Gross- und Detailhandel: Die Macht der Genossenschaften

In den 1990er-Jahren schoben Coop und Migros als genossenschaftliche Anwälte für die Anliegen der Konsumentinnen und Konsumenten die neue Agrarpolitik an und wirkten an deren Ausgestaltung mit. Die beiden grossen Detaillisten treiben auch heute die Ausbreitung ökologischer Produkte und damit nachhaltiger landwirtschaftlicher Produktionsweisen voran. Gleichzeitig sind sie auch Kundinnen der Agrargenossenschaft fenaco, die sich als Selbsthilfeorganisation der Bauern versteht.

Eierkontrolle
© Markus Bühler-Rasom

Text: Gregor Klaus und Lucienne Rey

Die Butter- und Käseberge, die Milch- und Weinseen der 1980er-Jahre waren keine Komponenten einer naturnahen Landschaft, sondern im Gegenteil Zeugnis einer verfehlten Landwirtschaftspolitik. Der Staat bot Abnahmegarantien für Agrarprodukte, einen fixen Preis, einen abgeschotteten Markt und Exportsubventionen. Die Bauern produzierten, was der Boden hergab, um Einkommen zu generieren. Die so erzielten gewaltigen Agrarüberschüsse gingen auf Kosten einer gesunden Umwelt. Biodiversität sowie Wasser-, Boden- und Landschaftsqualität erreichten einen Tiefpunkt. Gleichzeitig war die Sicherung des bäuerlichen Einkommens über die Marktpreise weder politisch noch ökonomisch mehr tragbar.

Dennoch brauchte es den Druck von der Strasse, um einen Wandel des trägen und reformunwilligen Systems in Gang zu bringen. Zwei Genossenschaften spielten dabei eine entscheidende Rolle: Die beiden Detailhändler Migros und Coop prangerten immer lauter die hohen Preise und die geschlossenen Grenzen an, die dazu führten, dass die Landwirtschaft am Markt vorbeiproduzierte. Sie verwiesen darauf, dass die Kosten der Agrarpolitik zunehmend zulasten der Kundschaft gingen. Denn letztlich hatte diese für die hohen Preise, die Lagerung der Überschüsse, die Lebensmittelvernichtung und die Exportsubventionen aufzukommen.

Schlüsselrolle bei Reformen

Zu Kritik Anlass gab zudem, dass die staatliche Preisstützung die Qualität der Agrarprodukte und der Umwelt massiv minderte. Gelder der öffentlichen Hand müssten aber auch der Nachhaltigkeit zugutekommen, forderten die beiden Genossenschaften - mit Erfolg. «Ohne das politische Engagement von Coop und Migros hätte es in den 1990er-Jahren keine neue Agrarpolitik gegeben», sagt Sibyl Anwander, Chefin der Abteilung Ökonomie und Innovation beim BAFU und zuvor langjährige Verantwortliche für die Themen Nachhaltigkeit und Wirtschaftspolitik bei Coop. «Es war ein Novum, dass sich wirtschaftliche Akteure derart stark und erfolgreich für die Konsumentenschaft und die Umwelt einsetzen und erst noch die Politik von ihrer Vision überzeugen.»

So hatte Coop bereits beim Ausbreitungsprozess von Bio-Lebensmitteln in den 1990er-Jahren eine führende Rolle inne. Bei der Ausgestaltung der heute rechtswirksamen Bio-Verordnung war der Detaillist ebenfalls meinungsbildend. In den vorangegangenen Jahrzehnten war Migros bei der Entwicklung und Verbreitung der Integrierten Produktion (IP) federführend. Die Forderungen und das politische Engagement der Detailhändler griffen auf Politik und Markt über - und regten auch die Landwirtschaft zum Handeln an.

Coop und Migros sind aufgrund ihrer zentralen Stellung in der Lebensmittelkette nach wie vor wichtige Treiber auf dem Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft. Sie bauen ihr Sortiment an ökologischen Produkten kontinuierlich aus und sind zudem über ihre Eigenmarken in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette verankert. Dies ermöglicht es ihnen, auf vor- und nachgelagerte Strukturen einzuwirken. Mit ihren hohen Produkt- und Qualitätsanforderungen senden sie gegenüber den Landwirten im In- und Ausland eindeutige Signale zur Produktion ökologischer Lebensmittel. Und wenn das Sortiment an Ökoprodukten immer mehr Raum in den Regalen erhält, kurbelt dies die Nachfrage der Kundschaft an.

Seilschaften mit langer Tradition

Konsum von Bioprodukten, Nahrungsmittel und Getränke Anteil am Gesamtkonsum 2013

Coop - im Jahr 1890 als Verband schweizerischer Konsumvereine aus der Taufe gehoben - und etwas später auch die Migros von Gottlieb Duttweiler sahen ihren eigentlichen Gründungszweck darin, für die Konsumenten hochwertige Waren zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung zu stellen. Auch die Landwirte erkannten, dass sie sowohl bei der Beschaffung von Produktionsmitteln als auch beim Verkauf ihrer Erzeugnisse vorteilhaftere Konditionen aushandeln konnten, wenn sie sich zusammenschlossen. Conrad Schenkel (1834-1917), Bauer und Gemeindepräsident in Elsau (ZH), erwies sich als Vorreiter, als er 1874 für eine Gruppe von Landwirten Dünger einkaufte und damit den ersten landwirtschaftlichen Verein in der Schweiz schuf. 1886 ging daraus der Verband ostschweizerischer landwirtschaftlicher Genossenschaften Volg hervor. Dieser wiederum verstand sich von Anfang an als politische Kraft und liess, wie ein früher Chronist festhielt, «seine propagandistischen Aktivitäten nicht ruhen», bis 1897 der Schweizerische Bauernverband gegründet wurde. Zu den Mitgliedern des ersten leitenden Ausschusses gehörte denn auch Conrad Schenkel. Der Verbandspräsident Johann Jenny (1857-1937) stand seinerseits zugleich dem mitgliederstarken Verband Landwirtschaftlicher Genossenschaften von Bern und benachbarter Gebiete vor - und war daneben noch Nationalrat. Unter ihm und seinem jungen Generalsekretär Ernst Laur (1871-1964) etablierte sich der Bauernverband zu einem bestens vernetzten Machtfaktor in der Schweizer Politik.1993 schloss sich Volg mit fünf weiteren Genossenschaftsverbänden zur Unternehmensgruppe fenaco zusammen. Die politischen Beziehungen sind heute weniger offensichtlich als in den Gründerjahren, und auch die betriebswirtschaftliche Struktur hat sich stark verändert. Zwar wird fenaco in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor gerne mit den Landi-Genossenschaften gleichgesetzt, doch sie umfasst mittlerweile weit mehr als diese und bildet ein eigentliches Konglomerat bekannter Firmen und Marken: So gehören neben den Volg-Läden und den in einigen Kantonen vertretenen Vis-à-vis-Geschäften auch die Tankstellenläden Topshop und der Mineralölhändler Agrola dazu, ausserdem Marken wie Ramseier Apfelsaft, Sinalco und Elmer Citro, die ihrerseits im Sortiment von Coop zu finden sind.Komplexes Firmengeflecht - hohe PreiseDas nicht ohne Weiteres zu durchschauende Gefüge der fenaco und ihr wirtschaftlicher Einfluss geben immer wieder Anlass zu Kritik. Im Jahr 2007 etwa kündigte der damalige Preisüberwacher Rudolf Strahm an, er habe «die Handelsmargen von Fenaco, Landi und Co. im Visier». In einer späteren Untersuchung ermittelte er, dass die fenaco bei der Zulieferung an die Bauern bis zu 60 % der Saatkartoffelzulieferung und gar 70 bis 80 % des Düngergrosshandels beherrschte.Auch heute sieht Rudolf Strahm keinen Anlass, von seinen pointierten Bemerkungen aus der Vergangenheit abzurücken; jedenfalls bekräftigte er im März 2016 gegenüber der Wirtschaftszeitschrift «Bilanz», er «stehe noch hinter jedem Wort». Tatsächlich zahlen trotz aller Bemühungen des Preisüberwachers die Schweizer Bauern gemäss Zahlen von Anfang 2016 etwa für Dünger bis zu knapp einem Drittel mehr als ihre deutschen Kollegen. Die wirtschaftlichen Verstrickungen führen dazu, dass die hiesigen Landwirte kaum eine Möglichkeit haben, um die «grüne Alleinherrschaft» («Bilanz») herumzukommen - und dass diese ein beträchtliches Interesse an einer Landwirtschaft hat, die intensiv produziert. Die starke Position der fenaco schlägt sich denn auch in ihrem Jahresumsatz nieder, der 2014 rund 6,2 Mrd. CHF betrug und sie zur sechstgrössten landwirtschaftlichen Genossenschaft in Europa macht.Streitpunkt NachhaltigkeitUmweltorganisationen betrachten fenaco kritisch. So schneidet im Umwelt-Rating 2015 des WWF zum Gross- und Detailhandel der Detaillist Volg schlecht ab und erhält das Prädikat «intransparent», weil er den Fragebogen nicht ausgefüllt hat. Szilvia Früh, Pressesprecherin der fenaco, verweist auf die knappe Frist, die für die Beantwortung zugestanden wurde. Ausserdem sei Volg nur ein einzelnes Element im Gefüge von fenaco.Auch bemängeln Umweltschützer, fenaco sei primär am Absatz von Produktionsmitteln interessiert und schenke einer nachhaltigen landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsweise wenig Beachtung. «Das Gegenteil ist der Fall», betont Szilvia Früh. «Für uns als Genossenschaft stehen nicht finanzielle Gewinne im Zentrum unserer Aktivitäten, sondern unsere Mitglieder. Diese erwarten, dass wir ihnen in unserer Beratung zu einem möglichst sparsamen, zielgerichteten und effizienten Einsatz von Produktionsmitteln verhelfen.»Ein aktuelles Beispiel für das Engagement der fenaco in Sachen Nachhaltigkeit stammt aus dem Bereich Pflanzenschutz. fenaco hat 2014 für die Erhaltung und Förderung von gesunden Bienenvölkern mit dem Api-Center ein Kompetenzzentrum gegründet. Zudem führte die ebenfalls zum fenaco-Konglomerat gehörende UFA-Samen bereits vor 37 Jahren die insektizidfreie biologische Bekämpfung des Maiszünslers mit Trichogramma-Schlupfwespen ein. Inzwischen bietet UFA-Samen die Ausbringung der Schlupfwespen mit Drohnen an - mit Erfolg: 2015 konnten bereits 8000 Hektaren Maisfelder mit der biologischen Methode zur Schädlingsbekämpfung behandelt werden. «Solche Erfolge zeigen uns, dass wir die Erwartungen unserer Mitglieder erfüllen und auf dem richtigen Weg sind», sagt Szilvia Früh.Dialog auf verschiedenen EbenenDoch wieso dringen diese Aktivitäten kaum an die Öffentlichkeit, wenn die fenaco schon seit längerer Zeit im Bereich Nachhaltigkeit aktiv ist? Pressesprecherin Szilvia Früh erklärt, fenaco habe lange nur zurückhaltend über ihre Aktivitäten informiert. Zu politischen Themen betreibe die Genossenschaft nach wie vor keinerlei Kommunikationsaktivitäten. «Wir konzentrieren uns auf unsere Tätigkeit im Markt und unterstützen dabei die Landwirte bei der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Unternehmen. Die politische Arbeit überlassen wir den Verbänden.» Diese Zurückhaltung kann sich die Genossenschaft gut leisten, denn auch heute noch unterhält sie - wie die Migros auch - enge Kontakte bis in höchste politische Kreise.Ausserdem stehen die drei grossen Genossenschaften untereinander im «aktiven und konstruktiven Dialog», wie Szilvia Früh präzisiert. Sie wirken zudem gemeinsam in diversen Arbeitsgruppen mit, etwa in derjenigen zu Foodwaste vom Bundesamt für Landwirtschaft. Des Weiteren tauschen sich die Unternehmen auf verschiedenen Ebenen und zu diversen Themen laufend aus und profitieren vom gegenseitigen Informationsfluss - im Interesse der Produktion hochwertiger und nachhaltig erzeugter Lebensmittel.

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Letzte Änderung 24.08.2016

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