Landschaftsqualitätsbeiträge: Eine Landschaft voller Dynamik im Val-de-Ruz

26.08.2015 - Mit dem neuen Instrument der Landschaftsqualitätsbeiträge will der Bund attraktive Landschaften gezielt erhalten, fördern und entwickeln. Seit April 2014 hat das Bundesamt für Landwirtschaft 111 entsprechende Projekte bewilligt. Eines davon betrifft die Hochebene des Val-de-Ruz im Neuenburger Jura.

Das Val-de-Ruz im Neuenburger Jura ist ein landschaftlich attraktives Hochtal zwischen La Chaux-de-Fonds und der Kantonshauptstadt Neuenburg. Das Landschaftsbild wird geprägt durch noch weitgehend kompakte Dörfer, lange Alleen entlang der Verbindungsstrassen, weitläufige Hecken und das farbenreiche Mosaik an Ackerflächen und Wiesland.
© David Vuillemez

Text: Cornélia Mühlberger de Preux

Wir befinden uns auf dem Platz vor dem Bahnhof in Les Hauts-Geneveys. «Von hier aus hat man einen guten Überblick», sagt Alain Lugon, Biologe und Leiter des Ökologiebüros L’Azuré in Cernier (NE). Er zeigt auf die sich vor unseren Augen ausbreitende Patchwork-Landschaft. «Schauen Sie sich diesen Wechsel zwischen Ackerkulturen und Grünland an. Das ist die Kornkammer unseres Kantons.» Dann zählt er die Elemente auf, welche das Val-de-Ruz so einzigartig machen: Felder, Wiesen, Alleen, Einzelbäume, Obstgärten, Hecken, Haine und Wasserläufe. «Zum Glück tendieren die Dörfer hier nicht zur Zersiedelung, wie dies anderswo zu beobachten ist», stellt der Biologe fest. Tatsächlich sind die Siedlungen nach wie vor in sich geschlossen und klar von den Landwirtschaftszonen abgegrenzt.

Wir machen uns auf den Weg und steigen gemächlich ins Tal ab. Beim Spaziergang vorbei an über hundertjährigen Birnbäumen, welche die Strasse von Boudevilliers nach Fontaines säumen, zeigt uns Alain Lugon eine Besonderheit dieser Landschaft: die zahlreichen in Alleen angeordneten Bäume. Nicht weniger als 1500 gibt es davon. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ursprünglich hier gepflanzten Pappeln durch robuste Birnbäume der Sorte «Wasserbirne» ersetzt. Heute sind die Alleen im Hochtal über dem Neuenburgersee durch kommunale Gestaltungspläne geschützt. «Doch die Bäume werden alt und müssen ersetzt werden», sagt Alain Lugon. Dabei erweisen sich die Landschaftsqualitätsbeiträge als Segen.

Bewaldete Höhenzüge begrenzen die Hochebene des Val-de-Ruz. Neben den Alleen und Hecken machen auch markante Einzelbäume den Reiz dieser Gegend aus, die von der landwirtschaftlichen Nutzung dominiert wird.
© Alain Lugon, David Vuillemez und Jean-Lou Zimmermann

Die regionalen Vorzüge pflegen

Bis 2014 hat das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) mit seinen Direktzahlungen für die Pflege von Kulturlandschaften primär die Offenhaltung von Flächen sowie vielfältige Lebensräume gefördert. Dabei standen vor allem Hanglagen, Sömmerungsgebiete und die ökologische Vernetzung im Fokus. Unberücksichtigt blieben dagegen regionale Anliegen oder landschaftliche Kulturwerte wie etwa die Pflege von Alleen, die Erhaltung von Waldweiden oder die Förderung des Bergackerbaus. «Die Agrarpolitik 2014-2017 schliesst diese Lücke durch Landschaftsqualitätsbeiträge», erklärt Franziska Grossenbacher vom Fachbereich Direktzahlungsprogramme beim BLW. «Das Instrument ermöglicht eine finanzielle Unterstützung von Landwirtschaftsbetrieben, welche sich für die Pflege und Bewahrung charakteristischer Elemente der regionalen Agrarlandschaft einsetzen.» Pro Hektare Nutzfläche bezahlen der Bund und die Kantone dafür maximal 360 CHF. Voraussetzung für die Gewährung solcher Zahlungen bildet ein Dossier mit den Landschaftszielen und den vorgesehenen Massnahmen. Die fachliche Prüfung der Unterlagen erfolgt durch eine verwaltungsinterne Kommission mit Fachleuten des BLW und einem Vertreter des BAFU. Das BLW entscheidet, welche Projekte Unterstützung erhalten, und bezahlt 90 % der Beiträge. Es verlangt zudem, dass möglichst alle Betroffenen am Prozess beteiligt werden.

«Die Landschaftsqualitätsbeiträge sind ein vorbildliches neues Instrument der Landschaftspolitik», findet Daniel Arn, der beim BAFU für diese Vorhaben zuständig ist. Bei der Weiterentwicklung von Landschaften werde deren Charakter gewahrt, und die Projekte zielten auf die Erhaltung und Förderung der regionalen Eigenart, Schönheit und Vielfalt ab.

© Alain Lugon, David Vuillemez und Jean-Lou Zimmermann

Die Bauernbetriebe ziehen mit

Die Projektidee ist im Val-de-Ruz auf fruchtbaren Boden gefallen. Schliesslich besteht hier bereits seit dem Jahr 2000 ein Vernetzungsprojekt zur Förderung der biologischen Vielfalt. So konnten sich die Bäuerinnen und Bauern an den Vorbereitungstreffen rasch auf die wichtigsten landschaftlichen Aspekte einigen, die sie aufwerten wollten. Dabei räumten sie der Erhaltung des Mosaiks aus Ackerkulturen und Grasland sowie den Alleen Priorität ein. Im Projekt, das die Vereinigung Ecoréseau et Paysage im Januar 2014 beim BLW einreichte, stehen diese Ziele denn auch zuoberst auf der Agenda. Dazu kommen Massnahmen zur Förderung von naturnahen Mähwiesen, Kraut- oder Brachstreifen zwischen den Ackerkulturen, von strukturierten Weiden, Einzelbäumen auf Feldern, markanten Bäumen bei den Höfen oder auch Hochstammobstgärten.

Das Büro L’Azuré und die Landwirtschaftskammer haben im Auftrag der Projektträgerin alles unternommen, um die bäuerliche Bevölkerung zu überzeugen. Zuerst erhielten sämtliche Betroffenen den erarbeiteten Massnahmenkatalog. Danach besuchten im Sommer 2014 zwei Fachpersonen alle Interessierten und boten ihnen konkrete Beratungen an. Im Rahmen einer gemeinsamen Diskussion entstand in der Folge eine Liste der möglichen Massnahmen. «Dabei versuchten wir, den Erfahrungsaustausch unter Landwirten, Biologinnen und Agronomen zu fördern», sagt Alain Lugon.

90 von rund 100 Bauernhöfen im Val-de-Ruz liessen sich auf dieses Abenteuer ein, und sogar Verantwortliche von Grossbetrieben, die ihre Felder intensiv bewirtschaften, schlossen sich an. Danielle Rouiller, Biobäuerin aus Cernier, war sofort mit von der Partie: «Dieses Projekt bietet uns einerseits die Chance, die Landschaft und ihre Vielfalt selbst bewusster wahrzunehmen und andererseits der Öffentlichkeit zu zeigen und zu erklären, was wir tun. So können wir als Vermittelnde auftreten und müssen nicht einfach nur umsetzen, was aus Bern kommt.»

© Alain Lugon, David Vuillemez und Jean-Lou Zimmermann

Ein willkommener Zustupf

Zweifellos spielen auch finanzielle Überlegungen eine Rolle. «Wir gehen von einem unternehmerischen Ansatz aus, der sowohl den Bewirtschaftenden als auch der Landschaft einen Mehrnutzen bringt», sagt Alain Lugon. Je ausgewogener das Verhältnis zwischen Ackerbau und Grasland, umso mehr Beiträge erhält ein Betrieb und desto bunter wird das Mosaik der bewirtschafteten Parzellen.

Auch wer sich für den Unterhalt der Alleen und ihre Erneuerung einsetzt, kann profitieren. Bis anhin sorgten diese Bäume am Strassenrand vor allem für Unannehmlichkeiten - etwa weil ihre Kronen Schatten werfen, die Bäume zu viel Wasser brauchen oder ihre Wurzeln bis in die Felder reichen. Heute erhalten Betriebe für jeden Alleebaum, der an ihre Felder grenzt, jährlich 30 CHF. Allerdings müssen sie auch gewisse Vorgaben bezüglich der Distanz zwischen den Bäumen sowie bei der Pflege der Baumscheiben einhalten.

Vertragliche Vereinbarungen

Nachdem sie gemeinsam mit den Fachleuten die möglichen Eingriffe und Verbesserungen definiert hatten, unterzeichneten die Landwirte eine Bewirtschaftungsvereinbarung. Dabei handelt es sich um eine vertragliche Verpflichtung gegenüber dem Kanton mit einer Laufzeit von acht Jahren - so lange dauern auch die Vernetzungsprojekte. Gegenwärtig steht die Umsetzung der Massnahmen an. So werden vielfältigere Kulturen in der Fruchtfolge angebaut, neue Elemente wie etwa Hecken und Hochstammobstgärten angelegt oder auch andere Bäume vor den Höfen oder entlang der Strassen gepflanzt.

Die Erneuerung der Alleen hat ebenfalls bereits begonnen. «Die modernen Verkehrswege im Val-de-Ruz umfassen standardkonforme Strassen mit Velostreifen und Laubbaumalleen», hält Alain Lugon fest. Auch Danielle Rouiller wird die zu ihrem Hof führende Birn-baumallee ergänzen. Aus Sicherheitsgründen sollen die Bäume etwas weiter von der Fahrbahn entfernt wachsen.

Beim Ersatz alter Bäume in den Alleen greift man heute auch auf andere Arten wie etwa Linden oder Elsbeeren zurück, denn die im Spätsommer auf die Fahrbahn fallenden Früchte können Probleme verursachen. Zwischen Fontaines und Engollon steht bereits eine Reihe prächtiger Linden. Aber auch Elsbeeren weisen Vorteile auf: Sie sind ästhetisch, widerstehen dem Streusalz, bilden senkrechte Wurzeln und wachsen in die Höhe.

© Alain Lugon, David Vuillemez und Jean-Lou Zimmermann

Mitwirkung der Bevölkerung

Im Zusammenhang mit der 2011 beschlossenen Gemeindefusion im Hochtal lancierten die Behörden damals den Mitwirkungsprozess «Habiter au Val-de-Ruz». In diesem Rahmen war auch die breite Bevölkerung einbezogen und konnte an Workshops zum Thema Lebensraum über die Entwicklung der Landschaft diskutieren. Dabei bestätigten die Anwesenden klar, wie sehr ihnen der Widerstand gegen die Zersiedelung sowie die Erhaltung von mosaikartigen Ackerkulturen und Alleen am Herzen liegen. «Ihre Haltung stimmte mit den Zielen des Landschaftsqualitätsprojekts überein», sagt Alain Lugon.

Projekte in allen Regionen

Im April 2014 hat das Bundesamt für Landwirtschaft 71 Landschaftsqualitätsprojekte bewilligt. In einer zweiten Runde sind innerhalb der festgelegten Frist 40 weitere Projekte eingegangen. Die Umsetzung erfolgt gestaffelt, wobei alle Regionen die Möglichkeit haben, solche Vorhaben zu realisieren. «Mit der Erarbeitung und Umsetzung der Landschaftsqualitätsprojekte erhalten die Landschaftsfunktionen in den Regionen eine grössere Beachtung», freut sich Daniel Arn vom BAFU. Dadurch werde die wichtige Rolle der Landschaft für die Naherholung und den Tourismus, als Standortfaktor, aber auch als identitätsstiftendes Element für die ansässige Bevölkerung deutlich geschärft.

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Letzte Änderung 26.08.2015

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