Internationale Zusammenarbeit: Schweizer Erfahrung hilft dem Risikomanagement weltweit

Das Schweizer Know-how im Umgang mit Naturgefahren wird international geschätzt. Es dient bei der Nothilfe ebenso wie bei der Katastrophenvorsorge und kommt deshalb in vielen Ländern sowie in Organisationen der UNO und der OSZE zum Tragen.

Bosnien Herzogowina nach dem verheerenden Unwetter 2014
Bosnien Herzogowina nach dem verheerenden Unwetter 2014: Im Nordosten bei Bjieljina standen ganze Landstriche unter Wasser.
© Hugo Raetzo, SKH

Text: Viera Malach

Seinen jüngsten Auslandeinsatz als Mitglied des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) leistete Hugo Raetzo im Staat Bosnien und Herzegowina. Das war Mitte Mai 2014. Die schlimmsten Hochwasser seit 120 Jahren hatten ein Drittel des Landes überschwemmt. Auch weite Teile des angrenzenden Serbien standen unter Wasser. Nahezu eine Million Personen mussten zumindest zeitweise ihre Häuser verlassen, 60 Menschen kamen ums Leben. Zahlreiche Länder entsandten Hilfskräfte. Die Schweiz war mit zwei SKH-Einsatzteams samt Helikoptern der Armee vor Ort.

Hugo Raetzo arbeitet in der Sektion Rutschungen, Lawinen und Schutzwald des BAFU. «Zwar waren in Bosnien und Herzegowina primär Wasserspezialisten für Trinkwasser gefragt. Doch an mehreren Hundert Stellen drohten Rutschungen, Felsstürze und Murgänge, die ich als Experte für geologische Gefahren zu beurteilen hatte», berichtet er. «Etwa bei einem Bergdorf, das völlig abgeschnitten war. Wir konnten Entwarnung geben, der Ort liegt stabil. Dass unabhängige Spezialisten die Gefahren beurteilten, war enorm wichtig.»

Einstige Kriegsgegner betreiben gemeinsame Katastrophenvorsorge

Die nachträgliche Analyse der Katastrophe habe gezeigt, dass die beiden Balkanländer zur Vorbereitung auf künftige Hochwasserereignisse bessere Messnetze, Frühwarnsysteme und Notfallorganisationen brauchen, erläutert Hugo Raetzo. «Bei Hochwassergefahr in den Haupttälern könnte die Bevölkerung frühzeitig gewarnt werden, nach dem Vorbild unserer hydrologischen Vorhersagen. Die lokalen Interventionskräfte könnten dann den Schutz gewährleisten und notfalls Evakuierungen anordnen.» Eine grenzüberschreitende Katastrophenvorsorge biete den einstigen Kriegsgegnern Serbien und Bosnien und Herzegowina nun die Chance, das Management der gemeinsamen Flüsse Sava und Drina zu verbessern.

Unterstützung für die Katastrophenvorsorge und den Wiederaufbau erhalten beide Staaten von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), den Nachbarländern wie auch von der Schweiz. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) haben ihre langjährigen Programme der Ostzusammenarbeit kurzfristig auf Wiederaufbau umgelagert. Geplante Projekte werden im Hinblick auf eine Risikominderung bei Katastrophen ergänzt.

Risikominderung auf der Agenda der OSZE

Während ihres OSZE-Vorsitzjahres 2014 hat die Schweiz ohnehin einen Schwerpunkt auf die Katastrophenvorsorge und die Bewältigung von Naturgefahren gelegt. Eigens mit diesen Themen befasste sich zum Beispiel ein Treffen in Montreux (VD) zur Vorbereitung des OSZE-Wirtschafts- und Umweltforums. Mittels zweier Feldbesuche im Kanton Wallis führten BAFU, DEZA und lokale Behörden den Konferenzgästen aus 57 Staaten vor Augen, welche gemeinsamen Vorkehrungen gegen Hochwasser, Lawinen und Murgänge möglich sind und welche Risiken bleiben.

International hat sich die Schweiz als Bergland profiliert, das über eine lange Tradition bei der Bewältigung von Naturgefahren verfügt und effiziente Hilfe leistet. «Weil Risikominderung einen Platz auf der Agenda einer Sicherheitsorganisation wie der OSZE hat, bietet die Schweiz ihre Expertise weiter an», erläutert Adrienne Schnyder, OSZE-Programmbeauftragte der DEZA/Humanitäre Hilfe. Unter serbischem Vorsitz behandelt die OSZE dieses Jahr das Thema Wasser schwerpunktmässig. Ein besserer Umgang mit Hochwassern gehört dazu.

Risikomanagement in der Entwicklungszusammenarbeit

Weil die extremen Wetterereignisse mancherorts die erreichten Fortschritte in der Armutsbekämpfung gefährden, hat die DEZA die Verringerung von Katastrophenrisiken zu einem Schwerpunktthema aufgewertet. BAFU und DEZA arbeiten eng zusammen mit dem Ziel, die Widerstandskraft der lokalen Bevölkerung zu festigen und ein lokal angepasstes Risikomanagement nach hiesigem Modell zu etablieren.

«Dank des fachlichen Austauschs zwischen BAFU und DEZA können die Erfahrungen der Schweiz in Projekte von Entwicklungsländern integriert werden», sagt Carolin Schärpf, die im Stab der BAFU-Abteilung Gefahrenprävention die Zusammenarbeit der beiden Ämter koordiniert. Dabei schlage sich der Paradigmenwechsel - weg von der reinen Gefahrenabwehr, hin zum integralen Risikomanagement -, der hierzulande in den letzten Jahren stattgefunden habe, auch in der internationalen Zusammenarbeit nieder.

Als neutrale Experten in Thailand

Die Schweizer Hilfe wird weltweit vor allem deshalb geschätzt, weil sie die Zivilbevölkerung in den Mittelpunkt stellt und weil ihre Experten unabhängig und unparteiisch handeln. Die Hilfe des SKH und damit auch das Fachwissen aus dem BAFU werden immer wieder nachgefragt.

So hat Thailand bei den verheerenden Überschwemmungen im November 2011 die Fachleute des SKH beigezogen. Nach einem ausserordentlich langen Monsun war der Fluss Chao Phraya über die Ufer getreten, 400 Menschen starben. Rund 160‘000 Quadratkilometer Land standen unter Wasser, eine Fläche viermal so gross wie die Schweiz. Der Produktionsausfall der wochenlang überschwemmten Industriegrossanlagen in der Provinz Ayutthaya hatte Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Im SKH-Team dabei war auch Urs Nigg von der Sektion Hochwasserschutz im BAFU. «Für die innerstaatliche Politikdebatte hatte das SHK neutral zu prüfen, ob bei den Notfalleinsätzen der Hilfskräfte Fehler gemacht worden waren», berichtet er. Das war eine diffizile Aufgabe im schon damals politisch tief gespaltenen Land. Andererseits galt es abzuklären, welche Vorsorgemassnahmen möglich sind. Industrieanlagen wie diejenigen in der Provinz Ayutthaya lassen sich nicht in die Berge versetzen. «Mit sorgfältigen Objektschutzmassnahmen und der Hochlagerung von sensiblen Objekten kann man jedoch Schäden entscheidend mindern», sagt Urs Nigg. Was aus seiner Analyse, den vorgeschlagenen Schutzmassnahmen und raumplanerischen Reglementen umgesetzt wurde, werde sich zeigen.

PLANAT in ganz Europa

Das Know-how im Bereich des integralen Risikomanagements wird in der Schweiz seit 1997 in der Nationalen Plattform Naturgefahren (PLANAT) gebündelt und stetig verbessert. «Die PLANAT als ausserparlamentarische beratende Kommission des Bundesrats ist in Europa die älteste Plattform dieser Art», berichtet Wanda Wicki, die bis Ende 2014 die PLANAT-Geschäftsstelle leitete. Ein Austausch unter den mittlerweile 18 europäischen Plattformen finde seit 2011 jährlich statt. «Nicht alle Länder haben ausreichende Kapazität für ein Risikomanagement. Durch aktive Netzwerke können sie jedoch gestärkt werden.»

So stellte Kosovo vor zwei Jahren den Antrag an die PLANAT, die Regierung in Pristina beim Aufbau einer eigenen Landesstrategie im Umgang mit Naturgefahren fachlich zu unterstützen. Daraus sei eine «spannende strategische Zusammenarbeit» entstanden, sagt Wanda Wicki. Sie plädiert für möglichst viele Plattformen analog der PLANAT. «Für uns steht der partizipative Ansatz im Vordergrund.» Eine übergeordnete und vernetzte Strategie könne nur mit der Einbindung aller zuständigen Akteure erreicht werden.

«Weil die wirtschaftlichen Verluste infolge Naturkatastrophen sehr hoch sind, benötigen gefährdete Länder entsprechende Unterstützung», ergänzt Markus Zimmermann, der die DEZA in der PLANAT vertritt und seit Anfang der 1990er-Jahre als Mitglied des SKH auf Gefahrenprävention spezialisiert ist. Die Risiken umfassend zu kennen, sei von grösster Bedeutung, betont er. Die öffentlichen und privaten Investoren sollen durch eine sachgerechte Planung neue Risiken vermeiden und bestehende nach einer klaren Priorisierung verringern. Zusätzlich müssen Regierungen ein günstiges Umfeld für die Katastrophenvorsorge schaffen. Diese Punkte hatte die Schweizer Arbeitsgruppe zur 3. Weltkonferenz zur Verringerung der Katastrophenrisiken hervorgehoben, die im Frühling 2015 in Japan stattfand (siehe Kasten). In dieser Arbeitsgruppe vertreten sind die DEZA, das BAFU, die PLANAT, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) sowie ein Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, die sich mit der Verringerung von Katastrophenrisiken befassen.

Weltkonferenz zur Verringerung der Katastrophenrisiken

Naturkatastrophen treffen reiche und arme Staaten gleichermassen und verursachen grosse menschliche und ökonomische Verluste. Die Verringerung von Katastrophenrisiken (Disaster Risk Reduction, DRR) steht deshalb weit oben auf der internationalen Agenda. Dies zeigte auch die 3. Weltkonferenz zur DRR vom 14. bis 18. März 2015 in Sendai (Japan), an der Delegierte aus 187 Staaten, regierungsunabhängige Organisationen, die Wissenschaft und der Privatsektor das Sendai Rahmenwerk zur Minderung von Katastrophenrisiken 2015 - 2030 verabschiedeten.

Die Schweiz hatte sich massgeblich an der Vorbereitung der Konferenz beteiligt. Dies war schon bei der 2. Weltkonferenz 2005 im japanischen Kobe der Fall gewesen, wo das Dokument «Hyogo Framework for Action: 2005-2015» verabschiedet wurde. Wie damals setzte sich die Schweiz auch diesmal bei der Gestaltung des neuen Rahmendokuments für die Stärkung eines integralen DRR-Ansatzes ein - mit dem Ziel, die Verbindung zwischen humanitärer Hilfe, einer risikobewussten nachhaltigen Entwicklung und dem Klimawandel zu fördern.

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 20.05.2015

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/naturgefahren/dossiers/magazin-umwelt-leben-mit-naturgefahren/internationale-zusammenarbeit--schweizer-erfahrung-hilft-dem-ris.html