Globales Klimaabkommen: «Wir bewegen uns in die richtige Richtung, aber nicht schnell genug»

Als Klimaverantwortliche der Vereinten Nationen ist Christiana Figueres eine der zentralen Figuren in der internationalen Klimapolitik. Im Interview mit umwelt erklärt die Chefin des UNO-Klimasekretariats, weshalb sie an ein globales Klimaabkommen glaubt, was sie von der Schweizer Klimapolitik hält und warum Ölfirmen in Solarenergie investieren.

Die Klimadiplomatin: Christiana Figueres wurde 1956 als Tochter des Präsidenten von Costa Rica, José Figueres Ferrer, geboren. Ihre Mutter ist eine dänischstämmige Amerikanerin. Christiana Figueres hat unter anderem Anthropologie an der London School of Economics studiert und Karriere in der Verwaltung ihres Heimatlandes sowie in internationalen Organisationen gemacht. 2010 wurde sie Chefin des UNO-Klimasekretariats in Bonn. Sie ist mit dem deutschen Weltbankmanager Konrad von Ritter verheiratet und hat zwei Töchter.
© Keystone/Laif Anders Birch

Gespräch: Kaspar Meuli

umwelt: Frau Figueres, Sie haben einmal gesagt, Ihre Rolle als Mutter sei die beste Vorbereitung für Ihre Aufgabe als UNO-Klimachefin gewesen. Weshalb?

Christiana Figueres: Das hat mit dem Gleichgewicht zwischen Liebe und Disziplin zu tun. Es hat mir als Richtschnur beim Erziehen meiner beiden Töchter gedient, und beim Klimaschutz gilt dasselbe: Wir müssen als internationale Gemeinschaft die Disziplin aufbringen, globale Verantwortung zu übernehmen und auf den 2-Grad-Pfad einzuschwenken. Wir müssen dabei aber auch die spezifischen Situationen berücksichtigen, in denen sich die einzelnen Staaten befinden. Es geht um die Balance zwischen dem, was national richtig und global verantwortlich ist.

Wo auf der Welt machen sich die Menschen am meisten Sorgen um die Auswirkungen des Klimawandels?

Es gibt kein Land auf der Welt, das nicht vom Klimawandel betroffen ist. Alle Staaten erleben bereits heute die direkten oder indirekten Auswirkungen des Klimawandels: Sie leiden unter Hochwasser und Dürren oder sind mit den Folgen des steigenden Meeresspiegels und der abschmelzenden Gletscher konfrontiert. Der Klimawandel ist eine Tatsache. Worüber wir heute sprechen, ist, was wir dagegen tun können. Was macht jedes Land innerhalb seiner Grenzen und als Teil der internationalen Gemeinschaft? Ganz sicher geht es nicht mehr um die wissenschaftlichen Fakten. Die Leugner des Klimawandels sind eine aussterbende Spezies.

Sind Sie sich da so sicher?

Ja, absolut sicher. Man kann als Mensch heute nicht Verantwortung für sein Leben übernehmen - ganz zu schweigen von demjenigen kommender Generationen - und gleichzeitig diese Gewissheiten bestreiten. Sogar Leute, die aus politischen Überlegungen den Klimawandel weiter leugnen, verstehen, dass unsere natürliche Umgebung dabei ist, sich zu verändern.

Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen eines einzelnen Landes in der internationalen Klimapolitik? Welchen Beitrag kann die Schweiz leisten?

Ich komme aus Costa Rica, auch einem kleinen Land, und fühle mich Ihrem Land deshalb verbunden. Die Schweiz hat bereits einiges gemacht. Sie hat ein CO2-Gesetz mit Gebäude- und Fahrzeugprogrammen sowie einer Abgabe auf fossile Brennstoffe - das ist schon mal ein sehr gutes Zeichen. Dann hat sie sich in der zweiten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls zu einer Reduktion der Treibhausgasemissionen von 20 % bis 2020 verpflichtet. Das ist ein wichtiger erster Schritt, aber wir brauchen mehr. Ganz entschieden mehr! Jedes industrialisierte Land hat die Verantwortung und die Fähigkeiten, in der Klimapolitik eine Führungsrolle zu übernehmen. Was ich von der Schweiz sehen möchte, ist, wie sie - aufbauend auf ihrer bisherigen Politik - in den nächsten sechs Jahren die Trendwende bei den eigenen Emissionen schafft und wie sie sich den Weg zur CO2-Neutralität in der Zeit danach vorstellt.

Sie gelten als Berufsoptimistin. Sind Sie auch zuversichtlich, was den Ausgang der grossen Klimakonferenz in Paris Ende 2015 betrifft?

Ja, und was genau ist Ihre Frage?

Ich möchte wissen, weshalb Sie so optimistisch sind. Alle früheren Versuche, ein umfassendes Klimaabkommen zu erzielen, sind gescheitert.

Sie wollen wissen, ob ich gut schlafe? Ja! Die Vergangenheit ist nicht bestimmend für die Zukunft. Wenn sie es wäre, gäbe es die Sklaverei immer noch, die Apartheid und auch viele andere soziale Ungerechtigkeiten wären nicht überwunden. Die Tatsache, dass wir in Kopenhagen die angestrebten ambitionierten Ziele nicht erreicht haben, zählt für mich nicht. Ich bin zuversichtlich für Paris. Und ich glaube nicht, unverantwortlich optimistisch zu sein. Dafür gibt es viele Gründe: Die negativen Auswirkungen des Klimawandels haben zugenommen, und die Länder sind heute stärker davon betroffen. Die Preise für umweltfreundliche Technologie sind stark gefallen. Und es gibt heute 500 nationale Klimagesetze in 60 Ländern, die zusammen 80 % der weltweiten Treibhausgasemissionen abdecken. Das macht das Einbinden in ein internationales Abkommen einfacher.

Die Stolpersteine an den Klimaverhandlungen sind seit Jahren dieselben: Die Industriestaaten fordern von den Entwicklungsländern grössere Anstrengungen für den Klimaschutz. Und diese verlangen im Gegenzug mehr technologische und finanzielle Unterstützung.

Beide Forderungen sind zentral. Sie werden nicht verschwinden, und sie sind absolut gerechtfertigt.

Aber sie haben in eine Sackgasse geführt ...

Die verhandelnden Staaten stehen vor einer grossen Herausforderung, das stimmt. Doch es führt kein Weg daran vorbei, dass die entwickelten Länder finanzielle Unterstützung und Technologien bereitstellen müssen. Wir verlangen nämlich von den Entwicklungsländern etwas, das noch keine Wirtschaft je getan hat: die Entkopplung des Wirtschaftswachstum vom Wachstum der CO2-Emissionen. Andererseits ist auch der Anspruch, die Entwicklungsländer müssten sich am Klimaschutz beteiligen, sehr verständlich. Es ist klar, dass beide Forderungen erfüllt werden müssen. Jetzt geht es darum, wie dies geschehen soll. Diese Diskussion wird uns zum Protokoll von Paris führen.

Sie pflegen enge Kontakte zur Wirtschaftsspitze und sind Anfang 2014 zum Beispiel am Weltwirtschaftsforum in Davos aufgetreten. Welche Rolle spielt die Wirtschaft in der Klimapolitik?

Unternehmen sind, wie alle anderen Sektoren der Gesellschaft, bereits vom Klimawandel betroffen. Sie ziehen aus Gebieten weg, in denen sie seinen Folgen ausgesetzt sind, und verschieben ihre Produktionsstätten an sicherere Standorte.

Können Sie Beispiele nennen?

Verschiedene Industriefirmen machen sich gegenwärtig solche Gedanken. Der Auslöser waren die Überschwemmungen in Bangkok 2011. Davon wurden Auto- und Computerhersteller auf der ganzen Welt betroffen, da wichtige Zulieferer in Thailand ihre Produktion stoppen mussten. Viele Unternehmen verstehen inzwischen, welche Risiken der Klimawandel für sie darstellt. Und umgekehrt beginnen sie, die grossen Chancen zu realisieren, die sich durch den Übergang zur kohlenstoffarmen Gesellschaft ergeben. Je schneller Firmen ihre Produktionsanlagen und ihre Produkte klimafreundlich ausrichten, desto wettbewerbsfähiger sind sie für die Zukunft.

Sie haben wiederholt erklärt, die Öl- und Kohleindustrie - die beiden Branchen, die am meisten zum CO2-Ausstoss beitragen - könnten künftig Teil der Lösung des Klimaproblems sein. Wie soll das gehen?

Auch diese Unternehmen sind bereits von den Folgen des Klimawandels betroffen - besonders diejenigen, die über Pipelines und andere Infrastrukturbauten verfügen. Diese sind grossen Risiken ausgesetzt, denken Sie nur an die Folgen des tauenden Permafrosts. Doch am risikoreichsten ist es heute, Kapital in neue Förderanlagen für fossile Energiequellen zu investieren. Kredite für solche Investitionen sind an den Kapitalmärkten sehr kostspielig. Das billige Öl und Gas ist bereits weitgehend gefördert, nun wird es sehr teuer. Jüngste Studien zeigen, dass viele der neuen Förderstätten von Beginn weg mit Verlust arbeiten. Sie sind nicht gewinnbringend. Die Ölfirmen müssen sich dafür gegenüber ihren Aktionären rechtfertigen.

Sie sprechen aber auch von Chancen für die Ölindustrie.

Die Ölfirmen wissen, dass wir uns auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft zubewegen, denn sonst würden sie in ihren Planspielen nicht mit einem Schattenpreis für CO2 rechnen.

Einer Abgabe pro emittierter Tonne CO2 also ...

... ja, sie gehen für ihre künftigen Geschäftsmodelle von einem CO2-Preis zwischen 60 und 80 Dollar aus. Zum Vergleich: An der europäischen Börse für Emissionszertifikate liegt der Tonnenpreis gegenwärtig unter einem Euro. Alle Ölfirmen arbeiten für ihre Zukunftsszenarien mit solchen Schattenpreisen. Sie wissen nämlich genau, dass wir auf eine Welt mit strengen Klimagesetzen zusteuern, in der die Verursacher von CO2 einen Preis bezahlen. Deshalb beginnen Ölfirmen damit, substanziell in erneuerbare Energien zu investieren. Vor allem in Solarenergie - und hier besonders in Kraftwerke mit konzentrierter Solarenergie, einer Technologie mit einem riesigen Potenzial. Saudi Aramco zum Beispiel, der grösste Ölproduzent der Welt, investiert erstaunliche Summen in Sonnenwärmekraftwerke, das ist ermutigend. Wir bewegen uns in die richtige Richtung, aber nicht schnell genug.

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Letzte Änderung 26.11.2014

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