Unesco-Welterbestätten: Die Natur- und Kulturgüter sind das Erbe der Menschheit

25.11.2015 - Das internationale Übereinkommen zum Schutz des Weltkultur- und Naturerbes blickt auf eine gut 40-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Mit 8 anerkannten Kultur- und 3 Naturdenkmälern verfügt die Schweiz über eine vergleichsweise hohe Zahl an Unesco-Welterbestätten. Ihre Verbundenheit mit diesem Erbe haben zahlreiche Akteure jüngst in einer Charta bezeugt.

Das Nährgebiet des Aletschgletschers liegt an der Südflanke der Berner Hochalpen in der Jungfrauregion. Auf der Walliser Seite gelangt das Schmelzwasser des grössten Alpengletschers via die Massa in die Rhone.
© Jungfraubahnen und Raphael Schmid, Managementzentrum SAJA

Text: Viera Malach

Für die Aufnahme in die Welterbeliste der Naturgüter muss eine Landschaft strikt angewandte Qualitätskriterien erfüllen, die ihren aussergewöhnlichen universellen Wert bezeugen. Das Gebiet Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch (SAJA) hat diese Prüfung durch das Welterbekomitee im Jahr 2001 locker bestanden. Es wird nämlich gleich mehreren Bedingungen der UNO-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) gerecht. So gilt SAJA als eindrückliches Beispiel der alpinen Gebirgsbildung und der damit verbundenen geologischen und geomorphologischen Vielfalt. Mit dem Aletschgletscher verfügt das Gebiet über die grösste zusammenhängende vergletscherte Fläche im westlichen Eurasien. Die Region ist denn auch ein hervorragendes Anschauungsbeispiel für die Entstehung der Gebirge und die eiszeitliche Geschichte, aber auch für den Klimawandel. Zudem bietet sie ein breites Spektrum an alpinen und subalpinen Lebensräumen mit grossartigen Beispielen ökologischer Sukzession. Dazu gehört etwa die charakteristische obere und untere Baumgrenze des Aletschwaldes. Überdies spielte die eindrückliche Landschaft eine bedeutende Rolle für die europäische Literatur und Kunst, das Bergsteigen sowie den alpinen Tourismus. Nicht zufällig gilt das Gebiet weltweit als eine der spektakulärsten Bergregionen.

Spagat zwischen Schutz und Nutzen

«Das Welterbe ist kein Museum. Wir wollen das Gebiet erlebbar machen und Respekt vor der Natur vermitteln», sagt Beat Ruppen, Leiter des Managementzentrums von SAJA. Deshalb bemühe man sich, die einmaligen Naturräume und kulturellen Werte aufzuzeigen. Als Beispiel erwähnt er die diesjährige Kampagne «Entdecke das Unesco-Welterbe» mit Rucksack-Logo auf der Webseite www.myswissalps.ch. Je nach Region, Gemeinde oder Thema lassen sich hier Wanderungen und Angebote kombinieren oder Geschichten finden zu Stichworten wie Gletscher, Landwirtschaft, Siedlungen und Verkehr.

«Der Ausgleich zwischen Naturschutz und wirtschaftlicher Entwicklung ist ein dynamischer Prozess», stellt Carlo Ossola von der BAFU-Sektion Ländlicher Raum fest. «Ohne ein optimales Management lässt sich das Welterbe nicht sichern», sagt der Biologe, der sich beim BAFU um das Weltnaturerbe kümmert. Deshalb müsse man gerüstet sein, wenn unterschiedliche Interessen aufeinander prallen. «Es ist die Aufgabe von uns allen, das Welterbe für künftige Generationen zu bewahren. Sein Schutz liegt in unserer Verantwortung.»

Dies bekräftigt auch die am 23. März 2015 in Bern feierlich unterzeichnete «Schweizer Charta zum Welterbe». Sie ist ein Bekenntnis zur Erhaltung und sorgsamen Pflege der Welterbestätten. Träger sind Behörden von Bund, Kantonen und Gemeinden ebenso wie nationale Organisationen, Unternehmen und zahlreiche Einzelpersonen. Die Unterzeichnenden bekräftigen, die Verwaltung des Welterbes zu sichern, eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen und das gemeinsame Engagement den heutigen und künftigen Generationen zu vermitteln.

Auch die Welterbestätte Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch hat ein feierliches Versprechen abgelegt: In der «Charta vom Konkordiaplatz» verpflichten sich 25 Gebirgsgemeinden aus den Kantonen Bern und Wallis, gemeinsam für das Weltererbe und eine nachhaltige Regionalentwicklung einzustehen. 2001 haben die Beteiligten am «Ort der Einheit», wo sich drei mächtige Firnströme zum Grossen Aletschgletscher vereinen, das Dokument symbolisch im Eis versenkt.

Auf Anregung der lokalen Bevölkerung hat das Welterbekomitee im Jahr 2007 einer Erweiterung des Perimeters zugestimmt. Ein zentrales Element des gemeinsamen Auftritts ist das in der Welterbegemeinde Naters (VS) gegenwärtig entstehende World Nature Forum. Ab 2016 soll es als Informations- und Besucherzentrum für SAJA dienen.

Das Gredetschtal hoch über Brig (VS) ist eine noch weitgehend intakte Naturlandschaft und Teil des von der Unesco anerkannten Weltnaturerbes Schweizer Alpen Jungfrau- Aletsch (SAJA).
© Raphael Schmid, Managementzentrum SAJA

Eine neue Wasserfassung als Prüfstein

Neben dem Anliegen einer langfristigen Erhaltung der Gebirgslandschaften bestehen freilich auch andere Interessen. So planen die Energieunternehmen Electra-Massa und EnBAG im Gebiet Oberaletsch seit längerer Zeit eine neue Wasserfassung, um die Stromproduktion eines bestehenden Kraftwerks auszubauen. Im Mai 2012 haben sie mit den Gemeinden Naters und Riederalp (VS) eine Absichtserklärung zur Nutzung des Gletscherwassers unterzeichnet. Dafür machen sie die eingeläutete Energiewende geltend und argumentieren, unter den neuen Rahmenbedingungen wolle man das Gebiet zur Gewinnung von zusätzlichem Strom aus Wasserkraft nutzen. Um die Auswirkungen auf den aussergewöhnlichen Wert des Welterbes zu verringern, soll das unterhalb des Oberaletschgletschers gefasste Wasser in einem gut 3,2 km langen Stollen auf die Belalp fliessen und von dort über eine Druckleitung auf die Turbinen des bestehenden Stausees Gibidum gelangen. Sichtbar bliebe dabei nur die Wasserfassung.

Allerdings ist das Gebiet Oberaletsch nicht nur Teil des SAJA-Welterbes, sondern auch im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) enthalten. Zudem gilt seit 2002 ein für 40 Jahre abgeschlossener Vertrag zwischen den Standortgemeinden, dem Kanton Wallis und dem Bund, der die Abgeltung von Ertragseinbussen als Folge der unterbliebenen Wasserkraftnutzung regelt. Naters und Riederalp sowie der Kanton Wallis können diesen Landschaftsrappen-Vertrag nicht einseitig aufkünden. Dazu kommt, dass die Schweiz den vertraglich vereinbarten Verzicht auf die Stromgewinnung bei der Eingabe ihrer Welterbekandidatur für SAJA als rechtlich verbindliche Schutzbestimmung deklariert hat.

Ein Imageproblem für die Schweiz?

Im Fall von Beeinträchtigungen einer Welterbestätte kann das Welterbekomitee eine frühere Vergabe des Unesco-Labels überprüfen und rückgängig machen. So wurde die Kulturlandschaft Dresdner Elbtal 2009 von der Liste gestrichen, weil eine neue grosse Brücke für den Strassenverkehr den Landschaftsraum an einer empfindlichen Stelle zerschneidet. Zuvor hatte man das Elbtal auf die Rote Liste gesetzt, doch kam beim Bau kein Kompromiss zustande. Auch dem Wildschutzgebiet der arabischen Oryx-Antilope in Oman hat das Komitee den Welterbestatus aberkannt, weil Oman die Fläche des Schutzgebiets verkleinerte, um dort Erdöl zu fördern.

Die Absichten der Region zum Ausbau der Wasserkraftnutzung im SAJA-Gebiet sind entsprechend umstritten. Als Mitglied der Schweizerischen Unesco-Kommission sieht etwa der Umweltkonsulent Pierre Galland ein Imageproblem: «Die Schweiz engagiert sich seit über 40 Jahren für das Welterbe. Sie hat Versprechen zum Schutz des erweiterten SAJA-Gebiets abgegeben und vertritt in der internationalen Unesco-Kommission strenge Prinzipien. Diese im eigenen Land aufzuweichen, wäre folglich ein Widerspruch.»

Ein heikles Problem sind nach Einschätzung von BAFU-Fachmann Carlo Ossola die rechtlichen Schutzbestim-mungen. Gemäss den Richtlinien der Welterbekonvention könnte die Auflösung des für 40 Jahre abgeschlossenen Vertrags zum Verzicht auf die Stromproduktion als potenzielle Gefährdung der Stätte eingeschätzt werden und eine Einstufung auf der Roten Liste rechtfertigen. Jedenfalls müsste die Schweiz vor der Anfrage für eine Entscheidung zur Wasserkraftnutzung die Meinung des Welterbekomitees einholen.

Erforderliche Nachbesserungen

Bei der Betreuung der Welterbestätten arbeitet das BAFU innerhalb der Bundesverwaltung eng mit dem Bundesamt für Kultur (BAK) und der Koordinationsstelle Unesco im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) zusammen. «Im internationalen Vergleich stehen wir relativ gut da», sagt Oliver Martin, der als Chef der Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege beim BAK für die Kulturstätten des Unesco-Welterbes zuständig ist. Dennoch gebe es auch hierzulande ein Verbesserungspotenzial, stellt er fest: «Die Anforderungen an die Kulturstätten haben sich geändert. Es braucht beispielsweise Pufferzonen für einen wirksamen Schutz vor negativen äusseren Einflüssen. Hier müssen wir für Nachbesserungen sorgen, wenn die Schweiz vorbildlich sein will.»

Dazu dient der Ende März 2015 - zusammen mit der «Schweizer Charta zum Welterbe» - vorgestellte neue Aktionsplan 2016-2023. Er will die international führende Position der Schweiz erhalten und festigen. Die Regelungen und Instrumente wie auch das Management zum Schutz des Welterbes sollen bei Bedarf ergänzt oder verbessert werden, sodass unser Land seine internationalen Verpflichtungen langfristig erfüllen kann. Zudem wird auf Bundesebene das Netzwerk der beteiligten Amtsstellen gestärkt, um dem Welterbe noch besser gerecht zu werden.

Den nachhaltigen Tourismus fördern

Im Interesse einer schonenden Nutzung der aussergewöhnlichen Natur- und Kulturgüter hat das BAFU ein Projekt des Welterbezentrums in Paris zur Förderung nachhaltiger Tourismusangebote mitfinanziert. Die Unesco-Auszeichnungen sind auch für die entsprechende Branche im Inland wichtig. Unter dem Motto «Einzigartige Schweiz erleben» bildet der Verein World Heritage Experience Switzerland (WHES) ein Dach für das touristische Netzwerk der Schweizer Unesco-Welterbestätten. Die Organisation versteht sich als Kompetenzzentrum für ihre Mitglieder und unterstützt auch lokale Initiativen. Noch unter ihrem früheren Namen Unesco Destination Schweiz führte sie im Herbst 2013 in der Deutschschweiz eine Umfrage zum Bekanntheitsgrad der Welterbestätten durch.

Auf den ersten Plätzen rangieren die Gebiete Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch, die Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina sowie die Altstadt von Bern, gefolgt vom Stiftsbezirk St. Gallen, den Burgen von Bellinzona und den Weinberg-Terrassen im Lavaux. Weniger Beachtung finden dagegen die erst jüngst aufgenommenen Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen mit Fundstellen in 15 Kantonen sowie die Naturwelterbestätten Tektonikarena Sardona und Monte San Giorgio. Deshalb will WHES nun den Bekanntheitsgrad aller 11 Schweizer Welterbestätten im In- und Ausland steigern und einen nachhaltigen Qualitätstourismus fördern.

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Letzte Änderung 25.11.2015

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