Schweiz dem CO2-Gesetz den Weg.

Weiterer Handlungsbedarf bei Feinstaub

Ohne Beobachtung, Inventare und Austausch von Daten wäre Klimaforschung nicht möglich. Intensiv erfasst werden die Artenvielfalt, Wassersysteme, die Entwicklung von Wäldern und Böden und besonders die Luftverschmutzung, weil sie die Gesundheit von Mensch und Umwelt unmittelbar betrifft. In der Schweiz betreibt das BAFU gemeinsam mit der Forschungsinstitution Empa das Nationale Beobachtungsnetz für Luftfremdstoffe (NABEL). Es misst die aktuelle Schadstoffbelastung und verfolgt die langfristige Entwicklung der Luftqualität im Inland. Die NABEL-Messdaten werden unter 30 europäischen Ländern ausgetauscht. 3 von 8 Protokollen des Übereinkommens über weiträumige grenzüberschreitende Luftverunreinigung (CLRTP) der UNO-Wirtschaftskommission für Europa (UNECE) haben das gemeinsame Monitoring sowie die Evaluation der Luftschadstoffe verstärkt. Gemessen würden auch Nicht-CO2-Treibhausgase, präzisiert Richard Ballaman, Chef der BAFU-Sektion Luftqualität.

Messungen sind das eine, die Frage nach den gesundheitlich noch zulässigen Konzentrationen das andere. Für etliche Luftschadstoffe bestehen in langwierigen Verfahren erzielte Grenzwerte, doch müssen auch diese immer wieder neu überprüft und verhandelt werden. So hat zum Beispiel eine gesamteuropäische Studie aufgrund der Gesundheitsdaten von über 360‘000 Personen aus 13 Staaten Ende 2013 gezeigt, dass es selbst bei den heute geltenden Grenzwerten für Feinstaub gesundheitliche Auswirkungen geben kann. Besonders Menschen, die in grossen europäischen Städten entlang von dicht befahrenen Strassen leben, sind nachweislich einem höheren Risiko eines vorzeitigen Todes ausgesetzt.

«Mit einer Reduktion der Feinstaubgrenzwerte auf das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgeschlagene Niveau könnten die Gesundheitsrisiken auch in der Schweiz gesenkt werden», folgert Nino Künzli, Vizedirektor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts in Basel und Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene (EKL). «Das BAFU sammelt nun weitere Informationen und nimmt eine Analyse der Situation vor», sagt Richard Ballaman. «Über die Grenzwerte wird letztlich der Bundesrat entscheiden.»

Den Nanopartikeln auf der Spur

In die Umwelt können aber auch neu entwickelte Stoffe gelangen. So werden etwa immer mehr Produkte mit synthetischen Nanomaterialien funktionalisiert, so dass es bei deren Herstellung, Verarbeitung, Gebrauch und Entsorgung zu möglichen Freisetzungen kommen kann. Zu den potenziellen Risiken solcher Kleinstpartikel für Gesundheit und Ökosysteme bestehen noch keine ausreichenden Erkenntnisse. Deshalb hat der Bundesrat 2008 den Aktionsplan «Synthetische Nanomaterialien» beschlossen, der bis 2019 weitergeführt wird.

Ziel dieses Aktionsplans ist es, Grundlagen für eine sichere Nutzung der neuen Materialien zu erarbeiten. Dazu sieht er Massnahmen in den Bereichen Forschung, Regulierung und Förderung des öffentlichen Dialogs vor. Bis dereinst nanospezifische Testmethoden und allfällige Regulierungen vorliegen, arbeiten Industrie und Behörden mit einem Vorsorgeraster zur Abschätzung möglicher Gesundheits- und Umweltrisiken. Weitere Hilfsmittel sind ein Konzept zur Entsorgung von industriellen, nanomaterialhaltigen Abfällen sowie ein Leitfaden für Sicherheitsdatenblätter in Industrie und Gewerbe.

Nanopartikel können über die Atemluft in die Lunge gelangen, durch verletzte Haut eindringen, Zellbarrieren durchdringen und sich womöglich im Körper anreichern. «Aus Laboruntersuchungen gibt es Hinweise darauf, dass Kohlenstoff-Nanoröhrchen und -Nanofasern beim Einatmen bereits in kleinen Mengen Lungenschädigungen verursachen könnten», gibt Ernst Furrer von der BAFU-Sektion Industriechemikalien zu bedenken.

Zusammen mit anderen Ländern beteiligt sich die Schweiz in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und in Forschungsprojekten der EU an der Entwicklung von spezifischen Testmethoden für Nanomaterialien sowie von Grundlagen für deren Risikobeurteilung. Überprüft wird insbesondere, ob sich die bestehenden Testrichtlinien für Chemikalien auch auf Nanomaterialien anwenden lassen. Da der sichere Umgang mit Chemikalien vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern Probleme bereitet, findet es die BAFU-Abteilung Internationales wichtig, den Informationsaustausch über die Industriestaaten der OECD hinaus zu erweitern.

Freiwillige Chemikalien-Strategie

Dies ist auch gelungen, hat doch die Schweiz im Rahmen der Globalen Chemikalien-Strategie (SAICM) eine Debatte über Nanomaterialien und -technologien angestossen. 2012 wurde der Vorschlag als ein prioritäres Politikthema in den SAICM-Aktionsplan aufgenommen. Ebenfalls zu den vorrangigen Themen gehören hormonaktive Substanzen in der Umwelt und gefährliche Stoffe im Lebenszyklus von Elektroprodukten, deren Risiken durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse besser geklärt werden sollen.

«Die Rahmenvereinbarung SAICM ist eine ideale Plattform für alle Beteiligten im internationalen Chemikalien-Management - von der WHO über die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bis hin zu regierungsunabhängigen Organisationen», sagt Gabi Eigenmann, Fachverantwortliche für Abfall und Chemikalien in der BAFU-Sektion Globales. Im Rahmen der SAICM wird über internationale Aktivitäten und Prozesse im Chemikalien- und Abfallbereich entschieden, und zwar «auf freiwilliger Basis, aber politisch verpflichtend», wie die BAFU-Expertin betont. Damit gelinge es besser, eine breite Zustimmung für Massnahmen zur Einschränkung von global problematischen Stoffen zu finden. Die Globale Chemikalien-Strategie wurde 2006 an der ersten Internationalen Chemikalienkonferenz (ICCM) von der Staatengemeinschaft und Vertretern aller Interessengruppen der internationalen Chemikalienpolitik verabschiedet. Ihr Ziel ist es, bis zum Jahr 2020 die negativen Wirkungen von Chemikalien auf die Gesundheit und die Umwelt zu reduzieren oder ganz zu verhindern. Zentrale Treffen zur SAICM finden regelmässig in Genf statt.

3 Konventionen unter einem Dach

In der UNO-Stadt haben auch die Sekretariate von 3 internationalen Abkommen im Chemikalien- und Abfallbereich ihren Sitz. Im Frühling 2013 wurden hier deren Vertragsparteienkonferenzen erstmals zusammen abgehalten. Dazu gehören das Stockholmer Abkommen zum Verbot nicht abbaubarer organischer Schadstoffe, die Rotterdamer Konvention über den Handel mit gefährlichen Chemikalien sowie das Basler Übereinkommen zur Kontrolle der Ein- und Ausfuhr gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung.

Dabei haben die Vertragsparteien erneut mehrere Substanzen als gefährlich klassiert und in die jeweiligen Anhänge ihrer Abkommen aufgenommen. Entsprechende Vorschläge hatten die wissenschaftlichen Foren der Stockholm- und der Rotterdam-Konvention aufgrund von Studien und Analysen geliefert. So gelangte etwa das durch Textilbeschichtungen freigesetzte Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCDD) in den Anhang der Stockholmer Konvention. Damit ist die ursprüngliche Liste mit dem «Dreckigen Dutzend» seit 2004 inzwischen auf 22 nicht abbaubare organische Schadstoffe (POP) angewachsen. Im Fall des Rotterdam-Abkommens, dessen Umsetzung in der Schweiz 2005 mit der PIC-Verordnung erfolgte, hatte das wissenschaftliche Komitee weitere 6 Chemikalien zur Aufnahme empfohlen. Davon fanden schliesslich deren 4 Eingang in die Liste, während die Aufnahme des gefährlichen weissen Asbests nicht zustande kam.

Umgang mit Schwermetallen

Die Schweiz will die Synergien zwischen den Chemikalien-Konventionen stärken. Sie hat unter anderem ein umfassendes internationales Abkommen zu Schwermetallen ins Gespräch gebracht, das jedoch nicht von allen Staaten unterstützt wird. Hingegen konnte die Schweizer Delegation gemeinsam mit Norwegen das hochgiftige Quecksilber auf die globale Agenda setzen. Untermauert durch Studien des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) formulierte die Staatengemeinschaft in kurzer Zeit die Minamata-Konvention, die den Umgang mit Quecksilber über den ganzen Lebenszyklus regelt. Sie wurde im Januar 2013 in Genf verabschiedet und im darauf folgenden Oktober in Japan von Bundesrätin Doris Leuthard und Amtskollegen aus 90 Staaten unterzeichnet.

«Den Ausschlag für das rasche Gelingen der Quecksilber-Konvention gaben unter anderem umfangreiche wissenschaftliche Arbeiten über die Emissionen von Quecksilber und ihre Folgen für die menschliche Gesundheit und die Umwelt», erklärt Gabi Eigenmann. Allerdings gelte es zu vermeiden, dass nun für jedes problematische Schwermetall ein neues Abkommen erarbeitet werde.

Bereits 1998 erreichte die Schweiz im Rahmen der UNECE die Verabschiedung eines Protokolls zu den Schwermetallen Quecksilber, Cadmium und Blei. Es ist nach wie vor ihr Ziel, schädliche Emissionen dieser Schwermetalle weltweit zu reduzieren und die Verbrauchseinschränkungen deshalb auf die aussereuropäische Ebene auszudehnen.

Zugute kommt diesen Bemühungen die Entwicklung des Standorts Genf als umweltpolitisches Kompetenzzentrum für gefährliche Chemikalien und Abfälle. Die UNO-Stadt beherbergt zahlreiche wichtige Akteure für einen breiten Stakeholder-Dialog im Chemikalien- und Abfallbereich - wie die WHO-Zentrale, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), das Ausbildungs- und Forschungsinstitut der Vereinten Nationen UNITAR oder die spezialisierte Zweigstelle UNEP Chemicals.

Gestärkte Erdbeobachtung

Das internationale Genf erhält künftig auch im Bereich der weltweiten Umweltbeobachtung mehr Gewicht. Am Sitz der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) ist das Sekretariat der Gruppe für Erdbeobachtung (GEO) angesiedelt. Mit seinem Global Earth Observation System of Systems (GEOSS) baut es ein umfassendes Beobachtungssystem auf. Ebenfalls in Genf stationiert ist zudem ein wichtiger Ableger eines weltweiten Netzes von Zentren der UNO-Umweltdatenbank. Die Global Resource Information Database (GRID) unterstützt Entscheidungsträger dabei, globale und regionale Umweltprobleme frühzeitig zu erkennen.

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Letzte Änderung 27.03.2015

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