10 Jahre nach 2005: «Wir haben bedeutend an Sicherheit gewonnen»

Vor rund 10 Jahren brachen sintflutartige Regenfälle über den Alpenraum ein. Bäche und Seen traten über die Ufer, Hänge kamen ins Rutschen. Es war das mit Abstand teuerste Unwetter der letzten 100 Jahre. Wären wir heute besser gegen ein derartiges Ereignis gewappnet? umwelt stellte diese Frage an Hans Peter Willi, den Chef der Abteilung Gefahrenprävention im BAFU.

Hans Peter Willi
Hans Peter Willi ist Wasserbauingenieur. Nach seinem Studium an der ETH Zürich arbeitete er zunächst in der Privatwirtschaft. 1982 wurde er Projektleiter im Amt für Gewässerschutz und Wasserbau des Kantons Zürich, dem heutigen AWEL. Später leitete er während 18 Jahren die Sektion Wasser-Risiken im Bundesamt für Wasser und Geologie (BWG). Seit 2006 ist er Chef der Abteilung Gefahrenprävention im BAFU.
© Christine Baerlocher, Ex-press/BAFU

Interview: Hansjakob Baumgartner

umwelt: Herr Willi, das Unwetter vom August 2005 forderte hierzulande 6 Todesopfer, die Sachschäden beliefen sich auf rund 3 Mrd. CHF. Welche Erkenntnisse brachte die nachträglich erarbeitete Ereignisanalyse?

Hans Peter Willi: Sie bestätigte, was uns eigentlich schon die Hochwasser von 1987 gelehrt hatten: Es wird immer wieder Extremereignisse geben, auf die unsere Schutzbauten nicht ausgelegt sind. Die Schadenstatistik zeigt, dass der grösste Teil der Schäden durch solche sogenannten Überlastfälle verursacht wird. Um sie zu bewältigen, braucht es ein integrales Risikomanagement von Naturgefahren, das nebst baulichen Massnahmen auch alle anderen Handlungsoptionen berücksichtigt. Diese Optionen wurden bisher noch zu wenig genutzt - aus dem einfachen Grund, weil dafür die notwendigen Gefahrengrundlagen und organisatorischen Strukturen fehlten.

Was haben wir denn für Handlungsoptionen?

Wir können die Notfallplanung verbessern. Hier wurden in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Es gibt Kantone, in denen jede Gemeinde, aufbauend auf den Gefahrenkarten, über eine Notfallplanung verfügt.

Zusammen mit den Kantonen unterstützt der Bund die Ausbildung von lokalen Naturgefahrenberaterinnen und -beratern. Diese sind fähig, die Gefahrensituation vor Ort richtig einzuschätzen, und unterstützen im Ereignisfall die Führungs- und Einsatzkräfte mit ihrem Fachwissen.

Bei bestehenden Bauten können die Eigentümerinnen und Eigentümer in den Objektschutz investieren, die Nutzung anpassen oder gar aufgeben, wenn die Risiken zu gross sind. Bei Neubauten gilt es, gefährdete Flächen zu meiden oder so zu nutzen, dass keine inakzeptablen Risiken entstehen. Auch können wir dafür sorgen, dass im Überlastfall Wasser kontrolliert ausströmt.

Wie geht das?

Über eingebaute Sicherheitsventile werden bei einem extremen Hochwasser zuerst Flächen geflutet, auf denen das abfliessende Wasser und Geschiebe weniger Schäden anrichten kann. An der Engelberger Aa vor der Mündung in den Vierwaldstättersee bilden der Flugplatz, Sportplätze und die Badeanlage am See den Entlastungskorridor. Dieser hat 2005 sehr gut funktioniert, das besiedelte Gebiet von Buochs (NW) blieb deswegen verschont.

Für all dies braucht man allerdings verlässliche Gefahrengrundlagen. Und auch hier sind wir heute viel weiter als 2005.

Inwiefern?

Mittlerweile existieren fast für das gesamte Siedlungsgebiet der Schweiz Gefahrenkarten bezüglich Hochwasser, Lawinen, Felsstürzen und Rutschungen. Wir wissen deshalb heute viel besser, was wo passieren kann.

In der Ereignisanalyse von 2005 steht auch der Satz: «Längst nicht alle Betroffenen wussten genug, um im Rahmen ihrer Möglichkeiten (…) rechtzeitig und eigenverantwortlich zu handeln.» Wäre dies heute anders?

Ja, denn seither wurde einiges getan, um die Warnung und die Alarmierung zu verbessern - sowohl für die Einsatzorgane wie auch für die Bevölkerung. Viele Akteure haben dafür intensiv mit dem BAFU zusammengearbeitet: MeteoSchweiz, die nationale Alarmzentrale (NAZ) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (BABS), die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und das ihr angegliederte Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) und der Schweizerische Erdbebendienst (SED). Dank der grossen Anstrengungen aller Beteiligten ist man heute viel rascher im Bild als vor 10 Jahren.

So haben beispielsweise Fachleute auf allen Ebenen über die Gemeinsame Informationsplattform Naturgefahren (GIN) online Zugang zu den Wetter- und Niederschlagsprognosen sowie zu sämtlichen Messstationen. Und die Bevölkerung kann sich dank der Internetseite www.naturgefahren.ch jederzeit über die aktuelle Gefahrenlage informieren.

Wir sind gut unterwegs. Allerdings ist sicherzustellen, dass die finanziellen Ressourcen zur Aufrechterhaltung dieser Strukturen und Dienste auch künftig zur Verfügung stehen.

2014 mussten lokal wiederum extreme Ereignisse bewältigt werden. Was lehrte uns der verregnete Sommer dieses Jahres?

Es zeigt sich einfach, dass Unwetterereignisse zur Natur gehören. Die Natur hat Sonnen- und Schattenseiten, mit denen wir leben müssen. Im Regensommer 2014 führte die sehr lange Nässeperiode zu zahlreichen Erdrutschen. Bei diesen Prozessen sind wir noch gefordert. Es gilt, rechtzeitig zu erkennen, wann es mit Rutschungen wirklich kritisch werden kann. Andererseits hat sich manches bewährt, das seit 2005 unternommen wurde. Wir haben deutlich an Sicherheit gewonnen, Verbesserungen sind jedoch immer noch möglich.

Woran denken Sie dabei?

Zum Beispiel an ein optimiertes Bewirtschaften der Speicherseen im alpinen Raum. Anstatt noch zu turbinieren, wenn die Hochwasserwelle kommt, sollte durch eine Vorabsenkung Volumen bereitgestellt werden. Letzteres geschieht heute schon mit dem Stausee Mattmark im Wallis. Ein permanent bereitgestelltes Stauvolumen vermindert die Hochwassergefahr für Visp. Am Sihlsee wird bei Bedarf durch eine Vorabsenkung das Volumen vergrössert, um die Stadt Zürich besser zu schützen.

Ein parlamentarischer Vorstoss hat das BAFU beauftragt, einen Bericht «Naturgefahren Schweiz» zu erstellen. Er wird demnächst publiziert. Welches sind die wichtigsten Befunde?

Der Bericht zeigt, wo wir heute stehen und wo es Handlungsbedarf bei der Umsetzung des integralen Risikomanagements gibt. Eine anstehende Aufgabe ist, die Gefahrengrundlagen zu vervollständigen. Hier fehlen zum Beispiel noch die flächendeckend ermittelten Oberflächenabflüsse, die einen wesentlichen Teil der Schäden ausmachen. Im Hinblick auf den Klimawandel müssen wir zudem verschiedene Prozesse genauer beobachten: das Auftauen des Permafrostes in den Alpen, die frei werdenden Geschiebefrachten und die entsprechenden Bodenbewegungen. Hier geht es darum, Problemzonen durch ein systematisches Monitoring rechtzeitig zu erkennen.

Welche Rolle spielt der Schutzwald?

Er hat in der Schweiz eine grosse Bedeutung und ist als Teil der Schutzinfrastruktur ein Element des integralen Risikomanagements. Fast die Hälfte des Schweizerwaldes schützt Siedlungen und Infrastrukturen, Strassen und Bahnen. Eine nachhaltige Pflege ist zentral, wenn der Wald seine Schutzfunktion langfristig erfüllen soll. Und sie ist wesentlich kostengünstiger als das Erstellen von Schutzbauten.

Und was gilt es bei der übrigen Schutzinfrastruktur zu tun?

Der Unterhalt und das Sicherstellen der Funktionsfähigkeit unserer Schutzbauten ist eine Daueraufgabe. Wir müssen heute in Lebenszyklen denken und handeln. Hier besteht Nachholbedarf. Die Bauten müssen selbst robust genug sein, um einem Überlastfall standzuhalten. Die Erfahrung zeigt, dass anderenfalls grosse Schäden zu erwarten sind. Wir müssen die Schutzbautenkonzepte überprüfen und die Bauten bei Bedarf anpassen, ergänzen und erneuern. Ein Inventar der relevanten Schutzbauten wird zurzeit erarbeitet.

Neue Schutzbauten sollen so errichtet werden, dass sie anpassbar sind. Das ist ein zentrales Anliegen. Nichts ist dümmer, als Werke zu bauen, die bei veränderten Anforderungen abgerissen und neu erstellt werden müssen. Die Lösungen von heute dürfen nicht zum Problem von morgen werden. Auch späteren Generationen sollen noch Handlungsoptionen offenstehen. Dazu braucht es auch eine gewisse Grosszügigkeit beim Raum, den man den Gewässern überlässt.

Damit sprechen Sie ein strittiges Thema an. Gegen den gesetzlich vorgeschriebenen minimalen Gewässerraum gibt es Widerstände vonseiten der Landwirte, die dafür ohnehin knapp gewordenes Kulturland abgeben müssen.

Den zusätzlichen Raum braucht es ja nicht nur im Hinblick auf den Hochwasserschutz. Die Gewässer sollen auch ihre Funktionen als Lebensräume, Vernetzungselemente und Erholungsgebiete erfüllen können. Die dafür nötigen Flächen freizuspielen ist sicher eine Herausforderung, aber ich bin überzeugt, dass hier sogar Win-win-Lösungen mit der Landwirtschaft möglich sind.

Wie das?

Die Landwirte brauchen die Gewässer ja selber, einerseits um Wasser aus drainierten Flächen einzuleiten, andererseits um die Kulturen zu bewässern. Und sie sind es vielfach auch, die den Unterhalt besorgen. Sie erbringen damit eine Leistung im Interesse der ganzen Gesellschaft. Auch revitalisierte Gewässer erfordern Unterhalt und Pflege. Diese Arbeit soll fair entschädigt werden, sodass der Landverlust keinen Einkommensverlust bringt. Im Waldbereich unterstützen wir ja die Schutzwaldpflege auch finanziell.

Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Vorfahren den Gewässern in den Talebenen Riesenflächen entzogen haben. Davon sollen jetzt 2 bis 3 % zurückgegeben werden. Die Frage der Verhältnismässigkeit ist damit wohl beantwortet. Wichtig ist, dass Härtefälle durch geeignete Massnahmen gemildert werden.

Ein weiteres Handlungsfeld ist sicher die Umsetzung der Gefahrengrundlagen in der Raumplanung. Was passiert mit den Menschen, die heute bereits in roten Zonen wohnen, wo grundsätzlich Bauverbot herrscht?

Eine rote Zone zeigt einfach auf: Achtung, hier sind durch Naturereignisse Menschen in den Gebäuden an Leib und Leben bedroht. Da muss geprüft werden, ob ein normales Wohnen noch zu verantworten ist. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, das Risiko in einem akzeptierbaren Rahmen zu halten. Doch es wird auch Fälle geben, in denen man sagen muss: Hier bleibt nur der Abriss.

Ein Beispiel dafür ist die Luzerner Gemeinde Weggis. Aufgrund des Felssturzpotenzials, das mit vernünftigem Aufwand nicht in den Griff zu kriegen ist, wurden 5 Wohn- und Ferienhäuser abgerissen. Den Besitzerinnen und Besitzern wurde zwar der Hauswert entschädigt, nicht aber der Landwertverlust. Es wird weitere Fälle geben, für die faire Lösungen entwickelt werden müssen.

Und was kann jemand, der in einer blauen Zone wohnt, wo künftig Bauen nur noch mit Auflagen erlaubt ist, für die Sicherheit von Hab und Gut tun?

Die Eigentümerinnen oder Eigentümer bereits bestehender Gebäude haben die Möglichkeit, diese mit baulichen Massnahmen besser zu schützen. Es gibt bereits einige kantonale Gebäudeversicherungen, die eine Mitfinanzierung von Objektschutzmassnahmen anbieten. Hier liesse sich mehr tun. So könnte ein Naturgefahrensanierungsprogramm aufgebaut werden, ähnlich wie es bei der energetischen Gebäudesanierung schon erfolgt ist. Die Finanzierung eines solchen Programms ist allerdings eine grosse Herausforderung.

Und bei Neubauten?

Was Neubauten betrifft, müssen wir so weit kommen, dass die Naturgefahrensituation in allen Bau- und Planungsprozessen berücksichtigt wird. Es sollte überall nur noch naturgefahrengerecht gebaut werden - egal in welcher Gefahrenzone. Dies gilt nicht zuletzt auch in Bezug auf die Erdbebensicherheit.

Generell ist der Umgang mit Naturgefahren eine Verbundaufgabe, bei der viele Akteure Mitverantwortung tragen: Kantone, Gemeinden, Wirtschaft bis hin zu potenziell Betroffenen. Alle haben ihre Aufgaben und Pflichten. Der Staat beobachtet die Wetterentwicklungen laufend, macht die Grundlagen verfügbar, informiert, warnt möglichst rechtzeitig und stellt auch einen gewissen Flächenschutz sicher. Aber die einzelnen Bürgerinnen und Bürger müssen ihre Verantwortung ebenfalls wahrnehmen. Wir arbeiten auf allen Ebenen daran, die Gesellschaft gegenüber Naturgefahren weniger verletzlich zu machen und das Wissen um die Risiken zu verbessern.

Integrales Risikomanagement

Integrales Risikomanagement berücksichtigt alle Naturgefahren, beteiligt alle Akteure und bezieht alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit - Ökologie, Wirtschaft, Gesellschaft - ein. Es kombiniert Massnahmen zur Vorbeugung von Naturereignissen, zu deren Bewältigung wie auch für die Regeneration danach. Im Zentrum stehen dabei umfassende Gefahren- und Risikogrundlagen.

Das angestrebte Sicherheitsniveau ist Gegenstand eines permanenten Risikodialogs mit allen Betroffenen. Dabei dürfen auch heikle Fragen nicht ausgeklammert werden: Welche Sicherheit ist zu welchem Preis möglich? Welche verbleibenden Risiken müssen in Kauf genommen werden? Wie viel sind wir bereit zu investieren, um einen Todesfall in einem bestimmten Zeitraum zu vermeiden?

Der Preis der Sicherheit

Jährlich werden in der Schweiz rund 2,9 Mrd. CHF für das Risikomanagement von Naturgefahren ausgegeben. Davon werden 1,7 Mrd. CHF von den Privaten aufgebracht, wovon 830 Mio. CHF von den Versicherungen getragen werden. Den Kosten steht ein enormer Nutzen gegenüber. Er lässt sich generell schwer beziffern, denn Kosten, die vermieden werden, treten in keiner Bilanz auf. Hingegen ist in Einzelfällen eine Abschätzung möglich. So wurden zum Beispiel für die baulichen Massnahmen zum Schutz der Gemeinde Buochs (NW) vor Überschwemmungen durch die Engelberger Aa 26 Mio. CHF investiert. Bereits beim ersten Ereignis im Jahr 2005 verhinderten diese Investitionen Schäden im Umfang von 160 Mio. CHF.

Die Vorstellung, wie die Schweiz ohne Naturgefahrenprävention aussähe, übersteigt unsere Fantasie. Weite Teile des Landes, namentlich im Berggebiet und in den Flusstälern, wären wegen der fehlenden Sicherheit nicht nutzbar.

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Letzte Änderung 20.05.2015

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