Wildtierschutzgebiete: Naturschutz mit Weitsicht

Vor 140 Jahren wurden die ersten eidgenössischen Jagdbanngebiete errichtet. Heute existieren 42 Gebiete von nationaler Bedeutung, in denen der Schutz der Fauna Vorrang hat. Dass es auch in der vom Menschen geprägten Schweiz noch Wildnis für die Tierwelt gibt, ist das Ergebnis eines weitsichtigen und integralen Naturverständnisses.

Daniel Hegglin
ist Wildtierbiologe im Zürcher Büro für Stadtökologie und Wildtierforschung SWILD. Beruflich ist er auch in den Alpen unterwegs und ortet besenderte Bartgeier mit einem Peilgerät. In der Freizeit tauscht er gelegentlich den Feldstecher gegen eine Taucherbrille und beobachtet die Unterwasserfauna der Schweizer Seen. Das Foto im Hintergrund zeigt die Landschaft im Jagbanngebiet Graue Hörner (SG).
© Markus Forte/Ex-Press/BAFU

Text: Urs Fitze

12 junge Bartgeier aus einem internationalen Zuchtprogramm wurden in den Jahren 2010 bis 2014 im Jagdbanngebiet Graue Hörner im St. Galler Calfeisental ausgewildert. Es handelte sich um die ersten Aussetzungen auf der Alpennordseite im Rahmen des Wiederansiedlungsprogramms für den einst als Lämmergeier oder gar Kinderräuber verunglimpften Vogel, der Anfang des 20. Jahrhunderts aus den Alpen verschwunden war.

Die Aasfresser machten hier ihre ersten Flugversuche und gewöhnten sich rasch an das Leben in Freiheit. «Wir haben das Gebiet insbesondere wegen seines Wildreichtums und der guten naturräumlichen Voraussetzungen ausgesucht», erklärt Daniel Hegglin von der federführenden Stiftung Pro Bartgeier. Die Erfahrungen seien positiv. «Es geht, so weit wir das feststellen können, allen Bartgeiern gut. Wir rechnen damit, dass es schon in einigen Jahren erstmals Nachwuchs in der Region geben wird.»

Abgeschiedene Gebirgslandschaft

Die Bartgeier haben den neuen Lebensraum ebenso selbstverständlich angenommen wie die Steinböcke, die 1911 im selben Gebiet freigelassen worden waren - zwecks Wiederansiedlung der in den Schweizer Alpen gleichfalls komplett ausgerotteten Huftierart. Im Bereich der Grauen Hörner hatte sich ein Restbestand von Gämsen gehalten. Dies und die Abgeschiedenheit dieser Gebirgslandschaft hatte die kantonalen St. Galler Behörden 1901 dazu bewogen, hier ein Jagdbanngebiet zu begründen.

Sie waren dazu gesetzlich verpflichtet: Aufgrund des 1875 verabschiedeten Jagdgesetzes waren die grossen Gebirgskantone gehalten, je 3 solche Gebiete auszuscheiden. Für Kantone mittlerer Grösse waren 2 vorgeschrieben, in kleinen Kantonen beschränkte man sich auf eines.

3 Wildhüter bewachten das ausgesetzte Steinwild im Jagdbanngebiet Graue Hörner. Der Wert eines Steinbocks überstieg ihr Jahresgehalt. Die Ansiedlung gelang. Nach und nach kehrten aus dem benachbarten Österreich auch die Hirsche zurück. Doch es sollte bis in die späten 1960er-Jahre dauern, bis sich eine sich selbst erhaltende Population etablieren konnte. Heute besiedeln im Sommer rund 250 Hirsche, 400 Gämsen und 250 Steinböcke das 55,5 Quadratkilometer grosse Jagdbanngebiet. An den Talhängen halten sich auch ein paar Rehe auf. Von den hiesigen Huftieren fehlt nur das Wildschwein: Ihm ist das Klima im Winter mit den enormen Schneemengen zu rau.

Mittlerweile ist auch schon ein Wolf aufgekreuzt. Er stammt aus dem nahe gelegenen Calandagebiet (GR), wo sich ein Paar 2012 erstmals fortpflanzte und ein Rudel bildete, das seither jedes Jahr Nachwuchs hat. Wolf und Wild gewöhnten sich rasch aneinander: Gämsen und Steinböcke bleiben stets in der Nähe rettender Felswände, die Hirsche weichen in benachbarte Täler aus. «Zu einer Bedrohung für die Huftierbestände wird der Wolf nicht werden», schätzt der zuständige Wildhüter Rolf Wildhaber.

Geringe Alpnutzung

Die Urtümlichkeit der Grauen Hörner lässt ihn an die Wildnis der kanadischen Rocky Mountains denken. Tatsächlich ist das Banngebiet nur gerade an einer Stelle, im Calfeisental, durch eine für den normalen Verkehr gesperrte Alpstrasse erschlossen. Hier produziert die letzte Alpsennin im Tal einen viel gerühmten Käse. Alle anderen Alpen werden nur noch mit Rindern, Mutterkühen und - in stark sinkender Zahl - mit Schafen bestossen.

«Nutzvieh und wilde Huftiere tun sich nicht weiter weh», sagt Rolf Wildhaber. «Es kommt vor, dass Rinder und Hirsche praktisch Seite an Seite grasen und einander mit erstaunlicher Konsequenz ignorieren.»

Während der Wolf dem Rindvieh nur selten gefährlich wird, sind die Schafe in Gefahr. Es ist denn auch schon zu Angriffen auf unbewachte Herden gekommen. Für einige Alpsennen gab dies angesichts ihrer für eine dauernde Behirtung zu kleinen Herden den Ausschlag, neue Wege zu gehen. Das heisst, zusammen mit anderen Schafhaltern grössere, bewachte Herden zu bilden oder die Bestossung von Weiden in Lagen ab 2200 Metern über Meer aufzugeben - was aus Sicht der Artenvielfalt wünschenswert ist.

Wilderei kommt im Jagdbanngebiet seit Jahrzehnten nur noch ganz selten vor. Die Jäger respektieren die Grenzen. Der einzige Mensch, der in diesem Jagdbanngebiet zur Waffe greifen darf, ist der Wildhüter. Dann geht es meistens darum, verletzte, kranke oder sehr schwache Tiere von ihren Leiden zu erlösen. Weiter wird dafür gesorgt, dass sich ansteckende Krankheiten wie Gämsblindheit oder Moderhinke - eine Klauenerkrankung bei Wiederkäuern - nicht weiter ausbreiten. Vereinzelt macht der Wildhüter am Rande des Jagdbanngebietes auch mal einen Vergrämungsabschuss, um Wildschaden in den Weiden der umliegenden Landwirtschaftsbetriebe zu verhindern.

Ungestörte Winterruhe

Im Winter wird es ganz still. Es gibt nur eine offizielle Skitourenroute, die das Jagdbanngebiet streift. Steinböcke harren in den steilsten, südexponierten Wänden aus, wo schon bei 30 Zentimetern Neuschnee Lawinen niedergehen. Auf den abgeräumten Felsstücken halten sie dann nach den letzten vertrockneten Grashalmen Ausschau. Die Hirsche verlassen grösstenteils das Jagdbanngebiet und sammeln sich in milderen Tieflagen. Die Tiere, die bleiben, halten sich auf ausgesetzten Kreten auf, wo der Wind den Schnee verbläst. Ihr Stoffkreislauf ist im Schongang. Sie überleben mit einem Drittel der gewohnten Nahrungsmenge.

Ihren ursprünglichen Zweck, den Wiederaufbau der Huftierbestände, haben die Schweizer Jagdbanngebiete mittlerweile erfüllt. Heute bilden sie Refugien, «in denen die Wildtiere ein ganzes Leben verbringen dürfen, ohne vom Menschen gestört oder bejagt zu werden», sagt Rolf Wildhaber.

Bestrebungen, den strikten Schutz aufzuweichen, wurde 1991 mit einer Revision der Verordnung über die eidgenössischen Jagdbanngebiete ein Riegel geschoben. Dabei wurde nicht nur der integrale Schutz vor Bejagung bestätigt. Wer im Winter auf Tourenskis oder mit Schneeschuhen unterwegs ist, muss sich heute strikt an die zulässigen Routen halten.

Vorranggebiete für Fauna und Flora

Einem Vorstoss aus dem Parlament folgend, ist im Rahmen einer Gesetzes- und Verordnungsrevision eine Umbenennung der Jagdbanngebiete in «Wildtierschutzgebiete» geplant. «Der neue Name soll dem Wandel vom ursprünglich alleinigen Schutz vor jagdlichen Eingriffen - dem Bann der Jagd - zum heutigen integralen Schutzverständnis Rechnung tragen», erklärt Sabine Herzog, stellvertretende Chefin der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im BAFU. Im Mittelpunkt soll nebst dem Jagdverbot und der Störungsvermeidung durch Freizeitaktivitäten auch die Absicht stehen, das Potenzial dieser wilden, abgelegenen Landschaften für die Artenförderung auszuschöpfen. Denn diese beherbergen zahlreiche sogenannt prioritäre Tier- und Pflanzenarten, deren Schutz und Förderung aufgrund ihrer Seltenheit oder der Verantwortung der Schweiz für sie Vorrang hat.

Zurzeit existieren hierzulande 42 Wildtierschutzgebiete von nationaler Bedeutung. Sie bedecken zusammen 3,5 % der Landesfläche. Dass die Schweiz heute über diese Naturwerte verfüge, sei eine «Erfolgsgeschichte des Naturschutzes, zu verdanken der Weitsicht derjenigen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannt haben, dass es Grenzen gibt, die der Mensch in der Natur zu respektieren hat», sagt Sabine Herzog.

 

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Letzte Änderung 17.02.2016

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