Klimaanpassung: Chancen nutzen und Risiken klein halten

Der Klimawandel ist ein schleichender Prozess. Wir gewöhnen uns an wärmere Winter, trockenere Sommer, häufigere Starkregen. Die Schweiz muss sich auf diese Veränderungen einstellen - je früher, desto besser. Mit einem Aktionsplan des Bundes werden die Weichen für die nötigen Anpassungen gestellt.

Nirgendwo in der Schweiz sind die Temperaturen derart gestiegen wie in Sitten (VS). Jetzt will sich die Stadt besser für den Klimawandel wappnen: Sie soll grüner werden, was sich kühlend auf das lokale Klima auswirkt.
© Keystone/Laurent Gilliéron

Text: Stefan Hartmann

Bleierne Sommerhitze hängt über Sitten. Seit Wochen kein Tropfen Regen. Und regnet es doch einmal, dann umso heftiger. In Zukunft wird sich diese Situation als Folge des Klimawandels häufiger einstellen. Der Walliser Kantonshauptort weist den stärksten Temperaturanstieg der Schweiz in den vergangenen 30 Jahren auf, nämlich 0,5 Grad pro Jahrzehnt. Die Hitze bekommt vielen Menschen schlecht. Jetzt will sich Sitten besser für den Klimawandel wappnen: Es soll grüner werden. Denn es fehlt der 31‘000 Einwohner zählenden Stadt an grünen Nischen mit Wiesen, Sträuchern und Bäumen, die Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben können, was kühlend auf das lokale Klima wirkt. Im Juni 2014 lancierte die Stadt deshalb eine Kampagne mit dem Ziel, Eigentümer privater Liegenschaften zu ermutigen, ihre Hinterhöfe, Dächer und Mauern zu begrünen oder Betonbeläge durch Kiesflächen zu ersetzen.

Die Sittener Kampagne ist Teil eines Pilotprogramms, mit dem verschiedene Bundesämter die Umsetzung der Strategie des Bundesrates zur Anpassung der Schweiz an den Klimawandel vorantreiben wollen. Die Anpassungsstrategie soll aufzeigen, wie sich die Chancen des Klimawandels nutzen und seine Risiken minimieren lassen. In einem ersten Teil wurden im Jahr 2012 die entsprechenden Ziele, Herausforderungen und Handlungsfelder formuliert. Der zweite, im Frühling 2014 erschienene Teil ist der Aktionsplan 2014-2019. Er zeigt auf, wie der Bund die formulierten Ziele erreichen und künftige Herausforderungen bewältigen will. Der Plan sieht 63 Massnahmen in unterschiedlichen Sektoren vor - eine davon ist das Pilotprogramm mit 31 Projekten.

Folgen für Natur, Wirtschaft und Gesellschaft

«Mit den Pilotprojekten sollen die Kantone, Regionen und Gemeinden für die Anpassung an den Klimawandel sensibilisiert und die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren gefördert werden», sagt Thomas Probst, der das Pilotprogramm im BAFU koordiniert. Es soll verdeutlichen, wie wichtig eine frühzeitige Vorbereitung auf die Auswirkungen des Klimawandels ist. Als das BAFU im Frühjahr 2013 öffentlich zur Eingabe von Projektanträgen einlud, übertraf die grosse Zahl der Gesuche alle Erwartungen. Statt der erhofften zwei bis drei Dutzend Anträge gingen über 100 ein. Dies zeuge von grossem Interesse am Thema, freut sich Thomas Probst.

«Kantone und Regionen erkennen immer mehr, dass der Klimawandel Tatsache ist und welche Konsequenzen der Anstieg der Temperaturen und die Veränderung der Niederschläge für die Natur, das Wirtschaftsleben und die Gesellschaft haben», ergänzt Roland Hohmann. Er ist im BAFU für die Anpassungsstrategie zuständig. Das genaue Ausmass des Klimawandels in der Schweiz hänge allerdings von der Entwicklung der globalen Treibhausgasemissionen ab.

Doch so viel kann die Wissenschaft bereits heute sagen: Die regionalen Klimamodelle zeigen für die Schweiz, je nach Szenario, eine Temperaturzunahme von 1,5 bis 4 Grad bis gegen Ende dieses Jahrhunderts und eine deutliche Abnahme der Niederschläge im Sommer um bis zu 20 %. Für Roland Hohmann steht deswegen fest: «Die Gesellschaft muss sich in den kommenden Jahrzehnten dringend mit den Auswirkungen des Klimawandels befassen.» Mit Trockenheit und lokalen Wasserengpässen zum Beispiel - einem Thema, dem sich ein weiteres Pilotprojekt zur Anpassung im Seeland (FR, BE, VD) widmet.

Umgang mit knappem Wasser lernen

An die grosse Trockenheit der Sommer 2003 und 2009 erinnern sich die Seeländer Gemüsebauern zwischen dem Fluss Broye und dem Hagneckkanal noch heute mit Unbehagen. Schmerzhaft mussten sie lernen, dass das scheinbar reichlich vorhandene Nass in ihrer Region nach nur wenigen Wochen versiegen kann. Die Folge waren grosse Ernteausfälle. Für solche Dürreereignisse wollen die Landwirte im Seeland künftig besser gewappnet sein. Darum sammelt gegenwärtig ein Team von Fachleuten Daten für eine Internetplattform, die ein Bewässerungsmanagement ermöglichen soll. Die Plattform erlaubt, Wasserstände, Bodenfeuchte oder Wetterentwicklung in Echtzeit abzurufen. Das hilft den Behörden und den Betroffenen, schneller zu handeln und Massnahmen zu ergreifen: Haushälterisch mit der kostbaren Ressource Wasser umgehen, lautet das Gebot der Stunde.

«Wir müssen die Risiken, die ein wärmeres Klima mit sich bringt, minimieren lernen und die Anpassungsfähigkeit von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt steigern», fordert Pamela Köllner von der BAFU-Abteilung Klima. Dazu gelte es, Herausforderungen in drei Bereichen zu meistern. Das sind die Überwachung und Früherkennung von Veränderungen in der Umwelt, die Verringerung bestehender Unsicherheiten und Wissenslücken sowie die Sensibilisierung, Information und Koordination.

Zur Vertiefung des Wissens über die Folgen des Klimawandels für die Schweiz sieht die bundesrätliche Strategie eine Risikoanalyse mit sechs grossen Fallstudien vor. Sie betreffen die Grossräume Mittelland, Alpen, Voralpen, Jura, Südschweiz sowie die Agglomerationen. Dabei werden insbesondere die Risiken und Chancen des Klimawandels für den Zeitraum um das Jahr 2060 abgeklärt.

Risikoanalysen für Aargau und Uri

Bereits liegen zwei dieser Studien vor: eine zum Kanton Aargau, die für den Grossraum Mittelland steht, und eine für den Kanton Uri, stellvertretend für die Bergregionen. Von gesamtschweizerischem Interesse sind diese Untersuchungen nicht zuletzt, weil sie Risiken konkretisieren. «Wir wissen, dass es billiger und einfacher ist, bei Entscheiden bereits heute den Klimawandel im Auge zu behalten, als erst später auf Veränderungen zu reagieren», betont Pamela Köllner. Die Risikoanalyse Aargau rechnet in den kommenden Jahrzehnten mit häufigeren und intensiveren Hitzewellen. Diese dürften in den grösseren Siedlungsgebieten und Städten zu erheblichen gesundheitlichen Belastungen der Bevölkerung führen. Zudem dürften neu auftretende Allergene zu einer Verlängerung der Pollensaison führen, wovon allergische Personen betroffen wären. Positiv fällt ins Gewicht, dass im Aargau 2060 von milderen Wintern und damit geringeren Heizkosten ausgegangen werden kann; es sind beträchtliche Einsparungen zu gewärtigen. Andererseits wird der Bedarf an Kühlenergie zunehmen.

Für die Aargauer Bauern und Bäuerinnen liefert die Risikoanalyse sowohl gute wie weniger erfreuliche Nachrichten. Bedenklich stimmt: Beim Klimaszenario «stark» (Erwärmung 3 Grad und mehr) wird sogar im «Wasserschloss der Schweiz» vermehrt mit Wassermangel und Hitzestress zu rechnen sein. Dazu Roland Hohmann: «Die Bewässerung von Wiesen und Äckern wird in diesem Fall wohl immer wichtiger und zugleich schwieriger werden.» Die Flüsse könnten ab 2060 wegen des fehlenden Schmelzwassers aus inzwischen stark oder ganz abgeschmolzenen Gletschern weniger Wasser führen. Und die positive Meldung: Eine moderate Erwärmung kann den Bauern höhere Erträge bescheren.

Die Klimaszenarien für den Kanton Uri zeigen auf, dass es auch in den Bergen deutlich wärmer wird. Wurden 1965 in Altdorf im Urner Talboden rund 25 Sommertage mit einer Höchsttemperatur von mindestens 25 Grad verzeichnet, waren es 2008 bereits deren 45. Je nachdem, wie sich die künftigen Emissionen entwickeln, wird es in Altdorf um 2060 zwischen 60 und 82 Sommertage geben. Ein ähnliches Bild bietet Andermatt im Urserental. Im Mittel zählt das Bergdorf heute 136 Frosttage im Jahr. Je nach Ausmass der künftigen Erwärmung werden die Tage mit Minustemperaturen bis 2060 um rund 20 bis 40 % abnehmen.

Es drohen häufigere Extremereignisse

Als inneralpine Region könnte der Kanton Uri in den kommenden Jahrzehnten vermehrt mit Extremereignissen konfrontiert sein. Noch lässt sich aber nicht genau sagen, wie sich die massgeblichen Prozesse verändern werden. Es sind aber gerade Ereignisse, auf welche die Gesellschaft bereits heute oftmals schlecht vorbereitet ist und die besonders hohe Schäden anrichten. Dies haben Naturkatastrophen in den letzten Jahren regelmässig gezeigt. Die hohen Schäden hängen aber auch damit zusammen, dass in den Bergen in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche teure Infrastrukturbauten erstellt wurden - zum Teil an mit Naturrisiken behafteten Standorten. Kurz: Die Gesellschaft ist viel verletzlicher geworden. Anpassungsstrategien werden deshalb nicht zuletzt dafür sorgen müssen, dass diese Verletzlichkeit nicht weiter zunimmt. Konkret könnte das heissen, dass mancherorts künftig nicht mehr gebaut werden darf.

Aber auch im Urnerland hat der Klimawandel nicht nur negative Folgen. Die Vegetationsperiode beispielsweise wird sowohl in Andermatt wie in Altdorf um bis zu einem Viertel zunehmen, wodurch die Bauern mit mehr Erträgen rechnen können. Ebenfalls von den verlängerten Wärmeperioden profitieren wird der Sommertourismus. Und nicht zu vergessen: Wenn die Gletscher schmelzen, profitieren die Wasserkraftwerke von einem zusätzlichen Wasserangebot - jedoch nur vorübergehend. Letztlich führt eine Abnahme der Frosttage auch für die Urnerinnen und Urner zu tieferen Heizkosten.

Der Götterbaum, eine invasive gebietsfremde Art, ist wegen des wärmeren Klimas in der Südschweiz auf dem Vormarsch. Der Exot wurde vor über 100 Jahren als Zierbaum eingeführt; heute gefährdet er Schutzwälder.
© Jan Wunder, Marco Conedera, WSL

Probleme mit Götterbäumen im TessinZiel des Aktionsplans «Klimaanpassung» ist, negative Veränderungen des Klimawandels besser und früher sichtbar zu machen und den Risiken durch geeignete Massnahmen zu begegnen. Dies veranschaulicht auch ein Pilotprojekt aus der Südschweiz. Dort ist der Götterbaum, eine invasive gebietsfremde Art (Neophyt), infolge des wärmeren Klimas auf dem Vormarsch. Der Exot wurde vor über 100 Jahren als Zierbaum in Tessiner Gärten eingeführt und breitet sich mittlerweile rasant aus.Fachleute der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL befürchten, dass der Kampf gegen den Eindringling bald verloren sein könnte. Im Maggiatal wollen sie deshalb mit einem Pilotprojekt das Wissen zum Götterbaum vertiefen. Grund: Die schnell wachsenden Bäume stellen eine Gefahr für Schutzwälder dar, sie sind oft von Kernfäule befallen und werden demzufolge rascher Opfer von Sturmwinden als angestammte Baumarten. Das im Tessin erarbeitete Anpassungswissen dürfte übrigens bald auch nördlich der Alpen von Nutzen sein. Forstfachleute gehen davon aus, dass sich der Götterbaum in den kommenden Dekaden auch da ausbreiten wird.Noch steht nicht im Detail fest, wie die Schweiz mit den Folgen des Klimawandels umgehen wird. Von Risikoanalysen, Strategien und Pilotprojekten führt ein langer Weg zu konkreten Massnahmen. «Doch mit der Anpassungsstrategie hat der Bundesrat erste Weichen gestellt und aufgezeigt, dass der Klimawandel auch in der Schweiz Anpassungen unumgänglich macht», erklärt BAFU-Anpassungsspezialist Roland Hohmann. «Vor allem aber gilt es, die Ursachen des Klimawandels zu bekämpfen. Wir müssen unseren Verbrauch an fossilen Energien drastisch senken.» Gelingt dies nicht rechtzeitig, könnten die Anpassungen an den Klimawandel auch in der Schweiz sehr aufwendig und teuer werden.

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Letzte Änderung 26.11.2014

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