Raumplanung: Beste Karten gegen das Risiko

Mittlerweile verfügen nahezu alle Schweizer Gemeinden über Gefahrenkarten. Jetzt gilt es, aufgrund dieser wissenschaftlichen Grundlagen die notwendigen Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung und erheblicher Sachwerte zu planen und die räumliche Entwicklung anzupassen. Was dies bedeuten kann, zeigt ein Spaziergang durch das Gemeindegebiet von Ollon (VD).

Gefahrenkarten Ollon (VD)
Gefahrenkarten Ollon (VD)
© Kanton Waadt, Swisstopo

Text: Cornélia Mühlberger de Preux

Wer durch die Gegend von Ollon oberhalb von Aigle im Waadtländer Chablais spaziert, käme nicht im Traum auf den Gedanken, dass sich der Boden hier bewegt. Die Gefahr ist von blossem Auge nicht zu erkennen. Etwas misstrauisch machen bloss ein paar Schutzbauten.

Ollon erstreckt sich von der Rhoneebene über den Col de la Croix bis zum Gipfel des 2112 m hohen Chamossaire. Die flächenmässig sechstgrösste Waadtländer Gemeinde besteht aus 23 Dörfern und Weilern. Alte Chalets stehen friedlich neben neueren Ferienhäusern.

Umfassende Palette der Naturgefahren

Die Gegend ist schön, die Aussicht grandios. Doch Vorsicht ist geboten, denn in dieser Region oder zumindest in Teilen davon droht die ganze Palette von Naturgefahren - Rutschungen, Felsstürze, Sackungen, Murgänge, Überschwemmungen und Lawinen. «Bei uns gibt es sogar Gebiete, in denen sich drei Gefahrenarten überlagern», berichtet Pierre-Alain Martenet von der kommunalen Bau- und Planungsbehörde.

Bereits in den 1970er-Jahren sei bei Les Tailles in der Nähe von La Saussaz eine grosse Rutschung niedergegangen, erzählt unser fachkundiger Begleiter. Zwischen 2004 und 2007 liess die Gemeinde Gefahrenkarten für das Gebiet von Villars-sur-Ollon erarbeiten - noch bevor der Kanton Waadt 2008/09 die systematische Kartierung an die Hand nahm. In der Folge wurden mehrere Schutzmassnahmen umgesetzt: Rutschhänge wurden stabilisiert, gefährdete Flächen ausgezont. Heute sind im Bereich von La Saussaz keine Neubauten mehr möglich. Dies obschon das Gelände gesichert wurde und unter ständiger Beobachtung steht.

Gelb, blau, rot

Bevor wir auf die Anhöhen steigen, breitet Pierre-Alain Martenet die Gefahrenkarten von zwei besonders gefährdeten Teilen der Gemeinde aus: La Saussaz und Arveyes. Zu sehen sind darin gelb, blau und rot markierte Flächen. In den roten Zonen gilt die Gefahr als «erheblich», weshalb Neubauten verboten sind. Bereits existierende Gebäude dürfen hingegen weiter bewohnt werden, sofern ein Evakuierungsplan besteht.

In den blauen Zonen («mittlere Gefährdung») sind beim Bau besondere Massnahmen erforderlich. So müssen etwa Untergeschosse in Monoblockbauweise und Stahlbeton erstellt und angrenzende Grundstücke systematisch entwässert werden. In den gelben Zonen («geringe Gefährdung») genügen meist einfache Massnahmen, welche die Grundeigentümerinnen und -eigentümer selbst ergreifen können, um allfällige Schäden zu begrenzen.

Zusätzlich zur Gefahrenstufe geben die Karten auch Auskunft über das Ausmass, die Intensität und die Eintretenswahrscheinlichkeit der einzelnen Gefahrenarten. «Die Gefahrenkarten sind ein unverzichtbares Hilfsmittel sowohl zum Schutz der Bevölkerung und der Infrastrukturen als auch zur Schadensbegrenzung», erklärt Bernard Loup von der BAFU-Sektion Rutschungen, Lawinen und Schutzwald. Dabei müsse zwischen Risiko und Gefahr unterschieden werden. Das Risiko hängt nicht allein von der Gefahr ab, sondern wird massgeblich von der Nutzung der fraglichen Flächen bestimmt. Je dichter diese bebaut, bewohnt und genutzt werden, desto höher ist das Schadenpotenzial und somit das Risiko. Deshalb ist es wichtig, die Entwicklungen raumplanerisch zu steuern.

«Die Erstellung der Gefahrenkarten erfordert viel Zeit und die Mitarbeit zahlreicher Partner», weiss Pierre-Alain Martenet. Um den gesamten Kanton Waadt abzudecken, wurden rund 12‘000 Karten erarbeitet, davon etwa 20 für die Gemeinde Ollon. An diesem umfangreichen Projekt waren neben den Gemeinden 32 auf Geologie, Wasser und Schnee spezialisierte Büros beteiligt.

Arveyes im Fokus

Wir erreichen Arveyes. Im unteren Teil des Weilers stehen etwa ein Dutzend Gebäude, darunter auch ein Bauernhof. Auch hier ist der Boden instabil. Es gibt zahlreiche tiefgründige, permanente Rutschungen, und Quellen am Böschungsfuss weisen auf Grundwasser hin. Im Weiler selbst und entlang der Kantonsstrasse wird mit mehreren Pumpen, die 30 bis 60 m tief in den Boden reichen, das ganze Jahr über Wasser aus dem Untergrund gepumpt. Mithilfe dieses Systems, das in den 1980er-Jahren realisiert wurde, war es möglich, das Ausmass der Erdbewegungen einzuschränken.

Momentan gilt das Gebiet Arveyes als «Planungszone». Jede Siedlungsentwicklung ist vorläufig gestoppt, damit zusätzliche Abklärungen durchgeführt werden können. Sie sollen es erlauben, die Gefährdung möglichst präzise zu bestimmen und die Entwicklungen abzuschätzen. Je nach Ergebnis wird man entscheiden, ob die Grundstücke hier noch überbaut werden dürfen oder nicht. Zusätzlich muss der zukünftige Umgang mit dieser Zone in einem Musterreglement festgelegt werden.

Die Ergebnisse liegen frühestens 2016 bis 2018 vor. «Die Beurteilung der Rutschungen braucht viel Zeit», erklärt Pierre-Alain Martenet, «denn diese bewegen sich im Zentimeterbereich.» Es steht viel auf dem Spiel: Die betroffenen Grundstücke sind überaus begehrt - einerseits, weil sie sehr leicht zugänglich sind, andererseits, weil sich von hier eine aussergewöhnliche Aussicht bietet. «Das kann zu Konflikten führen. Aber das Gesetz muss angewendet werden: Alle bekannten Gefahren sind zu vermeiden», sagt der Fachmann.

Eingeschränkte Bebaubarkeit in La Saussaz

In La Saussaz hingegen, wo wir mittlerweile angelangt sind, gehören die Nutzungsänderungen der Vergangenheit an. Gewisse Parzellen wurden ausgezont und sind heute nicht mehr bebaubar. Gebäude, die in der roten Zone stehen, dürfen nicht erweitert und zerstörte Häuser nicht wieder aufgebaut werden.

In Les Tailles hingegen konnte die Gefahr dank eines grossen Rückhaltebeckens stark eingedämmt werden. Das Becken fängt seit 2011 Material auf, das der gleichnamige Bach heranführt. Das darunterliegende Gebiet wurde von der roten in die blaue Zone zurückgestuft. Die bestehenden Bauten konnten gesichert werden, und die noch freien Grundstücke sind jetzt wieder bebaubar.

«In Ollon liessen sich die Risiken durch technische Massnahmen deutlich verringern. Doch ein Restrisiko bleibt», betont Bernard Loup vom BAFU. Die effizienteste Massnahme zur Verminderung von Risiken besteht darin, das Bauen auf gefährdeten Flächen zu vermeiden. Wird dennoch gebaut, lassen sich mögliche Gebäudeschäden durch eine widerstandsfähige Konstruktion begrenzen. «Die Sicherheit der Bevölkerung kann zusätzlich durch die Erarbeitung eines Notfallplans verbessert werden», fügt er hinzu.

Nichts dem Zufall überlassen

Inzwischen sind die definitiven Gefahrenkarten für das gesamte Gemeindegebiet von Ollon fertiggestellt oder werden es demnächst sein. Nun gilt es, die Bevölkerung über die Situation zu informieren und die Naturgefahren in die kommunalen Richt- und Nutzungspläne zu integrieren.

Gemäss den Bundesgesetzen über den Wasserbau und den Wald sind die Kantone verpflichtet, Gefahrenkarten zu erstellen und diese in der Richt- und Nutzungsplanung zu berücksichtigen. «Gefahrenkarten sind unentbehrliche Instrumente, um die Entwicklung der Risiken in gefährdeten Gebieten zu steuern», bestätigt Roberto Loat von der Sektion Risikomanagement des BAFU. Sie erlauben es den Behörden, Neubauten auf solchen Flächen zu beschränken oder zumindest dafür zu sorgen, dass gefahrengerecht gebaut und genutzt wird. Und sie weisen Hauseigentümerinnen und -eigentümer in Gefahrenzonen darauf hin, dass sie gut daran täten, die Sicherheit ihrer Gebäude mit Schutzmassnahmen zu erhöhen.

Dem BAFU-Experten zufolge sind zukünftig für alle Gefahrenstufen, einschliesslich der tiefsten, Bauauflagen zu prüfen. Denn eine Analyse der Unwetter der letzten Jahre ergab, dass in den gelben und gelb-weissen Zonen («Restgefährdung»), für die momentan keine Vorschriften gelten, grosse Schäden entstanden sind. Es ist deshalb sinnvoll, auch für diese Zonen Anforderungen festzulegen. Eine Raumplanung, die sich auf Risiken und nicht nur auf Gefahren abstützt, muss für alle Gefahrenstufen eine risikogerechte Nutzung sicherstellen.

Die ganze Schweiz kartografiert

Unterdessen ist mit ganz wenigen Ausnahmen praktisch die ganze Schweiz kartiert. Zwei Drittel der Gemeinden haben ihre Gefahrenkarten bereits in die kommunalen Nutzungspläne integriert. Unser Land ist in diesem Bereich im internationalen Vergleich sehr weit fortgeschritten, und das hiesige Know-how stösst im Ausland auf grosses Interesse .

«Die Arbeit ist aber noch nicht abgeschlossen, und sie wird es auch nie sein», räumt Roberto Loat ein. Die Gefahren- und Risikogrundlagen müssen periodisch aktualisiert und neue Phänomene, wie etwa der Oberflächenabfluss, der für rund die Hälfte aller Schäden ursächlich ist, kartografiert werden. «Nur wenn wir über vollständige und aktuelle Grundlagen verfügen, können wir die richtigen Massnahmen ergreifen, um die Sicherheit von Menschen und erheblichen Sachwerten zu verbessern.»

Mehr Raum für Fliessgewässer

Bis vor wenigen Jahren floss die Aire bei Genf durch einen geradlinigen Betonkanal. Nach heftigen Regenfällen trat sie wiederholt über die Ufer und bedrohte unter anderem vor ihrer Mündung in die Arve auch Quartiere der Stadt.

2002 begannen die Arbeiten an einem Hochwasserschutzprojekt, das mit einer ökologischen Aufwertung des Gewässers verbunden ist. Das Bachbett wurde dabei auf längerer Strecke massiv verbreitert. Damit verzögert sich der Abfluss, und die Hochwasserspitzen im Unterlauf werden gebrochen.

Seit 2011 schreibt das Gewässerschutzgesetz einen minimalen Gewässerraum für Bäche und Flüsse vor. Einerseits müssen die heute bereits bestehenden Pufferstreifen entlang der Ufer - besonders bei grösseren Fliessgewässern - erweitert werden. Hierzu braucht es schweizweit rund 20‘000 Hektaren, hauptsächlich im Landwirtschaftsgebiet. Diese Böden gehen der Landwirtschaft aber nicht verloren. Extensive Grünlandnutzung bleibt möglich.

Als Kulturland nicht mehr nutzbar werden hingegen die Flächen sein, die in den kommenden 80 Jahren für die Revitalisierung eingeengter Bäche und Flüsse benötigt werden. Es sind schätzungsweise 2000 Hektaren.

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Letzte Änderung 20.05.2015

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