Gefahrenkarten: Bewusster Umgang mit dem Risiko

21.11.2012 - Gefahrenkarten sind ein wichtiges Instrument, um Schäden durch Hochwasser, Lawinen sowie Rutsch- und Sturzprozesse wirksam vorzubeugen. Inzwischen haben die meisten Schweizer Gemeinden ihre gefährdeten Flächen erhoben. Das Kartenwerk bildet unter anderem die Grundlage für Nutzungsauflagen in der Raumplanung.

Beispiele für die in den gefahrenkarten erfassten Gefahrenprozesse: Felssturz in Gurtnellen (UR 2012), Hochwasser der Kander bei Mitholz (BE, 2011), Staublawine beim Flugplatz Samedan (GR, 2001) und Erdrutsch im Entlebuch (LU, 2005).
© Kanton Uri; Sturm Archiv Schweiz, SLF; Schweizer Luftwaffe

Sie heissen Rahmboden (GL), Ankenloch (UR und GL), Chäseren (UR, SG, ZH) oder Brotchorb (SG und ZH). Die alten Orts­namen auf unseren Landeskarten bezeugen, dass die Landwirtschaft den Bewohnerinnen und Bewohnern dieser Flecken bereits vor Jahrhunderten ein einträg­liches Leben sicherte. Unsere Vorfahren kannten aber auch die Schattenseiten der Topografie und verewigten sie in Flurbezeichnungen wie Steinibach (GL, ZG, NW), Falli-Hölli (FR), Nassplatte (GL) oder gar Lauenen (BE) - als Mahnung an regelmässige Lawinenniedergänge. Auch heute vereinen unsere steil aufragenden Berge und abschüssigen Hänge Chancen wie Risiken. Einerseits sticht das grandiose Panorama als Trumpf im Wettbewerb um Feriengäste. In Verbindung mit dem Wasserreichtum schafft das ausgeprägte Relief zudem die Voraussetzungen dafür, dass die Schweiz dank ihren Speicherkraftwerken als Stromdrehscheibe und Batterie Europas gilt. Andererseits haben schwere Unwetter in den letzten Jahrzehnten auch die Risiken der Schweizer Landschaft in die Schlagzeilen und ins kollektive Bewusstsein gerückt. Nach einer vergleichsweise langen Periode ohne grössere Naturereignisse erinnerte im Jahr 1987 eine Serie von Gewittern mit sintflutartigen Niederschlägen daran, dass selbst technisch weit entwickelte Gesellschaften den entfesselten Elementargewalten nur wenig entgegensetzen können. Die Unwetter verursachten vor allem im Alpenraum, wie etwa im Urner Reusstal, beträchtliche Schäden. So forderten Überschwemmungen und Murgänge acht Menschenleben und richteten Sachschäden in der Höhe von rund 1,3 Milliarden Schweizer Franken an.

Die vom BAFU finanziell unterstützten Gefahrenkarten erfassen vier verschiedene Naturgefahrenprozesse. Wie die Auswertung nach Kantonen vom Januar 2012 zeigt, sind potenzielle Erdrutschgebiete und Felssturzzonen vor allem in der Nordostschweiz und in der Westschweiz noch lückenhaft dokumentiert. bis Ende 2013 sollen die noch fehlenden Karten erarbeitet sein.

Ausscheidung von Gefahrenzonen.Die im Mai 1991 publizierte Analyse der Flut von 1987 enthält – nebst Angaben zu den meteorologischen Ursachen und zum Zustand der über die Ufer getretenen Gewässer – auch eine Reihe von Empfehlungen. Als passive Massnahmen werden «die Ausscheidung und limitierte Nutzung von Gefahrenzonen» genannt. «Nur wenn man eine Gefahr genau kennt, ist es möglich, angemessene Gegenmassnahmen zu ergreifen», erklärt Roberto Loat von der Abteilung Gefahrenprävention beim BAFU die Idee dahinter. Ist einer Bedrohung mit baulichen Vorkehrungen wie Schutzdämmen oder Auffangbecken nicht beizukommen, muss man ihr ausweichen und die Nutzung in andere Gebiete verlagern. Die nur wenige Monate später erlassenen Bundesgesetze über den Wasserbau und über den Wald sorgen für die rechtliche Verankerung des neuen Ansatzes. Sie halten fest, dass der Bund Massnahmen des Hochwasserschutzes mitträgt – insbesondere auch die «Erstellung von Gefahrenkatastern und Gefahrenkarten». Nachfolgende Hochwasser in den Jahren 1993, 1999, 2000, 2005 und 2007 unterstreichen die Dringlichkeit von Präventionsmassnahmen gegen Naturgewalten. Der Neue Finanzausgleich (NFA) setzt den zeitlichen Rahmen. So legt das Handbuch NFA für die erste Periode 2008– 2011 fest, dass bis 2011 alle Gemeinden über Gefahrenkarten verfügen sollten. Der Bund sieht einen wirksamen Hebel vor, um die Kantone anzuspornen, ihre Karten für Hochwasser, Lawinen, Rutschungen und Sturzprozesse möglichst rasch auszuarbeiten: «Schutzmassnahmen, für die keine zweckmässige und durch eine Gefahrenkarte begründete Planung vorliegt, werden vom Bund nicht mehr subventioniert», führt ­Roberto Loat aus.Zutreffendes Bild bestehender Risiken.Das Ziel einer flächendeckenden Erhebung der Naturgefahren ist heute weitgehend erreicht. 80 Prozent der entsprechenden Karten sind erstellt und bereits zu rund zwei Dritteln verbindlich in die Nutzungsplanungen der Gemeinden eingeflossen. Insbesondere 2011 haben die Kantone gleichsam einen Schlussspurt hingelegt. Noch im vorangegangenen Jahr lagen nämlich erst gut 65 Prozent der Gefahrenkarten vor. «Dies zeigt, dass die Kantone ihre Aufgabe wahrnehmen und mit Hochdruck daran arbeiten», freut sich Roberto Loat. Die erarbeiteten Karten stellen nicht etwa ein theoretisches Papierwerk dar, sondern bilden die Naturgefahrenprozesse und deren räumliche Ausdehnung gut ab. Dies belegen Analysen verschiedener Extremereignisse, welche die kartierten Zonen den effektiv von Schäden betroffenen Gebieten gegenüberstellen. Damian Stoffel vom Tiefbauamt des Kantons Bern hat die Schadenauswirkungen der Unwetter von 2011 im Berner Oberland untersucht und stellt fest: «Die Gefahrenkarten haben allgemein gut gestimmt. An einzelnen Stellen sind die Risiken bisher jedoch unterschätzt worden.» Bei den Karten handelt es sich also keineswegs um ein Produkt übertriebener Schwarzmalerei.Erfolgreich vorbeugen.Die Karten haben im Umgang mit den Naturgefahren einen Paradigmenwechsel eingeleitet. «Früher hat man vor allem auf Ereignisse reagiert», erinnert sich Damian Stoffel. Gehandelt wurde erst, nachdem ein Schaden eingetreten war. «Mit der Gefahrenkarte aber kann man einer Gemeinde frühzeitig zeigen, wo welche Risiken bestehen.» Dies löst vorsorgliche Massnahmen aus wie etwa am Wallbach in der Gemeinde Lenk (BE). Dort errichtete die Gemeinde 2002 einen Geschiebesammler. 2009 fing er nach einem heftigen Gewitter über 10’000 Kubikmeter Geschiebe und Holz auf und verhinderte damit ein Verstopfen des Bachbetts. Dadurch blieb die Siedlung von Überschwemmungsschäden verschont. Wo Schutzbauwerke technisch nicht realisierbar oder unverhältnismässig sind, bringen mitunter planerische Massnahmen eine Lösung. In Kandersteg (BE) beispielsweise ist die Unberechenbarkeit der Hochwasser führenden Kander seit jeher bekannt. Wie Simulationen gezeigt haben, lassen sich extreme Abflüsse ­allein mit höheren Dämmen nicht bändigen. Folglich galt es, eine Möglichkeit zu finden, um der Flut im Überlastfall einen kontrollierten Weg durch das Dorf zu weisen. Im Zonenplan ist nun zwischen der Eisenbahnlinie und dem Gewässer eine schraffierte Fläche als Abflusskorridor markiert. Steigt das Flussniveau so stark an, dass ein Überströmen der Dämme zu befürchten ist, fliesst das Wasser auf speziell ausgestalteten Abschnitten gezielt in diesen Überlastkorridor und wird unterhalb des Dorfes wieder in das Flussbett geleitet. Diese Massnahme hat sich beim Hochwasser 2011 bewährt: Überflutungen ausserhalb des Überlastkorridors liessen sich verhindern, obwohl die Kander wesentlich mehr Wasser führte als beim grossen Schadenereignis vom August 2005.

Ausschnitt aus der Hochwasser-Gefahrenkarte für Kandersteg (BE)

Ausschnitt aus der Hochwasser-Gefahrenkarte für Kandersteg (BE).Sie unterscheiden fünf Gefahrenstufen: Rote Gebiete sind erheblich gefährdet, sodass hier keine neuen Gebäude errichtet werden dürfen. Blaue Gebiete weisen eine mittlere Gefährdung auf – wer bauen will, muss entsprechende Auflagen erfüllen. Gelbe Gebiete gelten als gering gefährdet: hier sind die Behörden verpflichtet, auf die Risiken hinzuweisen und Auflagen für sensible Objekte wie etwa Spitäler zu erlassen. Weiss-gelb schraffiert werden Gebiete dargestellt, die von einem Restrisiko betroffen sind. hier gelten die gleichen Bedingungen wie in den gelben Zonen. Weisse Gebiete schliesslich sind nach heutigem Kenntnisstand nicht – oder vernachlässigbar – gefährdet.Dem Stand der Kenntnisse angepasst.Das Beispiel Kandersteg illustriert, dass im Umgang mit Naturgefahren stetige Anpassungsfähigkeit gefragt ist. Die Gemeinde erarbeitete ihre Gefahrenkarte nämlich bereits im Jahr 2003. Noch bevor alle vorgesehenen Massnahmen umgesetzt waren, zeigte aber das Hochwasser von 2005, dass die der Karte zugrunde liegenden Hochwasserspitzen zu tief angesetzt waren. Darauf passten die Verantwortlichen die bereits in die Wege geleiteten Vorkehrungen den höheren Abflussmengen an und überarbeiteten auch die Gefahrenkarte. Das Vorgehen ist typisch: «Man muss perio­disch überprüfen, ob die Karten noch plausibel sind, weil sich die Gefahrensituation aufgrund von Verbauungen oder von anderen Bedingungen in relevantem Mass verändern kann», erläutert Damian Stoffel. Auch Roberto Loat betont, dass die Arbeit selbst nach Vorliegen sämtlicher Gefahrenkarten nicht abgeschlossen sein wird. Neben der ständigen Überprüfung geht es insbesondere um die risikobasierte Umsetzung in der Raumplanung. Künftig sollten damit für alle Gefahrenstufen Nutzungsauflagen gelten – also auch in Gebieten, die auf den Karten nur mit geringer Gefährdung markiert sind. Die Analyse der Unwetter von 2005 ergab nämlich grosse Schäden in den gelben Gefahrengebieten, für die bis heute noch keine Auflagen vorgesehen sind. «Bei langsam steigendem Hochwasser, wie beispielsweise an einem See, könnte man unter Umständen auch im roten Gefahrengebiet bauen, wenn keine Personenschäden zu befürchten sind und sofern sich hohe Sachschäden vermeiden lassen», führt der BAFU-Experte aus: «Andererseits ist es sinnvoll, das Bauen auch in gelben Gefahrengebieten mit nur geringen erwarteten Wassertiefen an Auflagen zu knüpfen, wenn man die Schäden dadurch erheblich reduzieren kann.» In der risikobasierten Raumplanung geht es also darum, für jede von Naturgefahren potenziell betroffene Parzelle die angemessenen Auflagen auszuarbeiten – auch wenn sie in einem Restrisikogebiet liegt. Die risikobasierte Raumplanung dürfte den guten Ruf der Schweiz bestätigen, den sie auf internationaler Ebene bezüglich Umgang mit Naturgefahren geniesst: Anhand von 38 Kriterien hat nämlich der Global Assessment Report on Disaster Risk Reduction der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2011 die Schweiz zur Weltmeisterin der Katastrophenvorsorge gekürt. Die gleiche Erhebung windet der Eidgenossenschaft ein Kränzchen, weil sie ein «risikosensitives Umweltmanagement» betreibe.Lucienne Rey

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Letzte Änderung 20.11.2012

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