Klimaforschung: Treibhausgasbudget zu zwei Dritteln aufgebraucht

Die Fakten zum Klimawandel sind klar: Die Erde erwärmt sich global und langfristig. Das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) spielt dabei die Hauptrolle, und es ist äusserst wahrscheinlich, dass der Mensch die Hauptverantwortung für diese Entwicklung trägt.

Text: Kaspar Meuli

Wie lässt sich in wenigen Sätzen das Wichtigste aus einem 2000-seitigen Bericht zusammenfassen? Ein Dokument, an dem 600 Autorinnen und Autoren auf der ganzen Welt mitgearbeitet haben und in dem Wissen aus mehr als 9000 wissenschaftlichen Studien steckt?

Genau dieser Herausforderung hat sich der Klimaforscher Thomas Stocker gestellt, als er sich im Sommer 2013 daranmachte, zusammen mit zwei Kollegen die Hauptaussagen des fünften sogenannten Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC) herauszuschälen. Nach zwei Wochen Knochenarbeit hatten die Wissenschaftler sich auf 19 Kernsätze geeinigt. «Das Ziel war, neue Wege zu finden, um unsere Resultate zu kommunizieren», erklärt Thomas Stocker. «Sie sind sehr kurz, ohne Fachbegriffe und in allgemein verständlicher Sprache geschrieben.» Der Professor für Umwelt- und Klimaphysik an der Universität Bern ist Ko-Leiter der Arbeitsgruppe I des Weltklimarats, die sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels befasst hat. «Alle Kernsätze wurden von den Regierungen der 190 Mitgliedsstaaten der UNO-Klimakonvention abgesegnet», betont Thomas Stocker. «Das verleiht ihnen grosses Gewicht.»

Hier ein paar Beispiele dieser Kernsätze aus dem letzten IPCC-Bericht

  • Die Erwärmung des Klimasystems ist eindeutig, und viele dieser seit den 1950er-Jahren beobachteten Veränderungen sind seit Jahrzehnten bis Jahrtausenden nie aufgetreten.

  • Jedes der letzten drei Jahrzehnte war an der Erdoberfläche sukzessive wärmer als alle vorangehenden Jahrzehnte seit 1850.

  • Von 1901 bis 2010 ist der mittlere Meeresspiegel um 19 Zentimeter gestiegen.

  • Während der letzten beiden Jahrzehnte haben die Eisschilder in Grönland und in der Antarktis an Masse verloren und die Gletscher sind fast überall in der Welt weiter abgeschmolzen.

  • Es ist äusserst wahrscheinlich, dass der menschliche Einfluss die Hauptursache der beobachteten Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts war.

Heute gibt es im Schweizer Mittelland jährlich rund 5 bis 15 Tage, an denen es 30 Grad oder wärmer wird.

Immer verlässlichere Aussagen zum künftigen KlimaWirkliche Überraschungen gab es nicht im neuen Bericht des Weltklimarats, dem fünften seit 1990. Doch die Aussagen haben weiter an Zuverlässigkeit gewonnen. Gründe für diesen Vertrauensgewinn sind: längere Messreihen von Daten, methodische Fortschritte und bessere Klimamodelle. All dies hilft der Forschung nicht nur, die Ursachen des Klimawandels besser zu verstehen, sondern es macht auch ihre Aussagen zum Klima der Zukunft immer verlässlicher.Und was ist der allerwichtigste Befund des im September 2013 veröffentlichten Berichts zum Zustand des Weltklimas? «Nur wenige Medien haben den entscheidenden Punkt prominent aufgegriffen», sagt Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der Eidgenössischen technischen Hochschule ETH Zürich und einer der Hauptautoren des Berichts. «Wenn wir die weltweite Erwärmung mit genügend grosser Wahrscheinlichkeit auf 2 Grad beschränken wollen, müssen wir uns an ein fixiertes CO2-Budget halten. Die Menschheit dürfte maximal 800 Mrd. t Kohlenstoff ausstossen; seit Beginn der Industrialisierung haben wir schon zwei Drittel davon freigesetzt.» Das heisst: Wenn der CO2-Ausstoss im gegenwärtigen Umfang weitergeht, ist das Emissionsbudget in 30 Jahren restlos erschöpft. Und dieses Budget wird zum grössten Teil durch bestehende, auf fossile Energieträger ausgerichtete Infrastruktur wie Kraftwerke, Gebäude und Fahrzeuge bereits ausgeschöpft. Der Spielraum für neue Anlagen und Bauten ist sehr klein. Die Umstellung auf nicht fossile Energie ist dringend und muss innerhalb kurzer Zeit erfolgen.

Steigen die Treibhausgasemissionen bis 2100 stetig an, sind Ende dieses Jahrhunderts für jedes Jahr ähnlich viele Hitzetage zu erwarten wie im Hitzesommer 2003.
© Meteo Schweiz

Temperatur steigt in der Schweiz überdurchschnittlichIn manchen Bereichen macht sich der Klimawandel in der Schweiz deutlicher bemerkbar als anderswo. Die Temperatur etwa ist in der Vergangenheit rund 1,6-mal so stark angestiegen wie im Mittel der Nordhemisphäre. Seit Messbeginn im Jahr 1864 beträgt die Temperaturzunahme hierzulande rund 1,8 Grad - gegen 90 % davon entfallen auf die Zeit nach 1960.Auch das künftige Klima wird sich in der Schweiz wohl nicht parallel zu den globalen Veränderungen entwickeln. Fest steht jedoch, dass längerfristig die entscheidende Rolle dabei der weltweite Ausstoss an Treibhausgasen spielt - und der lässt sich beeinflussen. Um eine Bandbreite der möglichen Entwicklung aufzuzeigen, arbeiten die Forscher mit Szenarien. Diese gehen unter anderem von einem variierenden Wirtschaftswachstum aus und berücksichtigen unterschiedlich einschneidende klimapolitische Massnahmen.Mit solchen Szenarien haben nicht nur die Autorinnen und Autoren des IPCC-Berichts gearbeitet, sondern auch die Studie zur Klimaänderung in der Schweiz «CH2011». Einige ihrer zentralen Aussagen lauten:Verglichen mit heute wird die durchschnittliche Temperatur gegen Ende des 21. Jahrhunderts je nach Szenario zwischen 1,5 und 4 Grad zunehmen.Die erwartete Erwärmung wird im Sommer am stärksten ausfallen. Steigt die Temperatur um 4 Grad, dürfte sich die Zahl der über 25 Grad warmen Sommertage auf bis zu 100 verdreifachen.Über das ganze Jahr betrachtet, zeigt sich für die Niederschläge in keiner Region des Landes eine klare Tendenz zur Zu- oder Abnahme.Saisonal hingegen ist in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts mit mehr Niederschlag im Winter zu rechnen. Im Sommer dürften die Regenmengen überall in der Schweiz abnehmen, und das Risiko von Trockenphasen und Dürren steigt.Gegen Ende des Jahrhunderts dürfte es zu häufigeren und intensiveren Starkniederschlägen kommen.Regionale Auswirkungen des KlimawandelsMit den regionalen Auswirkungen des Klimawandels hat sich kürzlich eine Sammlung von wissenschaftlichen Studien unter dem Titel «CH2014-Impacts» befasst. Der Bericht kommt unter anderem zum Schluss, dass die Eismasse der Gletscher bis zum Ende dieses Jahrhunderts ohne einschneidende klimapolitische Massnahmen nahezu vollständig verloren geht. Auch wird im Mittelland eine Schneedecke über mehrere Tage selten. Weiter wird die Grundwassertemperatur steigen, was zu einer Verschlechterung der Grundwasserqualität führen könnte. Und die zu erwartenden Entwicklungen, so der Bericht, haben zur Folge, dass in Zukunft viele in der Schweiz verbreitete Baumarten unter Trockenstress leiden werden. Bei ungebremstem Klimawandel könnte das Mittelland als Lebensraum für die heute weitverbreiteten Fichten und Buchen ungeeignet werden.

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Letzte Änderung 26.11.2014

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