Monotonie im Kulturland: Biodiversitätsförderung in der Landwirtschaft

Die Intensivierung in der Landwirtschaft hat die biologische Vielfalt in den Äckern und Wiesen des Mittellandes massiv verringert und bedroht nun auch die Biodiversitäts-Hotspots im Alpenraum. Um den Trend zu brechen, hat der Bund Instrumente zur Förderung der Biodiversität weiter entwickelt.

Waadtland: Wiese mit Dorf im Hintergrund
Landschaft in der Waadt
© Markus Bühler-Rasom

Eigentlich sollte es um die biologische Vielfalt im Schweizer Kulturland gut bestellt sein: Seit 1999 muss jeder Betrieb, der Direktzahlungen beziehen will, ökologische Ausgleichsflächen (sog. Biodiversitätsförderflächen) anlegen. Heute sind im Minimum 7 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche Bestandteil des ökologischen Leistungsnachweises. Seit 2001 werden zudem die Vernetzung dieser Flächen und die floristische Qualität abgegolten.

Trotzdem hat die Biodiversität im Grün- und Ackerland weiter abgenommen. Laut Monitoringprogrammen des Bundes ähneln sich die Artengemeinschaften in der Schweiz immer mehr. Die anspruchslosen Arten nehmen zu, während die Spezialisten zum Teil starke Einbussen verzeichnen. So ist etwa der Flächenbestand der Trockenwiesen und -weiden zwischen 1996 und 2006 noch einmal um rund 20 % zurückgegangen. Auch die Qualität der Flach- und Hochmoore hat sich in dieser Zeit verschlechtert, weil Pufferzonen fehlen und die Nutzung von Flachmooren intensiviert oder aber aufgegeben wurde. Dramatisch ist der Rückgang der Ackerbegleitflora und der Fromentalwiesen, d. h. der wenig intensiv genutzten, nur mit Mist gedüngten Blumenwiesen. Im Mittelland sind solche Blumenwiesen seit 1950 auf 2 bis 5 % ihrer ursprünglichen Fläche geschrumpft. Mit den Lebensräumen schwinden die Bestände spezialisierter Pflanzen- und Tierarten - fatal nicht nur für die Natur, sondern auch für uns Menschen. Denn die natürlichen Grundlagen für unsere Existenz sind nur dann gesichert, wenn ein breites genetisches Spektrum es den Tier- und Pflanzenarten ermöglicht, sich an Umweltveränderungen anzupassen und langfristig zu überleben. Die Landwirtschaft profitiert zudem bei der Entwicklung nachhaltiger Produktionssysteme von der Vielfalt an Nützlingen und bei Neuzüchtungen von der Biodiversität.

Mangelnde Qualität der Förderflächen

Die 2013 publizierte Studie der Forschungsanstalt Agroscope «Operationalisierung der Umweltziele Landwirtschaft - Bereich Ziel- und Leitarten, Lebensräume (OPAL)» hat den Anteil an landwirtschaftlicher Nutzfläche ermittelt, der aufgrund der Bedürfnisse bestimmter, für die jeweilige Region typischer Arten als Lebensraum mit ökologischer Qualität zur Verfügung stehen sollte. Sie kommt zum Schluss, dass heute noch deutliche Defizite bestehen. Von den Biodiversitätsförderflächen, im Mittelland heute rund ein Zehntel der landwirtschaftlichen Nutzfläche, weisen mindestens 75 % keine ausreichende ökologische Qualität auf. Dies unter anderem, weil zahlreiche Förderflächen an ungeeigneten Standorten angelegt wurden: an schattigen Waldrändern oder in ehemals intensiv genutzten Wiesen, wo kaum noch Samen von lichtliebenden Pflanzen vorhanden sind. Überdies werden die Flächen oft nicht zielführend gepflegt und sind untereinander schlecht vernetzt.

Im Rahmen der «Umweltziele Landwirtschaft» werden 46 Leit- und Zielarten eingestuft. Dieser Index entwickelte sich zwischen 1990 und 2014 negativ. Bei den typischen Kulturlandvögeln sind die Bestände knapp unter dem Ausgangszustand von 1990 langfristig stabil. Dies jedoch nur aufgrund von zunehmenden Generalisten.
Im Rahmen der «Umweltziele Landwirtschaft» werden 46 Leit- und Zielarten eingestuft. Dieser Index entwickelte sich zwischen 1990 und 2014 negativ. Bei den typischen Kulturlandvögeln sind die Bestände knapp unter dem Ausgangszustand von 1990 langfristig stabil. Dies jedoch nur aufgrund von zunehmenden Generalisten.

In den Bergregionen gibt es noch deutlich mehr Standorte mit hoher Biodiversität. Doch auch diese sind bedroht, wie eine Untersuchung der Schweizerischen Vogelwarte Sempach zeigt. Sie hat den Landschaftswandel im Engadin zwischen den Jahren 1987/88 und 2009/10 auf 38 repräsentativen Flächen analysiert. «Die auffälligste Veränderung war die Zunahme der Fettweiden», erklärt Roman Graf, Autor der Studie. «Ihr Bestand hat sich in 20 Jahren verdreifacht, und derjenige der Fettwiesen nahm um 15 % zu. Diese Entwicklung ging auf Kosten der artenreichen Magerwiesen, deren Fläche um 55 % zurückging. Einst ertragsschwache Wiesen werden heute intensiver genutzt, das heisst künstlich bewässert, stärker gedüngt, früher und häufiger gemäht.» Auf 71 % der untersuchten Flächen konstatierten die Forscher eine Vorverschiebung des ersten Grasschnitts - ermöglicht durch neue Silierverfahren. Für Wiesenbrüter wie Feldlerche und Braunkehlchen eine fatale Entwicklung: Die Matte wird gemäht, noch bevor die Brut flügge ist. Nicht selten wird bei der Mahd auch das brütende Weibchen getötet, was den Rückgang der Bestände beschleunigt. Auch das verstärkte Düngen macht den Vögeln zu schaffen, denn in der dichten Vegetation ist die Jagd nach Spinnen und Insekten fast unmöglich.

Intensivierung schadet der biologischen Vielfalt

Flächen an Trockenwiesen und -Weiden in der Schweiz
© BAFU

«Aus dem Mittelland und den Jurahöhen sind die Wiesenbrüter längst verschwunden, nun sind ihre Bestände auch im Berggebiet eingebrochen», bilanziert Roman Graf. Gemäss einer Bestandsaufnahme der Vogelwarte auf den Referenzflächen im Engadin hat sich die Zahl der Braunkehlchen - aufgeführt auf der Roten Liste der bedrohten Arten - in den letzten 20 Jahren nahezu halbiert. Schlecht geht es auch der Feldlerche (-58 %) und dem Baumpieper (-47 %). Obschon sich die Studie auf das Engadin beschränkt, sind die Ergebnisse laut Roman Graf typisch für den ganzen Schweizer Alpenraum.«Unterhalb von 1500 Metern über Meer (m ü. M). hat ein veritabler Umbruch stattgefunden. Und leider weichen die Wiesenbrüter nicht einfach in höhere Lagen aus, denn die günstigen Brutplätze sind dort meist schon besetzt.»

Die Schuld für diese Entwicklung mag Roman Graf nicht den Bauern zuschieben. «Sie folgen den wirtschaftlichen Anreizen. Bund und Kantone haben die Intensivierung durch fehlgeleitete Direktzahlungen für Tierhaltung oder Strukturverbesserungen vorangetrieben.» Im Engadin etwa seien im Rahmen von Meliorationen unzählige Sprinkleranlagen eingeführt worden, und die Dauerbewässerung habe die Intensivierung der Grünlandbewirtschaftung begünstigt. Auch die Milchzahlen belegen, dass die Intensivierung zunehmend höhere Lagen erfasst. So werden heute im Berggebiet im Vergleich zu den frühen Neunzigerjahren auf einer um 17 % kleineren Fläche 4 % mehr Milch produziert.

Höhere Anreize für Biodiversitätsförderflächen

Diese Entwicklung läuft der biologischen Vielfalt zuwider. Die Politik hat das Problem erkannt: In der Agrarpolitik 2014-2017 wurden die Tierbeiträge reduziert und die finanziellen Anreize für das Anlegen von qualitativ wertvollen Biodiversitätsförderflächen erhöht.

Dass dieser Ansatz zu einer in jeder Hinsicht nachhaltigen Landwirtschaft führen kann, zeigt der Betrieb von Victor Peer in der Engadiner Ortschaft Ramosch. Der Biobauer hält knapp 50 Kühe und bewirtschaftet 60 Hektaren Land, das vom Talboden (1100 m ü. M) bis hinauf auf eine Privatalp (1700-2000 m ü. M) reicht. Den Grossteil nutzt er extensiv oder wenig intensiv. 60 % der Nutzfläche sind als Biodiversitätsförderflächen angemeldet, wovon rund 50 % botanisch wertvoll sind und 70 % Vernetzungsbeiträge erhalten. Im Vernetzungsprojekt richtet sich die Bewirtschaftung der Förderflächen gezielt auf die Bedürfnisse ausgewählter Arten: Extensive Wiesen dürfen erst ab Juli und nur schonend gemäht werden, zudem müssen sie über Kleinstrukturen wie Sträucher oder Stein- und Asthaufen verfügen.

«Die Voraussetzung für eine gute botanische Qualität ist hier oben günstig», erklärt Bergbauer Peer. «Über Generationen hinweg wurde das Land nur wenig intensiv genutzt. Es mangelte an Wasser, und der Dünger liess sich nicht so einfach auf die Hänge bringen.» Er stellt aber auch eine Verstärkung des Intensivierungsdrangs fest. Dazu habe auch der Strukturwandel beigetragen. Heute teilten sich in Ramosch 15 Bauern eine Fläche, die vor 30 Jahren noch von 35 Bauern bewirtschaftet wurde. Die Folge: Topografisch schwieriger zu bearbeitende Flächen würden aufgegeben, während sich die Arbeitskraft auf intensiv nutzbare Flächen konzentriere.

Mit der Agrarpolitik 2014-2017 wurden zudem Landschaftsqualitätsbeiträge als neue Direktzahlungsart eingeführt. Sie zielen auf eine multifunktionale Nutzung ab, die auch der Pflege der Kulturlandschaft gerecht werden soll. Die Gemeinden Ramosch und Tschlin - inzwischen zu Valsot fusioniert - wurden als Pilotregion für ein Landschaftsprojekt ausgewählt. Es entlohnt die Landwirte für die Erhaltung und Pflege von prägenden regionalen Landschaftselementen. Knapp die Hälfte der 2014 entrichteten Landschaftsqualitätsbeiträge entfielen auf Kleinstrukturen wie Einzelbäume, Hecken, Trockenmauern oder traditionelle Kulturlandschaften wie Wytweiden oder wieder kultivierte Ackerterrassen, die nebst der landschaftlichen auch der biologischen Vielfalt zugutekommen. Viktor Peer war damals Mitglied der Operativgruppe. Er erinnert sich, wie er gegen die Vorbehalte des Bauernverbandes und gegen das Misstrauen von Kollegen ankämpfen musste. Es sei nicht ihre Aufgabe, die Natur zu fördern und die Landschaft zu pflegen, sondern Nahrungsmittel zu produzieren, bekam er zu hören. Inzwischen aber hätten viele Landwirte ein anderes Selbstverständnis.

Der Landwirt und die Biodiversität gewinnen

Getreideernte mit einem Mähdrescher
Getreideernte
© Markus Bühler-Rasom

Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung ist nicht der Weg, den Victor Peer einschlagen will. Dagegen sprechen für ihn neben ökologischen auch wirtschaftliche Gründe. Mit Schrecken habe er feststellen müssen, wie unberechenbar der Preis für Milch sei. In den letzten Jahren ging dieser stets nach unten. «Mit jedem Liter Milch mache ich heute 80 Rappen Verlust», erklärt der 56-jährige Landwirt.

Dass die in Aussicht gestellten Förderbeiträge zum Gesinnungswandel beigetragen haben, will er nicht bestreiten: «Wieso auch. Die Schweizer Bevölkerung wünscht sich eine Landwirtschaft, die Rücksicht nimmt auf Natur und Landschaft, und wenn wir Bauern diesem Wunsch folgen, haben wir Anrecht auf einen angemessenen Verdienst.» Victor Peer freut sich auch über den nicht materiellen Lohn: «Wenn ich im Frühjahr in meinen Wiesen blühende Enziane und Windröschen sehe oder ein Braunkehlchen auf einem Zaunpfahl, dann motiviert mich das weiterzumachen.»

Biodiversitätsförderung im Pflichtenheft der Bauern

Die Schweizer Bäuerinnen und Bauern sind nicht allein der Produktion verpflichtet, sondern auch der Umwelt. 1996 wurde der multifunktionale Auftrag für die Landwirtschaft in der Bundesverfassung verankert. Im Bericht «Umweltziele Landwirtschaft» (2008) haben das BAFU und das Bundesamt für Landwirtschaft den angestrebten Zustand für verschiedene Zielbereiche formuliert, hergeleitet aus bestehenden Rechtsgrundlagen. Ein prioritäres Ziel ist die Erhaltung und Förderung von einheimischen, schwerpunktmässig auf der landwirtschaftlichen Fläche vorkommenden oder von der landwirtschaftlichen Nutzung abhängigen Arten und ihren Lebensräumen. Denn unsere langfristige Versorgungssicherheit und unsere Produktionsgrundlagen hängen vom Zustand der Biodiversität ab.

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Letzte Änderung 24.08.2016

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