Betriebsmodelle: Der virtuose Landwirt

Engadinerschafe züchten, Holstein-Jersey-Kühe in höher gelegenen Regionen halten, Melkroboter einführen oder auf die Vertragslandwirtschaft setzen: Die Schweizer Landwirtschaft weist heute eine enorme Formenvielfalt auf. «umwelt» hat einige Bauern und Bäuerinnen getroffen, die gegenwärtig ihren Beruf neu erfinden- gestützt auf ökologische Projekte, Direktzahlungen und Nebenerwerbstätigkeiten.

Spinaternte
Spinaternte
© Keystone

Eine Ebene mit sanften Hügeln und mildem Klima dank des nahen Murtensees. Schmale Wäldchen entlang des Flüsschens Chandon. Weite zartgrüne Wiesen, eine Herde schwarzer, brauner und weisser Mutterschafe und eine Schar umherspringender Lämmer. Wir befinden uns in Chandossel in der Nähe von Villarepos (FR), wo Lea Egli und Reto Fivian eine Schäferei führen. Ihre 213 Engadinerschafe - eine vom Aussterben bedrohte Rasse - bringen jährlich zwischen 300 und 400 Lämmer zur Welt. Auf diesem Hof steht das Wohl der Tiere im Mittelpunkt: grasbasierte Fütterung, Weidehaltung während 9 Monaten im Jahr, sparsamster Einsatz gezielt ausgewählter Medikamente. 60 % der Einnahmen bezieht der Hof aus dem Verkauf von Lammfleisch, den Rest aus Direktzahlungen. «Wir praktizieren eine biologische Landwirtschaft, also ohne Pflanzenschutzmittel und chemischen Dünger. Ein Viertel unseres Landes besteht aus Biodiversitätsförderflächen; 320 Aren gelten im Hinblick auf die Flora als hochwertig», erklärt Lea Egli. Ihr Partner nennt einige der unzähligen Arten, die hier gedeihen: «Thymian, Salbei, Knolliger Hahnenfuss, Dornige Hauhechel … Und was die Fauna anbelangt Hauhechel-Bläuling, Gelbbauchunke oder auch Grünspecht.» Die Schäferei in Chandossel betreibt Direktvermarktung und bedient nicht nur Privatkunden und Restaurants, sondern auch das Gastronomieunternehmen Novae, von dem später noch die Rede sein wird.

Der Wirtschaftlichkeit verpflichtet

Unsere nächste Station befindet sich im Berner Jura. «Les Petites Fraises» heisst der kleine Bauernhof auf 1050 Metern über Meer in Les Reussilles. In der Ferne drehen sich die Windräder auf dem Mont Crosin. Valérie Piccand, deren Mutter aus Haiti und deren Vater aus Freiburg stammt, kümmert sich mit ihrem Mann um den Betrieb. Den beiden Agronomen stehen rund 30 Hektaren Land zur Verfügung - alles Naturwiesen und Weiden -, auf denen sie etwa 30 Kühe halten. «Jeder Grashalm sollte gefressen und in Milch verwandelt werden», so Valérie Piccand. Das Ziel ist eine maximale Rationalisierung der Arbeit, weshalb sie ein Vollweidesystem mit saisonaler Abkalbung praktizieren. «Die Kühe müssen sich für dieses System eignen. Deshalb haben wir uns für eine Holstein-Jersey-Kreuzung entschieden.» Die Milch wird von der nahe gelegenen Käserei in Les Reussilles zu Bio-Gruyère AOC verarbeitet. Die Gebäude, Infrastrukturen und Einrichtungen auf dem Hof sind einfach und funktionell. Das Betreiberpaar versucht, die Produktion zu optimieren und ebenso die Direktzahlungen (25 % Biodiversitätsförderflächen; die Direktzahlungen machen rund einen Drittel des Umsatzes aus). Etwas oberhalb des Hofes befindet sich eine Trockenwiese, hinter dem kleinen Hügel eine Feuchtwiese und darunter ein Hochstamm-Obstgarten: Auch sie werden durch Programme des Bundes finanziell gefördert. Wie bei der Milchproduktion (graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion GMF) steht auch bei den ökologischen Ausgleichsmassnahmen die Qualität im Vordergrund (Vernetzung, Qualitätsstufe II, landschaftliche Qualität). Letztlich möchte das Bauernpaar Piccard «einen gleich hohen Stundenlohn erzielen, wie wir als Agronomen anderswo verdienen würden». Von diesem Ziel sind sie je nach Jahr nicht mehr weit entfernt. Wichtig ist ihnen aber auch, Zeit für ihre Kinder zu haben, sich in der Gemeinde zu engagieren, eine Parzelle für Permakultur zu nutzen oder mit Freunden einen grossen Gemüsegarten zu pflegen.

Zwischen Hightech und Wirtschaft des Teilens

Bauernteller: Fleisch couscous
© Novae restauration

Andere Höfe, andere Methoden. In Treyvaux (FR) hat sich Alexandre Peiry für den Melkroboter entschieden, um seinen Betrieb rentabler zu gestalten und um nicht eine Diskushernie erleiden zu müssen wie sein Vater. «Dazu mussten 200‘000 CHF investiert werden. Gleichzeitig habe ich aber Zeit für weitere Tätigkeiten gewonnen. So bin ich beispielsweise für die Biogasanlage in Ferpicloz zuständig», erzählt er. Dort kann auch er seinen Hofdünger verwerten. Dieses Netzwerk, an dem sich rund 50 Landwirte der Region beteiligen, kommt allen zugute: denen, die zu viel, und denen, die zu wenig Hofdünger haben. Ausserdem ist Alexandre Peiry einer der Verwalter der Maiskooperative von Treyvaux und Umgebung. Diese fördert den gemeinsamen Kauf von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, bietet Dienstleistungen für ihre Mitglieder und Kunden an oder das Mieten von Landmaschinen zu Vorzugspreisen.

Alexandre Delisle von der «Ferme du Nord» in Ferlens (VD) hingegen hat die Milchwirtschaft aufgegeben und sich auf die Produktion von Fleisch von Schweinen und von Salers-Rindern, einer alten Rasse aus dem französischen Zentralmassiv, konzentriert. Dabei arbeitet er mit einem Paar zusammen, das Erfahrung in der Veredelung von Fleischprodukten hat. Sie stellen die berühmten «Saucisses aux choux» sowie Schinken und Würste her und kümmern sich um den Direktverkauf. Wie Alexandre Peiry ist auch Alexandre Delisle überzeugt von der «Wirtschaft des Teilens» (Sharing Economy). Er ist gerade am Erstellen der Plattform AgriJorat, die sämtliche Betriebe der Region erfassen soll. Sie wird es ermöglichen, Onlinebestellungen aufzugeben, Maschinen und Wissen zu teilen und sich ganz einfach gegenseitig zu unterstützen.

Vom Feld in den Korb

Weiter gehts nach Courgenay im Kanton Jura, wo sich die Genossenschaft La Clef des Champs auf einer 2 Hektaren grossen Fläche an der «Moulin de la Terre» genannten Strasse der regionalen Vertragslandwirtschaft verschrieben hat. Hier bauen 3 Gärtner auf 180 Aren im Freien und 20 Aren in Treibhäusern 30 bis 40 verschiedene Gemüse mit dem Label Bio Suisse an. Die Anforderungen sind also äusserst streng. «Wir verwenden Bio-Samen von Sativa, Zollinger und Bingenheimer, setzen nur organische Düngemittel ein und verzichten auf Behandlungen», erläutert Céline Corradetti, die seit 2010 dort arbeitet. Gepflügt wird einmal pro Jahr, und zwar 10 bis 18 cm tief. Zudem setzt die Genossenschaft auf Gründüngung. «So wird der Boden angereichert und belüftet und zugleich das Unkraut bekämpft», erklärt die ehemalige Korbflechterin weiter. Klee bringt Stickstoff, Winterwicke sorgt für eine gute Bodenstruktur, und Luzerne nützt Insekten und damit der Biodiversität.

La Clef des Champs zählt 210 Mitglieder. Diese müssen pro Jahr mindestens 18 Arbeitsstunden zur Produktion beitragen, um einen Teil der momentan auf 165 Körbe verteilten Gemüseernte zu erhalten. Für jährlich 870 CHF gibt es von April bis Anfang Dezember jede Woche eine Lieferung und von Januar bis März einen Korb pro Monat, was einem Gegenwert von 24 CHF pro Korb entspricht. Die Mitglieder beteiligen sich an der Ernte und liefern die Körbe an die regionalen Depots in Pruntrut, Delsberg, Glovelier, Courgenay und Saignelégier.

Vom Feld und von der Weide auf den Teller

Schafe auf einer Wiese
«Ein gutes Produkt braucht Raum und Zeit»: regional produziertes Lammfleisch.
© Novae restauration

Lamm aus Chandossel, Gruyère aus Les Reussilles, Bio-Gemüse aus Courgenay: Die Region hat eine Fülle schmackhafter Produkte zu bieten. Novae, ein Westschweizer Unternehmen im Bereich Gemeinschaftsgastronomie mit Sitz in Gland (VD), hat dies erkannt. Um seine rund 80 Kunden - Restaurants, Schulkantinen, Unternehmen, Alters- und Pflegeheime sowie Kliniken - zu beliefern, sucht es sich deshalb die besten Produzenten vor Ort aus. Damit soll ein respektvoller Umgang mit der Natur gesichert und sollen kurze Wege und Qualität bevorzugt werden. «Wir arbeiten mit regionalen, saisonalen und wenn möglich biologischen Erzeugnissen, und wir kennen die Art der Herstellung. Ein gutes Produkt braucht Raum und Zeit», so die Überzeugung von Stéphane Grégoire, stellvertretender Generaldirektor und Einkaufschef bei Novae. Deshalb hat er ein Netz von rund 40 unabhängigen Direktlieferanten aufgebaut, die ihn mit Früchten, Gemüse, Fleisch, Fisch, Konfitüren, Kräutern oder auch Honig versorgen. Der Verkauf erfolgt ohne Zwischenhandel. So gewinnen alle, und die Produkte sind letztlich nicht teurer, als wenn sie über die herkömmlichen Vertriebsnetze bezogen würden. Beim Lammfleisch deckt sich Novae hauptsächlich in der Schäferei von Chandossel ein, wobei aus wirtschaftlichen Gründen jeweils mindestens 30 ganze oder in grosse Teile zerlegte Lämmer auf einmal gekauft werden. Das Unternehmen gewährt Bauernbetrieben, die ihre Produktion neu ausrichten wollen, auch zinslose Darlehen. Davon profitiert etwa die Familie Lachat, die seit Kurzem in Corban im Bezirk Delsberg (JU) Hirsche züchtet.

Die Agrarpolitik 2014-2017 im Dienste der Landwirtschaft

Heutzutage sind für Landwirtinnen und Landwirte nicht nur ihre individuellen Werte und Ziele ausschlaggebend. Sie müssen sich auch wirtschaftlichen Herausforderungen stellen, die Bedürfnisse des Marktes befriedigen und gesellschaftliche Zielsetzungen erfüllen. «Den Direktverkauf fördern, im Netzwerk arbeiten, Tätigkeiten und Einnahmequellen diversifizieren - da gibt es nicht nur eine Lösung, sondern eine Vielzahl von Möglichkeiten», betont Anders Gautschi von der BAFU-Sektion Konsum und Produkte. Ausserdem habe der Bund seine Agrarpolitik neu ausgerichtet, um eine gute Balance zwischen den diversen Ansprüchen zu finden, mit denen die in der Landwirtschaft Tätigen heute konfrontiert seien. Diese Politik fördert die Innovation sowohl in der landwirtschaftlichen Produktion als auch in der Ernährungswirtschaft. Ein zentrales Element der Agrarpolitik 2014-2017 ist zudem das weiterentwickelte Direktzahlungssystem. «Diese Veränderungen führen die Schweiz näher an eine standortgerecht produzierende Landwirtschaft. Das zeigen die vorgestellten Beispiele», sagt Anders Gautschi, der sich über die Kreativität und die Hartnäckigkeit der heutigen Landwirtinnen und Landwirte freut.

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Letzte Änderung 24.08.2016

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