Naturgefahrenberater: «Die Naturgewalten halten sich nicht an fixe Arbeitszeiten»

Seit 2011 werden in der Schweiz lokale Naturgefahrenberater und -beraterinnen ausgebildet. Sie verfolgen Wetterlage und Wasserpegel, beobachten rutschgefährdete Hänge sowie bröckelnde Felsen und sollen bei drohenden Gefahren zeitgerecht warnen. Ihre Arbeit kann viel Leid und Schaden verhindern, wie etwa das Beispiel der Berggemeinde Oberwil im Berner Simmental zeigt.

Text: Nicolas Gattlen 

Hauptberuflich arbeitet der gelernte Zimmermann Rudolf Ast in einer Sägerei, im Nebenjob aber ist er für die Simmentaler Gemeinde Oberwil (BE) als Naturgefahrenberater tätig. Als langjähriger Feuerwehroffizier und ausgebildeter Gebirgsspezialist der Schweizer Armee bringt er beste Voraussetzungen für diese Aufgabe mit.
© Ephraim Bieri/BAFU

Rudolf Ast ist angespannt. Im Simmental hat es 2016 fast den ganzen Mai hindurch geregnet, und nun beginnt auch der Juni mit Niederschlägen ohne Ende. Der gesättigte Boden nimmt kaum noch Wasser auf. Besonders heikel ist die Situation beim Lauigraben, der von einem steilen Abbruchhang knapp 500 Meter über dem Dorf Oberwil (BE) bis ins Tal führt. Die lokale Bevölkerung weiss um die Gefahr: Im Gemeindearchiv liegt ein Brief aus dem Jahr 1795 an die Obrigkeit in Bern auf. Sie wird um finanzielle Entschädigung gebeten, weil eine Hangmure den Grossteil der Ernte zerstört hat. Weitere Murgänge wälzten sich in den 1910er- und 1950er-Jahren und zuletzt 2007 durch das berüchtigte Bachtobel.

Die Gemeinde Oberwil hat den einheimischen Rudolf Ast als Naturgefahrenberater eingesetzt. Ihm kommt die Aufgabe zu, die steilen Hänge über dem Dorf im Auge zu behalten. Mehrmals täglich ist er in der ersten Juniwoche 2016 im rutschgefährdeten Gelände unterwegs oder beobachtet den Hang mit seinem Armeefeldstecher von einem Unterstand aus. Er nimmt ausgewählte Steine, Gebüsche oder Tannen ins Fadenkreuz und kann so erkennen, ob und wie weit sich diese von anderen Fixpunkten wie etwa einem Felsen weg verschoben haben. Auch Fähnchen und Holzlatten, die er im Gelände platziert, dienen ihm als Merkpunkte. Am Abend des 8. Juni registriert Rudolf Ast an einem Messpunkt im Abbruchhang eine Verschiebung von über 90 Zentimetern gegenüber dem Vortag. Es dürfte also bloss eine Frage von Stunden sein, bis sich die Mure durch den Graben wälzt. Der von ihm gewarnte Krisenstab lässt daraufhin bei den Brücken Bagger aufstellen. Damit will man verhindern, dass Steine, Holz und Schlamm die Durchlässe verstopfen und sich über die befestigten Ufer ergiessen.

Am folgenden Morgen um 5.45 Uhr trifft ein, was aufgrund der Beobachtungen zu erwarten war. Über dem Dorf löst sich die erste Mure, und mehrere Zehntausend Kubikmeter Schlamm und Geröll wälzen sich durch den Lauigraben – zähflüssig wie Magma. Die Mure fliesst durch das Bachbett, reisst am Abend die oberste Brücke ein und verschüttet die Kantonsstrasse unten im Tal. Doch das am Hang gelegene Dorf und die Bahngleise der BLS bleiben nahezu unversehrt. Weil Rudolf Ast rechtzeitig gewarnt hat, gelingt es den Einsatzkräften nämlich über mehrere Tage hinweg, das Bachbett an den neuralgischen Stellen auszuräumen.

Vorbildliche Gefahrenbeobachtung

Die Gefahrenbeobachtung und Katastrophenvorbereitung in Oberwil sei vorbildlich, lobt Hugo Raetzo, Spezialist für Rutschungen und Hangmuren beim BAFU. Dadurch seien grössere Schäden verhindert und möglicherweise auch Menschenleben gerettet worden. Er verweist dabei insbesondere auf die wichtige Arbeit des lokalen Naturgefahrenberaters und seine Verdienste. Im Prinzip liesse sich eine Geländeüberwachung zwar auch mithilfe moderner Technik bewerkstelligen – etwa mit geophysikalischen Messmethoden oder mit Satellitenbildern, die jede Veränderung registrieren. Dies wäre jedoch bedeutend aufwendiger.

Den Anstoss für die Ausbildung und Einsetzung der lokalen Naturgefahrenberaterinnen und -berater (LNGB)gaben die Auswertung des Hochwassers vom August 2005 im Rahmen des Projekts «Optimierung von Warnung und Alarmierung» (OWARNA) sowie die Ereignisanalyse der beiden Hochwasser von August 2005 und 2007. Wie diese Untersuchungen aufgezeigt haben, lässt sich das Schadenausmass mit Vorsorge- und Interventionsmassnahmen deutlich reduzieren. Dieses Potenzial gelte es im Hinblick auf künftige Ereignisse konsequent zu nutzen.

Lawinenkommissionen als Vorbild

«Für das Konzept der LNGB-Organisation haben wir uns an den bewährten Lawinenkommissionen in den Berggemeinden orientiert», erklärt Manuel Häberli, zuständiger Projektleiter in der Sektion Risikomanagement beim BAFU. «Diese Kommissionen bestehen aus ortskundigen und gebirgserfahrenen Fachleuten, welche die Lage regelmässig analysieren und im Bedarfsfall Empfehlungen zum Schutz vor Lawinen abgeben.» Auch der Kursaufbau sei wesentlich vom Lawinenschutz inspiriert.

Die Vermittlung der erforderlichen Kenntnisse erfolgt auf unterschiedlichen Stufen. So erstellt das BAFU die Schulungsunterlagen für die kantonalen Ausbildner und vermittelt ihnen die Inhalte in einem einwöchigen Kurs. Die Kantone passen die Grundlagen ihrerseits den jeweiligen Bedürfnissen vor Ort an und kümmern sich um die Ausbildung der Naturgefahrenberaterinnen und -berater. Schliesslich rekrutieren die Gemeinden die LNGB und integrieren sie in ihre zivilen Führungsstäbe. Potenzielle Kandidaten für diese Aufgabe sind Personen mit ausgewiesenen Lokalkenntnissen und einem Bezug zu Naturgefahren. In einem mehrtägigen Kurs lernen sie, Informationen zur Lage und Entwicklung mit Beobachtungen vor Ort und den lokalen Erfahrungen in Verbindung zu bringen. Daraus gilt es dann die richtigen Schlüsse zu ziehen, die Behörden – wenn nötig – zeitgerecht zu warnen und geeignete Massnahmen zu beantragen. Als aktive Mitglieder der Führungsstäbe sind die LNGB zudem an der vorsorglichen Notfallplanung sowie im Ereignisfall beteiligt.

Grosses Bedürfnis in den Gemeinden

In den meisten Kantonen können die Gemeinden frei entscheiden, ob sie einen Naturgefahrenberater einsetzen wollen. «Wie die Rückmeldungen zeigen, ist das Bedürfnis gross», stellt Manuel Häberli fest. Seit dem ersten Kurs im Jahr 2011 liessen sich in 21 Kantonen rund 350 Personen zu LNGB ausbilden.

Eine Pionierrolle nimmt dabei der Kanton Bern ein, den die Hochwasserereignisse im August 2005 und 2007 besonders stark getroffen haben. «Uns war klar, dass es sich lohnt, das Wissen vor Ort gezielt zu fördern», erklärt Eva Steiner-Baumgartner vom Amt für Wasser und Abfall (AWA). Sie ist im Bernbiet für die Umsetzung der Massnahmen zur Verbesserung der Warnung und Alarmierung (WARN) mitverantwortlich. «Durch eine rechtzeitige Warnung und das Einleiten präventiver Schritte noch vor einem Ereignis lassen sich Schäden markant vermindern. Dazu leisten unsere LNGB einen wesentlichen Beitrag.» Derzeit zählt allein der Kanton Bern 120 solche Beraterinnen und Berater. «Unser Ziel, dass alle zivilen Führungsorgane im Kanton über einen LNGB sowie einen Stellvertreter verfügen, ist damit beinahe erreicht», sagt Eva Steiner-Baumgartner.

Ein passionierter Wetterbeobachter

Im Januar 2017 begleitet uns die AWA-Fachfrau nach Oberwil, wo wir mit Rudolf Ast verabredet sind. Er empfängt uns in seinem prächtigen Holzhaus am Dorfrand und zeigt Videos der Murgänge vom Juni 2016. «Verhindern können wir sie nicht, aber man muss versuchen, die Schäden in Grenzen zu halten», meint er. Dies ist in Oberwil auch dank ihm gelungen. Trotzdem fühlt er sich nicht als Held: «Ich habe bloss meinen Job getan.» Der bestehe vor allem aus einer Tätigkeit: «usi gugge», das Wetter beobachten und die Hänge, Felsen und Wasserpegel überwachen. Natürlich verfolgt er auch täglich die Meteo-Prognosen und – wenn sich Bedrohliches zusammenbraut – die Warndienste des Bundes. Rudolf Ast verfügt in seinem Garten zudem über eine eigene kleine Messstation. Sie liefert ihm die Wind-, Niederschlag- und Luftdruckdaten direkt auf den Küchentisch, was aber eher eine Spielerei sei, wie der passionierte Wetterbeobachter einräumt.

Der vierfache Familienvater und gelernte Zimmermann Rudolf Ast weist auch auf die Verdienste seines Arbeitgebers hin, einer Sägerei in der Nachbargemeinde. «Mein Nebenjob als Naturgefahrenberater erfordert viel Verständnis seitens des Betriebs, denn die Naturgewalten halten sich nicht an fixe Arbeitszeiten.» Für seinen Einsatz im Interesse des Gemeinwohls wird er von der Gemeinde Oberwil entlohnt. Ende 2010 habe ihn der Gemeindepräsident angefragt, ob er die Aufgabe des Naturgefahrenberaters übernehmen wolle, erzählt Rudolf Ast, der als langjähriger Feuerwehroffizier und ausgebildeter Gebirgsspezialist der Schweizer Armee beste Voraussetzungen dafür mitbrachte. «Keine Minute lang habe ich überlegen müssen. Eine reiz- und sinnvollere Aufgabe kann ich mir kaum vorstellen.» 

Rechtzeitige Warnungen mindern die Schäden

Nach den milliardenteuren Hochwasserschäden im Sommer 2005 hat der Bund unter anderem die Niederschlags- und Abflussprognosen deutlich verbessert und gestützt darauf seine Meteo- und Hochwasserwarnungen optimiert. Auf dem Internetportal www.naturgefahren.ch finden Interessierte seit 2014 tagesaktuelle Informationen zur Naturgefahrenlage sowie spezifische Verhaltensempfehlungen. Dies gilt beispielsweise für die Gefahren durch Waldbrand, Wind, Hochwasser, Lawinen oder Strassenglätte. Dieselben Informationen bietet die kostenlose App «MeteoSwiss». Für 10 Naturgefahren können Nutzerinnen und Nutzer auch Push-Meldungen abonnieren und so die Warnungen direkt erhalten. Den Naturgefahrenfachleuten von Bund, Kantonen und Gemeinden stehen auf der Gemeinsamen Informationsplattform Naturgefahren (GIN) zudem die Ergebnisse von Vorhersagemodellen sowie Rohdaten von über 900 automatischen Messstationen zur Verfügung. Sie umfassen rund 90 verschiedene Messgrössen – von Windstärken über Wasserstände bis zu Schneehöhen. Die Interpretation dieser Daten und Vorhersagen im lokalen Kontext bedingt allerdings entsprechendes Fachwissen. Für den Aufbau dieses Know-hows hat der Bundesrat im Rahmen des OWARNA-Folgeberichts von 2010 die Einführung und Ausbildung von lokalen Naturgefahrenberatern und -beraterinnen (LNGB) beschlossen.

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Letzte Änderung 29.11.2017

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