Umweltbelastung durch Biozide: Im Haushalt braucht es meistens keine Biozide

18.05.2016 - Ob antibakterielle Putzmittel, Sporttextilien mit Silberpartikeln oder chemische Schimmelkiller - die Hygiene hat bei uns einen hohen Stellenwert. Doch auf Produkte mit solchen Zusätzen kann meist problemlos verzichtet werden, denn die bekämpften Keime sind in der Regel völlig harmlos. Wer trotzdem Biozide einsetzt, sollte sie korrekt dosieren, um die Umwelt und die Gesundheit möglichst wenig zu belasten.

Text: Pieter Poldervaart

Immer mehr Putzmittel, Textilien und Gebrauchsgüter werden mit dem Hinweis «antibakteriell» beworben. Ihre keimtötende Wirkung verdanken diese Produkte chemischen Zusätzen, den sogenannten Bioziden. Aus professionellen Anwendungen in Spitälern, zum Schutz von Baumaterialien oder in Kühlkreisläufen sind sie kaum mehr wegzudenken. «Doch im Haushalt ist Sterilität meistens unnötig», betont der Chemiker Christoph Moor, Chef der Sektion Biozide und Pflanzenschutzmittel beim BAFU: «Putz- und Duschmittel mit antibakteriellen Substanzen beseitigen zwar einen Teil der Keime, doch der Nutzen ist gleich null, weil Bakterien im Haushalt bei normaler Hygiene völlig harmlos sind.» Bakterien werden ohnehin ständig durch die Bewohnerinnen oder Bewohner selbst in Küche, Bad und Wohnzimmer eingetragen. Auch die gelegentlich beobachtete Behandlung von Haushaltgegenständen - wie etwa von Küchenschneidbrettern - mit antibakteriellen Mitteln sei zwar gut gemeint, aber nicht sinnvoll, erklärt Christoph Moor. «Antibakterielle Wirkstoffe können in geringer Dosierung zur Bildung von Resistenzen führen und in grösseren Mengen die Funktion von Kläranlagen stören. Doch selbst bei geringen Einsatzmengen verbleiben schwer abbaubare Rückstände von Bioziden unter ungünstigen Umständen in Gewässern und reichern sich schlimmstenfalls im Sediment an.»

Harmonisiert mit der EU

Illustration Biozide
Illustration Biozide

Momentan sind in der Schweiz etwa 4000 verschiedene Biozidprodukte aus insgesamt 22 Produktgruppen zugelassen. In der EU geht man von rund 20‘000 entsprechenden Artikeln aus. Die darin enthaltenen aktiven Biozidwirkstoffe werden derzeit auf EU-Ebene überprüft. Dieses Review-Programm für sämtliche schon eingeführten Wirkstoffe wird voraussichtlich bis 2024 abgeschlossen sein. Sobald ein Wirkstoff anhand der neuen strengeren Kriterien offiziell genehmigt ist, erfolgt in einem zweiten Schritt eine Überprüfung der Zulassung aller Biozidprodukte mit diesem Wirkstoff. Bei diesem Verfahren arbeitet die Schweiz eng mit den EU-Behörden zusammen und ist in den betreffenden EU-Gremien vertreten. Existiert bereits eine Zulassung für ein Biozidprodukt in einem EU-Staat, kann unser Land diese anerkennen.«Hierzulande hat aber schon vor dem erwähnten Review-Programm eine Zulassungspflicht für derartige Erzeugnisse bestanden», sagt Christoph Moor. Grundlage dafür bildet die seit 2005 gültige Verordnung über das Inverkehrbringen von Biozidprodukten (VBP). Ob ein solcher Artikel bei uns mit der Gefahrenkennzeichnung - und gegebenenfalls unter Auflage von Massnahmen zur Risikominderung - in den Verkauf gelangen darf, entscheiden das BAFU, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sowie das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), das den Arbeitnehmerschutz bei professionellen Anwendern sicherstellt. Die gemeinsame Anmeldestelle Chemikalien dieser drei Bundesstellen berücksichtigt bei ihren Entscheiden die jeweilige Giftigkeit eines Produktes für Mensch und Umwelt. Bei Holzschutz- und bestimmten Desinfektionsmitteln ist ausserdem bereits heute ein Nachweis der Wirksamkeit nötig. In den anderen Fällen wird diese nicht offiziell überprüft. Vielmehr trägt der Inhaber der Zulassung die Verantwortung dafür und muss sie garantieren.

Kein Gift gegen Vögel und Fische!

Auch etliche Gebrauchsgüter sind mit Bioziden behandelt, ohne dass eine Kennzeichnung darauf hinweist. Für Laien ist es nicht immer einfach, die Einteilung zu verstehen, wie das Beispiel Farben zeigt: So benötigen etwa Anstriche, die aufgrund ihrer bioziden Wirkstoffe Fassaden vor Algenbewuchs bewahren, keine Zulassung als Biozidprodukt. Anders verhält es sich mit dem in der Farbe verwendeten Algizid. Als biozider Wirkstoff muss es explizit für diese Anwendung zugelassen sein. Obwohl immer mehr Biozidprodukte frei verkäuflich sind, rät Christoph Moor dazu, diese Stoffe der Umwelt zuliebe nicht unüberlegt einzusetzen. Vor dem Kauf eines solchen Mittels sei es empfehlenswert, zuerst mechanische Abwehr- und Schutzmethoden zu prüfen. Ein Beispiel sind Pfähle und andere Holzkonstruktionen im Garten, die ohne Schutz innert weniger Jahre verfaulen. «Konstruktive Elemente im bodennahen Bereich - wie zum Beispiel Sockel aus Beton oder Metall - tragen dazu bei, dass Holzzäune viel länger halten, als wenn sie direkt in der Erde stecken», hält der BAFU-Fachmann fest. Auch Mäuse und Ratten lassen sich häufig ohne Gift bekämpfen. So leisten mechanische Fallen oder Gitter vor Kellerfenstern und Lüftungsschächten, die den gefrässigen Nagern den Zugang zu Gebäuden verwehren, ihren Dienst viel dauerhafter als chemische Stoffe. Ebenso wichtig ist es, Esswaren gut wegzuschliessen, damit die ungebetenen Gäste durch ihren Geruch gar nicht erst angelockt werden. In der Schweiz sind Biozide gegen Fische, Vögel und andere Wirbeltiere aus Tierschutzgründen untersagt. Die gesetzlichen Bestimmungen erlauben einzig Produkte zur Bekämpfung von Mäusen, Ratten und anderen Nagern. Das hierzulande im Handel erhältliche Rattengift ist übrigens ein Gerinnungshemmer, der den Anforderungen der Tierschutzverordnung entspricht.

Mückenschutzmittel im Flusswasser

Nicht zugelassen werden biozide Wirkstoffe und Produkte, wenn ihre Anwendung inakzeptable Auswirkungen auf den Menschen oder die Umwelt hat. In diesen Fällen kann der Bundesrat in der Chemikalien-Risikoreduktionsverordnung (ChemRRV) entsprechende Stoffe verbieten. Dies war zum Beispiel bei zinnhaltigen Wirkstoffen in Schutzanstrichen für Boote der Fall, die verhindern sollten, dass sich Algen oder Muscheln unter Wasser an den Aussenwänden ansiedeln. Diese Zinnverbindungen wurden allerdings nicht abgebaut, lösten sich zum Teil vom Bootsrumpf und wirkten sich nachteilig auf Gewässerorganismen aus. Heute gibt es für diesen Zweck zugelassene Biozidprodukte mit weniger problematischen Wirkstoffen. Zudem sind verschiedene giftfreie Anstriche als Alternativen entwickelt worden, etwa Beschichtungen mit Silikon, Teflon oder Wachs. Boote, die jeweils bloss für kurze Zeit im Wasser liegen, benötigen überhaupt keinen solchen Schutz. In einigen wenigen Fällen gibt es allerdings kaum Alternativen zu Bioziden. Gegen Mücken etwa helfen im Haus zwar Fliegengitter an Fenstern und Türen oder Netze über dem Bett. Doch im Freien und bei Reisen in Dengue- und Malariagebiete ist der Griff zu chemischen Repellentien, deren Geruch die Insekten abschreckt, oft die einzige Methode, um die lästigen Blutsauger vom Stechen abzuhalten. Auf der Haut sind Antimückenmittel auf der Basis von Diethyltoluamid (DEET) bei korrekter Anwendung unproblematisch, nicht aber, wenn der Wirkstoff in die Augen gelangt oder eingenommen wird. DEET ist übrigens inzwischen bereits in erheblichen Mengen in Schweizer Fliessgewässern nachgewiesen worden.

Frische Luft statt Chemie

Erst seit ein paar Jahren in Gebrauch sind Silber und Silberverbindungen im Textilbereich. Das Edelmetall soll den Stoffwechsel von Bakterien hemmen, die den Schweiss abbauen und dabei schlechte Gerüche freisetzen. Mit dem Abwasser aus Waschmaschinen gelangt das aus den Kleidern ausgewaschene Silber in die Kläranlagen. Dort scheint es zwar bislang keine Probleme zu verursachen, denn es kommt als Bestandteil des Klärschlamms in die Verbrennung und wird schliesslich mit der Schlacke deponiert. «Weil Metalle nicht abgebaut werden, ist es allerdings grundsätzlich heikel, sie unkontrolliert ins Abwasser einzuleiten», gibt Christoph Moor zu bedenken. Sinnvoll sind Biozide gelegentlich zur Behandlung von schimmligen Ecken in Küchen und Badezimmern. Dabei ist auf die korrekte Anwendung und Dosierung zu achten. Bei grossem Schimmelbefall muss allerdings die ganze Wohnung saniert werden, da sich der Schimmel sonst rasch wieder ausbreitet. «In solchen Fällen muss ein professionelles Unternehmen hinzugezogen werden», betont Christoph Moor. Statt solche Mittel routinemässig anzuwenden, sei es zudem besser, die Wohnung korrekt zu lüften und kalte Wände besser zu isolieren, weil sie die Kondensation und damit die Schimmelbildung begünstigen. «Auch hier führt eine Überdosierung der Biozide nicht automatisch zu einem besseren Resultat, sondern kann die Gesundheit und die Umwelt gefährden.»

Fäulnis, Schimmel, Insekten im Holz:

  • im Aussenraum widerstandsfähiges Holz verwenden
  • ungeschütztes Holz: Mindestabstand 20 cm vom Boden
  • Stahlschuhe und Spritzwasserschutz für Balkonstützen
  • in Innenräumen und im Dachstuhl: Holzfeuchte beachten

Algen

  • Algizide haben im Gartenteich nichts verloren
  • Gartenteich beschatten, Wasserflöhe einsetzen und nährstoff- aufnehmende Wasserpflanzen verwenden
  • Gartenplatten mechanisch reinigen
  • Pool bei Nichtbenutzung zudecken
  • Fassaden: Eine geeignete Dachkonstruktion hält Regenwasser von der Fassade ab (glatte statt raue Fassaden speichern weniger Feuchtigkeit und Schmutzpartikel, die die Grundlage einer Besiedelung durch Mikroorganismen und Algen sind).

Mücken

  • kleine, stehende Wasserbehälter als mögliche Brutstätten
  • regelmässig entleeren und säubern
  • Fenster mit Fliegengittern ausstatten
  • Fliegenklatsche bereithalten

Milben

  • Sauberkeit verhindert Milbenbefall.

Bakterien, Schimmel

  • Badezimmer und WC: Regelmässiges Saubermachen genügt.
  • Küche: Händewaschen vor jedem Zubereiten von Speisen, nach dem Kontakt mit Türklinken in öffentlichen Gebäuden und nach dem Kontakt mit Tieren oder kranken Menschen genügt.
  • Regelmässiges Lüften hilft, der Schimmelbildung vorzubeugen;
  • in der Küche allenfalls Dampfabzug installieren.
  • Bei der Verarbeitung von rohem Fleisch ist eine korrekte Zubereitung wichtig.

Nager: Mäuse, Ratten

  • Keller: Gitter an Fenstern und Lüftungsschächten anbringen
  • mechanische Fallen aufstellen

Zurückhaltung beim Biozideinsatz!

  • Überlegen Sie sich, ob eine chemische Bekämpfung nötig ist. Oft genügt eine mechanische oder organisatorische Massnahme.
  • Kaufen Sie nur Biozidprodukte, die für den Verkauf in der Schweiz zugelassen sind. Auf der Etikette sind der Zulassungsinhaber und die Zulassungsnummer CHxxxx angegeben.
  • Bei Anwendungsfragen ist der Händler zur Auskunft verpflichtet.
  • Halten Sie sich bei einem allfälligen Biozideinsatz genau an die Vorgaben auf der Verpackung und in den Packungsbeilagen. Wirkung und Sicherheitsvorschriften basieren auf diesen Dosierungsangaben.
  • Produktreste und alte - womöglich nicht mehr zugelassene - Biozide müssen zum Schutz der Umwelt korrekt entsorgt werden. Dafür kommen die zur Rücknahme verpflichteten Verkaufsgeschäfte oder die offiziellen Giftsammelstellen in Frage.

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 18.05.2016

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/thema-chemikalien/chemikalien--dossiers/umweltbelastung-durch-biozide--im-haushalt-braucht-es-meistens-k.html