Gesundheit: Trotz erhöhter Temperatur gesund

Heisse Sommer und milde Winter schaffen hierzulande günstige Bedingungen für Insekten aus dem Süden, die sich dann ausbreiten und unter Umständen exotische Krankheiten übertragen können. Neu eingebrachte Pflanzen wiederum bergen das Risiko von Allergien, und länger andauernde Hitzewellen mindern das Wohlbefinden von Mensch und Tier. Doch die Schweiz verfügt über Möglichkeiten, um sich gegen gesundheitliche Folgen des Klimawandels zu wappnen.

Text: Lucienne Rey 

STADTBÄUME IN BERN
Nicht alle Bäume kommen mit den neuen klimatischen Bedingungen gleich gut zu recht. Der Baumbestand der Stadt Bern etwa ist bereits heute teilweise geschwächt. Baumarten wie der Gewöhnlichen Rosskastanie, der Sommer-Linde und dem Berg-Ahorn wird der Klimawandel weiter zusetzen. Andererseits, so hat eine Studie ergeben, gibt es Bäume, die sich für das Klima der Zukunft gut eignen, zum Beispiel Zerr-Eiche, Tatarischer Steppen-Ahorn oder Orientalische Hainbuche. Eine Alternative aus dem Mittelmeerraum ist auch der Französische Ahorn (im Bild), der warme Standorte liebt und zugleich frosthart ist. Infotafeln orientieren die Bevölkerung über die Funktion der Stadtbäume.
© Miriam Künzli/Ex-Press/BAFU

In der griechischen Mythologie verleiht Ambrosia als Götterspeise Unsterblichkeit. Im nüchternen Alltag könnte sie schlimmstenfalls einen tödlichen Asthmaanfall provozieren: Die Pflanze mit den gefiederten Blättern und den bescheidenen Blüten, die den wohlklingenden Namen Ambrosia artemisiifolia trägt, ist wegen ihrer aggressiven Pollen gefürchtet. Ursprünglich in Nordamerika beheimatet, gelangte sie bereits im 19. Jahrhundert an Bord von Frachtschiffen auf den alten Kontinent. 

Doch erst der Klimawandel machte Europa für das Aufrechte Traubenkraut – so der deutsche Name – attraktiv. Mittlerweile fühlt es sich hier sogar ausgesprochen wohl: Im Jahr 2014 stellten Forschende aus dem Frankfurter Biodiversitäts- und Klima-Forschungszentrum fest, dass die Samen der Pflanzen in Europa grösser seien und ihre Keimrate höher als im Herkunftsland. Eine französische Studie untersuchte die Ausbreitung der Ambrosia und kam zum Schluss, die Erhöhung der Luftbelastung durch ihre Pollen sei zu zwei Dritteln der Klimaerwärmung und nur zu einem Drittel der Verbreitung von Samen zuzuschreiben. Ambrosiapollen tragen das stärkste aller Pflanzenallergene. Schon 6 bis 10 Pollen pro Kubikmeter Luft reichen, um Kopfschmerzen, Heuschnupfen oder Asthma auszulösen; bei Gräserpollen braucht es dafür das Fünffache.

Luftschadstoffe und Hitze kosten Leben

Damiano Urbinello aus der Abteilung Gesundheitsstrategien des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) weiss um das Leiden der Allergiegeplagten: «Mit der Klimaerwärmung verlängert sich die Vegetationsphase.» Dass Ambrosia erst spät blüht, fällt also umso stärker ins Gewicht. Überhaupt bergen nicht einheimische Pflanzen ein erhebliches Gesundheitsrisiko. Der Fachmann warnt insbesondere vor Kreuzreaktionen: «Durch diese könnten neue Allergene entstehen, mit denen die Menschen noch nicht in Kontakt waren und auf die sie daher besonders sensibel reagieren», so Damiano Urbinello. 

Auch Personen, die generell an Atemwegserkrankungen leiden, bringt die Klimaerwärmung Ungemach. «Mit steigenden Temperaturen nimmt auch die Luftbelastung mit Ozon zu, das die Atemwege reizt», betont der Experte des BAG. Andere klimaaktive Schadstoffe wie Feinstaub oder schädliche Stickstoffverbindungen belasten die Gesundheit ebenfalls: Weltweit lassen sich mehr als 7 Prozent aller vorzeitigen Todesfälle den Folgen der Luftverschmutzung mit Feinstaub zuschreiben.

Gefürchtet sind schliesslich die Hitzewellen, die in den letzten Jahrzehnten in Europa Tausende von Todesfällen zur Folge hatten. Im «Jahrhundertsommer» im Jahr 2003 kamen allein in Frankreich rund 15 000 Menschen ums Leben, während hierzulande fast 1000 Personen vorzeitig starben.

Hechelndes Vieh gibt weniger Milch

Hitze zieht nicht nur Menschen in Mitleidenschaft. Auch Nutzvieh leidet unter exzessiver Wärme. Kühe beispielsweise fühlen sich am wohlsten bei Temperaturen zwischen 4 und 16 Grad. Steigen diese über 24 Grad, können die Tiere in Hitzestress geraten: Ihre Atemfrequenz erhöht sich, und sie beginnen sichtbar zu «pumpen». Unter hohem Hitzestress hecheln sie mit lang gestrecktem Hals; ihre spärlichen Schweissdrüsen auf dem Rücken und im Bereich des Beckens reichen nicht, um den Körper effizient zu kühlen. 

Davon abgesehen, dass kein Bauer es mag, wenn sich seine Tiere unwohl fühlen, muss er auch damit rechnen, dass ihre Leistung abnimmt. Im Rahmen einer Studie aus Brandenburg frassen hitzegeplagte Kühe 15 Prozent weniger, was ihren Milchertrag um 10 Prozent verminderte. Wie ein Bericht des BAFU über den Hitzesommer 2015 belegt, waren die Sommermonate der Jahre 2003 und 2015 durch eine deutliche Häufung von Tagen gekennzeichnet, an denen Milchkühe unter mildem oder stärkerem Hitzestress zu leiden hatten.

Exotische Krankheiten auch im Norden

Zu den Gewinnern des Klimawandels dagegen gehören viele Insekten – darunter solche, die als sogenannte Vektoren verschiedene Krankheiten übertragen können. Beim West-Nil-Virus etwa erfolgt die Ansteckung über Stiche der Gemeinen Stechmücke. «Das West-Nil-Fieber kann sowohl Menschen als auch Tiere befallen, und es hat sich in den letzten 10 Jahren in Europa ausgebreitet», bestätigt Ruth Hauser aus dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Wärmere Temperaturen fördern die stärkere Vermehrung der Mücken, was das Risiko einer Ansteckung erhöht, wenn sie das Virus in sich tragen. Beim Menschen ruft dieses meistens kaum Symptome hervor, doch bei etwa 1 Prozent der Infizierten verursacht die Krankheit Gehirn- oder Hirnhautentzündungen. Pferde gehören ebenfalls zu den Endwirten des Virus. Zwar kann die Infektion auch bei ihnen spurlos vorübergehen. Aber in manchen Fällen führen hohes Fieber und Gehirnentzündung zum Tod der Tiere. 

In der Schweiz trat das West-Nil-Fieber bis jetzt nur bei Menschen auf, die sich zuvor in anderen Ländern aufgehalten hatten und das Virus mit sich führten. Auch andere Krankheiten, die von Zecken, Sandfliegen oder Mücken übertragen werden, erweitern dank der Reisetätigkeit der Menschen ihr Verbreitungsgebiet. Dengue- und Chikungunyafieber oder auch Malaria musste man bis vor wenigen Jahren einzig in den Tropen fürchten. Heute werden die Krankheiten immer öfter von Reisenden eingeschleppt. Werden solche Leute hier von Mücken gestochen, können Letztere das Virus auch auf Personen übertragen, die sich noch nie im Süden aufgehalten haben.

Globalisierung verbreitet Krankheitserreger

Das BAFU überwacht seit dem Jahr 2013 in der ganzen Schweiz die Verbreitung der Asiatischen Tigermücke, die sowohl Dengue- als auch Chikungunya-, Zika- und West-Nil-Viren übertragen kann. «Bis jetzt wurden aber nur vereinzelte Tigermücken oder deren Eier gefunden», bestätigt Basil Gerber aus der Sektion Biotechnologie des BAFU. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass es vor allem der Waren- und Personentransport ist, der die Ausbreitung der Krankheiten begünstigt. «Die ersten Tigermücken in Europa wurden Ende der 1970er-Jahre in Albanien gefunden; sie waren mit einer Lieferung alter Pneus aus China ins Land gekommen», präzisiert Basil Gerber. 

Auf kurze Frist betrachtet, ist es also vor allem dem Warenfluss zuzuschreiben, wenn sich exotische, von Vektoren übertragene Krankheiten in Europa verbreiten. Nutztiere sind dieser Gefahr eher weniger ausgesetzt als Menschen: «Tiertransporte werden genau dokumentiert und viel besser überwacht als Passagiere auf der Urlaubsreise», so Ruth Hauser vom BLV. Dass aber langfristig ein wärmeres Klima exotische Krankheitserreger begünstigt, steht für BAFU-Fachmann Basil Gerber ausser Frage.

Auch Wildtiere leiden

Höhere Temperaturen führen mitunter auch dazu, dass Krankheiten, die bei kühlerem Klima kaum Schäden verursachen, sich stärker manifestieren. Die Proliferative Nierenkrankheit (PKD), die durch einen Parasiten auf Forellen und ihre nahen Verwandten übertragen wird, ist ein solches Leiden. Die Tiere entwickeln nämlich nur dann Symptome, wenn die Wassertemperatur längere Zeit über 15 Grad liegt. «Es gehen vor allem Jungtiere ein», erklärt Ruth Hauser. «Man sieht dabei nicht unbedingt tote Fische im Bach treiben, denn die kleinen Forellen verstecken sich und sterben im Verborgenen.»

Im Rahmen eines Pilotprojekts wurden die Verbreitung und die Entwicklung der PKD untersucht und Empfehlungen für Gegenmassnahmen ausgearbeitet. Das Pflanzen von Bäumen entlang von Flüssen und Bächen hilft, die Temperatur der Wasserläufe kühl zu halten, und auch Gewässerrenaturierungen tragen dazu bei, den Stress für die Fische zu reduzieren und dadurch ihre Widerstandskraft zu erhöhen.

Gesundheitliche Folgen der Klimaerwärmung lassen sich begrenzen

In der Schweiz kommt dem Risiko gesundheitlicher Schäden durch den Klimawandel eine eher untergeordnete Bedeutung zu – dies im Unterschied zu den Ländern, die ohnehin schon unter Dürren leiden oder die nicht über die finanziellen und logistischen Möglichkeiten verfügen, um ihre Bevölkerung zu versorgen. Auch für hitzegeplagte Nutztiere finden hiesige Landwirte pragmatische Lösungen. Sie installieren Ventilatoren oder Sprinkleranlagen, die dem Vieh die benötigte Kühlung bringen. 

Die Ambrosiapflanze wiederum figuriert nach der Pflanzenschutzverordnung unter den «besonders gefährlichen Unkräutern», für die eine Melde- und Bekämpfungspflicht besteht. Die von den Kantonen eingeleiteten Massnahmen führten dazu, dass es vielerorts weniger Fundstellen gab. Zur Eindämmung der Ausbreitung der Pflanze beigetragen hat auch die Futtermittel-Verordnung, die seit 2005 fordert, Vogelfutter dürfe keine Ambrosiasamen enthalten. 

Auch exzessiven Sommertemperaturen lässt sich entgegentreten. Als Reaktion auf den Hitzesommer 2003 haben mehrere Kantone der Romandie und das Tessin kantonale Hitzepläne ausgearbeitet, die sich bewähren. Dies zeigte sich in den Sommermonaten 2015 mit Temperaturen, die mit denen im Jahr 2003 vergleichbar waren: Obschon der landesweite Hitzerekord mit 39,7 Grad an den Ufern des Genfersees auftrat, verzeichnete diese Region verglichen mit dem Schweizer Durchschnitt einen leicht geringeren Anstieg der Sterblichkeit. Dass die Massnahmen der Behörden nicht noch mehr Todesfälle verhindern konnten, führt eine Studie des Swiss Tropical and Public Health Institute darauf zurück, dass sich zwischenzeitlich der Anteil älterer Personen in der Schweizer Bevölkerung erhöht hatte – also diejenige Gruppe grösser geworden ist, die von übermässiger Hitze besonders bedroht wird. 

Die Erfahrungen der letzten Jahre bezeugen somit: Wir können den Folgen des Klimawandels zwar nicht ausweichen, doch immerhin zuversichtlich sein, dass wir die gesundheitlichen Auswirkungen in Grenzen zu halten vermögen.

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Letzte Änderung 28.08.2017

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