Gülle auf die Felder statt in die Luft

Vom Stickstoff, den die Nutztiere im Harn und Kot ausscheiden, gelangt nur ein Teil mit dem Hofdünger bis zu den Pflanzenwurzeln. Der Rest entweicht in Form von Ammoniak und Lachgas in die Luft sowie als Nitrat in die Gewässer. Ein zentrales Umweltziel der Landwirtschaft ist, die Emissionen des Luftschadstoffs Ammoniak zu halbieren.

50 Milchkühe sowie 60 Rinder und Kälber der Rasse Montbéliarde stehen im Laufstall des Betriebs von Jürg und Denise Hostettler in L’Isle am Fuss des Waadtländer Juras. Sie werden fast ausschliesslich mit betriebseigenem Gras und Heu gefüttert.
50 Milchkühe sowie 60 Rinder und Kälber der Rasse Montbéliarde stehen im Laufstall des Betriebs von Jürg und Denise Hostettler in L’Isle am Fuss des Waadtländer Juras. Sie werden fast ausschliesslich mit betriebseigenem Gras und Heu gefüttert.
© Christine Bärlocher/Ex-Press/BAFU

Text: Hansjakob Baumgartner

Im März wird vielerorts ein Umweltproblem der Landwirtschaft riechbar: Die Güllelager sind in dieser Jahreszeit voll, denn in den Monaten zuvor, als die Böden schneebedeckt und gefroren waren, durfte kein Hofdünger ausgebracht werden. Inzwischen hat es getaut, und die Gülle wird auf den Feldern verteilt. Vom löslichen Stickstoff, der in der Gülle steckt und mit dem eigentlich die Pflanzen ernährt werden sollten, verduften allerdings bei herkömmlichen Verteilsystemen mit dem Druckfass bis zu 50 % als Ammoniak in die Luft - und dies, nachdem es bereits bei der Stallhaltung und bei der Güllelagerung grosse Stickstoffverluste gegeben hat.

Dünger injizieren statt verspritzen

Gesamtschweizerische Ammoniak-Emissionen 2010
Gesamtschweizerische Ammoniak-Emissionen 2010
© HAFL

Nicht so auf dem Hof von Jürg und Denise Hostettler in L'Isle am Fuss des Waadtländer Juras. Es ist ein Grossbetrieb: 80 Hektaren Land bewirtschaftet der Bauer. Die Gülle der 50 Milchkühe sowie 60 Jungtiere - Rinder und Kälber -, die im Laufstall stehen und liegen, wird emissionsarm auf die hofeigenen Wiesen und Äcker verteilt. Dafür sorgt ein Gülledrill genanntes Gerät . Dieses schneidet beim Befahren der Felder einen Schlitz in den Boden, in den die Gülle injiziert wird. Die Maschine gehört einem benachbarten Bauern, der sie als Lohnunternehmer auf Betrieben der ganzen Region einsetzt. Die Verteilung der Gülle mit dem Gülledrill wird vom Kanton Waadt im Rahmen des «Ressourcenprojekts Ammoniak» mit Beiträgen gefördert. Basierend auf einem Passus im Landwirtschaftsgesetz wurden in der ganzen Schweiz derartige regionale Projekte lanciert. Sie bezwecken eine Steigerung der Stickstoffeffizienz und eine Reduktion der Ammoniakemissionen aus der Landwirtschaft.

Das ist dringend nötig. Rund 50‘000 t Stickstoff in Form von Ammoniak entlässt die hiesige Landwirtschaft jährlich in die Luft, knapp die Hälfte davon beim Ausbringen des Hofdüngers. Mit einem Anteil von etwa 95 % an den Emissionen ist sie praktisch die einzige Quelle für diesen Luftschadstoff.

Der Bund setzt die Eckpfeiler für die regionalen Ressourcenprojekte, welche die betroffenen Kantone innerhalb des vorgegebenen Rahmens nach ihren Bedürfnissen ausgestalten können. Und er übernimmt 80 % der Kosten für landwirtschaftliche Massnahmen; 2012 bezahlte er dafür rund 17 Mio. CHF. Die restlichen Kosten tragen die Kantone und die beteiligten Landwirte.

2013 waren derartige Projekte in 21 Kantonen und Halbkantonen in Umsetzung. Die emissionsarme Verteilung des Hofdüngers ist überall ein Kernpunkt. Nebst den injizierenden Düngemaschinen werden auch Schleppschlauchverteiler gefördert. Bei diesen wird die Gülle durch Schläuche, die über den Boden gezogen werden, verteilt. Sie verringern den Ammoniakausstoss gegenüber dem System mit dem Druckfass um etwa 30 %; beim Gülledrill sind es gar mehr als die Hälfte.

Insgesamt 2655 CHF erhielt Jürg Hostettler 2013 aus dem Ressourcenprojekt. Die Beiträge hätten die Kosten für den Lohnunternehmer nicht gedeckt, sagt er. Trotzdem ging die Rechnung für ihn auf: Weil beim Ausbringen der Gülle mit dem Gülledrill viel weniger Stickstoff verloren geht, muss er heute 20 % weniger Mineraldünger einkaufen.

Auf dem Biobetrieb von Bruno und Karin Kessler im Hügelgebiet oberhalb von Herisau (AR): Bruno Kessler füttert sein Rindvieh mit Grassilage aus eigener Produktion.
Auf dem Biobetrieb von Bruno und Karin Kessler im Hügelgebiet oberhalb von Herisau (AR): Bruno Kessler füttert sein Rindvieh mit Grassilage aus eigener Produktion.
© Christine Bärlocher/Ex-Press/BAFU

 Güllebehälter abdecken

Vielleicht wird er hier schon bald noch mehr einsparen, denn er ist dabei, ein weiteres Stickstoffleck zu stopfen. Das 600 Kubikmeter fassende Güllelager, das aussieht wie ein monströser Swimmingpool, soll abgedeckt werden. Denn auch daraus entweicht viel Ammoniak. Offene Güllelager mit einer Abdeckung zu verschliessen, gehört deshalb ebenfalls zu den Massnahmen, die über regionale Ressourcenprojekte gefördert werden. Es gibt dafür verschiedene Systeme - Schwimmfolien oder feste Konstruktionen aus unterschiedlichen Materialien. Je nach gewähltem System wird die Abdeckung von Hostettlers Güllelager bis zu 30‘000 CHF kosten. 80 % der Kosten, maximal aber 20‘000 CHF, werden ihm über das Ressourcenprojekt vergütet.

Im Biohof von Bruno und Karin Kessler im Hügelgebiet oberhalb von Herisau (AR) ist diese Massnahme nicht mehr nötig. Die Gülle der knapp 50 Milchkühe und Aufzuchttiere sowie der rund 60 Mastschweine lagert verborgen in Gruben unter dem Stall und dem Laufhof. Der Bau oberirdischer Güllelager würde im Kanton Appenzell Ausserrhoden aus landschaftlichen Gründen nicht bewilligt, sagt Bruno Kessler.

Schleppschlauch, wo es nicht zu steil ist

Um die Gülle auszubringen, hat Bruno Kessler sich vor drei Jahren einen Schleppschlauchverteiler angeschafft. Dessen Einsatzmöglichkeit wird allerdings durch die Topografie limitiert. Flächen, die steiler sind als 25 %, sind für dieses Gerät nicht zugänglich. Kessler bleiben etwa 20 Hektaren. Die Verwendung des Schleppschlauchgeräts auf diesen Flächen bringt dem Betrieb jährlich etwa 3000 CHF an Beiträgen über das Ressourcenprojekt ein. Der Kaufpreis für das Schleppschlauchgerät sei so innert weniger Jahre amortisiert, sagt der Landwirt.

Hinzu kommen Beiträge, die nach einem Punktesystem für verschiedenste Massnahmen zur Verminderung der Ammoniakemissionen vergütet werden. Zu diesen gehört zum Beispiel eine Beschattung des Laufhofs, in dem die Kühe und Rinder ihren täglichen Freigang haben. Sie bewirkt, dass weniger Ammoniak freigesetzt wird, denn je wärmer es ist, desto rascher verflüchtigt sich dieses Gas. Dank günstiger Anordnung der Gebäude erfüllt Kesslers Betrieb diese Bedingung problemlos. Und auch die Schweine, die ebenfalls ins Freie dürfen, geniessen dies an einem ausreichend beschatteten Ort.

Punkte macht der Betrieb zudem mit einer stickstoffoptimierten Fütterung. Je proteinreicher die Nahrung ist, desto höher sind die Stickstoffgehalte in den Ausscheidungen der Tiere und damit auch die Ammoniakemissionen. Mit rund 6000 kg Milch pro Jahr - Spitzenkühe bringen es auf das Doppelte - ist Kesslers Braunvieh nicht auf Höchstleistung getrimmt. Entsprechend wenig proteinreiches Kraftfutter brauchen die Tiere. Sie fressen fast ausschliesslich Gras, Heu und Silage. Bruno Kessler lässt regelmässig den Harnstoffgehalt in der Milch messen: Ist dieser unter dem Limit, haben die Tiere nicht zu viel Protein im Futter bekommen. Bisher waren die Werte stets im grünen Bereich.

Laufställe als Ammoniakquelle

Ein wachsender Anteil am Ammoniakausstoss der Landwirtschaft geht auf das Konto der Ställe. Das hat einerseits damit zu tun, dass beim Verteilen der Gülle auf den Feldern zunehmend emissionsreduzierende Schleppschläuche zum Einsatz kommen. Zurzeit ist dies auf etwa einem Drittel der Schweizer Landwirtschaftsflächen, die hierfür nicht zu steil sind, der Fall. Damit schrumpft die Bedeutung der Gülleausbringung als Emissionsquelle. Andererseits verflüchtigt sich in den Ställen mehr Ammoniak, weil immer häufiger Anbinde- durch Laufställe ersetzt werden. Für das Tierwohl ist dies ein Fortschritt, doch wird in den neuen Stallsystemen mehr Ammoniak freigesetzt: Anders als in den Anbindeställen fallen die Ausscheidungen der Tiere nicht konzentriert hinter den Liegeplätzen an, wo sie durch eine Rinne rasch abgeführt werden können. Sie verteilen sich vielmehr auf einer grösseren Fläche und bleiben - wenn die Böden nicht mehrmals täglich gereinigt werden - auch länger liegen.

Bauliche und betriebliche Massnahmen können diesen Nachteil für die Umwelt vermindern. Dazu muss der Boden gute Abflusseigenschaften, ein Quergefälle von 3 % und eine Längsrinne aufweisen. In Letzterer sammelt sich der abfliessende Harn und wird in das Güllelager abgeleitet. Die Reinigung der Böden und der Abflussrinne erfolgt automatisch alle zwei Std. durch einen Schieber, der mit einer Zeitschaltuhr gesteuert wird. «Eine vollständige Anpassung bestehender Ställe - zum Beispiel in Bezug auf das Quergefälle des Bodens - ist allerdings nicht immer möglich», sagt Simon Liechti, Fachmann für Emissionsminderungstechniken im BAFU. In der Schweiz gibt es erst sehr wenige emissionsarme Laufstallsysteme - obschon auch sie über die Ressourcenprojekte finanziell gefördert werden. Ein automatischer Reinigungsschieber lässt sich aber auch in bereits gebaute Ställe integrieren.

Vollzugshilfen weisen den Weg

Alle technischen und baulichen Massnahmen, die geeignet sind, die Ammoniakemissionen der Landwirtschaft zu vermindern, sind in zwei Vollzugshilfen für den Umweltschutz in der Landwirtschaft beschrieben, die das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und das BAFU gemeinsam herausgegeben haben. Zu vollziehen ist hier die Luftreinhalte-Verordnung (LRV). Emissionen, für welche keine Grenzwerte festgelegt sind, seien «so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar ist», schreibt die LRV vor. «Die in den Vollzugshilfen bezeichneten Massnahmen entsprechen alle dem Stand der Technik», betont Simon Liechti.

Die Ressourcenprojekte verbessern die wirtschaftliche Tragbarkeit der Massnahmen. Sie dienen somit auch der schnelleren Einführung von emissionsarmen Ausbring-, Lagerungs- und Stalltechniken. Während also das Umweltrecht die Umsetzung von Minderungsmassnahmen fordert, können diese dank dem Landwirtschaftsrecht gefördert werden. «Bei einer flächendeckenden Umsetzung würde der Ammoniakausstoss der Schweiz um insgesamt etwa 30 % sinken», schätzt Simon Liechti.

Vorbild Dänemark

Dänemark startete bereits in den 1980er-Jahren ein Programm - zuerst mit freiwilligen, dann mit verbindlichen Massnahmen und Kontrollen zur Verminderung der Stickstoffverluste in der Landwirtschaft. Heute ist die Hofdüngeranwendung mit Druckfässern und anderen Breitverteilern verboten. Die Injektion der Gülle und die schnelle Einarbeitung von Mist sind obligatorisch, ebenso die Abdeckung der Güllebehälter. Die Stallsysteme wurden - ohne Abstriche an das Tierwohl - konsequent auf eine Verminderung der Ammoniakemissionen optimiert. In der Folge sanken diese im ganzen Land innert 20 Jahren um 40 %. Obschon in Dänemark die Nutztierdichte etwa gleich hoch ist wie in der Schweiz, entweichen dort pro Hektare 40 % weniger Ammoniak in die Luft als hierzulande. Beim Ländervergleich sind allerdings die unterschiedlichen topografischen Verhältnisse zu berücksichtigen: Dänemark ist ein flaches Land, und deshalb lässt sich dort die Injektion anders als bei uns praktisch auf der ganzen Agrarfläche einsetzen.

In der Schweiz sind die Ammoniakemissionen zwischen 1990 und 2000 leicht gesunken, dies allerdings vor allem aufgrund rückläufiger Tierzahlen. Seither stagnieren sie. Die Emissionsverminderung, die der zunehmende Einsatz von Schleppschläuchen beim Ausbringen der Gülle bewirkte, wurde durch die Umstellung auf Laufställe nahezu wieder kompensiert.

Die Agrarpolitik ist gefordert

Gemäss den vom BLW und vom BAFU gemeinsam festgelegten «Umweltzielen Landwirtschaft» soll der Ammoniakausstoss der Landwirtschaft auf 25‘000 t vermindert, das heisst nahezu halbiert werden. Der Bundesrat hat diese Vorgabe mit dem Luftreinhaltekonzept bekräftigt. Das Ziel ist damit höher gesteckt als die geschätzten 30 % Reduktion, die mit heute bereits anwendbaren Massnahmen zu erreichen sind. «Durch die Weiterentwicklung der bestehenden Technik und durch Innovationen wird sich das technische Reduktionspotenzial aber erhöhen», hält Simon Liechti fest.

Der gesamte Stickstoffüberschuss der Schweizer Landwirtschaft beträgt 100‘000 t pro Jahr. In den Augen von Hans Ulrich Gujer, Landwirtschaftsexperte im BAFU, braucht es eine grundsätzliche Umorientierung der hiesigen Landwirtschaft. Das gelte vor allem für die Futtermittelimporte . Diese haben sich seit 1990 verdoppelt. Um die Stickstoffbilanz der Landwirtschaft einigermassen ins Gleichgewicht zu bringen, müssten sie erheblich vermindert werden, fordert Hans Ulrich Gujer. «Mit der Streichung der Tierbeiträge zielt die Agrarpolitik 2014-2017 hier in die richtige Richtung», findet er. Gemäss Modellrechnungen des Bundesamtes für Landwirtschaft dürfte der Rindviehbestand deshalb mittelfristig um 10 % sinken, was ein Minus von 7,5 % bei den Ammoniakemissionen zur Folge haben wird.

Im Rahmen der neuen Agrarpolitik wird auch die graslandbasierte Milch- und Rindfleischproduktion gefördert: Das hiesige Rindvieh soll möglichst lange auf der Weide sein, sich von Gras und Heu ernähren und möglichst wenig (importiertes) Kraftfutter fressen. IP-Suisse, die Vereinigung integriert produzierender Landwirte, hat diesen Ansatz mit der Lancierung der «TerraSuisse-Wiesenmilch» vorweggenommen (siehe Kasten). Tatsächlich sind die Bedingungen für eine grasbasierte Rindviehfütterung in der Schweiz ideal. Reichliche und gleichmässig übers Jahr verteilte Niederschläge sowie tiefgründige Böden lassen hier die Wiesen und Weiden so üppig grünen wie sonst fast nirgends in Europa.

Sowohl der Betrieb von Jürg und Denise Hostettler wie auch der von Bruno und Karin Kessler sind hier auf Kurs. Die Milch von Hostettlers Kühen der Rasse Montbéliarde wird in der Dorfkäserei von L’Isle zu Gruyère und Vacherin Mont d’Or verarbeitet. Für Milchvieh, das für die Produktion dieser Käsesorten gemolken wird, ist ein hoher Anteil Grasfutter Vorschrift. Die 30 Hektaren Naturwiese und -weide sowie die 13 Hektaren Kunstwiese liefern genug Gras und Heu, um 90 % des Futterbedarfs zu decken. Auch das ergänzend verabreichte Kraftfutter stammt zur Hälfte - in Form von Futtergerste - aus dem eigenen Betrieb.

Kesslers verkaufen ihrerseits Bio-Konsummilch. Nicht nur die Biorichtlinien sorgen hier dafür, dass lediglich minimale Kraftfuttermengen eingesetzt werden: «Biologisch produziertes Kraftfutter ist teuer», sagt Bruno Kessler. Auch rechnen zu können hilft zuweilen, Ammoniakemissionen zu vermindern.

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Letzte Änderung 21.05.2014

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