Klimaschutz im Alltag: Die Zukunft des Klimas liegt in unserer Hand

Immer mehr Menschen schliessen sich zusammen, um sich gemeinsam für den Klimaschutz einzusetzen. Dazu zählen die von einem Westschweizer Umweltmagazin lancierte «Grosseltern-Bewegung», ein Zürcher Bauernverein sowie Schulklassen, die bei der Initiative «Klimapioniere» mitmachen.

Text: Cornélia Mühlberger de Preux

Am 5. Juni 2014 trafen sich rund 50 Männer und Frauen in der Salle des Vignerons im Bahnhof Lausanne zur Gründung einer Bewegung von Grosseltern, die sich für den Klimaschutz starkmachen. Die Anwesenden - die einen mit graumeliertem Schnauz, die andern mit elegant getöntem Dutt oder Silbersträhnen im Haar - waren aus der ganzen Westschweiz angereist. Auch die Palette der vertretenen Berufe war vielfältig: Werber, Geografin, Physiker oder Lehrerin, einige bereits pensioniert, andere noch im Erwerbsleben. Das Nachmittagsprogramm war vollgepackt. Geplant war, einen Gründungstext zu formulieren, die Zielsetzungen zu definieren, sich einen Namen zu geben und sich auf erste konkrete Aktionen zu einigen.

Lobbyarbeit auf allen Ebenen

So philosophierten und diskutierten die Teilnehmenden nicht nur rege, sondern brachten auch Vorschläge ein. Mit dabei war Eva Affolter-Svenonius, die früher im BAFU tätig war und heute grosse Hoffnungen in die «Bewegung der Grosseltern für das Klima» setzt. Für die ehemalige Mitarbeiterin der Abteilung Internationales, die unter anderem die Arbeiten des Weltklimarates IPCC verfolgt, ist der Klimaschutz absolut prioritär geworden. Das Klima sei aus dem Gleichgewicht geraten, erklärt sie, die Lage werde immer prekärer, und es sei höchste Zeit, konkrete Massnahmen zu ergreifen. «Es reicht nicht, sich privat vernünftig zu verhalten», ist Eva Affolter-Svenonius überzeugt. «Man muss auf allen politischen Ebenen - lokal, kantonal und national, ja gar international - Lobbyarbeit betreiben.»

Ideen für Aktionen gab es viele im Bahnhofbuffet von Lausanne. Unter anderem wurde vorgeschlagen, anlässlich der UNO-Klimakonferenz vom November 2015 einen Protestmarsch am Konferenzort Paris zu organisieren. Andere Vorschläge waren, generationenübergreifende Veranstaltungen zu spezifischen Themen durchzuführen, sich der Kampagne «Go Fossil Free» anzuschliessen, eine Charta der persönlichen Verpflichtungen zu erarbeiten oder das Wasser als gemeinsames Gut zu propagieren.

Helden des Alltags

Bewegungen älterer Menschen für das Klima gibt es bereits in mehreren skandinavischen Ländern und in Nordamerika. Begonnen hat alles in Norwegen mit der Kampagne «Grosseltern für das Klima»: Ihr wichtigstes Ziel war es, das Staatsunternehmen Statoil zum Rückzug aus Ölsand-Projekten zu bewegen. Dazu verbündeten sich die Norweger mit der kanadischen Bewegung «For Our Grandchildren», die sich in ihrem Land für die gleichen Anliegen einsetzt. Um Druck zu machen, gehen die engagierten Seniorinnen und Senioren regelmässig auf die Strasse, verteilen Handzettel, sprechen Passanten an, demonstrieren.

Die Idee, in der Westschweiz eine ähnliche Bewegung auf die Beine zu stellen, stammt von der «Revue Durable», einer vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift, die fundierte Dossiers zu Themen der nachhaltigen Entwicklung publiziert - sei dies zu Energie, Informationstechnologie, Biodiversität oder eben zum Klimawandel. Das Magazin steht auch hinter der Website «Le climat entre nos mains», auf der Interessierte erfahren, wie sie ihre eigenen Treibhausgasemissionen reduzieren und damit Kyoto-kompatibel oder gar noch klimaschonender werden können. Jedermann kann dort die eigene CO2-Bilanz berechnen und überprüfen, wie sie oder er im Vergleich zum Schweizer Durchschnitt und zu den im Kyoto-Protokoll formulierten Klimazielen steht.

Und man kann sich zu konkreten Aktionen verpflichten, um den eigenen Fussabdruck zu verringern. Die in die Tat umzusetzenden Massnahmen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden sind den vier Bereichen Wohnen, Mobilität, Ernährung sowie Konsum zugeordnet. Ein Leitfaden unterstützt die «Helden des Alltags», wie die freiwilligen Umweltschützer genannt werden, mit praktischen Tipps und nützlichen Adressen. Zudem lassen sich über die Website Erfahrungen austauschen oder auch Musterbriefe herunterladen, um Druck auf öffentliche und private Entscheidungsträger auszuüben.

Bis anhin haben sich in der Schweiz, in Frankreich und in Belgien bereits rund 4500 Heldinnen und Helden des Alltags zu Aktionen verpflichtet, darunter nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Institutionen wie die Universität Lausanne und die französischen Gemeindeverbände Grand Nancy und Grand Lyon.

Klimaschonende Bauern

2012 schlossen sich ein Dutzend Landwirte aus Flaachtal (ZH) mit der Absicht zusammen, zu den klimaschonendsten Bauern der Schweiz zu werden. Bis 2020 will «AgroCO2ncept» - so nennt sich ihr Verein - 3 Ziele erreichen. Erstens: 20 % weniger CO2-Emissionen auf ihren Höfen durch Ressourceneinsparung, Kohlenstoffspeicherung und die Produktion von erneuerbarer Energie. Zweitens: 20 % weniger Ausgaben durch Synergien und Effizienzsteigerungen auf der Produktionsseite. Und drittens: 20 % mehr Wertschöpfung durch Wissenserwerb und Wissenstransfer, den Verkauf klimaverträglicher Produkte, den Zertifikatehandel und den Imagegewinn für die Region. Das Besondere am Projekt ist sein integrierender Ansatz. Er umfasst die Energieeffizienz, Ressourcen wie CO2, Boden, Luft, Wasser und Biodiversität, und zudem berücksichtigt er wirtschaftliche Aspekte.

Bereits wurden in den Betrieben der 12 Mitbegründer eine Energie- und eine Treibhausgasbilanz erstellt und 39 Optimierungsmassnahmen formuliert. So sollen unter anderem Mist und Gülle besser bewirtschaftet werden, Anbaumethoden zur Anwendung kommen, die das Pflügen überflüssig machen, und mit Blick auf den Klimaschutz auch die Tiernahrung eine Anpassung erfahren. Dank Modellrechnungen kann zudem jeder Landwirt herausfinden, wie sein Betrieb nach der Umsetzung einer spezifischen Massnahme dasteht. In nächster Zukunft geht es nun darum, weitere Mitglieder zu suchen, die bewährten Praktiken zu verbreiten sowie nicht zuletzt im Pflanzenbau, in der Viehzucht und bei Maschinen und Ausrüstungen in klimaschonende Systeme zu investieren.

Kleine Pioniere werden gross

Die Initiative «Klimapioniere» soll Kindern und Jugendlichen bewusst machen, dass sie eine aktive Rolle übernehmen und selbst zum Klimaschutz beitragen können. Bereits machen weit über 10‘000 Schülerinnen und Schüler bei den Klimapionieren mit; dank ihrer Projekte liessen sich mehr als 250‘000 kg CO2 einsparen. Lanciert wurde die vom BAFU unterstützte Initiative von Swisscom in Zusammenarbeit mit Solar Impulse und der Stiftung myclimate. Seit 2010 wurden in der ganzen Schweiz gegen 500 Projekte erarbeitet: Nutzung von Regenwasser, Förderung regionaler Produkte, Abfalltrennung, Dämmung von Räumen, Modeschau mit Secondhand-Kleidern … Speziell für Lehrkräfte wurde zudem ein Lehrmittel zum Thema Klimaschutz entwickelt.

Seit Oktober 2014 zählen auch die Kinder der Schule des Genfer Vororts Petit Lancy mit ihren zwei Dutzend Klassen zu Klimapionieren. Im Unterricht erfuhren sie Grundlegendes über den Klimawandel und seine Ursachen, aber auch darüber, wie sie mit kleinen Aktionen im Alltag etwas dagegen tun können. Zudem planten die Klassen ein eigenes Projekt, und am 25. November 2014 fand schliesslich im Kursaal von Bern das jährliche grosse Klimafest statt, an dem rund 1000 Schülerinnen und Schüler ihre Vorhaben vorstellten. Dabei dankte Bertrand Piccard, einer der Paten dieser Initiative, jedem Kind höchstpersönlich für seinen Einsatz. Auch 2015 werden die Klimapioniere die Flugroute des Solarflugzeugs Solar Impulse eng verfolgen.

Es gilt, auf allen Ebenen zu handeln und Kindern schon sehr früh umweltbewusstes Verhalten beizubringen. Die Grosskinder von Eva Affolter-Svenonius sind noch zu klein, um selbst aktiv zu werden. Doch die engagierte Grossmutter kann es kaum erwarten, mit ihnen die Umwelt zu beobachten, ihnen etwas über den Umgang mit Energie zu erzählen und zu zeigen, wie man umweltbewusst handelt. Sie ist bereit, ihren Beitrag zu einer Veränderung zu leisten - sowohl auf privater wie auch auf gesellschaftlicher Ebene. Und sie freut sich jetzt schon auf das Gedeihen der Grosseltern-Bewegung, die es allen Menschen einfacher machen soll, ein klimaschonendes Leben zu führen.

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Letzte Änderung 26.11.2014

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