Klimapolitik: Durchdachter Massnahmenmix

Das seit 2013 geltende CO2-Gesetz ist das Herzstück der Schweizer Klimapolitik. Ziel ist es, bis 2020 die Treibhausgasemissionen um mindestens 20 % gegenüber dem Jahr 1990 zu senken. Das neue Gesetz baut auf einen Mix von Marktkräften, Förderungsmassnahmen und Vorschriften.

An der neuen Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Renergia Zentralschweiz AG in Perlen/Root (LU) ist neben acht Zentralschweizer Abfallverbänden auch die Papierfabrik Perlen beteiligt. Sie wird von der Renergia künftig Wärme beziehen, die bei der Verbrennung der Abfälle entsteht.
© Lucienne Rey

Text: Lucienne Rey und Kaspar Meuli

Sein Name ist Perlentop satin. Doch wer dabei an das Abendkleid einer Filmdiva denkt, liegt falsch. Vielmehr geht es um ein Premiumprodukt der Papierfabrik Perlen im gleichnamigen Luzerner Industriedorf. Perlentop satin steht für ein beidseitig gestrichenes, halbmattes Offset-Papier.

Die Herstellung von Papier benötigt viel Energie. Für 1 kg sind es rund 2,5 Kilowattstunden - so viel Strom, wie ein leistungsstarker PC während eines ganzen Arbeitstages verbraucht oder eine 100-Watt-Glühbirne während 24 Std.. Besonders viel Wärme benötigt die Papierindustrie, um feuchtes Faservlies zu trocknen. Im Jahr 2013 konsumierte die Perlen Papier AG gut 1000 Gigawattstunden Energie und stiess gegen 94‘000 t Kohlendioxid (CO2) aus. Das geht ins Geld, denn das 2011 vom Parlament revidierte CO2-Gesetz sieht für Brennstoffe eine Abgabe pro Tonne freigesetztes Kohlendioxid vor. Der Abgabesatz liegt derzeit bei 60 CHF pro Tonne, nachdem ihn der Bundesrat 2014 um 24 CHF angehoben hat, weil das Zwischenziel für das Jahr 2012 verfehlt wurde.

Klimapolitik braucht einen langen Atem

Die CO2-Abgabe soll bewirken, dass der Verbrauch fossiler Brennstoffe zurückgeht und damit die CO2-Emissionen sinken. Sie ist ein wichtiges Instrument, mit dem die Schweiz ihren Beitrag zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf weniger als 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit leisten will.

«Die Schweizer Klimapolitik strebt eine Dekarbonisierung der Gesellschaft an. Das heisst, wir wollen künftig möglichst keine fossilen Brenn- und Treibstoffe mehr einsetzen», sagt Andrea Burkhardt, Leiterin der Abteilung Klima im BAFU. Doch das sei ein Mehrgenerationenprojekt, betont sie. «Die Abkehr von der fossilen Energie wird erst Ende des Jahrhunderts abgeschlossen sein und verlangt ein kontinuierliches Engagement der ganzen Gesellschaft und aller Sektoren der Wirtschaft.» Das CO2-Gesetz diene als Antrieb, der diesen Prozess in Gang halte.

Die Folgen des CO2-Gesetzes für die Wirtschaft lassen sich am Beispiel der auf halber Strecke zwischen Luzern und Zug an der Reuss gelegenen Perlen Papier AG aufzeigen. Hier greifen gleich mehrere der gesetzlich vorgesehenen Massnahmen. So treibt die Papierfabrik den Klimaschutz auf Betriebsebene voran, indem sie eine enge Kooperation mit einer starken Partnerin eingegangen ist, der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Renergia Zentralschweiz AG, die gegenwärtig in unmittelbarer Nachbarschaft entsteht. Je nach Blickwinkel sieht der imposante Bau wie ein Krokodil mit kurzer Schnauze aus oder wie ein auf der Wiese gestrandetes Dampfschiff.

Kürzere Anfahrtswege sind gut fürs Klima

Der Standort der neuen KVA, an der acht Abfallverbände aus allen Zentralschweizer Kantonen beteiligt sind, ist mit Bedacht gewählt. Die Renergia ersetzt die viel weniger zentral gelegene, über 40-jährige Anlage in Ibach am Stadtrand von Luzern. Die meisten Gemeinden werden der Renergia ihren Müll über deutlich kürzere Distanzen anliefern und so den CO2-Ausstoss reduzieren können.

Für den Klimaschutz besonders ins Gewicht fällt die Nähe zur Perlen Papier, die ebenfalls zu den Aktionären der Renergia gehört. Die Papierfabrik - eine der grössten der Schweiz - wird künftig von der KVA Wärme beziehen, die bei der Verbrennung der Abfälle entsteht. Ab Januar 2015 werden damit die Papierbahnen getrocknet. Ein wegweisendes Beispiel also für die im CO2-Gesetz vorgesehenen Kooperationsmassnahmen.

Als weiteres Instrument des CO2-Gesetzes nutzt die Perlen Papier den Emissionshandel . Weil das Unternehmen bei diesem System mitmacht, ist es von der Brennstoffabgabe entbunden. Das Gesetz sieht eine Befreiung von CO2-intensiven Branchen vor, um sie in ihrer Wettbewerbsfähigkeit nicht zu behindern.

Trendwende auch beim Verkehr

Zu den grossen Verursachern des Treibhausgases CO2 gehört neben der Industrie der Verkehr. Das CO2-Gesetz will mit neuen Vorschriften erreichen, dass die Schweizer Fahrzeugflotte als Ganzes klimafreundlicher fährt. Mittelfristig sollen auf den Strassen nur noch Autos mit tiefem CO2-Ausstoss unterwegs sein . «Die eingeleiteten Massnahmen zeigen Wirkung», bilanziert Klimaspezialistin Andrea Burkhardt, «die Emissionen gehen in allen Sektoren zurück - auch beim Verkehr ist der Gesamtausstoss leicht gesunken.» Die Trendwende erfolge allerdings verspätet, da griffige Massnahmen erst per 2012 eingeführt worden seien. «Sie zielen auf die Verbesserung der CO2-Effizienz von neuen Fahrzeugen ab, die Verkehrsleistung hingegen nimmt nach wie vor zu.»

Auch die Kompensationspflicht der Treibstoffimporteure kehrt diese Entwicklung nicht um. Bis 2020 müssen sie zwar 10 % der CO2-Emissionen aus dem Verkehr mit geeigneten Klimaschutzprojekten neutralisieren. Die Emissionsverminderungen finden aber grösstenteils in anderen Sektoren statt.

Vom CO2-Gesetz betroffen sind Unternehmen nicht nur, wenn sie als Energieverbraucher einen hohen Ausstoss an Treibhausgasen verursachen, sondern auch, falls sie grosse Materialmengen verbrennen. Denn wann immer etwas in Flammen aufgeht, das Kohlenstoff enthält, bildet sich CO2. Mit der Verbrennung von Abfällen wie Plastik stossen KVAs daher zwangsläufig viel dieses Treibhausgases aus. «Auf die Menge des Verbrennungsgutes können wir wenig Einfluss nehmen, denn wir haben einen Entsorgungsauftrag», erklärt Adrian Schuler, Projektingenieur und Kommunikationsverantwortlicher bei der Renergia. «Aber wir können die Verbrennungswärme optimal nutzen.»

Strom und Heizwärme aus Abfall

Dem ist tatsächlich so: Dank der von der Renergia bezogenen Wärme kann die Papierfabrik Perlen schätzungsweise 40 Mio. Liter Heizöl einsparen und dadurch ihren CO2-Ausstoss jährlich um 90‘000 t vermindern. Kommt dazu, dass die Hälfte des Verbrennungsgutes der Renergia aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz besteht und deshalb bei deren Verbrennung Energie CO2-neutral erzeugt wird. Dieser Umstand wirkt sich auch günstig auf die Klimabilanz der Papierfabrik aus.Die Energie aus dem Verbrennungsprozess gewinnt die Renergia über Röhren, die die Wände des Feuerungskessels auskleiden: Das im Rohrsystem zirkulierende Wasser erhitzt sich und liefert Dampf. Daraus wird sowohl Strom als auch Wärme gewonnen. 450 Gigawattstunden wird die Renergia künftig jährlich der Perlen Papier AG liefern. Die verbleibenden 155 Gigawattstunden werden als Strom ins öffentliche Netz eingespeist, was dem jährlichen Energiebedarf von rund 38‘000 Haushaltungen entspricht.

Um möglichst wenig von der kostbaren Wärme zu verlieren, sind die Leitungen der Renergia dick in Dämmstoffe eingepackt. Gute Isolationen an Bauwerken, insbesondere an Wohn- und Dienstleistungsgebäuden, sind denn auch ein weiteres Ziel des CO2-Gesetzes. Es weist die Kantone an, dafür zu sorgen, dass der Treibhausgasausstoss von Gebäuden vermindert wird. Um die Wärmedämmung bei bestehenden Gebäuden zu verbessern und den Einsatz CO2-freier Brennstoffe aus erneuerbaren Quellen zu fördern, erhalten sie vom Bund Finanzhilfen.

Klimaschutz im Einklang mit der Wirtschaft

Besonders energieintensive Betriebe werden durch das Gesetz verpflichtet, sich dem Emissionshandelssystem (EHS) anzuschliessen. Zu diesen Firmen gehört auch die Papierfabrik Perlen, und im Prinzip müsste sich auch ihre Partnerin Renergia an diesem System beteiligen. Doch dank einer sogenannten Branchenvereinbarung zwischen den Kehrichtverbrennern und dem Bund sind die KVAs von der Teilnahme am Emissionshandel befreit. Im Gegenzug verpflichten sie sich zu einer substanziellen Reduktion der Treibhausgasemissionen. Freiwillige Vereinbarungen existieren auch in anderen Branchen. Über 3000 Firmen engagieren sich unter dem Dach der Energie-Agenur der Wirtschaft EnAW und der Cleantech-Agentur act. Unternehmen aus CO2-intensiven Branchen, die sich zu verbindlichen Emissionsverminderungen verpflichten, können sich von der CO2-Abgabe dispensieren lassen.

Das Zusammenspiel von Perlen Papier AG und Renergia ist nicht nur ein Vorzeigebeispiel in Sachen saubere Technologien. Es illustriert auch, wie sich der Klimaschutz im Einklang mit den Bedürfnissen der Wirtschaft vorantreiben lässt. Das Fazit von Andrea Burkhardt, der Klimachefin des BAFU: «Die Instrumente des CO2-Gesetzes tragen der Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe Rechnung und fördern Innovationen. Akzeptanz findet das Gesetz aber auch, weil es den Unternehmen Flexibilität bei der Umsetzung einräumt.»

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Letzte Änderung 26.11.2014

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