Leitartikel: Den Klimaschutz müssen alle mittragen

Kontinuität und ein breit gefächertes Instrumentarium, das die CO2-Emissionen bei Gebäuden, Industrie und Verkehr verringert, gehören zum Erfolgsrezept der Schweizer Klimapolitik. Der Weg zu einer klimaverträglichen Lebensweise ist allerdings kein Spaziergang, sondern ein Dauerlauf über mehrere Generationen. Eine institutionelle Verankerung auf allen Ebenen beflügelt die kollektiven Anstrengungen.

Bruno Oberle über Klimaschutz, Magazin Umwelt
Bruno Oberle, Direktor BAFU
© Christine Bärlocher/Ex-Press/BAFU

Text: Bruno Oberle, Direktor BAFU

Die Schweiz hat sich zusammen mit der internationalen Staatengemeinschaft verpflichtet, den globalen Temperaturanstieg unter der kritischen Schwelle von zwei Grad zu halten. Angesichts ihres geringen Beitrags zu den weltweiten für die Klimaerwärmung verantwortlichen Treibhausgasemissionen ist klar, dass die Schweiz dieses Ziel nur als Teil der Staatengemeinschaft erreichen kann. Internationale Kooperation in der Klimapolitik ist folglich noch wichtiger als bei anderen Umweltproblemen.

Glaubwürdige Mittlerin dank eigener Anstrengungen

Ende 2015 sollen alle Länder in ein globales Abkommen eingebunden sein und zur Reduktion der klimawirksamen Gase verpflichtet werden. In diesen Verhandlungen engagiert sich die Schweiz auf allen Ebenen. Dank des guten Rufes, den unser Land auf dem internationalen Parkett geniesst, können wir die Entscheide zugunsten einer griffigen Politik beeinflussen und zwischen den unterschiedlichen Interessen vermitteln.

Als glaubwürdige Partnerin gilt die Schweiz auch deshalb, weil sie mit gutem Beispiel vorangeht und ihre Verantwortung wahrnimmt. Als kleine und aufgrund ihrer Innovationskraft erfolgreiche Industrienation ist unser Land geradezu prädestiniert zu zeigen, dass sich Wohlstand und Klimaschutz vereinbaren lassen. Wir können unter Beweis stellen, dass ein klimaverträglicher Weg gangbar ist. Dies im Wissen darum, dass uns eine Mehrgenerationenaufgabe bevorsteht. Wichtig ist dabei, dass wir sowohl die Ursachen des Klimawandels bekämpfen, wie mit seinen Folgen leben lernen - Anpassung und Klimaschutz müssen Hand in Hand gehen.

Wachstum und Treibhausgasemissionen entkoppeln

Bis Mitte dieses Jahrhunderts muss der weltweite Ausstoss von Treibhausgasen auf 1 Tonne CO2 pro Kopf und Jahr sinken. Auf dem Weg dorthin kann die Schweiz erste Erfolge ausweisen: Während im Jahr 1990 durchschnittlich 7,8 t pro Kopf emittiert wurden, waren es 2012 noch 6,4 t. Dieser Rückgang gelang, obwohl im gleichen Zeitraum die Wohnfläche und die Fahrzeugflotte um mehr als ein Drittel zugenommen haben. Eine Entkoppelung von Wachstum und Treibhausgasemissionen hat auch in der Wirtschaft stattgefunden. Die industrielle Produktion ist seit 1990 um über 50 % gestiegen, der CO2-Ausstoss pro erwirtschafteten CHF (BIP) hingegen ist um knapp 30 % gesunken.

Zu dieser Entwicklung beigetragen hat eine breite Palette von Instrumenten, welche die Schweiz in den letzten Jahren nach und nach eingeführt hat. Dazu gehört unter anderem die CO2-Abgabe auf Brennstoffe, die Einsparungen attraktiver macht. Die Einnahmen fliessen grösstenteils zurück an Wirtschaft und Bevölkerung. Ein Drittel davon geht an das Gebäudeprogramm, das Wärmedämmung und CO2-neutrale Heizungen finanziell unterstützt. Über tausend Unternehmen sind von der CO2-Abgabe befreit, weil sie im eigenen Betrieb in CO2-effizientere Anlagen investieren. Im Verkehr greifen CO2-Vorschriften für neue Personenwagen sowie Auflagen, welche die Treibstoffimporteure dazu verpflichten, bis 2020 10 % der von Fahrzeugen verursachten CO2-Emissionen zu kompensieren.

Keine Frage: Die Umstellung auf eine CO2-arme Volkswirtschaft verursacht Kosten. Doch schadet diese Mehrbelastung der Schweiz gesamthaft? Nein, denn der sanfte Druck, den die Klimapolitik auf die Wirtschaft ausübt, bietet auch Chancen. Viele Firmen sind heute für den Klimaschutz sensibilisiert und kennen CO2-wirksame Massnahmen, die ihre Betriebskosten senken und damit ihre Wettbewerbsposition stärken. Kommt dazu, dass Unternehmen, die sich aktiv um eine CO2-Reduktion bemühen, für Investoren attraktiv sind. Denn die Kapitalmärkte bewerten umgekehrt die hohe CO2-Intensität von Firmen zunehmend als Risikofaktor. Zur Bewältigung des Klimawandels gilt es, die Anstrengungen in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich zu verstärken - mit entsprechenden Kosten für Unternehmen, die grosse Mengen an Treibhausgasen emittieren.

Bewusstsein für Klimaschutz im Alltag schärfen

Doch wir dürfen uns nichts vormachen: Der Weg zu einer klimaverträglichen Gesellschaft ist mühevoll und fordert ein kontinuierliches Engagement aller Akteure über einen langen Zeitraum. Die Autos sind zwar heute sauberer und die Häuser besser isoliert als noch vor 20 Jahren. Doch sind wir noch weit vom Idealzustand entfernt. Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, müssen Verkehr und Gebäudepark langfristig völlig CO2-frei werden, und die Wirtschaft muss noch CO2-ärmer produzieren. Ohne technischen Fortschritt gelingt dies nicht. Daher unterstützt der Bund mit einem neu geschaffenen Technologiefonds innovative Unternehmen. Sie erhalten Bürgschaften und so einen einfacheren Zugang zu Fremdkapital.

Kluge Köpfe braucht es aber nicht nur in der Wirtschaft, damit Produkte und Dienstleistungen klimaverträglicher werden, sondern auch aufseiten der Nachfrager. Wir alle haben es in der Hand, bei unseren Konsumentscheidungen auf die Klimawirkung zu achten und damit die Produzenten zu mehr Klimaschutz zu bewegen. Dass Konsumentinnen und Konsumenten beim Einkaufen dem Klima noch zu wenig Bedeutung beimessen, liegt oft nicht am mangelnden Willen, sondern am fehlenden Wissen. Bessere Information, Aus- und Weiterbildung sowie Beratung kann hier Abhilfe schaffen. Zu diesem Zweck baut das BAFU zurzeit ein umfassendes Klimaprogramm auf.

Klimaschutz erfahrbar machen

Wie im Sport gilt auch beim Klimaschutz: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Anfang 2013 trat die neue CO2-Gesetzgebung in Kraft, welche bis 2020 eine Reduktion der schweizerischen Treibhausgasemissionen um 20 % verlangt. Und bereits heisst es, die Klimapolitik für die Zeit nach 2020 vorzubereiten und weitergehende Reduktionsziele festzulegen. So verlangt es das CO2-Gesetz, und der Bundesrat will schon Mitte 2016 eine Vorlage in die Vernehmlassung geben. Der nächste Meilenstein soll für das Jahr 2030 gesetzt werden. Dabei wird der bewährte Instrumentenmix grundsätzlich fortgeführt, aber teilweise etwas umgebaut. Fördermassnahmen wie das Gebäudeprogramm dürften allmählich auslaufen und durch CO2-Vorschriften abgelöst werden. Und die Klimapolitik, die bislang vor allem Sache des Bundes war, soll auch auf Kantone, Städte und Gemeinden übergreifen. Diese sollen Klimaaspekte vermehrt in ihre eigenen Politiken integrieren und damit die entsprechenden Instrumente des Bundes ergänzen.

Lokale Aktionen machen Klimaschutz erfahrbar, schärfen das Problembewusstsein und zeigen konkrete Handlungsmöglichkeiten auf. Individuelle Anpassungen, zum Beispiel der Essgewohnheiten oder des Mobilitätsverhaltens, können bei einer breiten Beteiligung der Bevölkerung viel bewirken. Klimaschutz muss in Zukunft konkreter sein und näher an die Menschen herangeführt werden. Der gesellschaftliche Umbau kann nur gelingen, wenn er auf allen Ebenen mitgetragen wird und zugleich institutionell verankert ist.

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Letzte Änderung 26.11.2014

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