Füttern mit eigenen Ressourcen: Die Schweiz ist ein Grasland

Die Schweizer Landwirtschaft könnte genug Milch für den Inlandbedarf liefern ohne Kraftfutterzugaben an Kühe. Weidehaltung trägt dazu bei, den Ammoniakausstoss zu mindern. Ernährungspolitische, ökologische, aber auch wirtschaftliche Argumente sprechen ebenfalls für eine grasbasierte Milchproduktion.

Milchkühe
Milchkühe
© BAFU

Das landwirtschaftliche Betriebskonzept des Hofes von Susanne Käch und Joss Pitt in Gampelen (BE) ist weit hergeholt und naheliegend zugleich. Weit hergeholt, weil es sich an einem Versuchsbetrieb in der fernen Heimat von Joss orientiert: Die Lincoln University Dairy Farm (LUDF) in Neuseeland ist weltweit führend bei der Entwicklung von Weidemilch-Produktionssystemen. Susanne und Joss setzen im Berner Seeland um, was auf der anderen Seite des Globus an Wissen und Erfahrung generiert wird. Ihre derzeit 55 Milchkühe sind von Frühling bis Herbst auf der Weide und fressen fast ausschliesslich Gras.

Das Naheliegende daran ist, dass diese Form der Kuhhaltung bestens an hiesige Verhältnisse angepasst ist. Reichlich Niederschläge und tiefgründige Böden lassen unsere Wiesen und Weiden so üppig grünen wie sonst fast nirgends in Europa. Andererseits eignet sich ein Grossteil der Schweizer Landwirtschaftsfläche aus topografischen oder klimatischen Gründen kaum für den Ackerbau. Auf diesen Flächen ist die Milchkuhhaltung auf Grasbasis die ressourceneffizienteste Form der Landwirtschaft. Die Wiederkäuer verwandeln für Menschen unverdauliches, aber bei uns bestens gedeihendes Gras in hochwertige Nahrungsmittel in Form von Milchprodukten und Fleisch.

Viehfutter statt Nahrung für Menschen

Indessen hat sich die Milchproduktion in jüngster Zeit von der Grünlandwirtschaft teilweise abgekoppelt. Die Milchleistung pro Kuh ist seit 1990 um 40 % gestiegen. Hochleistungskühe, die jährlich 10‘000 oder mehr kg (kg) Milch liefern, fressen nebst Gras auch viel Kraftfutter - Getreide, Mais, Soja. Sie werden damit zu Nahrungskonkurrentinnen des Menschen. «Die Ackerflächen, auf denen Futtermittel für unser Milchvieh produziert wird, würden reichen, um 2 Mio. Menschen zu ernähren», schätzt Hans Ulrich Gujer, Landwirtschaftsfachmann im BAFU.

Ein wachsender Teil der Futtermittel stammt aus dem Ausland. Massiv zugenommen haben in den letzten Jahren namentlich die Sojaimporte. 41 % davon werden an Rindvieh verfüttert (hauptsächlich Milchkühe) und 59 % an Schweine und Hühner.

Der Selbstversorgungsgrad bei Milch und Milchprodukten lag 2013 bei 115 %. Der Überschuss drückt auf den Milchpreis. Um die Einkommenseinbussen zu kompensieren, versuchen manche Betriebe, noch mehr zu melken - ein Teufelskreis. Susanne und Joss sind aus diesem ausgebrochen. «Kiwi-Cross» nennen sie ihre Rinderrasse, eine Kreuzung aus neuseeländischen Friesian und Jersey Cows. Es sind eher kleine und leichte Kühe, pro Jahr geben sie etwa 6500 kg Milch. 26,6 Hektaren (ha) Futterflächen stehen ihnen zur Verfügung. Davon sind gut 18 ha Weide, die übrigen entfallen auf Kunstwiesen und Biodiversitätsförderungsflächen. Die zum Betrieb von Susanne und Joss gehörenden Blumenwiesen am Dälihubel sind im Frühsommer eine Augenweide und liefern würziges Heu.

Maximale Effizienz

Um den richtigen Zeitpunkt für den Beginn der Beweidung nicht zu verpassen, wird wöchentlich auf allen Flächen die Graslänge gemessen. Das ausgeklügelte Grünlandmanagement ermöglicht einen rekordverdächtig hohen Milchertrag pro Fläche. Dies ergab eine an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen (BE) durchgeführte vergleichende Effizienzanalyse. Geleitet wurde die Studie von Peter Thomet, der dort zu dieser Zeit noch als Professor für Futterbau tätig war und inzwischen pensioniert ist. 14 Milchproduktionsbetriebe - teils mit Hochleistungskühen im Stall, teils mit Weidevieh - wurden unter die Lupe genommen. Unter ihnen war auch der Hof von Susanne und Joss. Er schnitt am besten ab. Fast 14‘700 kg Milch pro ha wurden hier gemolken. Stallbetriebe brachten es auf höchstens 12‘700 kg - denn für die Berechnung der Flächeneffizienz müssen auch die «Schattenflächen» einbezogen werden, auf denen das benötigte Kraftfutter angebaut wird.

Dass der Vollweidebetrieb auch ökonomisch gut dasteht, zeigt eine Studie des Berufsbildungszentrums Hohenrain (LU). Zum Vergleich standen zwei Herden: Die eine wurde - abgesehen von einem täglich dreistündigen Weidegang - im Stall gehalten und mit Gras- und Maissilage sowie Kraftfutter ernährt; die andere blieb während der ganzen Vegetationsperiode auf der Weide und frass einzig Gras und Heu. Ergebnis: Die Stallkühe gaben im Schnitt jährlich 8900 kg Milch, die Weidekühe annähernd 6100 kg. Weil aber im Weidesystem kein Kraftfutter zugekauft werden muss und der Arbeitsanfall deutlich geringer ist, war der Arbeitsverdienst hier um mehr als 50 % höher.

Auch für Susanne und Joss geht die Rechnung auf. Die vierköpfige Familie kommt ohne Nebenerwerb gut über die Runden.

«Es fehlt das Vertrauen in Gras»

Milchkuh
© Ex-Press

Mit den Graslandressourcen der Schweiz könnte die hiesige Landwirtschaft ohne Weiteres genug Milch für den Inlandbedarf produzieren», hält der emeritierte HAFL-Professor Peter Thomet fest. Derzeit gibt es aber hierzulande nur wenige Milchwirtschaftsbetriebe, die ohne Kraftfutter arbeiten. Es fehle «das Vertrauen in Gras», meint Susanne Käch. Die Landwirtschaftsschulen, die Beratung, die Futtermittelindustrie kämen alle mit derselben Botschaft: Mit Gras allein seien Kühe nicht ausreichend ernährt. «Ein falsches Dogma», findet sie. «Die Evolution hat das Rind zum Grasfresser gemacht.» Auch die Forschung habe gezeigt, dass es Kühen, die nur Gras fressen, an nichts fehle.

Ihr Partner Joss Pitt fordert deshalb eine «Graskultur» für die Schweizer Landwirtschaft: Die Weidemilchproduktion müsse von den Forschungsanstalten, den Schulen und der Beratung gefördert werden. Hilfreich wäre ausserdem ein Versuchs- und Demonstrationsbetrieb.

Denn auch die Ökobilanz spricht für den Vollweidebetrieb. Die erwähnte Studie des Berufsbildungszentrums Hohenrain ergab, dass zum Beispiel die Ammoniakemissionen im Stallhaltungssystem um ein Drittel höher sind als im Weidebetrieb. Ammoniak (NH3) entsteht bei Luftkontakt aus dem stickstoffhaltigen Harnstoff im Urin der Tiere. Weil Letzterer auf den Weiden rasch versickert, ist der NH3-Ausstoss dort geringer als im Stall. Zudem verteilen weidende Tiere den Hofdünger direkt, weshalb auch ein Grossteil der NH3-Verluste beim Ausbringen der Gülle entfällt. Das Schweizer Rindvieh trägt 78 % zu den landwirtschaftlichen Emissionen bei.

Ammoniak bedroht die Artenvielfalt …

Die Ammoniakemissionen sind die Hauptursache für einen unerwünschten ökologischen Trend: die Düngung aller Lebensräume aus der Luft. Natürlicherweise gelangt pro Hektare jährlich 0,5 bis 1 kg Stickstoff (N) in unsere Böden. Im Jahr 2010 waren es in der Schweiz durchschnittlich 23 kg/ha in die Waldfläche und 14 kg/ha auf die restliche Landesfläche; die Werte schwanken je nach Standort zwischen 3 und 55 kg/ha. Im Mittel stammen zwei Drittel davon aus der Landwirtschaft.

Die Stickstoffeinträge bewirken, dass an magere Standorte angepasste Pflanzen von nährstoffliebenden Konkurrenten verdrängt werden. Sämtliche Hochmoore, über 80 % der Flachmoore und rund 40 % der besonders artenreichen Wiesen und Weiden unseres Landes sind derzeit zu hohen Stickstoffeinträgen ausgesetzt.

Ammoniakemissionen der Schweizer Landwirtschaft pro Jahr im 2014

… und die Stabilität der Wälder

Der Dünger aus der Luft ist eine der grössten Gefahren für die Artenvielfalt der Schweiz. Ebenso für die Stabilität der Wälder. Bei rund 95 % der Schweizer Wälder werden die noch tolerierbaren Eintragsmengen pro Jahr, die Critical Loads, durch Einträge aus der Luft überschritten. Die Stickstoffeinträge bewirken, dass die Bäume zügig wachsen. Dies führt zu einer unausgewogenen Ernährung, da Bäume andere Nährstoffe nicht im gleichen Mass aufnehmen können. Sie werden anfälliger für Frost, Trockenheit und Schadinsekten.

Im Boden wird Ammonium in Nitrat umgewandelt. Dieser chemische Prozess trägt zur Bodenversauerung bei. Als Folge davon werden andere wichtige Nährstoffe ausgewaschen. Die Bäume konzentrieren ihr Wurzelwachstum daher auf die oberen Bodenschichten, wo die Stickstoffverfügbarkeit und die Nährstoffnachlieferung aus der Streu hoch sind. Die tieferen Bodenschichten hingegen werden spärlicher durchwurzelt. Die flachen Wurzelteller reduzieren die Standfestigkeit der Bäume. Untersuchungen des Instituts für Angewandte Pflanzenbiologie (IAP) in Schönenbuch (BL) ergaben, dass der Orkan Lothar 1999 auf versauerten Böden viermal mehr Bäume entwurzelte als auf weniger sauren Flächen.

Gemäss Luftreinhaltekonzept des Bundes sollen die Ammoniakemissionen in der Schweiz gesamthaft um 40 % vermindert werden. Die Landwirtschaft setzt dafür hauptsächlich auf technische Massnahmen: den Einsatz von Schleppschläuchen beim Ausbringen der Gülle; bauliche und betriebliche Vorkehrungen zur Reduktion der Emissionen aus den Ställen; das Abdecken der Güllelager.

«Berechnungen des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) ergaben, dass das Reduktionspotenzial bei konsequenter und flächendeckender Anwendung der besten verfügbaren Technik und Praxis in der Landwirtschaft bei gleichbleibender Produktion etwa 40 % beträgt», bestätigt Reto Meier von der Sektion Luftqualität im BAFU. Das Ziel könnte damit erreicht werden.

Tierbestände senken

Erreichbar wäre das Umweltziel wohl auch mit einer Kombination von technischen Massnahmen und einer Anpassung der Tierbestände an die heimische Produktionsbasis, denn rund 65 % der Fleisch- und 20 % der Milchproduktion beruhen auf importiertem Futter. Dies wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer ökologischen Gesundung unserer Landwirtschaft.

Dazu beitragen könnten wir als Konsumierende auch mit unseren Ernährungsgewohnheiten: Gemäss einer Studie von AgroEcoConsult würde die Fleischproduktion im Inland bei einem Verzicht auf Futtermittelimporte auf rund die Hälfte sinken. Entweder müssten wir mehr Fleisch einführen - oder den Konsum halbieren.

Beitrag für graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion GMF

Mit dem Beitrag für graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion wird seit 2014 eine Produktion gefördert, die dem betriebsspezifischen Standortpotenzial angepasst ist. Gegenüber vielen umliegenden ändern besitzt die Schweiz einen grossen Standortvorteil in der Grasproduktion. Im Fokus steht die effiziente Nutzung von Wiesen- und Weidefutter für die Milch- und Fleischproduktion. Von diesem Beitrag profitieren Betriebe, die den Futterbedarf vorwiegend durch Gras, Heu, Emd und Grassilage decken. Der Beitrag für Wiesen und Weiden beträgt 200 Franken pro Hektare und Jahr.

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Letzte Änderung 18.08.2016

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