Hochwasserschutz für die Stadt Zürich: Damit die Sihl das Zentrum nicht flutet

22.05.2012 - Die Stadt Zürich ist einem erheblichen Überschwemmungsrisiko ausgesetzt, wie etwa das Hochwasser im August 2005 gezeigt hat. Bei einem Jahrhundertereignis könnten die Wassermassen der Sihl in der Innenstadt Milliardenschäden verursachen. Die Behörden prüfen derzeit zwei Varianten zur Schadenverhütung. Näher untersucht werden ein Entlastungsstollen im mittleren Sihltal und eine neue Druckleitung, die sich mit einem Ausbau der Pumpspeicherkapazität der Etzelwerke am Sihlsee kombinieren liesse.

Vor dem Zusammenfluss mit der Limmat am Zürcher Platzspitz muss das Wasser der Sihl in fünf Durchlässen die Gleisanlagen des Hauptbahnhofs unterqueren. Auswertungen des Hochwassers vom August 2005 (Bild) zeigten einen dringenden Handlungsbedarf zur Reduktion des Überschwemmungsrisikos in der Innenstadt auf. Durch die Konzentrationen von wichtigen Infrastrukturanlagen im Untergrund – wie dem Durchgangsbahnhof Löwenstrasse unter dem Niveau der Sihl – besteht hier ein beträchtliches Schadenspotenzial.

Die Stadt Zürich blieb im August 2005 nur dank einem günstigen Wetterverlauf knapp von einer Überschwemmung durch die hochwasserführende Sihl verschont. Mit 15 Millionen Franken hielt sich das Schadenausmass damals in Grenzen. Zur gleichen Zeit tobten auch im Kanton Bern Unwetter und richteten dort Schäden von über 800 Millionen Franken an. Hätte das Niederschlagszentrum statt im Berner Oberland über dem Einzugsgebiet der Sihl - und ihren wichtigsten Zuflüssen Alp und Biber im Kanton Schwyz - gelegen, wären grosse Teile der Zürcher Innenstadt mitsamt dem Hauptbahnhof überflutet und schwer in Mitleidenschaft gezogen worden.

Laut der Zürcher Gefahrenkarte und zusätzlichen Erhebungen vor Ort weist das Überflutungsgebiet auf dem Schwemmkegel der Sihl hierzulande das Schadenspotenzial mit der grössten Konzentration an Sachwerten auf. Sowohl unter dem Hauptbahnhof wie auch in vielen Gebäuden sind mehrgeschossige unterirdische Infrastrukturanlagen und Dienstleistungszentren untergebracht. Bei einem Extremereignis schätzt die Gebäudeversicherung das Schadenspotenzial auf 3 bis 5 Milliarden Franken, wovon rund 10 Prozent auf das Bahnhofareal entfallen. Nicht eingerechnet sind dabei Todesfälle und die beträchtlichen Folgekosten von Betriebsunterbrechungen. Und die Zahlen sagen natürlich auch nichts über die menschliche Tragik eines solchen Ereignisses aus.

Weite Teile der Zürcher Innenstadt liegen auf dem Schwemmkegel der Sihl und sind einem hohen Überschwemmungsrisiko ausgesetzt.

Akuter Handlungsbedarf.Lange Zeit ist das Hochwasserrisiko für die Stadt Zürich durch die unberechenbare Sihl unterschätzt worden. Bei der letzten grossen Überschwemmung von 1910, als ihr Flussbett noch tiefer lag, schoss die hochgehende Sihl mit 450 Kubikmetern pro Sekunde (m3/s) unter den Gleisanlagen des Bahnhofs hindurch und überflutete den Westen der Stadt bis an die Grenze zu Schlieren. Doch damals gab es weder ein unterirdisches Shopville noch Tiefbahnhöfe unterhalb des Flussniveaus.

Bei einem mittleren Jahresdurchfluss der Sihl von 6,8 m3/s können sich die meisten Leute Wassermengen von mehreren 100 m3/s nur schwer vorstellen. Nach den anhaltenden Starkniederschlägen im August 2005 erreichte die Abflussspitze in der Zürcher Innenstadt aber immerhin 280 m3/s. Detaillierte Auswertungen dieses Ereignisses ergaben einen akuten Handlungsbedarf zur Verbesserung des Hochwasserschutzes. Unter Federführung der Fachspezialisten bei der kantonalen Baudirektion – sowie zusammen mit den städtischen Behörden und weiteren Beteiligten wie BAFU, SBB, Sihltalbahn (SZU) und Gebäudeversicherung – arbeitete man in der Folge intensiv an Lösungen zur Schadenbegrenzung für den Hauptbahnhof und die gefährdeten städtischen Gebiete in seiner Umgebung.

«Dringend gefragt waren zunächst Lösungen, die rasch Wirkung zeigen», erklärt Matthias Oplatka, Projektleiter beim zuständigen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL). Dazu gehörte der Aufbau eines Abflussvorhersagesystems für die Sihl. Aufgrund dieser Prognosen können die Behörden den Wasserstand des Sihlsees bereits im Vorfeld von erwarteten Starkniederschlägen absenken. Damit schaffen sie ein Rückhaltevolumen und verringern so die Abflussspitze der Sihl. Als zusätzliche Massnahme projektiert der Kanton Zürich bei Langnau (ZH) den Bau eines grossen Schwemmholzrechens, der bis 2015 fertiggestellt sein soll. Für die weiteren Arbeiten hat man zudem wichtige Entscheidungsgrundlagen wie die Gefahrenkarten sowie Schwemmholz- und Geschiebestudien erstellt.

Eine Herausforderung war auch der Aufbau einer Projektorganisation, in die alle Beteiligten eingebunden sind. Bereits die 2008 eingeleiteten Bauarbeiten für den neuen Tiefbahnhof Löwenstrasse – an der sogenannten Durchmesserlinie, die Altstetten via den Zürcher Hauptbahnhof mit Oerlikon verbindet – erforderten umfassende Schutzvorkehrungen gegen Hochwasser. Das Flussbett der Sihl verläuft nämlich in fünf parallelen Durchlässen von je 180 Meter (m) Länge, 12 m Breite und 4 m Höhe unter dem Hauptbahnhof hindurch und liegt zugleich über dem neuen Tiefbahnhof Löwenstrasse. Als Folge der komplexen Bauausführung musste man zwischen 2008 und 2011 jeweils zwei dieser Durchlässe schliessen. Um das dadurch erhöhte Überschwemmungsrisiko für den Hauptbahnhof und die angrenzenden Gebiete auf ein akzeptables Mass zu reduzieren, hätte ein ausgeklügeltes Notfallkonzept bei grossen Hochwassern die Flutung der Baustelle ermöglicht.Ein Jahrhundertprojekt.«Die Sihl ist für uns derzeit eines der prioritären Hochwasserschutzprojekte», erklärt Manuel Epprecht von der BAFU-Abteilung Gefahrenprävention. Er ist Mitglied im AWEL-Lenkungsausschuss Hochwassermanagement Zürichsee–Sihl–Limmat. Die anspruchsvolle Aufgabe lässt sich nur mit einem integralen Risikomanagement bewältigen, das die massgebenden Akteure in einem partizipativen Verfahren von Anfang an eng in den Lösungsfindungsprozess eingebunden hat. «In dieser Beziehung ist die Hochwasserprävention an der Sihl ein Jahrhundertprojekt von gesamtschweizerischer Bedeutung, das je nach Variantenwahl auch flussaufwärts in den Kantonen Schwyz und Zug grosse gestalterische Möglichkeiten bietet», sagt Manuel Epprecht.

Beteiligt sind einerseits drei interdisziplinär zusammengesetzte Planungsbüros aus den Bereichen Wasserbau, Ökologie, Städtebau, Landschaftsarchitektur und Ökonomie sowie ein Bewertungsteam von Fachexperten. Mit von der Partie ist andererseits eine Begleitgruppe mit Fachleuten von Bund, betroffenen Nachbarkantonen (SZ, ZG, SG, AG), kantonalen und städtischen Behörden, Bezirken, Gemeinden sowie der SBB. Sie sind vom AWEL eingeladen worden, um am Konzept für einen langfristigen Hochwasserschutz entlang der Sihl mitzuarbeiten.

In einem ersten Schritt mussten die Planungsteams Lösungen für drei unterschiedliche Strategien suchen, um mögliche Hochwasser entweder durchzuleiten, umzuleiten oder zurückzuhalten. Im Rahmen eines Workshops aller Beteiligten reduzierte man die 35 denkbaren Lösungsansätze auf 5 Varianten, konkretisierte diese in einer weiteren Runde und einigte sich schliesslich auf 2 Projektvarianten, die nun eingehend geprüft werden.

Das Hochwasserrisiko in der Stadt Zürich lässt sich nur mit Entlastungsmassnahmen im Einzugsgebiet der Sihl wirksam reduzieren. Gegenwärtig stehen noch zwei Varianten zur Diskussion, nämlich ein Stollen (A), der Wasser aus dem Sihlsee direkt in den Zürichsee ableitet und den Höhenunterschied zur Elektrizitätsgewinnung nutzt, oder als Alternative dazu eine Entlastung im Unterlauf des Flusses (B).

Zwei Konzepte für den Hochwasserschutz.Zur Diskussion steht einerseits ein Entlastungsstollen, der Wasser aus dem Sihlbett bei Gattikon (ZH) nach Thalwil in den Zürichsee ableitet. Unterhalb des Stolleneinlaufs bestünde aufgrund der geringeren Durchflussmengen die Möglichkeit, den Uferraum der Sihl für den Menschen und die Ökologie aufzuwerten.

Das zweite Konzept sieht eine Kombilösung mit einer stark erweiterten Pumpspeicherkapazität des bestehenden Etzelkraftwerks am Sihlstausee vor. Durch einen neu geplanten Druckstollen liessen sich deutlich höhere Wassermengen vom Sihlsee in den Zürichsee entlasten. Im Vorfeld von kritischen Starkniederschlägen würde eine Vorabsenkung des Wasserstands im Sihlsee ausreichen, um auch für grosse Ereignisse genügend Rückhalteraum zu schaffen. Wenn es zusätzlich gelingt, das Fliessgewässer Alp in den Sihlsee überzuleiten, könnte man damit das Hochwasserrisiko in Einsiedeln markant entschärfen, und auch für die Zürcher Gemeinden im Sihltal wären keine zusätzlichen Hochwasserschutzmassnahmen mehr erforderlich. Zudem stünde im Sihlsee mehr Wasser für die Energieproduktion zur Verfügung, und der Sihlraum liesse sich bereits ab dem Auslauf aus dem See – und damit auch in den Kantonen Schwyz und Zug – aufwerten.Ein Zeithorizont von 8 bis 20 Jahren.Angesichts des Hochwasserrisikos lastet ein erheblicher Druck auf den kantonalen Behörden, nun möglichst rasch Entscheidungsgrundlagen für einen definitiven Konzeptentscheid vorzulegen. Gegenwärtig beurteilt das BAFU die nächsten Schritte der Konzeptwahl aus Sicht des Bundes. Beim AWEL geht der Projektleiter Matthias Oplatka davon aus, dass man sich in 2 bis 3 Jahren für eines der beiden Projekte entscheiden muss. Er findet die Kombilösung mit einer verstärkten Wasserkraftnutzung gerade im sich verändernden Umfeld der Strompolitik volkswirtschaftlich sehr interessant. Allerdings sei die Realisierung aufgrund der vielen beteiligten Akteure auch komplexer, weshalb man bis zur Fertigstellung mit einem Zeithorizont von rund 15 bis 20 Jahren rechnen müsse. Zwar besteht bei dieser Lösung eine beträchtliche Abhängigkeit von den Betreibern des Etzelwerks, doch bietet die 2017 ablaufende Konzession gute Möglichkeiten, um Energieproduktion und Hochwasserschutz zu kombinieren. Die andere Variante mit dem Entlastungsstollen von Gattikon in den Zürichsee wäre – je nach Einsprachen – in 8 bis 12 Jahren realisierbar.

Die Prävention zahlt sich aus. Die grob geschätzten Kosten zur Reduktion des Hochwasserrisikos auf ein vertretbares Mass belaufen sich je nach Variantenwahl auf 70 bis 130 Millionen Franken. Angesichts des gewaltigen Schadenspotenzials in Zürich sei dieser Aufwand wirtschaftlich gut vertretbar, erklärt Matthias Oplatka. «Gemessen werden wir letztlich an den verhinderten Hochwasserschäden und an den Verbesserungen bezüglich Ökologie und Qualität der Flusslandschaft für den Menschen.»

Bei den weiteren Überlegungen zur Konzeptwahl sind auch die Auswirkungen auf den Zürichsee, auf dessen Abflussverhältnisse sowie auf die Linthebene intensiv und unter verschiedenen Gesichtspunkten zu studieren. Allenfalls braucht es zusätzliche Massnahmen - so zum Beispiel für eine mögliche Abflusssteigerung aus dem Zürichsee. Nur eine Gesamtlösung kann verhindern, dass ein grosses Hochwasser im Raum Zürich verheerende Schäden anrichtet und dass kritische Wassermengen in andere Regionen verlagert werden.

Stefan Hartmann

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 22.05.2012

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/naturgefahren/dossiers/hochwasserschutz-stadt-zuerich.html