Umweltberichterstattung der EUA: Durchzogene Umweltbilanz der Schweiz

26.08.2015 - Trotz deutlicher Fortschritte steht Europa weiterhin vor grossen ökologischen Herausforderungen. Zu diesem Fazit kommt der neue Umweltbericht der Europäischen Umweltagentur (EUA). Die Schweiz ist seit 2006 Vollmitglied der EUA. Verglichen mit ihren Nachbarländern erhält sie je nach Umweltbereich sowohl gute als auch schlechte Noten.

© Archiv BAFU

Text: Muriel Raemy Lindegger

«Wir schädigen noch immer die natürlichen Systeme, von denen unser Wohlstand abhängt», erklärt Hans Bruyninckx, der Exekutivdirektor der Europäischen Umweltagentur (EUA). Nach 2010 hat die in Kopenhagen ansässige Organisation wiederum einen Bericht über den Zustand der Umwelt in Europa vorgelegt, der auch in die Zukunft blickt (The European Environment - State and Outlook, SOER 2015; die Umwelt in Europa, - Zustand und Ausblick 2015). Der Fünfjahresrapport, an dem die Schweiz als EUA-Mitglied bereits zum zweiten Mal beteiligt war, kommt zum Schluss, dank der getroffenen Umweltmassnahmen auf gesamteuropäischer Ebene seien in den letzten Jahren etliche ökologische Herausforderungen erfolgreich bewältigt worden. Die Analyse zeigt aber auch, dass wir in Europa nach wie vor über unsere Verhältnisse leben und damit die Belastungsgrenzen des Planeten sprengen, was auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen geht.

Der SOER-Bericht 2015 beurteilt Daten aus 39 Ländern zu wichtigen Umweltbereichen wie Klima, Biodiversität, Luft, Wasser oder Boden. Zudem sind Belastungen durch menschliche Aktivitäten nach Sektoren wie Produktion, Landwirtschaft, Konsum, Energieverbrauch und Transport erfasst. Neben der aktuellen Situation werden auch Umwelttrends analysiert. Länderübergreifende Vergleiche zeigen unter anderem auf, wie die Schweiz im Verhältnis zu anderen Staaten abschneidet. Demnach gehört etwa der inländische Treibhausgasausstoss pro Person zu den tiefsten in ganz Europa. Führend ist unser Land auch bezüglich der hohen Recyclingquoten beim Hauskehricht, der geringen Phosphorkonzentrationen in den Gewässern und der Reduktion von Luftschadstoffen. Beim Flächenanteil für den Biolandbau belegen wir den vierten Platz. Im Gegensatz zu den meisten EU-Ländern ist dieser Wert zwischen 2006 und 2012 bei uns allerdings nur noch geringfügig gestiegen.

Europameister im Zugfahren

Mit 694 kg pro Person und Jahr produziert die Schweiz aber auch am meisten Abfälle. Schlecht fallen ihre Noten ebenfalls bei der Biodiversität aus, denn im Verhältnis zur Landesfläche weist sie in Europa den niedrigsten Anteil an Schutzgebieten aus. Zudem gehört sie zu den Ländern mit der stärksten Entwicklung der Mobilität. Im Unterschied zu den Nachbarstaaten haben bei uns von 2005 bis 2012 auch die Autofahrten zugenommen. Andererseits werden hier mehr Strecken mit dem Zug zurückgelegt. Gemessen am europäischen Durchschnitt von5 % sind es in der Schweiz mehr als dreimal so viel.

Die Gesamtbilanz des SOER 2015 bestätigt damit die Kernaussagen des erstmals vom Bundesrat herausgegebenen Berichts «Umwelt Schweiz 2015»: Der Druck auf die natürlichen Ressourcen bleibt hoch, der Verlust an fruchtbarem Boden schreitet voran, und die Landschaften verlieren an Qualität, was sich negativ auf die Biodiversität auswirkt. Im Zuge der Globalisierung fällt zudem ein immer grösserer Anteil der Umweltbelastung durch den Schweizer Konsum im Ausland an, weil vermehrt Produkte, Halbfabrikate und Rohstoffe - wie Elektronikgeräte, Autos, Maschinen, Nahrungs- und Futtermittel, Metalle, Holz oder fossile Energieträger - importiert werden. Damit verursacht unser Konsum inzwischen ausserhalb der Landesgrenzen gravierendere Beeinträchtigungen der Umwelt als hierzulande.

Risiken für die Gesundheit

Dabei handelt es sich nicht nur um Belastungen von Luft, Gewässern und Böden, sondern auch um ihre nachteiligen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Gemäss dem neusten SOER-Bericht führen insbesondere die Luftverschmutzung und der Lärm vor allem in städtischen Gebieten zu ernsten Schäden. So gingen etwa 2011 europaweit fast 430‘000 vorzeitige Todesfälle auf übermässige Feinstaubkonzentrationen in der Atemluft zurück. Hinzu kommen jährlich mindestens 10‘000 frühzeitige Todesfälle aufgrund von Herzerkrankungen durch Umgebungslärm. Ausserdem wurde ein Zusammenhang zwischen dem vermehrten Einsatz von Chemikalien in Konsumgütern und der beobachteten Zunahme hormonell bedingter Erkrankungen und Störungen beim Menschen festgestellt.

Die Belastungsgrenzen respektieren

Im Jahr 2013 hat die EU ihr 7. Umweltaktionsprogramm verabschiedet. Ein Kernziel ist, die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen innerhalb der Belastbarkeitsgrenzen unseres Planeten zu bewahren. Die Vision für 2050 umfasst drei Punkte: Demnach strebt die EU eine CO2-arme Gesellschaft an, sie arbeitet auf eine Kreislaufwirtschaft hin, die weniger Ressourcen vergeudet, und sie zielt auf widerstandsfähige Ökosysteme ab, welche in der Lage sind, sich anzupassen und Störungen zu tolerieren. Nur so kann der Übergang zu einer Grünen Wirtschaft gelingen.

Um diese anspruchsvollen Ziele erreichen zu können, braucht es einen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft, der jahrzehntelange Anstrengungen bedingen dürfte. Diese Herausforderung geht deutlich über bisherige Umweltmassnahmen hinaus, die primär dazu dienen, Schadstoffbelastungen und den damit einhergehenden Druck auf die Umwelt zu vermindern. Der EUA-Exekutivdirektor Hans Bruyninckx fordert denn auch dazu auf, das europäische Innovationspotenzial auszuschöpfen und in den Bereichen Wissenschaft und Technologie Pionierarbeit zu leisten. Davon verspricht er sich Fortschritte auf dem Weg zur Nachhaltigkeit, neue Branchen mit zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen sowie eine gesündere Gesellschaft.

Sowohl die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft als auch die Bevölkerung müssen sich bewusst sein, dass die Zeit drängt. Laut Hans Bruyninckx bleiben uns noch 35 Jahre, um dafür zu sorgen, dass wir auf einem nachhaltigen Planeten leben. «Dies mag als ferne Zukunft erscheinen, doch um unser Ziel zu erreichen, müssen wir jetzt handeln. Unsere Massnahmen und Investitionen müssen noch ehrgeiziger und kohärenter werden.» Und auch mutiger.

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 26.08.2015

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/thema-internationales/internationales--dossiers/umweltberichterstattung-der-eua--durchzogene-umweltbilanz-der-sc.html