Lokale Klimainitiativen: Klimaschutz beginnt im Kleinen

22.08.2012 - Die internationalen Verhandlungen zum Schutz des Weltklimas kommen seit Jahrzehnten nur schleppend voran. Viele Stadtbehörden und umweltbewusste Unternehmen wollen nicht auf die Ergebnisse warten. Sie denken schon heute global und handeln lokal. Dabei können sie auf eine breite Unterstützung durch die Bevölkerung und ihre Kundschaft zählen.

Das hauptsächlich verwendete Baumaterial aus Schweizer Wäldern ist der Hauptgrund für die gute Energie- und Klimabilanz des Miethauses.
© BAFU /AURA, E. Ammon

Ende 2012 läuft die erste Verpflichtungsperiode der Staatengemeinschaft zur weltweiten Reduktion der Treibhausgase aus. Die internationalen Verhandlungen für das im Rahmen der Klimakonven­tion beschlossene Kyoto-Protokoll dauerten damals 6 Jahre. Zwischen dem Durchbruch an der Klimakonferenz in Japan und der formellen Inkraftsetzung des Protokolls im Jahr 2005 verstrichen dann nochmals gut 7 Jahre. Trotz intensiver Bemühungen konnten sich die Staaten bis heute nicht auf einen verbindlichen Zeitplan und auf konkrete Reduktionsziele für eine weitere Verpflichtungsperiode ­einigen. Die kommenden Klimakonferenzen sollen diesbezüglich mehr Klarheit bringen und neu auch bisher abseits stehende Gros­s­emittenten wie die USA, China oder Indien einbeziehen. Doch gerade beim ­Klimaschutz ist der Faktor Zeit entscheidend. Um eine gefährliche Störung des Klimasystems zu verhindern, soll die globale Erwärmung auf höchstens 2 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzt werden. Der Weltklimarat IPCC rechnet vor, dass dazu eine Halbierung der weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2050 notwendig ist.

Ein Bekenntnis zur klimaschonenden 2000-Watt- Gesellschaft an der Fassade eines neuen Wohngebäudes im Zürcher Kreis 4.
© BAFU /AURA, E. Ammon

Erfolgreiche Kampagne in Grossbritannien.Inzwischen sind sich weite Teile der Bevölkerung der Tragweite dieses Problems bewusst und entsprechend bereit, freiwillig etwas für den Klimaschutz zu tun. Dies belegt etwa die ursprünglich in Grossbritannien lancierte Kampagne «10:10». Die Unterzeichnenden verpflichten sich, ihren CO2-Ausstoss jährlich um 10 Prozent zu reduzieren. Nur 3 Tage nach Lancierung des Projekts im Jahr 2009 hatten sich bereits 10’000 Privatpersonen, Schulen, Firmen und Organisationen angemeldet. Bis Ende April 2012 ist ihre Zahl auf rund 120’000 Anhänger in mehreren Ländern angewachsen. Die Kampagne basiert auf der einfachen Idee, dass kontinuierliche Optimierungen einfacher zu realisieren sind als ehrgeizige Reduktionsziele in ferner Zukunft. So wirken 10 Prozent pro Jahr für viele greifbarer als etwa 50 Prozent bis 2050, wobei das schrittweise Vorgehen erst noch viel rascher zum Ziel führt.Klimabündnisse in der Schweiz.In der Schweiz stützt sich die Klimapolitik vor allem auf das CO2-Gesetz. Für die Zeit nach Inkrafttreten der Revision ab 2013 hat das Parlament den Bundesbehörden eine aktivere Rolle beim lokalen Klimaschutz übertragen. Demnach sollen sie Gemeinden, Unternehmen sowie Konsumentinnen und Konsumenten über wirksame Massnahmen informieren und beraten. «Ich bin überzeugt, dass hier noch ein grosses Potenzial brachliegt», sagt Andrea Burkhardt, die Leiterin der Abteilung Klima beim BAFU.Schon heute werden auch hierzulande zahlreiche effektive Massnahmen freiwillig umgesetzt. So haben sich 21 grössere Gemeinden im «KlimaBündnis-Städte Schweiz» zusammengeschlossen. Sie verfolgen gemeinsam lokale Klimaschutzprojekte, setzen auf eine nachhaltige kommunale Energie- und Verkehrspolitik, fördern klimafreundliche Bauten sowie ein umweltverträgliches Beschaffungswesen und sensibilisieren ihre Bevölkerung. Zudem tragen mittlerweile fast 300 Schweizer Gemeinden das Label «Energiestadt». Dieser Leistungsausweis bescheinigt ihnen unter anderem, dass sie eine nachhaltige kommunale Energiepolitik betreiben, erneuerbare Energien fördern, auf eine umweltverträgliche Mobilität setzen und die Ressourcen effizient nutzen. Gemäss der Vision der 2000-Watt-Gesellschaft sind sie bereit, ihren Energieverbrauch kontinuierlich auf 2000 Watt oder 1 Tonne CO2 pro Person und Jahr zu senken.

Ein Leuchtturmprojekt für die internationale Umweltstadt Genf: Mitten im Zentrum und direkt an der Rhone soll auf einem ehemaligen Industriegelände bis 2014 das erste Ökoquartier «Carré Vert» mit 300 energieeffizienten Wohnungen entstehen.
© «Carré Vert»; Dreier Frenzel, Lausanne

Leuchtturmprojekte in Genf und Zürich.Als Vorbild gilt beispielsweise der Kanton Genf. Seit er das 2000-Watt-Ziel vor einigen Jahren in sein Energiekonzept aufgenommen hat, treibt er die konkrete Umsetzung mit Leuchtturmprojekten voran. So entsteht etwa auf der Industriebrache eines ehemaligen Gaswerks am Quai du Rhône, mitten in der Innenstadt bis 2014 das erste Ökoquartier «Carré Vert» mit 300 Wohnungen. Vorgängig müssen allerdings noch der mit Schwermetallen, Kohlenwasserstoffen und Zyanid belastete Boden sowie das Grundwasser saniert werden. An der Fassade eines sechsstöckigen Holzhauses an der Badenerstrasse mitten im dicht besiedelten Zürcher Kreis 4 prangt das Klimaversprechen direkt an der Fassade: «Die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Gebäudes verpflichten sich, ihren gesamten, stetigen Energieverbrauch auf maximal 2000 Watt pro Person zu reduzieren. Bei Vertragsbruch hat der Rest der Welt Anspruch auf sozialen Ausgleich oder Schadenersatz», steht hier geschrieben.«Das ist Kunst am Bau und rechtlich natürlich nicht durchsetzbar, aber die 2000-Watt-Gesellschaft gehört bei uns zum Konzept», erklärt Rolf Hefti, Geschäftsführer der verantwortlichen Baugenossenschaft Zurlinden. Zürich liess als erste Schweizer Stadt über die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft abstimmen. Drei von vier Stimmen votierten dabei für eine Aufnahme in die Gemeindeordnung. «Für uns war dies ein Grund, um künftig auf nachhaltiges Bauen zu setzen», sagt Rolf Hefti. «Wir wollen zeigen, dass diese Ziele schon heute realisierbar sind.» Der Hauptgrund für die gute Klima- und Energiebilanz des Gebäudes an der Badenerstrasse ist der verbaute Rohstoff. Er stammt aus Schweizer Wäldern, ist CO2-neutral und lässt sich bei einem späteren Abbruch erst noch als Brennstoff nutzen. Für die einstigen Schwächen von Holzbauten – wie den Brand- und Schallschutz – hat man innovative Lösungen gefunden, etwa in Form einer lärmdämpfenden Splittschüttung in den Holzdecken. Im Interesse einer Reduktion der grauen Energie setzt die Baugenossenschaft auch in Sachen Mobilität auf eine klimaverträgliche Strategie. In den Mietpreisen ihres neusten Projekts am Sihlbogen im Zürcher Kreis 2 ist ein Abonnement für den Zürcher Verkehrsverbund enthalten. Parkplätze stehen praktisch keine zur Verfügung. Hingegen wird die Genossenschaft Mobility-Fahrzeuge oder eigene Elektroautos zur gemeinsamen Nutzung bereitstellen. «Die zentrale Lage erleichtert den Verzicht auf ein eigenes Auto», stellt Rolf Hefti fest.

Nachhaltigkeit zahlt sich aus. Im Gegensatz zur Baugenossenschaft Zurlinden, in der sich mehrheitlich kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aus der Baubranche zusammengeschlossen haben, sind in der Familienheimgenossenschaft Zürich (FGZ) die jeweiligen Mietparteien vertreten. 2011 stimmten sie fast einhellig einem Kredit von rund 16 Millionen Franken für den Bau eines Netzes zur Versorgung der 2200 Haushalte mit Abwärme (Anergie) zu. Damit soll der Energiebedarf bis 2050 von heute 35 auf 15 Gigawattstunden reduziert werden. Durch den weitgehenden Ersatz der fossilen Brennstoffe Öl und Gas durch Abwärme und Sonnenenergie nimmt der jährliche CO2-Ausstoss jedoch viel stärker ab. «Beim Bau des Fernwärmenetzes kommt uns das kompakte Siedlungsgebiet entgegen», stellt der FGZ-Geschäftsführer Josef Köpfli fest. Kurzfristig dürfte die Investition die monatlichen Mietkosten pro Wohnung um 10 bis 15 Franken erhöhen, längerfristig werde sie sich jedoch auszahlen.

Insbesondere bei steigenden Energiepreisen schont der sparsame Umgang mit fossilen Brennstoffen nicht nur das Klima, sondern bringt zusätzlich finan­zielle Einsparungen. Dies macht sich auch die Klimastiftung Schweiz zunutze, indem sie KMU beim Energiesparen unterstützt. Die Finanzierung folgt ­dem Prinzip «Die Grossen helfen den Kleinen». So stammt das Geld von 21 Dienstleistungsunternehmen wie Ban­­ken und Versicherungen, die dafür Mittel aus der Rückverteilung der CO2-Abgabe zur Verfügung stellen. Gefördert werden unter anderem innovative Projekte wie beispielsweise die Kühlung von Lagerräumen mit Regenwasser statt mit Kaltluft. Gelder fliessen auch in die Entwicklung eines Vakuum-Wäschetrockners, der bei gleicher Leistung nur halb so viel Energie braucht wie herkömm­liche Modelle.

Mehr Umsatz - weniger CO2. Das stärkere Klimabewusstsein zeigt sich auch im Konsumverhalten. «Die Nachfrage nach sozialethischen und nachhaltigen Produkten steigt ungebremst», konstatiert Jürg Peritz, Marketingleiter von Coop. So konnte der Grossverteiler etwa seinen Umsatz mit den vollständig CO2-neutralen Naturaline-Textilien seit den frühen 1990er-Jahren von 3 auf rund 60 Millionen Franken steigern. Bereits sind etwa 60 Prozent der Baumwolltextilien in Coop-Supermärkten Natura­line-Produkte. «Wir wollen zeigen, dass Fashion Fairness nicht ausschliesst», sagt Jürg Peritz. Beim Stromverbrauch setzt Coop inzwischen voll auf die Wasserkraft. Seit 2008 sind die firmeneigenen CO2-Emissionen um 9500 Tonnen oder 7 Prozent gesunken. Als Mitglied der WWF ­Climate Group hat sich das Unternehmen unter anderem zu konkreten Reduktionszielen verpflichtet. Neben Coop beteiligen sich weitere Grossfirmen wie Migros, Ikea, Swisscom oder die Post. Trotz steigender Umsätze haben die 11 beteiligten Unternehmen ihre CO2-Emissionen zwischen 2005 und 2010 um insgesamt 150'000 Tonnen oder ­21 Prozent verringert.

Aufklärung über den Klimawandel. Szenenwechsel: Auf dem grossen Parkplatz vor dem Hotel Wetterhorn in Grindelwald (BE) ist die Sicht auf den Oberen Grindelwaldgletscher beeindruckend. Doch eine Stimme im Ohr sagt: «In den 1980er-Jahren reichte der Gletscher noch bis in die bewaldete Fläche hinunter. Diese Landschaft wird sich in den kommenden Jahrzehnten mit dem Klimawandel verändern.» Die Stimme stammt aus einem zuvor im Bergdorf gemieteten iPhone, das über die Auswirkungen des Klimawandels vor Ort aufklärt. Mit dem Smartphone in der Hand begeben sich die interessierten Gäste auf einen von sieben Lehrpfaden. Mit diesem Angebot machen die Verantwortlichen der Tourismusdestina­tion Jungfrau-Region auf die gut ersicht­lichen Folgen der Klimaerwärmung im Alpenraum aufmerksam. Zudem versuchen sie, die Treibhausgasemissionen in der Region zu senken und damit selber einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Nach dem eindrücklichen Besuch im Berner Oberland werden sich wohl auch einige Feriengäste diesem Anliegen anschliessen.

Andres Eberhard

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Letzte Änderung 28.08.2012

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