Warnen und alarmieren: Wenn der grosse Regen kommt

Zeit ist Geld. Dies gilt auch bei der Bewältigung von Unwetterereignissen: Die Schäden lassen sich deutlich vermindern, wenn alle Betroffenen rechtzeitig gewarnt werden. Bei den Unwettern von 2005 lag diesbezüglich noch manches im Argen. Dank der Massnahmen, die seither im Rahmen des Projekts OWARNA getroffen wurden, funktioniert das System der Warnung und Alarmierung heute erheblich besser.

Beaver-Schläuche
Mobile Hochwasser sperren - sogenannte Beaver-Schläuche - entlang der Reuss in Luzern
© Beaver Schutzsysteme AG, Grosswangen

Text: Elsbeth Flüeler

2014 wird als Jahr ohne Sommer in die Geschichte eingehen. Anfänglich sah es zwar überhaupt nicht danach aus, denn die ersten Juniwochen waren warm und trocken. Doch dann sanken die Temperaturen, und der Regen setzte ein. Die meisten Regionen der Schweiz erhielten über den gesamten Sommer Regenmengen zwischen 110 und 140 % der Norm, lokal waren es gar 200 %. Die anhaltenden Niederschläge führten zu Hochwassern, da und dort auch zu Überschwemmungen und Erdrutschen.

Mehrfach betroffen waren das Emmental (BE) und das Entlebuch (LU). Gesamtschweizerisch hielten sich die Schäden aber in Grenzen. Gemäss Schätzungen der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) lag die Schadsumme der Ereignisse im Juli 2015 bei etwas mehr als 80 Mio. CHF.

Es war auch eine Portion Glück dabei: Vielerorts gingen die Niederschläge im Einzugsgebiet von bedrohlich angeschwollenen Fliessgewässern just dann zurück, als die Lage kritisch wurde.

Ereignisanalyse 2005

2014 kamen aber auch die Massnahmen zum Tragen, die nach den Ereignissen vom August 2005 getroffen worden waren. Nach jenem Jahrhunderthochwasser hatte der damalige Bundesrat Samuel Schmid das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) mit einer Ereignisanalyse beauftragt. Dessen Bericht lag 2007 vor. «Die Behörden wussten mehr als die Bevölkerung, war seine zentrale Aussage», sagt Martin Buser von der Sektion Risikomanagement im BAFU. Wäre die Bevölkerung besser und rechtzeitig informiert worden, hätte sich viel Schaden und Leid verhindern lassen. Die Schadenssumme von total 3 Mrd. CHF wäre um eine halbe Milliarde tiefer ausgefallen. So hätten zum Beispiel mehrere tausend Autos in Sicherheit gebracht werden können - allein dies eine Ersparnis von 90 Mio. CHF.

Früher warnen und alarmieren

Stürme, Lawinen und Überschwemmungen künden sich an, und zwar meist Tage oder zumindest Std. im Voraus. Es bleibt also Zeit, um Sicherheitsvorkehrungen zu treffen: Keller und Erdgeschoss räumen, Autos umparkieren, Sandsäcke abfüllen und verteilen oder sich in Sicherheit begeben. Vorausgesetzt, man wird rechtzeitig gewarnt. Gestützt auf den erwähnten Bericht lancierte der Bundesrat daher das Projekt zur Optimierung von Warnung und Alarmierung bei Naturgefahren (OWARNA). Das Ziel ist, die Schäden mit rechtzeitiger Information um 20 % zu verringern - vor allem bei Hochwasser, dem weitaus häufigsten Naturereignis.

Martin Buser leitet das Teilprojekt «Durchhaltefähigkeit und Krisenmanagement». Am 9. August 2007 trat er seine Stelle beim BAFU an. Drei Tage danach setzte ein zweitägiger Starkregen ein. Der Pegel des Bielersees übertraf alle seit der zweiten Juragewässerkorrektion in den 1960er-Jahren beobachteten Werte - «wie um die Dringlichkeit von OWARNA zu bestätigen», bemerkt Martin Buser. In den darauffolgenden Jahren wurden Schritt für Schritt die Organisation und die Strukturen der Krisenbewältigung definiert und umgesetzt.

Besser und stärker vernetzt

Die Naturgefahrenfachstellen auf Ebene Bund und Kantone wurden vernetzt. Zudem wurde eine Infrastruktur geschaffen, die es erlaubt, im Notfall zu agieren. Im BAFU gibt es heute einen speziellen Führungsraum, ausgerüstet mit modernster Technik. Hier trifft sich bei grösseren Ereignissen der Kernstab und schliesst sich mit den zuständigen Stellen von Bund und Kantonen kurz. Der Stabschef informiert den Entscheidungsträger auf Bundesebene über die Lage und bereitet für ihn die Entscheidungsgrundlagen für eine Warnung der kantonalen Behörden oder der Bevölkerung zeitgerecht vor.

Unterstützt wird der Kernstab durch die Naturgefahrenfachstellen des Bundes. Nebst dem BAFU sind dies: das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz), die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft mit dem Institut für Schnee- und Lawinenforschung (WSL/SLF) sowie der Schweizerische Erdbebendienst (SED). Sie beobachten und beurteilen laufend die Gefahrensituation in ihrem Fachbereich. Droht ein Ereignis, sprechen sie sich gemäss einem eingespielten Ablauf untereinander ab und schliessen sich, sobald vordefinierte Kriterien erfüllt sind, zum Fachstab Naturgefahren zusammen. Dieser erarbeitet Prognosen, verfasst Bulletins und Warnungen, gibt Verhaltensempfehlungen und verschickt Medienmitteilungen.

Gemeinsame Informationsplattform

«Die Kommunikation mit allen Ebenen ist heute sichergestellt», versichert Martin Buser. Eine zentrale Rolle für die Fachstellen der Kantone und Gemeinden spielt dabei die Gemeinsame Informationsplattform Naturgefahren (GIN). Hier sind zum Beispiel die Mess- und Beobachtungsdaten zu Wind, Wasser und Schnee abrufbar, ebenso die Prognosen des Fachstabs Naturgefahren, die Modellrechnungen sowie Warnungen und Bulletins.

Ausserdem steht den Fachleuten und Führungsstäben bei Bund und Kantonen rund um die Uhr der Pikettdienst des Fachstabs Naturgefahren zur Verfügung. Auf Gemeindeebene sind ausgebildete Führungs- und Interventionskräfte, unterstützt von Naturgefahrenberaterinnen und -beratern tätig. «Im Ereignisfall sind es diese Leute und ihre Sicherheitskonzepte, die das Ausmass der Schäden entscheidend verringern können», erklärt Martin Buser.

Es versteht sich, dass eine derart breit abgestützte Organisation auch zusätzliche Arbeitskräfte und Mittel braucht. Zwanzig Stellen wurden seit 2007 für OWARNA geschaffen und Sachmittel von 7 Mio. CHF beschlossen. Der Mehraufwand sei kostenneutral, sagt Martin Buser: «Statt in Schutzbauten, investieren wir heute stärker in die Vorhersage, die Information und die Warnung.»

Mehr und präzisere Daten

Der Personalbestand der BAFU-Sektion Hydrologische Vorhersagen wurde im Rahmen von OWARNA um vier Mitarbeitende aufgestockt. Therese Bürgi leitet die Sektion. «2005 gab es pro Vorhersageschicht nur eine Person», erinnert sie sich. Heute sind immer zwei gleichzeitig im Dienst, im Notfall sogar drei. Und am Wochenende ist für einen Pikettdienst gesorgt.

Zusätzlich investierte das BAFU in die Kurzfristvorhersage. Der Sektion stehen nun Daten aus viel mehr Niederschlags-, Wasserstands- und Abflussmessstationen zur Verfügung. Auch die Vorhersagemodelle wurden verfeinert. «Das hydrologische Modell», sagt Therese Bürgi, «kennt schweizweit den Zustand der Wasserspeicher, des Bodens, des Grundwassers und der Schneedecke. Dies ist eine wichtige Grundlage für die Berechnung von Wasserstands- und Abflussvorhersagen.» MeteoSchweiz ergänzte das Wetterradarnetz mit einer Station auf der Plaine Morte (BE/VS). Eine weitere ist auf dem Weissfluhjoch oberhalb von Davos (GR) im Aufbau.

Und schliesslich führten das BAFU und die betroffenen Kantone für die Jurarandseen - Murten-, Neuenburger- und Bielersee - eine Prognoseregulierung ein. Aufgrund einer 5-Tages-Niederschlagsprognose für das Einzugsgebiet der Aare wird täglich der mögliche Anstieg des Wasserstands im Bielersee errechnet. Zeichnet sich aufgrund der Berechnung ein starker Anstieg ab, erhöht man vorsorglich den Ausfluss aus dem See. So entsteht zusätzliches Volumen, um die prognostizierten Wassermassen aufzunehmen. Droht andererseits ein Hochwasser der Grossen Emme, die unterhalb des Bielersees in die Aare mündet, wird der Ausfluss gedrosselt. Dadurch soll erreicht werden, dass die Aare den erhöhten Zufluss aus der Emme schlucken kann, ohne über die Ufer zu treten.

Die Bewährungsprobe

Die Bewährungsprobe kam im Juni 2013. Gebietsweise fiel innerhalb von 48 Std. so viel Regen wie nur alle 10 bis 20 Jahre einmal. In der Ostschweiz wurden Abflussmengen registriert, wie sie nur alle 50 Jahre zu erwarten sind. Die Situation erinnerte an 2005.

OWARNA bestand den Test. «Der Informationsfluss verlief lehrbuchmässig, die Organisationen des Bundes arbeiteten reibungslos und effizient zusammen», stellte der Lenkungsausschuss Intervention Naturgefahren (LAINAT) in einem Bericht über die Bewältigung der Hochwasserereignisse von 2013 fest. Die Massnahmen griffen: Alle 6 Std. wurde die Bevölkerung via Medien über die Wetterentwicklung informiert. Die Einsatzkräfte vor Ort waren gewarnt und leiteten die Massnahmen rechtzeitig ein. Auch die Regulierung der Jurarandseen klappte bestens. «Dadurch, dass die zuständigen Fachstellen (…) viel Aufmerksamkeit auf die Seeregulierung und die Vorabsenkungen der Seestände legten, konnten noch höhere Seestände und Abflüsse an Aare, Limmat und Rhein vermieden werden», heisst es im erwähnten Bericht.

Im Regensommer 2014 stand OWARNA erneut für den Einsatz bereit. «Es fanden ein bis zwei Briefings pro Tag statt», berichtet Martin Buser. Die Internetseite www.naturgefahren.ch publizierte fast täglich ein aktualisiertes Naturgefahrenbulletin des Bundes. Sie wurde rege genutzt, auch als im November das Tessin unter Wasser stand.

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Letzte Änderung 20.05.2015

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