Projekt OWARNA: Zeitige Warnungen sparen Millionen

27.08.2010 - Zeit ist Geld – dies gilt auch bei der Bewältigung von schwerwiegenden Naturereignissen: Die Schäden lassen sich deutlich vermindern, wenn Krisenstäbe und Betroffene rechtzeitig gewarnt werden. In diese Richtung zielt das Projekt des Bundes zur Optimierung von Warnung und Alarmierung bei Naturgefahren (OWARNA).

Hansjakob Baumgartner

Aare 2005 Mattenquartier
Im August 2005 floss die Hochwasser führende Aare meterhoch durch die Strassen des flussnahen Mattequartiers am Rand der Berner Altstadt...
© AWA, Berne; Simone Hunziker, BAFU

Geladen mit feuchtwarmer Mittelmeerluft zog im August 2005 ein kräftiges Tief vom Golf von Genua her um die Ostalpen herum an den Alpennordrand, wo es sich in sintflutartigen Regenfällen entleerte. Zahlreiche Messstationen für Niederschläge und Pegelstände von Fliessgewässern verzeichneten neue Rekordwerte. Bäche und Seen traten über die Ufer, Hänge kamen ins Rutschen. Das Unwetter hinterliess in weiten Teilen der Schweiz eine Spur der Verwüstung.

Arg betroffen war damals das Berner Mattequartier. Nachdem Unmengen von Schwemmholz den Lauf der Aare versperrt hatten, strömte der Fluss durch die Gassen. Manche Häuser standen 2 Meter tief im Wasser. Die Schäden beliefen sich auf über 50 Millionen Franken. Eine nachträgliche Analyse ergab, dass mit einer besseren Information der Einsatzleitzentralen sowie einer früheren Alarmierung ein Grossteil davon vermeidbar gewesen wäre.Lehren aus dem Katastrophenjahr 2005.In der Folge ergriff die Stadt Bern eine Reihe von vorsorglichen Massnahmen. Sie richtete Interventionsplätze ein, wo sie das Schwemmholz mit Kränen rasch aus dem Wasser holen kann, bevor es den Durchfluss verstopft. Vor den Häusern baute man Verankerungen ein, an denen sich bei Bedarf Dammbalken aus Aluminium montieren lassen. Auch das Alarmierungskonzept wurde überarbeitet. Dank zusätzlicher Messstationen und besserer Wasserabflussprognosen kann die Leitzentrale der Berufsfeuerwehr inzwischen einigermassen präzise abschätzen, wie sich der Aarepegel in Bern in den nächsten zwei Stunden entwickeln wird.

Die Bewährungsprobe kam schon nach zwei Jahren. Im August 2007 erreichte der Pegelstand der Aare erneut Höchstwerte. Doch diesmal blieben die Schäden gering. Das Schwemmholz konnte rechtzeitig entfernt werden, und mithilfe von mobil einsetzbaren, wassergefüllten Schlauchsperren – sogenannten Beaver-Dämmen – gelang es, die Aare am Ausufern zu hindern. Wo trotzdem Wasser eindrang, halfen die direkt vor den Häusern montierten Aluminiumplatten.

Aare 2007 Mattenquartier
... Zwei Jahre später verhinderte eine Reihe von vorsorglich getroffenen Schutzmassnahmen eine Wiederholung der Überschwemmungskatastrophe. Unter anderem halfen direkt vor den Häusern montierte Dammbalken aus Aluminium, das eindringende Wasser abzuwehren.
© Christian Schuler, Bern

Vor dem Wasser kommt ein SMS.Wenn das Flussbett der Aare voll ist, steigt in der Matte auch das Niveau des Grundwassers an, sodass dieses gelegentlich in Keller eindringt. Besteht diese Gefahr, vibrieren mittlerweile die Mobiltelefone der Mattenbewohnerinnen und -bewohner, die den SMS-Warndienst «Mikado» abonniert haben. «Anstieg der Aare macht Eindringen von Grundwasser möglich. Keller kontrollieren, eventuell räumen», steht in der Textnachricht. Auch dieser Dienst trug im Sommer 2007 dazu bei, Schäden zu verhindern.

Dass eine zeitige Warnung vor Naturgefahren Gold wert ist, bestätigte auch die gesamtschweizerische Ereignisanalyse der Unwetter von 2005. Gemäss Schätzungen von Fachleuten wäre die damalige Gesamtschadensumme von 3 Milliarden Franken bei einer rechtzeitigen Alarmierung aller Betroffenen um rund eine halbe Milliarde niedriger ausgefallen. So erlitten etwa 6000 parkierte Autos Totalschaden, von denen viele heil geblieben wären, wenn ihre Besitzer sie nach einer rechtzeitigen Warnung in Sicherheit gebracht hätten, bevor das verheerende Wasser kam.

Bereits eine Woche nach der Unwetterkatastrophe lancierte der Bundesrat das Projekt Optimierung der Warnung und Alarmierung bei Naturgefahren (OWARNA). Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) erhielt den Auftrag, in Zusammenarbeit mit der Nationalen Plattform Naturgefahren (PLANAT) zu untersuchen, wo im Bereich von planerischen, organisatorischen und technischen Massnahmen Verbesserungsmöglichkeiten bei der Bewältigung derartiger Notlagen bestehen.

20 Prozent weniger Schäden als Ziel. 2007 lag der OWARNA-Schlussbericht vor. Darauf aufbauend beschloss die Schweizer Regierung ein Bündel von Massnahmen mit dem Ziel, dass schwerwiegende Naturereignisse künftig um 20 Prozent geringere Schäden verursachen sollen, als dies ohne Optimierungen der Fall wäre. Dies will der Bundesrat im Wesentlichen durch folgende Massnahmen sicherstellen:

  • Verbesserte Modelle und eine erweiterte Datenbasis sollen zeitlich und räumlich genauere Wetter- und Abflussprognosen liefern.
  • Die Systeme zur Alarmierung und Information der Bevölkerung sollen über unabhängige, doppelt angelegte Netze mit Notstromversorgung verfügen.
  • In Notfallsituationen müssen alle einschlägigen Fachstellen rund um die Uhr ansprechbar sein. Dies betrifft die Abteilungen Hydrologie und Gefahrenprävention beim BAFU, MeteoSchweiz, das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) sowie den Schweizerischen Erdbebendienst (SED).
  • Neu soll die zu einem gesamtschweizerischen Melde- und Lage­zentrum ausgebaute Nationale Alarmzentrale (NAZ) des BABS auch bei Naturereignissen die Gesamt­lage erfassen, alle Partner vernetzen und dringende Meldungen rasch und sicher verbreiten.

Gemeinsame Informationsplattform (GIN). Um die Zusammenarbeit und den Informationsfluss zwischen den verschiedenen Fachstellen zu verbessern, hatte man schon zuvor begonnen, im Internet die Gemeinsame Informationsplattform (GIN) einzurichten. Hier finden Einsatzkräfte und Behörden die erforderlichen Fachinformationen zur Bewältigung von Naturereignissen.

Die 2007 beschlossenen Massnahmen sind inzwischen teilweise umgesetzt. Damit liessen sich bei der Warnung und Alarmierung, aber auch bei der Gefahrenprävention erhebliche Fortschritte erzielen. Letzteres zeigte sich beispielsweise im April 2009, als im Berggebiet noch sehr viel Schnee lag. Die Situation weckte Erinnerungen an den Mai 1999 - damals hatte die Schneeschmelze nach dem Lawinenwinter zusammen mit intensiven Niederschlägen im Mittelland zu Überschwemmungen geführt. Aufgrund einer gemeinsamen Lagebeurteilung durch BAFU, SLF sowie MeteoSchweiz beschlossen deshalb das BAFU und die betroffenen Kantone, die Pegelstände von Bieler-, Neuenburger- und Murtensee durch eine entsprechende Regulierung beim Wehr Port (BE) am Ausfluss der Aare aus dem Bielersee tief zu halten. Dies sollte die Speicherkapazität der drei Jurarandseen erhöhen und damit Hochwasserschäden am Unterlauf der Aare vorbeugen.

Das befürchtete Szenario trat dann glücklicherweise nicht ein, und nach der Entwarnung gegen Ende April liess man die Seen wieder auf den für diese Jahreszeit üblichen Wasserstand ansteigen. Dennoch erwies sich die Übung in einem gewissen Sinn als Bewährungsprobe für die im Rahmen des Projekts OWARNA eingeleiteten Massnahmen. «Es war wichtig, die organisatorisch-planerischen Vorkehrungen für eine effiziente Zusammenarbeit der beteiligten Fachstellen bereits vorgängig zu treffen», sagt Gian Reto Bezzola, Chef der Sektion Risikomanagement beim BAFU. Ad hoc wäre dies kaum möglich gewesen: «Nur wenn in ruhigen Zeiten ohne Probleme die nötigen Strukturen aufgebaut werden und die Abläufe geregelt sind, ist gewährleistet, dass im Ereignisfall auch alles klappt.»

Gut investiertes Geld. Noch sind indessen nicht alle vom Bundesrat beschlossenen Massnahmen umgesetzt, und sie werden sich mit den bereitgestellten Mitteln auch nicht vollständig realisieren lassen. Ein 2010 eingereichter OWARNA-Folgebericht beziffert die für die Umsetzung des Projekts erforderlichen Bundesgelder auf jährlich 13 bis 17 Millionen Franken. Weitere 40 bis 50 Millionen Franken pro Jahr müssten die Kantone aufwenden.

Auf Bundesebene besteht der grösste Handlungsbedarf im Bereich der Vorhersage von Hochwasserereignissen, die hierzulande 70 Prozent aller Schäden durch häufig auftretende Naturgefahren ausmachen. Damit das BAFU die hydrologische Prognose verbessern kann, ist eine permanente Beurteilung und Überwachung der Gewässer erforderlich. Zudem muss das Amt die bis jetzt auf das Rhein-Einzugsgebiet begrenzten Vorhersagen künftig auf die gesamte Landes­fläche ausdehnen. Als zentral erachtet die Regierung auch eine frühzeitige, rasche und zielgruppengerechte Information der Medien sowie der Bevölkerung bei kritischen Wetterlagen. Im Interesse einer besseren Ereignisvorsorge hat die Bundeskanzlei im Internet ausserdem das Präventionsportal www.ch.ch/gefahren eingerichtet.

Gemäss der 2003 publizierten KATARISK-Studie des BABS richten Rutschungen, Hochwasser, Gewitter, Stürme und Lawinen in der Schweiz Schäden im Umfang von durchschnittlich 1,2 Milliarden Franken pro Jahr an. Weil die regionalen Klimaszenarien für den Alpenraum darauf hindeuten, dass Starkniederschläge mit den steigenden Temperaturen eher zunehmen werden, ist künftig mit tendenziell höheren Schadensummen zu rechnen. Sofern es gelingen sollte, die Schäden durch Naturereignisse mit entsprechenden Gegenmassnahmen tatsächlich um 20 Prozent zu reduzieren, wären die erforderlichen Gelder für eine bessere Warnung und Alarmierung sehr gewinnbringend investiert.

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Letzte Änderung 27.08.2010

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