Wildtierverkehr: Lücken im Verkehrsnetz der Fauna

Auch Tiere haben Mobilitätsbedürfnisse. Überregionale Wildtierkorridore bilden ihr Verkehrsnetz, das allerdings ziemlich viele Lücken aufweist. Der Bau von Wildtierquerungen soll helfen, diese zu schliessen.

Mark Struch
Mark Struch war früher in einem Büro für Wildtierbiologie tätig, ehe er seine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Amt für Wald, Jagd und Fischerei des Kantons Solothurn antrat. Er ist passionierter Jäger - und Akkordeonspieler mit Vorliebe für Tango. Auf dem Foto präsentiert er eine Karte mit Wildtierwanderrouten. Das Bild im Hintergrund zeigt einen Rehbock.
© Markus Forte/Ex-Press/BAFU

Text: Peter Bader

Am frühen Morgen des 26. August 2013 konnte die Polizei die Hirschkuh befreien. Sie war zuvor wohl während mehrerer Std. auf der Autobahn A1 umhergeirrt. Auf der Höhe von Oensingen (SO) gelang es den Beamten, das verängstigte Tier durch ein Tor im Autobahnzaun zu lotsen und so in die Freiheit zu führen.

Dass solche Autobahnüberquerungen von Wildtieren für alle Verkehrsteilnehmenden unfallfrei enden, ist keineswegs selbstverständlich. Jährlich sterben in der Schweiz zwischen 350 und 450 Hirsche im Strassenverkehr. Kollisionen sind auch für die Automobilistinnen und Automobilisten nicht ungefährlich.

Staus im Wildtierverkehr

Die Problematik hat sich in den vergangenen Jahren laufend verschärft, denn die Zahl der Hirsche auf Wanderschaft nimmt zu. Tiere aus dem wachsenden Bestand in den Voralpen ziehen Richtung nördlichen Jura, wo noch kaum Artgenossen leben. Autobahnen blockieren den Weg dahin. So kommt es zu Staus im Wildtierverkehr - zum Beispiel zwischen Kestenholz und Niederbuchsiten (SO). An den Zäunen der A1 endet die Fernwanderroute, die von den Voralpen nördlich des Brienzersees via Emmental und Oberaargau (BE) an den Fuss des Solothurner Juras führt.

Strassen und Schienen sind nicht das einzige Hindernis, das die Mobilität der Wildtiere hierzulande zusehends einschränkt. Die Ausdehnung des Siedlungsgebietes verschärft die Situation zusätzlich. Eine gute Vernetzung der geeigneten Lebensräume wäre für den Hirsch aber unerlässlich, damit mögliche Habitate, die derzeit von ihm noch unbesiedelt sind, kolonisiert werden können. «Als typischer Fernwanderer mit ausgeprägten saisonalen Wanderungen ist der Hirsch auf solche Verkehrswege angewiesen», bemerkt Thomas Gerner von der BAFU-Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität.

Nationalstrassennetz der Fauna

Ein nationales Inventar erfasst 304 Wildtierkorridore von überregionaler Bedeutung. Sie bilden sozusagen das Nationalstrassennetz der Wildtiere. Doch nur ein Viertel dieser Korridore ist heute noch ungehindert benutzbar. Im Jahr 2003 entschieden das Bundesamt für Strassen (ASTRA) und das BAFU, 40 Korridore, die von Nationalstrassen unterbrochen sind, mit dem Bau von Wildtierpassagen zu sanieren. Durch Bauwerke, welche das Hindernis überwindbar machen, sollen die bestehenden Lücken geschlossen werden. Im Juni 2014 wurde letztmals Zwischenbilanz gezogen. Dabei stellte man fest, «dass bei einem Fünftel dieser Wildtierkorridore die Lücken bereits wieder geschlossen waren oder die nötigen Massnahmen in der Realisierungsphase sind», wie Adrien Zeender von der Sektion Landschaftsmanagement im BAFU festhält.

Mehr als ein Drittel der Sanierungsvorhaben befinden sich zudem in der Projektierungsphase. Andererseits sind 17 Vorhaben noch gar nicht erst gestartet. «Wir freuen uns natürlich über die Fortschritte, wünschen uns aber auch, dass es noch schneller vorangeht», sagt Adrien Zeender.

«Entscheidend ist die richtige Lage»

Gelungene Wildtierübergänge gibt es viele. Einer davon befindet sich bei Riemberg (SO) und führt über die A5 zwischen Biel und Solothurn. Er wurde 2002 gleichzeitig mit dem Autobahnabschnitt für rund 5 Mio. CHF gebaut und ist seither für Hirsche, Wildschweine, Rehe oder Dachse eine wichtige Verbindung zwischen dem Jura und den grossflächig zusammenhängenden Wäldern rund um den Leuzingerwald im Mittelland. Dass der Übergang von den Tieren akzeptiert und benutzt werde, hätten Nachtsichtaufnahmen in den Jahren nach dem Bau gezeigt, sagt Mark Struch, Wildtierbiologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Amt für Wald, Jagd und Fischerei des Kantons Solothurn. Wichtig für die Akzeptanz der Übergänge seien eine ausreichende Breite, die im vorliegenden Fall rund 60 m beträgt, und ein durch Hecken in Richtung Fahrbahn sichergestellter Sichtschutz.

«Wildtiere verweilen nicht auf solchen Übergängen, sondern queren sie zügig», weiss Mark Struch. «Deshalb darf es darauf auch keine Hindernisse oder gar Feuerstellen geben, wie dies andernorts auf Wildquerungen auch schon mal der Fall war.» Für den Erfolg solcher Übergänge sei aber vor allem die richtige Lage entscheidend. Die Bauwerke müssten in der unmittelbaren Fortsetzung der natürlichen Wanderrouten der Tiere errichtet werden. Die Brücke bei Riemberg liegt denn auch auf einem Wildtierkorridor von überregionaler Bedeutung.

Auf beiden Seiten der Brücke sollte es zudem Leitstrukturen wie etwa Hecken oder Büsche als Orientierungshilfen für die Tiere geben, führt Mark Struch weiter aus. Und: «Ideal ist es, wenn dies- und jenseits der Brücken ökologische Ausgleichsflächen wie Buntbrachen, Ackerrandstreifen oder Niederhecken liegen, die während mehrerer Jahre unverändert bleiben.»

Etliche wichtige Wanderrouten der Fauna verlaufen durch den Kanton Solothurn. Damit diese für Wildtiere weiterhin mehr oder weniger durchlässig sind, schied der Kanton 2007 entsprechende regionale und überregionale Wildtierkorridore ausserhalb der Bauzonen aus. Diese fanden Eingang in den kantonalen Richtplan.

Auf einem solchen Wildtierkorridor liegt auch der eingangs erwähnte Solothurner Abschnitt zwischen Kestenholz und Niederbuchsiten. Im Rahmen des Ausbaus der Autobahn zwischen Härkingen und Luterbach auf 6 Spuren soll dort nun ebenfalls eine Wildtierpassage gebaut werden. Betriebsbereit dürfte sie allerdings frühestens 2020 sein, schätzt Mark Struch.

Vorzeigeprojekt im Seeland

Ein eigentliches Vorzeigeprojekt wurde in den Jahren 1998 bis 2002 zwischen Gals, Gampelen, Ins und Müntschemier im Kanton Bern realisiert. Die Umfahrungsstrasse H10, welche diese Dörfer von der Verkehrslawine entlasten soll, wurde pünktlich zur Eröffnung der Landesausstellung Expo.02 fertiggestellt. Die betroffene Gegend war schon vorher von mehreren Verkehrsachsen durchzogen und wird landwirtschaftlich intensiv genutzt. Mit dem Bau der Umfahrungsstrasse waren denn auch verschiedene Massnahmen zur Biodiversitätsförderung verbunden. Auf einer Fläche von 50 Hektaren entstanden ökologische Ausgleichs- und Ersatzflächen wie zum Beispiel extensiv genutzte Wiesen, Kleingehölze mit Krautsaum oder Bachläufe mit vielfältiger Ufervegetation.

Um der Fauna die Querung der H10 und der Bahnlinie Neuenburg-Bern zu ermöglichen, wurden zwei Tierunterführungen und die 85 m breite Wildtierbrücke Islerehölzli gebaut.

Zwischen 2009 und 2013 führten drei private Unternehmen im Auftrag des Kantons eine Erfolgskontrolle durch. Man habe insgesamt eine «ökologische Bereicherung der intensivst genutzten Kulturlandschaft» erzielt, sagt Susanne Müller, Biologin und Projektleiterin beim Tiefbauamt des Kantons Bern. Die Standorte der Leit- und Ausgleichsflächen seien richtig gewählt worden, weshalb insbesondere das Fazit für die Wildtierbrücke positiv ausfällt: Sie «funktioniert als Querungsbauwerk für alle grossen Wildtierarten», ist im Schlussbericht nachzulesen. Mittels Fotofallen wurden Wildschwein, Reh, Dachs, Fuchs und Feldhase als Nutzer nachgewiesen. Das Bauwerk hat zudem zu einer Aufwertung des östlich der Verkehrsachsen gelegenen Gebietes Ziegelmoos-Islere als Lebensraum für den Feldhasen beigetragen.

«Auch die Wildbrücke selber mit extensiv genutzten Wiesen, Gebüschgruppen und weiteren Strukturelementen erfüllt eine wichtige Rolle als Lebensraum», heisst es weiter im Bericht. Belegt ist dies unter anderem für die Vogelarten Dorngrasmücke, Schwarzkehlchen und Grauammer sowie für die Reptilienarten Ringelnatter, Blindschleiche, Zaun- und Mauereidechse.

 

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Letzte Änderung 17.02.2016

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