Integrales Risikomanagement konkret: Die Überschwemmungsgefahr an der Sihl entschärfen

Nach dem Hochwasser von 2005 wurde klar: Die Sihl in Zürich birgt ein grosses Risiko bei Überschwemmungen. Bei einer Jahrhundertflut wären ausgedehnte Teile der Stadt und mit dem Hauptbahnhof auch der wichtigste Verkehrsknotenpunkt der Schweiz betroffen. Mit einem systematischen Vorgehen lotet der Kanton Zürich zusammen mit allen Akteuren sämtliche Möglichkeiten aus, wie sich das Risiko reduzieren lässt.

Zusammenfluss von Sihl und Limmat
Zusammenfluss von Sihl (trübes Wasser) und Limmat beim Zürcher Hauptbahnhof im August 2005. Damals verhinderte einzig Wetterglück im letzten Augenblick, dass die Sihl erneut über die Ufer trat. © AWEL, Kantonale Baudirektion Zürich/Kantonspolizei Zürich
© AWEL, Kantonale Baudirektion Zürich/Kantonspolizei Zürich

Text: Lukas Denzler

Unsere Vorfahren wussten genau, wo es praktisch war, sich niederzulassen. Beliebt waren unter anderem Fluss- und Seeufer. Die Energie des Wassers trieb Mühlen an, die Gewässer dienten als Verkehrs- und Transportwege, Fische besserten den Speiseplan auf. Die Kehrseite der Medaille: Flüsse und Seen können auch über die Ufer treten. Und sie tun das immer wieder mal.

So auch die Sihl, die kurz nach dem Zürcher Hauptbahnhof, unter dem sie hindurch fliesst, in die Limmat mündet. Im hochwasserreichen 19. Jahrhundert verursachte sie 1846 und 1874 weiträumige Überschwemmungen. Doch damals sah Zürich noch ganz anders aus.

1910 ereignete sich das letzte grosse Sihlhochwasser. Die Überflutungen reichten bis an die westliche Stadtgrenze bei Schlieren. «Nach diesem Ereignis legte man die Eingänge von einigen neuen Häusern an der Löwenstrasse beim Hauptbahnhof ein paar Dezimeter höher und versah sie mit Treppenstufen», sagt Matthias Oplatka, Projektleiter beim Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) des Kantons Zürich. Das ist eine äusserst wirksame Massnahme gegen die Gefahr von Überschwemmungen. Doch diese Weisheit ging bald wieder vergessen. Heute sind die meisten Eingänge ebenerdig.

1937 wurde für das Etzelwerk der Sihlsee bei Einsiedeln (SZ) aufgestaut. Das Kraftwerk liefert Bahnstrom für die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und für Privatbahnen. Der Sihlsee hält bei intensiven Niederschlägen Wasser zurück, und die Zürcher glaubten jahrzehntelang, die Hochwassergefahr der Sihl sei damit gebannt.

Dank Wetterglück keine Überschwemmungen

Doch im August 2005 war die Situation äusserst kritisch. «Wäre der Sihlsee nur um vier Zentimeter mehr angestiegen, hätte man aus Gründen der Stauanlagensicherheit so viel Wasser ablassen müssen, dass es in Zürich zu Überschwemmungen gekommen wäre», weiss Matthias Oplatka, denn dort war die Sihl zu jenem Zeitpunkt bereits randvoll. Dank des günstigen Wetterverlaufs blieb die Stadt verschont. Zur gleichen Zeit wüteten im Kanton Bern und in der Innerschweiz heftige Unwetter. Hätte das Niederschlagszentrum etwas weiter östlich im Einzugsgebiet der Sihl und ihrer Zuflüsse Alp und Biber gelegen, wären grosse Teile der Zürcher Innenstadt samt Hauptbahnhof überflutet worden.

2005 betrug der Abfluss der Sihl beim Sihlhölzli in Zürich 280 Kubikmeter pro Sekunde (m3/s) - ein Wert, der in der damals über 90-jährigen Abflussmessreihe der Sihl nur 1934 mit 340 m3/s übertroffen worden war. 1910 waren es gar 450 m3/s gewesen. Doch zu jener Zeit hatte das Sihlbett unter dem Hauptbahnhof noch etwas tiefer gelegen, und es gab weder ein Shopville noch Tiefbahnhöfe unter dem Flussniveau.

Klumpenrisiko Zürich

In Zürich befinden sich viele Gebäude und Infrastrukturanlagen auf engem Raum, und der Hauptbahnhof ist der wichtigste Bahnknotenpunkt der Schweiz. Die Limmatstadt ist ein Klumpenrisiko. Eine 2010 gemeinsam von der Stadt, dem Kanton, der Gebäudeversicherung Kanton Zürich (GVZ) und der SBB durchgeführte Risikoanalyse schätzt das Schadenpotenzial bei einem Extremhochwasser mit einem Sihlabfluss von 550 m3/s auf 5,5 Mrd. CHF. Bis zu 3600 Gebäude wären betroffen, 4 bis 5 Quadratkilometer Stadtfläche würden überflutet. Laut Experten sind in Extremfällen Spitzenabflüsse von 550 bis 650 m3/s möglich.

Hinzu kämen volkswirtschaftliche Kosten durch Betriebsstörungen, Unterbrüche und den Ausfall oder die Zerstörung der Infrastruktur für Energie, Telekommunikation und Verkehr. Stark ausgeprägt ist in Zürich die intensive Nutzung der Kellergeschosse. Bereits ab einem Sihlabfluss von rund 300 m3/s, der statistisch etwa alle 30 Jahre auftreten kann, sind die von der nationalen Plattform Naturgefahren (PLANAT) empfohlenen Sicherheitsstandards an verschiedenen Standorten entlang der Sihl nicht mehr eingehalten. Und sollte der Zürcher Hauptbahnhof tatsächlich einmal längere Zeit lahmgelegt sein, hätte dies enorme Auswirkungen weit über die Zürcher City hinaus .

«Der Hochwasserschutz in Zürich hat für uns eine sehr hohe Priorität», betont Manuel Epprecht von der Sektion Hochwasserschutz im BAFU, der den Bund im Lenkungsausschuss Hochwasserschutz Sihl, Zürichsee, Limmat vertritt. Die besondere Herausforderung bestehe in den urbanen Verhältnissen. Es gelte, Lösungen für diesen dicht bebauten Raum zu finden und umzusetzen.

Nach dem Hochwasser von 2005, bei dem der Kanton Zürich mit Schäden von lediglich 15 Mio. CHF glimpflich davongekommen war, ergriff der Kanton Sofortmassnahmen. Im Rahmen der Realisierung der Durchmesserlinie (DML) liess sich unter dem Hauptbahnhof die Sohle der Sihl etwas tiefer legen. Zudem entwickelte das AWEL gemeinsam mit Partnern ein Prognosemodell für die Abflussmengen der Sihl. Zeichnet sich eine kritische Situation ab, ist es möglich, den Sihlsee abzusenken, um Rückhaltevolumen für erwartete intensive Niederschläge zu schaffen. Im Mai 2013 und auch Ende Juli 2014 hat der Kanton dies aufgrund der Prognosen angeordnet.

Lösungsansätze für mehr Schutz

Mittelfristig sind weitere Massnahmen geplant: Ab 2017 soll in Langnau am Albis (ZH) ein Rechen bei einem Hochwasser das Schwemmholz zurückhalten. (Anm. d. Red.: Bei Redaktionsschluss stand die Bewilligung des erforderlichen Kredits im Umfang von knapp 26 Mio. CHF durch das Kantonsparlament noch aus).

Mit einem 30 m langen Modell des Hauptbahnhofs im Massstab 1:30 wird an der Versuchsanstalt für Wasserbau (VAW) an der ETH Zürich getestet, wie viel Wasser die 5 Sihldurchlässe unter den Perrons tatsächlich zu schlucken vermögen. Ziel ist es, Optimierungen an den Bauwerken des Hauptbahnhofs und im Flussbett vorzunehmen. Und schliesslich gilt es, das Wehrreglement des Sihlsees unter Einhaltung der Anforderungen der Stauanlagensicherheit anzupassen und den Spielraum im Sinne eines optimalen Hochwasserschutzes auszunützen.

Doch all diese Anstrengungen vermögen das Risiko in Zürich nicht auf ein akzeptables Mass zu reduzieren. Deshalb prüft der Kanton zusammen mit dem Kanton Schwyz weitergehende Massnahmen. Beim Start des Prozesses 2011 hatten mehrere interdisziplinär zusammengesetzte Teams die Aufgabe, auch unkonventionelle Lösungen zu präsentieren.

Die Vorschläge orientierten sich an den 3 Leitideen «Wasser zurückhalten», «Wasser umleiten» und «Wasser durchleiten». Das Ergebnis war eine Auslegeordnung mit 35 Lösungsansätzen, die in einem ersten Schritt auf 5 Varianten reduziert wurden. Schliesslich kristallisierten sich 2 mögliche Lösungswege heraus: die Umleitung von Sihlwasser bei Langnau am Albis/Gattikon (ZH) im Hochwasserfall durch einen Entlastungsstollen in den Zürichsee bei Thalwil (ZH) sowie der Ausbau der Pumpspeicherung am Etzelkraftwerk.

Beide Varianten vermögen Zürich gegen ein Extremhochwasser zu schützen. Mit Investitionskosten von 70 bis 130 Mio. CHF sind sie auch wirtschaftlich. Laut Matthias Oplatka ist Mitte 2015 mit einem Entscheid zum weiteren Vorgehen zu rechnen.

Risikoanalyse zeigt Schwachstellen auf

2009 setzte die Baudirektion des Kantons Zürich die Gefahrenkarte Hochwasser für die Stadt fest. Damit wurde die Stadt gesetzlich verpflichtet, geeignete Massnahmen in der Raumplanung, beim Gewässerunterhalt, im baulichen Hochwasserschutz und für die Notfallplanung zu treffen. Innerhalb von 2 Jahren war zudem ein Umsetzungskonzept zu erarbeiten.

«Bevor wir mit der Arbeit anfangen konnten, waren die Zuständigkeiten zu klären», sagt Bernhard Kuhn, der bis im Herbst 2014 die Arbeiten im Bereich Naturgefahren koordinierte und nun für die Gemeinde Emmen (LU) tätig ist. Für die Umsetzung der Gefahrenkarte bildete die Stadt Zürich 2010 eine Projektgruppe, in der 12 städtische Dienstabteilungen aus 5 Departementen sowie das AWEL und die kantonale Gebäudeversicherung (GVZ) vertreten sind. Als wichtigen Meilenstein wertet Bernhard Kuhn die städtische Risikoanalyse. Eine Gemeinde müsse wissen, wo im Ereignisfall die grössten Schadenpotenziale bestehen. Die Ergebnisse hätten zudem zu einer starken Unterstützung durch die Stadtregierung geführt.

Das Stadtparlament entschied im Juni 2014, die städtische Bauordnung mit einem Naturgefahrenartikel zu ergänzen. Damit wird die Berücksichtigung der Gefahrenkarte bei Baubewilligungen präziser geregelt. Die Stadt informierte die rund 10‘000 Hauseigentümerinnen und -eigentümer der potenziell hochwassergefährdeten Gebäude zweimal mit persönlich adressierten Briefen. «Obwohl die Eigenverantwortung von den Gebäudebesitzern im Prinzip anerkannt wird, ist es nicht einfach, diese für Vorsorgemassnahmen zu gewinnen», resümiert Bernhard Kuhn. Aufgrund ihres seltenen Auftretens seien Hochwasserereignisse im Gedächtnis der Stadtzürcher Bevölkerung nach wie vor kaum präsent.

Beratung der Liegenschaftsbesitzer

Im Kontakt zu den Liegenschaftsbesitzerinnen und -besitzern steht auch die GVZ. Sie versichert alle Liegenschaften im Kanton gegen Feuer- und Elementarschäden. «Wir haben unsere Beratungstätigkeit in den letzten Jahren intensiviert», sagt Claudio Hauser von der GVZ. Gerade bei umsatzstarken Geschäften erreiche man mit einer Sensibilisierung oft sehr viel, vor allem wenn einem Besitzer die finanziellen Konsequenzen bewusst würden, die ein durch Hochwasserschäden bedingter Unterbruch der Geschäftstätigkeit nach sich ziehen kann.

Bei Neu- und Umbauten ist es laut Claudio Hauser wichtig, Hochwasserschutzmassnahmen frühzeitig in der Planung zu berücksichtigen. Bei bestehenden Gebäuden sind permanente Massnahmen mit verhältnismässigem Aufwand hingegen nicht immer möglich. Hier sind dann auch mobile Schutzvorkehrungen denkbar.

Hochwassersicheres City Parking

Ein gutes Beispiel für mobilen Hochwasserschutz ist das Zürcher City Parking. Es liegt nahe beim Hauptbahnhof zwischen der Sihl und dem Schanzengraben. Das viergeschossige, komplett im Untergrund liegende Parkhaus wurde zwischen 2002 und 2004 gebaut. Laut Richard Heierli, Alt-Stadtingenieur von Zürich und Präsident der Baukommission der City Parkhaus AG, war Hochwasser selbst an dieser exponierten Stelle damals kein Thema. Hätte der Wasserspiegel von Sihl und Schanzengraben im August 2005 etwas höher gelegen, wäre Wasser über die Lüftungsklappen ins Parkhaus eingedrungen. Wie Geschäftsführer Andreas Zürcher erklärt, war aufgrund der Gefahrenkarte und weiterer Abklärungen offensichtlich, dass das Risiko reduziert werden musste - ein Betriebsausfall von einigen Monaten hätte Verluste in Millionenhöhe zur Folge gehabt.

Die Verantwortlichen entschieden sich nach Gesprächen mit der GVZ für mobile Schutzmassnahmen, die durch eigenes Personal innerhalb von 2 Std. montiert werden können. So lassen sich die Lüftungsklappen abdichten und die hochwassergefährdeten Bereiche bei der Ausfahrt, dem Lift und dem Treppenzugang beim Ausgang Löwenplatz schützen. Doch alles nützt nichts, wenn die Abläufe im Notfall nicht funktionieren. Deshalb wird die Montage dieser Elemente alle 2 Jahre geübt. Die Kosten für diese Massnahmen betrugen lediglich 130‘000 CHF.

Risikobasierten Ansatz stärken

Manuel Epprecht vom BAFU erachtet die verschiedenen Vorkehrungen in Zürich als beispielhaft, und er ist von deren Breite und Professionalität beeindruckt. Unter der Federführung des AWEL wurden Ende 2013 die wichtigsten Elemente des Integralen Risikomanagements in einem Bericht aufgezeigt. Darin wird auf Wunsch des BAFU auch die Variante «Optimierte Durchleitung» als Option offengehalten, für den Fall, dass die beiden anderen Varianten - der Entlastungsstollen in den Zürichsee oder die Kombilösung mit dem Ausbau der Pumpspeicherung im Etzelkraftwerk - sich als politisch nicht realisierbar erweisen.

Der risikobasierte Ansatz im Hochwasserschutz - so zeigen die Erfahrungen in Zürich - muss weiter gestärkt werden. Denn wo hohe Schäden zu erwarten sind, lohnt es sich, in den Hochwasserschutz zu investieren.

Schwere mögliche Folgen für den Zürcher Hauptbahnhof

Laut der SBB-Medienstelle könnte der Bahnknoten Zürich durch ein Hochwasser teilweise oder komplett lahmgelegt werden. Die Auswirkungen wären für den Bahnverkehr in der ganzen Schweiz massiv. Von den rund 1 Million Passagieren, die die SBB pro Tag befördert, ist rund die Hälfte im Grossraum Zürich unterwegs.

Die SBB rechnet damit, dass die Sihl ab einem Abfluss von 360 bis 400 m3/s in der Allmend Brunau über die Ufer tritt. Eine halbe Stunde bis 3 Std. später würde die Flut den Bahnhof Wiedikon erreichen und etwas später die Gleisanlagen des Hauptbahnhofs. Die unterirdischen Anlagen wären ebenfalls betroffen. Die eigentliche Verfüllung der unterirdischen Bahnhöfe und Tunnels würde sich über eine Zeitspanne von mehreren Std. bis zu einem Tag erstrecken. Betroffen wären auch der neue Bahnhof Löwenstrasse, der S-Bahnhof Museumstrasse und die Bahntunnels nach Oerlikon und Stadelhofen.

Die SBB geht im Falle eines Hochwassers von keinen Personenschäden aus, weil im ganzen Hauptbahnhof eine Anlage für die Evakuierung installiert ist. Via Lautsprecher können die Menschen in den Hallen und Passagen sowie auf den kommerziellen Flächen mit vordefinierten Texten in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch je nach Ereignis informiert werden. Eine Evakuierung des Hauptbahnhofes würde vom Führungsstab der Stadt Zürich sowie vom Notfall- oder vom Krisenstab SBB ausgelöst.

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Letzte Änderung 20.05.2015

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