Anpassung in den Kantonen: Die Geschichte vom Mann, der mit seiner Insel versinkt

Neben dem Bund beschäftigen sich auch die Kantone mit den Folgen des Klimawandels; sie entwickeln zunehmend eigene Strategien und Anpassungsmassnahmen. Besonders wichtig dabei ist, dass auch die Regionen und Gemeinden miteinbezogen werden.

Text: Lukas Denzler 

Sensibilisierung
Der Klimawandel findet statt. Heute und vor unserer Haustür.» Diese Botschaft will die Gemeinde Davos im Rahmen einer Sensibilisierungskampagne ihren Bürgerinnen und Bürgern vermitteln. Genauso wie den Touristen. Dazu wurde ein Film produziert, der die lokalen Folgen des Klimawandels aufzeigt – von der Gletscherschmelze bis zur Verlängerung der Pollensaison. Ein Teaser läuft auf den Infobildschirmen in den Ortsbussen.
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/BAFU

Der Klimawandel wird immer mehr sicht- und spürbar: schmelzende Gletscher, schneearme Winter, Hitzewellen und Trockenheit. An diese Entwicklungen gilt es sich anzupassen. 2012 verabschiedete der Bundesrat deshalb seine Strategie zur Anpassung an den Klimawandel. Zwei Jahre später folgte mit dem Aktionsplan der zweite Teil. «Wichtig ist nun, dass auch die Kantone sich Gedanken machen und Massnahmen einleiten, um die Folgen abzufedern und sich bietende Chancen zu nutzen», sagt Roland Hohmann, Sektionschef Klimaberichterstattung und -anpassung beim BAFU. «Weil sich die Herausforderungen je nach Region unterscheiden, müssen die Kantone ihre eigenen Handlungsfelder und Ziele definieren.» Der Bund biete ihnen dabei vielfältige Unterstützung, so Roland Hohmann. Mehrere Kantone haben das Thema bereits aufgegriffen. Nach-folgend vier Beispiele mit den jeweiligen Schwerpunkten.

Graubünden entwickelt Werkzeugkoffer für Regionen

Bereits 2009 liess die Bündner Regierung einen ersten kantonalen Klimabericht erarbeiten. Dass sich der Gebirgskanton vergleichsweise früh mit den Folgen des Klimawandels auseinandergesetzt habe, liege wohl an der Bedrohung durch Naturgefahren, den unterschiedlichen Klimazonen und der Abhängigkeit des Wintertourismus vom Schnee, sagt Georg Thomann vom kantonalen Amt für Natur und Umwelt. 2015 veröffentlichte der Kanton je eine Studie zur Klimaanpassung, zum Klimaschutz und zu den mit dem Klimawandel verbundenen Risiken und Chancen. Die Synthese dieser drei Studien führte zur kantonalen Klimastrategie. Darin sind 10 Handlungsschwerpunkte enthalten. 

Die Bündner Regierung entschied, einen Lenkungsausschuss, ein Klimaforum sowie ein Klimasekretariat zu schaffen. «Im Klimaforum sind 12 kantonale Ämter sowie die Gebäudeversicherung Graubünden vertreten», sagt Georg Thomann, der für das Klimasekretariat und das Klimaforum verantwortlich ist. Dort laufen die Fäden zusammen. Es sei wichtig, betont er, die Regionen und Gemeinden in den Prozess der Bewältigung des Klimawandels einzubinden. So wurde zum Beispiel im Rahmen eines durch den Bund unterstützten Pilotprojekts für die Region Surselva eine Klima-Toolbox entwickelt – ein Werkzeugkoffer zum Umgang mit dem Klimawandel auf regionaler Ebene. Er enthält unter anderem Informationsmaterial dazu, wie sich die klimatischen Änderungen auf den Lebens-, Wirtschafts- und Naturraum der Surselva auswirken. Die Unterlagen und Ideen unterstützen regio-nale Entscheidungsträger dabei, in einem moderierten Prozess einen gemeinsamen Massnahmenplan zu entwickeln. Die Erfahrungen seien positiv, und man wolle dieses Instrument für alle Regionen des Kantons weiterentwickeln, ergänzt Georg Thomann.

Die Waadt identifiziert klimabedingte Herausforderungen

Der Kanton Waadt orientierte sich bei seiner Risikoanalyse weitgehend an der Strategie des Bundes. «Mithilfe von Experteninterviews ermittelten wir die wichtigsten Herausforderungen», erläutert Tristan Mariethoz von der Direction générale de l’environnement des Kantons Waadt. Von den 85 ermittelten Problemen sind 10 als prioritär eingestuft worden. Dazu zählt unter anderem die schon länger erkannte Problematik von Bewässerung und Wasserknappheit.

Eher überraschend betreffen 6 der 10 prioritären Herausforderungen die Biodiversität. Die Ökosysteme und Arten würden mit zunehmendem Klimawandel noch stärker unter Druck geraten, sagt Tristan Mariethoz. Und zwar nicht nur wegen der Klimaveränderung, sondern auch weil das Risiko bestehe, dass Anpassungsmassnahmen in anderen Bereichen die Situation der Biodiversität weiter verschlechterten. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn Wintersportorte im grossen Stil Anlagen zur künstlichen Beschneiung bauen oder wenn die Waldwirtschaft vermehrt auf an Trockenheit angepasste, aber gebietsfremde Baumarten setzt. Eine Gesamtbetrachtung sei deshalb unerlässlich, betont Tristan Mariethoz. In einem nächsten Schritt werden nun Schwerpunkte für eine Roadmap ausgearbeitet. Über die Umsetzung wird anschliessend die neu gewählte Regierung befinden.

Der Aargau fokussiert auf Biodiversität

Auch im Kanton Aargau ist die Biodiversität als wichtige Herausforderung erkannt worden – dies ergab unter anderem die Chancen-Risiko-Analyse, die im Auftrag des BAFU erarbeitet wurde. Bereits heute leiden viele Arten unter übermässigen Nährstoff- und Schadstoffeinträgen sowie dem steigenden Nutzungsdruck auf die Lebensräume. «Der Klimawandel verschärft das Problem zusätzlich», sagt Norbert Kräuchi, der Leiter der kantonalen Abteilung Landschaft und Gewässer. Da sich die Lebensräume mit fortschreitendem Wandel weiter verändern, ist es für zahlreiche Arten überlebenswichtig, dass sie in nahe gelegene andere Lebensräume ausweichen können. Dazu müssen diese heute oft isolierten Biotope besser vernetzt werden.

Eine vertiefte Analyse im Bereich Biodiversität ermöglichte im Aargau das vom Bund unter Federführung des BAFU lancierte Pilotprogramm zur Anpassung an den Klimawandel. Als konkretes Ergebnis ist dabei ein Leitfaden zum «Klimawandel-Check» für das Biodiversitätsmanagement wertvoller Schutzgebiete entwickelt worden. «Ein weiteres Hilfsmittel ist ein Merkblatt zum Thema ‹Natur im Siedlungsraum und Klimawandel› für die Gemeinden», erläutert Norbert Kräuchi. Hier würden Möglichkeiten aufgezeigt, wie den Folgen des Klimawandels mit zusätzlichen Grün- und Freiflächen begegnet werden könne. Dabei soll einerseits ein angenehmeres Lokalklima für die Menschen geschaffen und andererseits die Biodiversität gefördert werden.

Solothurn setzt auf Information

Der Kanton Solothurn stützt sich bei der Anpassung an das sich wandelnde Klima ebenfalls vorwiegend auf die Bundesstrategie ab – und er nutzt dabei die im Aargau durchgeführte Studie. «Der Auslöser, uns mit dem Klimawandel und seinen Folgen für den Kanton zu befassen, war eine Interpellation im Parlament», erklärt Martin Heeb vom kantonalen Amt für Umwelt. In der Folge wurden in Solothurn die wichtigsten Bereiche identifiziert, in denen die kantonale Verwaltung im Klimabereich selbst aktiv werden kann. Die Spannweite des Aktionsplans reicht von einer angepassten Wassernutzung über eine verbesserte Warnung bei Waldbrandgefahr bis hin zum Schutz der Bevölkerung bei Hitzewellen. Gleichzeitig legt man einen speziellen Fokus auf die Information. Entscheidend, davon ist Martin Heeb überzeugt, sei dabei die Sensibilisierung der Menschen für den Klimawandel und dessen Folgen. Dafür werden auch nicht alltägliche Mittel eingesetzt: humorvolle Postkarten mit bedenkenswerten Botschaften, Tischsets in den Restaurants, die die Auswirkungen des Klimawandels thematisieren, und Klimageschichten, in denen unterschiedliche Menschen zu Wort kommen und sich Gedanken über unseren Umgang mit dem Klimawandel machen. Darunter etwa der Schriftsteller Franz Hohler. In einer Kurzgeschichte erzählt er von einem Mann, der mit seiner Insel im Meer versinkt und dessen letzter Gedanke war, dass er vielleicht doch mehr für seine Insel hätte tun sollen.

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Letzte Änderung 28.08.2017

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