Eigenverantwortung wahrnehmen: Allzeit bereit!

Nur wer Bescheid weiss, kann naturgefahrengerecht handeln. Das gilt für das Leitungsteam eines Pfadilagers ebenso wie für Einzelpersonen, die draussen unterwegs sind. In den vergangenen Jahren wurde viel getan, um die Kompetenzen und das Gefahrenbewusstsein der Bevölkerung zu erhöhen.

Kantonslager der Berner Pfadis
Kantonslager der Berner Pfadis im August 2014 in Täuffelen (BE). Das Wetter war mehrheitlich regnerisch, doch der grosse Sturm blieb aus. Das Leitungsteam wäre darauf vorbereitet gewesen.
© David Bühler

Text: Peter Bader

Die Pfadfinderinnen und Pfadfinder waren gewarnt: Im Juni 2013 waren zwei Gewitterstürme über das Gelände des Eidgenössischen Turnfests in Biel (BE) gefegt. Sie hatten die Zelte aus den Angeln gehoben und mobile Toiletten wie Streichholzschachteln durch die Luft gewirbelt. 84 Menschen wurden verletzt, davon einige schwer: Einer von ihnen ist Anfang 2015 seinen Verletzungen erlegen.

Ein Jahr nach dem Unglück war Stephan Schwaar, Pfadiname «Schumba», hauptverantwortlich für die Organisation des zweiwöchigen kantonalbernischen Pfadilagers. Rund 2000 Pfadfinderinnen und Pfadfinder trafen sich bei Täuffelen (BE) am Bielersee, ganz in der Nähe des einstigen Turnfestgeländes.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren umfassend: Der Lagerplatz auf einer Wiese wurde auch mit Blick auf eine niedrige Überschwemmungsgefahr so gewählt, dass er 50 m oberhalb des Sees lag. Über den Wetter-Pool der Gebäudeversicherung Bern (GVB) erhielt das Leitungsteam mehrmals täglich Informationen über mögliche Gewitter und Stürme mit Gefahrenstufen von 1 bis 5. Bei den Schlafplätzen am Waldrand berücksichtigten die Organisatoren eine Baumfallzone.

Im Vorfeld der Veranstaltung wurden zudem Notfallszenarien durchgespielt - von einer Räumung oder Demontage der Zelte im Sturmfall bis hin zur Evakuierung des Geländes. Und weil es in den beiden Wochen häufig regnete, sagten die Pfadfinder einzelne Aktivitäten am nahe gelegenen Hagneck-Kanal vorsorglich ab. «Dass wir auf ein gutes Risikomanagement so grossen Wert gelegt haben, hat sich in jedem Fall gelohnt», sagt rückblickend der 28-jährige Pflegefachmann Stephan Schwaar, der für die Organisation des Anlasses eigens den Job gekündigt hatte.

Erkannte Gefahr ist halbe Gefahr

«Verantwortungsbewusst handeln kann nur, wer für Naturgefahren sensibilisiert ist, sie kennt und auch weiss, wie man sich richtig verhält und schützt», sagt Martin Buser von der Sektion Risikomanagement beim BAFU. Das gelte für Organisatorinnen und Organisatoren von Anlässen genauso wie für Einzelpersonen. Dazu wurden seit dem verheerenden Unwetter im Sommer 2005, das auch diesbezüglich Schwächen offengelegt hatte, verschiedene Massnahmen umgesetzt. Die Grundlage dafür bildete der Bericht «Optimierung von Warnung und Alarmierung bei Naturgefahren» (OWARNA) .

Als «jüngsten Mosaikstein» in der Umsetzung von OWARNA bezeichnete BAFU-Direktor Bruno Oberle das neue Naturgefahrenportal www.naturgefahren.ch an dessen Präsentation im Juli 2014. Wollte man früher an einem stürmischen, niederschlagsreichen Wintertag wissen, ob man problemlos von zu Hause ins Feriendomizil reisen kann, mussten die Informationen dazu bei MeteoSchweiz, beim BAFU und beim Schweizerischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) zusammengesucht werden. Das neue, in Zusammenarbeit aller entsprechenden Fachstellen des Bundes entstandene Portal stellt die Gefahrenlage auf einer einzigen übersichtlichen Karte dar. Ob nun eine Bergwanderung, eine Skitour oder eine Flussfahrt geplant ist - mit ein paar Mausklicks ist man umfassend über drohende Gewitter, Stürme, Starkregen, Lawinen, Hochwasser oder die Waldbrandgefahr im Bild. Empfehlungen zum Verhalten vor, während und nach Naturereignissen vervollständigen die Inhalte.

«Das Naturgefahrenportal hatte von Anfang an Erfolg», sagt Barbora Neveršil, BAFU-Informationsbeauftragte für Naturgefahren. «Den bisherigen Spitzenwert mit gegen 50‘000 Seitenaufrufen an einem Tag erreichten wir im Juli 2014, als es stark regnete und es verschiedentlich Hochwasser gab.»

Lokales Fachwissen ist wichtig

Zur Bewältigung von schwerwiegenden Naturereignissen sei zudem lokales Fachwissen vor Ort unabdingbar, sagt Martin Buser, der vor seiner Funktion beim BAFU in seiner Wohngemeinde als Feuerwehrkommandant tätig war. Das BAFU veranstaltet Kurse für kantonale Naturgefahrenausbildnerinnen und -ausbildner, die ihrerseits Naturgefahrenberaterinnen und -berater in den Gemeinden und Regionen auf ihre Aufgabe vorbereiten. Als solche kommen unter anderem Leute aus dem Polizeikorps, den Feuerwehren, dem Gesundheitswesen, den technischen Betrieben oder des Zivilschutzes in Frage, aber auch Förster, welche das Gelände ihrer Gemeinden gut kennen.

Im Kurs lernen sie, in der Vorsorge, während eines Schadenereignisses und bei der Schadenanalyse eine beratende Position zu übernehmen - «als Ergänzung zu den vorhandenen Fachkräften, als Aussenstehende, die den Kopf frei haben», wie Martin Buser anmerkt. Beratend können sie etwa bei Notfall- und Evakuationsplanungen mitwirken, mit konkreten Hinweisen zum rechtzeitigen Wegfahren von Autos aus der Gefahrenzone oder zum Räumen von Kellern.

Das Konzept der lokalen Beraterinnen und Berater findet Anklang: Rund 300 von ihnen sind schon im Einsatz, Die allermeisten Kantone haben die Ausbildungsunterlagen des BAFU bereits angefordert.

Noch immer viele gleichgültige Hausbesitzer

Auch die kantonalen Gebäudeversicherungen spielen eine wichtige Rolle bei der Sensibilisierung für Naturgefahren. Denn es liegt in ihrem ureigenen Interesse, dass Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer die Naturgefahren kennen und sich entsprechend verhalten. Dass diesbezüglich nach wie vor Handlungsbedarf besteht, zeigte 2014 eine Studie der Präventionsstiftung der Kantonalen Gebäudeversicherungen (KGV). Eine Umfrage unter Hausbesitzenden und Bauherren hatte darin zutage gefördert, dass deren Interesse am Thema Naturgefahrenprävention «eher gering zu sein scheint» und «die Risikowahrnehmung beziehungsweise die Einschätzung des Risikos generell wenig stark ausgeprägt ist». Das sei umso ärgerlicher, bemerkt Martin Buser, weil man «mit dem nötigen Wissen und - salopp formuliert - drei Sandsäcken vor dem Kellerfenster einen Schaden von einigen tausend CHF verhindern kann».

Verschiedene Akteure versuchen dieses Manko zu beheben. Zum einen bietet der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) Weiterbildungskurse und die Broschüre «Baugesuch. Achtung! Naturgefahren.» auf seiner Website zum Download an. Zum andern betreibt der SIA zusammen mit den kantonalen Gebäudeversicherungen und anderen Partnern das Portal www.schutz-vor-naturgefahren.ch. Auch die nationale Plattform Naturgefahren (PLANAT) stellt auf ihrer Internetseite Informationen für Bauherren und Gebäudeeigentümer zur Verfügung.

Die Gebäudeversicherungen selber schalten regelmässig Kampagnen, bieten Wetter-Alarme und Informationsmaterialien an oder stehen beratend zur Seite. Und schliesslich sind auch die Naturgefahrenkarten mehrheitlich im Internet einsehbar.

Naturgefahren in der Schule

Der Umgang mit Naturgefahren ist neuerdings auch Lehrstoff in der Schule. Im neuen Lehrplan 21, welchen die Kantone in den kommenden Jahren einführen können, ist die Naturgefahren-Prävention Teil des Fachs Natur Mensch Mitwelt (NMM). Ein entsprechendes Unterstufenprojekt gebe es bereits im Kanton Genf, weiss Martin Buser: «Naturgefahren umgeben uns ein Leben lang. Deshalb ist es nötig, Kinder und Jugendliche schon früh damit zu konfrontieren und sie so auch als Multiplikatoren des Wissens einzusetzen.»

Im hochwassergefährdeten Stadtberner Mattequartier haben die Anstrengungen offenbar bereits einiges bewirkt. Das Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner habe sich geändert, freut sich Martin Buser: «Sie sind aufmerksam, halten sich an den definierten Schwellenwert und setzen gezielt Dammbalken und Sandsäcke ein. Damit konnten in den letzten Jahren schlimmere Schäden verhindert werden.»

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Letzte Änderung 20.05.2015

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