Föderale Zusammenarbeit: Die Risikoanalysen trugen wesentlich zur Sensibilisierung bei

Roland Hohmann ist Chef der Sektion Klimaberichterstattung und -anpassung beim BAFU und koordiniert die Strategie zur Anpassung an den Klimawandel. Im Gespräch erläutert er, wie der Bund und die Kantone dabei zusammenarbeiten.

Interview: Lukas Denzler 

umwelt: Herr Hohmann, weshalb ist die Anpassung an den Klimawandel ein Gebot der Stunde?

Roland Hohmann: Auch wenn es der Staatengemeinschaft gelingt, die Treibhausgasemissionen künftig massiv zu reduzieren, wird die Schweiz mit weiteren klimatischen Veränderungen konfrontiert sein. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir damit umgehen. 2015 erlebten wir nach 2003 den zweiten Hitzesommer. Damit verbundene gesundheitliche Probleme ergaben sich vor allem in den Städten. Und das ist nur ein Themenbereich von vielen, bei denen Handlungsbedarf besteht.

2012 verabschiedete der Bundesrat die Strategie zur Anpassung an den Klimawandel, zwei Jahre später den Aktionsplan. Welchen Stellenwert haben diese Dokumente auf Bundesebene?

Roland Hohmann
Roland Hohmann

Im CO2-Gesetz ist der Auftrag an den Bund formuliert, Anpassungen an den Klimawandel zu koordinieren und dafür zu sorgen, dass die dafür nötigen Grundlagen bereitgestellt werden. Die Anpassungsstrategie und der Aktionsplan setzen den Rahmen zur Erfüllung dieses Auftrags. Die beiden Dokumente sind partizipativ mit mehreren Partnerämtern in der Bundesverwaltung erarbeitet worden. Am Anfang verwendeten wir relativ viel Zeit, um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Dadurch fand auch ein Sensibilisierungsprozess statt.

Welche Themen deckt die Anpassungsstrategie ab?

In dieser Strategie sind 9 Sektoren und Politikfelder abgebildet, angefangen bei der Wasserwirtschaft über die Land- und Waldwirtschaft bis zur Raumentwicklung. Zusätzlich zu den Sektorstrategien sind 12 sektorenübergreifende Herausforderungen beschrieben. 8 knüpfen direkt an Folgen des Klimawandels an – etwa der Umgang mit Sommertrockenheit, instabilen Hängen, grösseren Hochwasserrisiken usw. Und bei 4 Herausforderungen geht es um Grundlagenbeschaffung, das Schliessen von Wissenslücken, um Monitoring, Koordination sowie Finanzierung.

Wie erfolgt die Zusammenarbeit mit den Kantonen?

Der Bund übernimmt eine koordinierende Funktion. In den Sektorpolitiken ist die Umsetzung integriert in die normale Zusammenarbeit zwischen Bund und Kantonen. Hier sind die Programmvereinbarungen ein zentrales Steuerungselement. Beim Wald wurde beispielsweise kürzlich das Waldgesetz mit Bestimmungen zur Anpassung an den Klimawandel ergänzt. So ist etwa bei der Jungwaldpflege und der Baumartenwahl die Klimaentwicklung zu berücksichtigen. Im sektorenübergreifenden Bereich sind wir daran, ein Netzwerk aufzubauen. Zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern der Kantone entwickelten wir einen Leitfaden, wie die Kantone die Bundesstrategie auf ihr Gebiet herunterbrechen können. Mehrere Kantone haben diesen Ball aufgenommen

Welche Rolle spielten die 8 in der ganzen Schweiz durchgeführten Risikostudien zu den Folgen des Klimawandels?

Die Studien sind so angelegt, dass sie die ganze Schweiz in ihrer Vielfalt abdecken. Die Risikoanalysen trugen in den Kantonen wesentlich zur Sensibilisierung bei. Oft waren Kantone beteiligt, die bezüglich der Auswirkungen des Klimawandels und der damit verbundenen Risiken und Chancen bisher wenig bis gar nichts unternommen hatten. Dank der Studien wurde ein Prozess angestossen, der Klimawandel wurde zu einem Thema.

Führten diese Studien auch zu konkreten Projekten?

Zum Teil ja. Dafür ist aber vor allem auch das Pilotprogramm «Anpassung an den Klimawandel» gedacht. Wir möchten damit Impulse setzen, und dabei helfen, Fragen zu beantworten: Wie lässt sich die Umsetzung initiieren? Wie entstehen Projekte auf lokaler, regionaler oder kantonaler Ebene?

Ist das Pilotprogramm zur «Anpassung an den Klimawandel» auf Interesse gestossen?

Nach der Ausschreibung im Jahr 2013 erhielten wir über 100 Projektanträge; davon konnten wir schliesslich 31 unterstützen. Die Projekte dauerten 2 bis 3 Jahre. Die Hälfte der Projektkosten finanzierten Bundesstellen, die andere Hälfte steuerten Kantone, Gemeinden oder die Regionen bei. Derzeit evaluieren wir das Programm. Und es finden Gespräche für eine Fortsetzung statt. Für Anfang 2018 ist eine Ausschreibung geplant. Läuft alles wie vorgesehen, erfolgt die Auswahl der neuen Projekte bis Ende 2018, ab 2019 beginnt dann deren Realisierung.

Villmergen
Um mit den Folgen des Klimawandels fertig zu werden, muss die Natur möglichst widerstandsfähig sein – auch in überbauten Gebieten. Grünräume und Wasserflächen im Siedlungsgebiet bieten vielfältige Nischen für Pflanzen und Tiere; entsprechend gross ist dort die Artenvielfalt. Der Kanton Aargau hat einen Klimawandel-Check entwickelt, der den Gemeinden dabei hilft, klimagerechtes Biodiversitätsmanagement zu betreiben. Wie hier in Villmergen sollen künftig an möglichst vielen Orten Flächen zur Förderung der Artenvielfalt im Siedlungsraum geschaffen werden.
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/BAFU

Können Sie einige Beispiele aus der ersten Phase nennen?

Im Kanton Aargau ist erkannt worden, dass die Biodiversität noch stärker unter Druck gerät. Ein Pilotprojekt beschäftigte sich deshalb mit der Frage, wie im Naturschutz auf lokaler Ebene damit umgegangen werden kann. Ein Projekt im Berner Oberland fokussierte auf Murgänge und Felsstürze im Grimselgebiet. Treibende Kraft war neben den Naturgefahrenfachleuten die Regionalkonferenz Oberland-Ost. Die gemeinsam entwickelte Klimaanpassungsstrategie geht deutlich über die Naturgefahren hinaus: Sie berücksichtigt die nachhaltige Entwicklung im Grimselgebiet unter den Vorzeichen eines sich ändernden Klimas. In Davos entstanden unter dem Titel «Davos + 1,7 Grad» kurze Filmsequenzen. In 2 Minuten werden klimabedingte Änderungen, die in der Landschaft Davos bereits heute sichtbar sind, aufgezeigt – mit dem Ziel, die Menschen für den Klimawandel zu sensibilisieren. Auch die lokalen Politikerinnen und Politiker reagierten positiv auf das Projekt.

Wie weit fortgeschritten ist die Arbeit in den Kantonen?

Die Kantone sind unterschiedlich weit. Zum Teil widerspiegelt dies auch den Umstand, dass nicht alle Kantone gleich stark exponiert sind. Wahrscheinlich sind Bergkantone und städtische Kantone vom Klimawandel stärker betroffen als eher ländliche Gebiete in etwas erhöhter Lage. Deshalb muss jeder Kanton, jede Region eigene Antworten auf die neuen Herausforderungen finden. Die gesetzlichen Vorgaben des Bundes verpflichten die Kantone grundsätzlich nicht, selber aktiv zu werden. Wir spürten bei vielen Kantonen aber stets ein grosses Interesse. Dank eines Vertrauensverhältnisses zu den Akteuren auf den verschiedenen Ebenen wurden in den letzten Jahren beachtliche Erfolge erzielt. Und das ist eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Letztlich geht es darum, dass die Kantone, Regionen und Gemeinden den Wandel bewältigen können.

Was braucht es, damit sich die Gesellschaft den Anpassungsfragen stellt?

Wenn etwas geschieht, passen wir uns sowieso an. Doch es gibt bessere und schlechtere beziehungsweise schmerzvollere Wege der Anpassung. Wir wollen mögliche Probleme frühzeitig erkennen, aber auch die Chancen nutzen, die sich da und dort bieten. Dabei handelt es sich primär um eine politische Aufgabe. Wenn die Menschen jedoch für den Klimawandel und die damit verbundenen Probleme sensibilisiert werden, erreicht man vielleicht auch, dass sie selber einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und ihre Treibhausgasemissionen reduzieren. Der Kanton Solothurn beschreitet bei der Kommunikation diesbezüglich neue Wege, die ich sehr spannend finde.

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Letzte Änderung 28.08.2017

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