Bodenbelastungen: Erblasten der unsichtbaren Art

25.11.2015 - Es existieren ganz unterschiedliche Typen von Bodenbelastungen, darunter zum Beispiel in Gärten, die durch diffuse Quellen kontaminiert wurden. Woher die Belastung stammt, ist oft schwer zu ermitteln. Anders sieht es bei den rund 4000 Schiessanlagen aus. Hier besteht kein Zweifel über die Ursache der Verschmutzung.

Auch der Boden von Hobbygärten kann verunreinigt sein. Meistens stammen die Belastungen aus unterschiedlichen diffusen Quellen.
© Urs Keller, Ex-press

Text: Urs Fitze und Kaspar Meuli

Nicht nur vergangene Abfallsünden von Gewerbe und Industrie stellen für den Boden ein Problem dar. Auch Gärten können derart mit Schadstoffen belastet sein, dass Massnahmen nötig werden. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb die Belastung - meist vor Jahrzehnten - entstanden ist. Dazu zählt unter anderem das Verbrennen von Kehricht im Freien, manchmal meinten es aber auch Hobbygärtnerinnen und -gärtner zu gut mit Kunstdünger.

Wie weit verbreitet diese Verschmutzung von Böden aus sogenannt diffusen Quellen ist, erwies sich jüngst in Freiburg. Die Analyse von Bodenproben aus Familiengärten zeigte auf mehreren Parzellen einen «beunruhigenden Schwermetallgehalt», wie ein Anfang 2015 erschienener Untersuchungsbericht festhält.

Die Quellen der Belastung, so ergab die Studie, sind vielfältig: Kupfer und Zink gelangten in den Boden, weil mineralische Dünger und Pflanzenschutzmittel Schwermetalle enthalten, die sich im Boden anreichern. Die Bleibelastung stammt wohl aus Zeiten, in denen das Benzin noch Blei enthielt. Eingetragen wurde das Schwermetall über die Luft. Es gelangte aber auch in den Boden, weil die Bevölkerung bleihaltigen Abfall verbrannte. Woher das Quecksilber stammt, das einige Parzellen stark belastet, ist noch nicht geklärt.

Breite Palette diffuser Quellen

Genau hier liegt die grosse Herausforderung. Während belastete Standorte in der Regel klar einem Verursacher zugeordnet und die Verantwortlichkeiten für ihre Sanierung bestimmt werden können, bleibt bei diffusen Belastungen manches im Dunkeln. Oft lässt sich die Ursache für eine vor Jahrzehnten zustande gekommene Belastung kaum noch ermitteln. Diffus belastet sind aber nicht nur Gärten, sondern auch Strassenböschungen (durch Verkehrsemissionen), Landwirtschaftsflächen, auf denen unter anderem Klärschlamm ausgebracht wurde, oder Rebberge, auf denen zur Schädlingsbekämpfung grosse Kupfermengen eingesetzt werden, die sich im Boden anreichern.

Das Problem ist nicht neu. Bereits seit 1984 betreibt das BAFU zusammen mit dem Bundesamt für Landwirtschaft die Nationale Bodenbeobachtung (NABO). Es handelt sich dabei um ein Referenzmessnetz, das es erlaubt, die Belastung des Bodens mit Schadstoffen möglichst früh zu erkennen. «Ist ein Boden erst einmal mit nicht oder nur langsam abbaubaren Schadstoffen belastet, lässt er sich kaum sanieren und seine Fruchtbarkeit kann nur mühsam wiederhergestellt werden», umreisst Roland von Arx von der BAFU-Sektion Boden die Bedeutung des Monitorings an über 100 Standorten.

In der Schweiz, so hat die Langzeitbeobachtung unter anderem gezeigt, gibt es gar keine völlig unbelasteten Böden mehr. Sogar in abgelegenen Gebieten findet man Schadstoffanreicherungen. «Die zivilisationsbedingten Belastungen unserer Böden mit anorganischen Schadstoffen sind bei Blei, Kupfer, Cadmium, Quecksilber und Zink am häufigsten», so Roland von Arx. Die NABO-Resultate zeigen, dass die Gehalte von Blei und Quecksilber im Oberboden während der letzten 20 Jahre sanken, Zink und Kupfer hingegen nahmen an einzelnen Standorten zu.

Mehrstufiges Bodenschutzkonzept

Gemäss der Verordnung über Belastungen des Bodens (VBBo) werden bei der Beurteilung von belasteten Böden drei Stufen unterschieden:

  • Wird der Richtwert überschritten, können negative Auswirkungen auf den Boden nicht ausgeschlossen werden. Für die Gesundheit der Menschen besteht aber noch keine Gefahr, und die Erde darf ohne Einschränkungen weiter bepflanzt werden. Die Kantone müssen jedoch abklären, ob Massnahmen notwendig sind, um einen weiteren Anstieg der Belastung zu verhindern.

  • Wird der Prüfwert überschritten und liegt eine konkrete Gefährdung von Menschen, Tieren und Pflanzen vor, darf der Boden nur noch eingeschränkt genutzt werden.

  • Übersteigen die Analysewerte den Sanierungswert, verbietet der Kanton als Vollzugsbehörde die Nutzung des Bodens, da von ihm eine Gefahr für Mensch und Umwelt ausgeht. Soll der Boden weiter professionell für Gartenbau, Land- oder Forstwirtschaft genutzt werden, müssen die Schadstoffwerte durch Sanierungsmassnahmen so weit gesenkt werden, dass Gemüse und landwirtschaftliche Kulturen wieder bedenkenlos angebaut werden können.

Schiessanlage weicht Renaturierung

Das Spektrum der kontaminierten Böden ist breit: Am einen Ende liegen die aus diffusen Quellen belasteten Gärten, bei denen es meist schwierig ist zu sagen, woher die Belastung stammt, am anderen die Schiessstände, bei denen es keinen Zweifel über die Quelle der Kontamination im Boden gibt.

Rund 10 % aller belasteten Standorte betreffen Schiessanlagen. Derzeit sind 4000 Standorte bei Schiessanlagen in den kantonalen Katastern der belasteten Standorte (KbS) eingetragen. Darin sind auch über 500 militärische Anlagen enthalten, die in die Zuständigkeit des VBS fallen. Rund 600 Standorte im KbS sind bereits saniert worden und voraussichtlich etwa 2000 Standorte sind noch sanierungsbedürftig.

Sanierung der Schiessanlage von Düdingen (FR).
© Thomas Lepke; Ruth Schürmann

Ein Beispiel für eine solche Sanierung ist die Schiessanlage von Düdingen (FR), eine 300-m-Anlage mit 60 Scheiben, auf der 100 Jahre lang geschossen und dabei der Boden kontaminiert wurde. Solche Anlagen dienen vor allem der Durchführung des obligatorischen Schiessens, zu den Benützern zählen ferner die Schützenvereine und die Armee. Über die vergangen Jahrzehnte reicherten sich in den Kugelfängen mehr als 100 t Blei und Antimon an - letzteres ist ein toxisches Halbmetall, das zur Härtung der Munition eingesetzt wird.

2005 wurde der Schiessbetrieb in Düdingen schliesslich eingestellt und das Gelände um den Kugelfang von 2012 bis 2013 saniert. Das Blei aus den besonders stark belasteten Böden konnte in einer Bodenreinigungsanlage zu etwa 95 % entfernt werden, das verbleibende kontaminierte Erdreich wurde auf einer Deponie endgelagert. Etwa ein Viertel des weniger belasteten Bodens wurde direkt deponiert. Inzwischen ist die Sanierung abgeschlossen, und an die Schiessanlage von Düdingen - früher eine der grössten des Kantons - erinnert nichts mehr. Die eigens für den Abtransport der ausgebaggerten Erde angelegte Zufahrt ist mittlerweile ein Wanderweg, der durch renaturiertes Gelände führt, und am Hang hinter dem ehemaligen Kugelfang wächst neuer Wald.

Gefahr für weidende Tiere

Von allen Schiessanlagen der Schweiz sind voraussichtlich etwas mehr als die Hälfte sanierungsbedürftig - die entsprechenden Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Eine Sanierung wird meistens dann nötig, wenn der Kugelfang und Grundstücke in seiner Nähe, die landwirtschaftlich genutzt werden, übermässig belastet sind. «In der Schweiz sind bereits einige Fälle von verendeten Kühen bekannt, bei denen die Weidetiere akut durch Blei vergiftet wurden», sagt Thomas Lepke von der BAFU-Sektion Altlasten. «Wenn diese Tiere in der Nähe von Kugelfängen weiden, nehmen sie dabei meist diese Schwermetalle auf und werden so geschädigt.» Ferner seien solche Standorte ohne weitere Massnahmen etwa für den Anbau von Gemüse ungeeignet. Denn über die Nahrungskette kann es so zu einer Belastung der Konsumentinnen und Konsumenten kommen. Ein weiterer Ausbreitungspfad sind die Gewässer. Blei und insbesondere Antimon können sich aus dem Kugelfangmaterial lösen und ins Grundwasser oder in Bäche gelangen.

Selbst wenn in der Umgebung von Kugelfängen keine direkten Gefährdungen der Umwelt sichtbar sind, ist die Belastung des Bodens durch Schwermetalle alles andere als harmlos. Blei ist ein Nervengift und kann sowohl akut als auch chronisch auf Lebewesen einwirken. Antimon schadet Herz, Nieren und Leber. Kommt dazu: Seit in den 1990er-Jahren bleifreies Benzin eingeführt wurde, ist das Schiesswesen der mit Abstand grösste Emittent von Blei in die Umwelt. Pro Jahr sind es mehrere Hundert t. «Bund, Kantone und Gemeinden wollen die Bevölkerung und die Umwelt nicht nur vor akuten Gefahren schützen», betont deshalb Thomas Lepke, «sondern auch vor lang andauernden chronischen Belastungen.»

© Thomas Lepke, BAFU; Ruth Schürmann

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Letzte Änderung 25.11.2015

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