Ökonomie und Ökologie in der Landwirtschaft: «Das Bild beruht auf verklärten Projektionen»

Die heute geltenden agrarpolitischen Rahmenbedingungen behindern eine wettbewrbsfähige und ökologische Land- und Ernährungswirtschaft. «umwelt» unterhielt sich mit zwei Fachpersonen über die vielschichtigen Zusammenhänge in der hiesigen Agrarbranche.

Interview: Lucienne Rey

umwelt: Frau Baur, Herr Jenny, Lebensmittelgeschäfte und Wochenmärkte präsentieren schöne Waren, niemand muss in der Schweiz hungern - und trotzdem steht die Landwirtschaft immer wieder auf der politischen Agenda. Weshalb?

Priska Baur (PB): Die Landwirtschaft ist tatsächlich ein Dauerbrenner. Das grosse Interesse für sie ist verständlich, bei der Ernährung ist jede und jeder Experte. In der politischen Debatte wiederum nehmen alle für sich in Anspruch, eine nachhaltige Landwirtschaft zu wollen und gute Lösungen zu kennen. Eine sachliche und respektvolle Auseinandersetzung scheint oft nicht möglich. Dies ist aus meiner Sicht nicht primär die Folge divergierender wirtschaftlicher Interessen, sondern grundsätzlich verschiedener Einstellungen und Werte. In der Agrarpolitik wird kaum ausgehend von Fakten, sondern von Vorstellungen und Gefühlen entschieden.

Markus Jenny (MJ): In die Entscheidungen spielen sehr wohl finanzielle Interessen hinein. Denn weltweit wird die Landwirtschaft von den vor- und nachgelagerten Branchen dominiert - also etwa den Saatgut-, Pestizid- und Düngemittelfirmen auf der einen und der Nahrungsmittelbranche auf der anderen Seite. Da geht es um viel Geld. Hingegen stimme ich der Ansicht zu, dass zahlreiche landwirtschaftspolitische Entscheidungen, die letztlich von der breiten Bevölkerung mitgetragen werden, aufgrund eines Bauchgefühls gefällt werden. Und dieses wiederum wird bestimmt vom Bild einer Landwirtschaft, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Worauf ist dieses unzutreffende Bild zurückzuführen?

Nach ihrem Agronomiestudium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) arbeitete Priska Baur als Projektleiterin für die landwirtschaftliche Beratungsagentur Agrofutura AG und den Thinktank Avenir Suisse. Heute ist sie als Forscherin und Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) tätig.

PB: In unseren sich rasch ändernden Zeiten sehnen wir uns nach Vertrautem. Die Werbung der Grossverteiler spielt mit unserer Sehnsucht nach einer heilen Welt. Sie zeigt Kühe beim Grasen auf der Wiese und Hühner beim Körnerpicken unter blauem Himmel. Dabei fressen Kühe Kraftfutter, und die Hühner werden in Hallen gemästet. Die Realität möchten wir lieber nicht sehen, denn sie bringt uns mit unserem Konsumverhalten in Konflikt.

MJ: Die Geflügelproduktion ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, dass das Bild der Schweizer Landwirtschaft auf verklärten Projektionen beruht. Wegen der sehr hohen Tierbestände stösst die Schweiz viel zu viel Ammoniak aus. Seit 20 Jahren verharren unsere Emissionen auf jährlich 48‘000 t, obwohl die Umwelt höchstens 25‘000 t verkraften würde. Wenn nun beispielsweise in einem Kanton die öffentliche Hand während 5 Jahren mit Investitionen von 6 Mio. eine 3-prozentige Reduktion des Ammoniakausstosses erreicht, gleichzeitig aber so viele Hühnerställe bewilligt werden, dass sich die Emissionen wieder um 1,5 % erhöhen, ist das volkswirtschaftlich wie auch ökologisch nicht nur unsinnig, sondern unbestritten schädlich.

Solche Zahlen sprechen für sich, das sind Fakten. Die müssten doch alle überzeugen?

MJ: Das Problembewusstsein in der Bevölkerung und der Landwirtschaft ist gering, weil der Wissenstransfer zum Teil bewusst untergraben wird. Die Agrarpresse ist weitgehend auf die Meinung des Schweizer Bauernverbands ausgerichtet. Abweichende Ansichten dringen nicht bis zu den Bauern durch. Zahlreiche Artikel sind stark vom Interesse der Vorgelagerten wie beispielsweise der Futtermittel-, Saatgut- und Pestizidhändler beeinflusst. Das geht so weit, dass kritische Stimmen innerhalb der Landwirtschaft - und die gibt es - ein Sprachrohr ausserhalb der bäuerlichen Presse finden müssen, um ihre Botschaft durchzubringen.

PB: Der Schweizer Bauernverband kommuniziert geschickt. Er überbringt mit seiner Ernährungssicherheitsinitiative die Botschaft, dass die Schweizer Landwirtschaft heute am Produzieren gehindert werde, wo doch diese durch möglichst hohe Erträge zu mehr Versorgungssicherheit beitrage. Dabei argumentiert er mit dem sogenannten Selbstversorgungsgrad, der angeblich «nur noch» bei 55 bis 60 % liege. Diese Argumentation scheint auf den ersten Blick plausibel, doch sie führt in die Irre. Bei Nahrungsmitteln, die sich vom Klima her in der Schweiz erzeugen lassen- etwa Brotgetreide, Kartoffeln und Fleisch -, beträgt der Selbstversorgungsgrad bereits heute gegen 100 %, bei Milch sogar deutlich mehr. Zugleich wird er aber überschätzt, weil wir für viele vermeintlich inländische Nahrungsmittel auf Importe angewiesen sind. Dies gilt ganz besonders für die Fleischproduktion: Fielen in Krisenzeiten die Futtermittelimporte weg, müsste ein grosser Teil der Tierbestände geschlachtet werden. Und die Pouletproduktion käme ganz zum Erliegen, da auch die Eltern der Masthybriden laufend importiert werden müssen. Der Selbstversorgungsgrad sagt wenig aus über die Versorgungssicherheit der Bevölkerung.

Seit Jahren geht die Zahl der Bauernbetriebe stetig zurück. Lässt das nicht hoffen, dass grössere Betriebe professioneller und wirtschaftlicher geführt werden?

PB: Ein robuster Zusammenhang zwischen Betriebsgrösse, Wirtschaftlichkeit und Ökologie ist nicht nachweisbar. Es gibt kleine erfolgreiche Betriebe und grosse, die scheitern. Ziel der Politik sollte es sein, klare Bedingungen zu schaffen, und nicht, Strukturen vorzugeben. Tatsache ist, dass hierzulande viele Betriebe sehr vielseitig aufgestellt sind. Die jungen Bäuerinnen und Bauern absolvieren eine gute Ausbildung, aber sie sind überfordert, weil sie gar nicht auf jedem Gebiet professionell handeln können. Sie sind stark auf Beratung angewiesen, und dabei nehmen die vorgelagerten Branchen grossen Einfluss. So stellen etwa die Anbieter von Pflanzenschutzmitteln mehr Berater als die Behörden.

Markus Jenny studierte Biologie an der Universität Zürich und promovierte an der Universität Basel über die Feldlerche im Kulturland. Seit 30 Jahren arbeitet er als Spezialist für Agrarökologie und Landwirtschaft bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. Ausserdem ist er Präsident der Denkwerkstatt Vision Landwirtschaft.

MJ: In der Milchwirtschaft zeigt sich, dass Landwirte, die auf eine standortangepasste Produktion mit eigenem Futter setzen, ökonomisch meist besser abschneiden als solche, die eine fremdmittelabhängige Intensivproduktion betreiben. Sie halten Kühe, die jährlich 6000 bis 7000 Liter Milch geben statt 10‘000 und die sie vor allem mit Gras füttern. Diese Landwirte verzichten auf eine hochtechnisierte und von Importfutter abhängige Produktion. Weniger wäre also mehr - und ein Segen für die an Überproduktion und Preiszerfall leidende Milchwirtschaft. Überhaupt zeigt der Blick auf die landwirtschaftliche Gesamtrechnung, dass die Eigenwirtschaftlichkeit der Schweizer Landwirtschaft äusserst gering ist. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass diese sehr kostenintensiv produziert. So «fressen» die Kosten rund 77 % der Einnahmen eines Betriebes weg. Verglichen mit unseren Nachbarländern ist der Gesamtaufwand um 40 bis 60 % höher. Der Hauptteil der Kosten entfällt auf importierte Futtermittel. Die Betriebe «füttern» also vor allem den vorgelagerten Sektor, der umso mehr verdient, je intensiver produziert wird.

Der Staat lässt der Landwirtschaft pro Jahr knapp 4 Mrd. CHF an Direktzahlungen und anderen Stützungsmassnahmen zukommen. Damit sollten die Bauern doch auf einen einträglichen Verdienst kommen?

PB: Vor über 20 Jahren fiel in der Landwirtschaftspolitik der wichtige Grundsatzentscheid, Einkommens- und Preispolitik voneinander zu trennen. Die Preise sollten dem Markt überlassen werden, während die Einkommen der Bauern durch die Direktzahlungen gesichert werden sollten. Leider ist die Politik auf halbem Weg stehen geblieben. Die Direktzahlungen wurden ausgebaut, die Preise werden aber nach wie vor stark gestützt. Gemäss Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verdankt die hiesige Landwirtschaft jährlich rund 6 Mrd. CHF ihrer Einnahmen der Politik. Unsere Landwirte gehören damit immer noch zu den am meisten geschützten Bauern weltweit.

MJ: Ziel der Agrarpolitik 2014-2017 ist, die pauschale Stützung der Produktion abzubauen und die gemeinwirtschaftlichen Leistungen wie die Erhaltung der Biodiversität oder die Ressourceneffizienz zu fördern. Das Prinzip, nicht marktfähige Güter fair abzugelten, hat allgemein Gültigkeit. Es ist volkswirtschaftlich unsinnig, eine überintensive Produktion zu stützen und gleichzeitig die Sanierung der verursachten Schäden mit Steuergeldern berappen zu müssen. Hinzu kommt, dass die Abgeltung gemeinwirtschaftlicher Leistungen nicht in Konflikt zum Agrarfreihandel steht, während protektionistische Massnahmen zum Schutz der Produktion nicht toleriert werden.

Wieso beharren denn viele Landwirte trotzdem darauf, ihr Einkommen in erster Linie durch die Produktion zu erzielen, und lehnen Direktzahlungen als Teil ihrer Einkünfte ab?

PB: Die Bauern möchten möglichst viele Nahrungsmittel erzeugen und damit zur Welternährung beitragen. Nicht nur in der Schweiz haben sie aber noch weitere Aufgaben. Sie sollen ökologisch nachhaltig und nachfragekonform produzieren und für eine vielfältige Landschaft sorgen. Für zahlreiche Landwirte ist jedoch ein guter Bauer einer, der hohe Erträge erzielt, unabhängig davon, ob die Rechnung aufgeht.

MJ: Dabei signalisiert der Markt durchaus, wohin sich unsere Landwirtschaft entwickeln müsste. Sie sollte Güter bereitstellen, die von der Kundschaft nachgefragt werden und eine hohe Wertschöpfung erzielen. Erwünscht wäre etwa inländisches Bio- und Extensogetreide, das ohne oder mit weniger Pflanzenschutzmitteln und ohne Wachstumsregulatoren angebaut wird. Dass heute nach wie vor rund zwei Drittel des Biobrotgetreides importiert werden müssen, zeigt, dass unsere Landwirtschaft in einigen Bereichen am Markt vorbeiproduziert. Bei Erzeugnissen aus der mit hohem Pestizid- und Düngereinsatz arbeitenden «Turbo-Landwirtschaft» wird die Schweiz nie konkurrenzfähig sein - diese werden in anderen Ländern viel kostengünstiger hergestellt.

Wäre denn eine nicht auf die Mengenproduktion von Agrargütern ausgerichtete Landwirtschaft grundsätzlich in der Lage, die gesamte Bevölkerung in der Schweiz zu ernähren?

MJ: Eine Studie von Vision Landwirtschaft belegt, dass wir im Falle einer Krise die heutige Bevölkerung von 8,2 Mio. Personen immer noch ausreichend versorgen könnten. Dies würde aber bedingen, dass wir dann unsere Produktion und unser Konsumverhalten grundlegend verändern, das heisst viel mehr Kartoffeln und Brotgetreide erzeugen und weniger Tiere halten. Die Studienergebnisse zeigen zudem, dass die vielfach vermuteten Zielkonflikte zwischen einer sicheren Versorgung und weiteren Zielen der Agrarpolitik nicht existieren. Eine ressourcenschonend produzierende Agrarwirtschaft, die auch die Umweltziele Landwirtschaft (UZL) des Bundes erreicht, trägt entscheidend zur Erhaltung der Versorgungsicherheit bei. Wenn wir allerdings unsere heutigen Ernährungsgewohnheiten beibehalten, ist die Konsequenz einer versorgungssicher und ressourcenschonend produzierenden Schweizer Landwirtschaft, dass gewisse Nahrungsmittel verstärkt importiert werden müssen.

PB: Die Schweizer Landwirtschaft erzeugt heute mehr Nahrungsmittel als je zuvor. Doch fatalerweise lenkt der Blick auf die Mengen und Kalorien davon ab, dass ihre zentrale Herausforderung nicht darin liegt, mehr zu produzieren, sondern sich der Realität des zunehmenden Wettbewerbs zu stellen.

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Letzte Änderung 24.08.2016

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