Hirnforschung: Unser Gehirn ist auf das unmittelbare Überleben programmiert

Der Hirnforscher Martin Meyer leitet die Fachrichtung «Neuroplastizitäts- und Lernforschung des gesunden Alterns» am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Er wundert sich nicht, dass der Mensch dem Klimawandel mit Ignoranz und Passivität begegnet. Unser Gehirn sei nicht dazu geschaffen, die Tragweite von langfristigen Entwicklungen zu erkennen.

Interview: Nicolas Gattlen 

Martin Meyer
Der Hirnforscher Martin Meyer leitet die Fachrichtung «Neuroplastizitäts- und Lernforschung des gesunden Alterns» am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Er wundert sich nicht, dass der Mensch dem Klimawandel mit Ignoranz und Passivität begegnet. Unser Gehirn sei nicht dazu geschaffen, die Tragweite von langfristigen Entwicklungen zu erkennen.
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/BAFU

umwelt: Herr Meyer, der anthropogene Klimawandel und seine Risiken sind seit vielen Jahren bekannt. Doch die Menschen scheint das Problem nicht zu kümmern, kaum jemand ändert sein Verhalten. Hat die Hirnforschung eine Antwort auf diese Diskrepanz?

Martin Meyer: Unser Denken und Handeln ist abhängig von der Funktion des Gehirns. Und dieses ist schlicht nicht dafür gemacht, langfristige Entwicklungen in ihrer Brisanz zu erkennen und ihnen zu begegnen. Unser Gehirn ist auf das unmittelbare Überleben programmiert, das heisst: Essen auftreiben und Gefahren vermeiden.

Wie damals, in der Höhle?

Genau. Das tierische Erbe dominiert bis heute. Unser Gehirn hat sich in den letzten 40 000 Jahren kaum verändert. Im Prinzip tragen wir alle ein Steinzeithirn mit uns herum. Würden wir ein Baby aus der Steinzeit adoptieren und in der Gegenwart grossziehen, käme es in unserer Welt mit grösster Wahrscheinlichkeit bestens zurecht.

Wie funktioniert denn unser Steinzeithirn, wie nimmt es die Umwelt und deren Veränderungen wahr?

Sehr selektiv. Zuerst einmal liefern uns unsere Sinne nur Ausschnitte der Wirklichkeit. Tiere bekommen ganz andere Eindrücke, weil ihre Sinnesorgane anders ausgestattet sind oder weil sie über andere Organe verfügen. Eine weitere Selektion erfolgt bei der Weiterverarbeitung der Sinneseindrücke. Wir interpretieren diese, vergleichen sie mit früheren Erfahrungen, mit persönlichen Erlebnissen und Empfindungen. Und wenn wir nun zu hören bekommen, dass der Klimawandel unser Leben bedroht, kann das Gehirn damit nichts anfangen. Weil es auf keine entsprechenden Erfahrungen zurückgreifen kann. Der Klimawandel hat in unserem Leben noch nicht spürbar stattgefunden.

öglicherweise ist er auch rational nicht einfach zu begreifen. Die Klimawissenschaft arbeitet bei Erklärungen des Klimawandels und Aussagen zu seinen Folgen mit Modellen und Szenarien. Ausserdem gehören Unsicherheiten zur Wissenschaft. Können Aussenstehende diese Denkweise nachvollziehen?

Ich denke schon. Auch die Wettervorhersagen basieren auf Modellrechnungen und sind mit Unsicherheiten verbunden. Daran stört sich niemand. Man bedient sich ihrer, um die nächsten paar Tage besser planen zu können. Klimaprognosen hingegen betreffen die Zukunft. Was passiert in 20, 50, 100 Jahren. Dieser Horizont ist für den Menschen zu weit gesteckt.

Der Mensch hat doch, im Unterschied zu den Tieren, die Fähigkeit zur logischen Analyse und kann die in der Zukunft zu erwartenden Konsequenzen seines Tuns einschätzen. Warum verhält er sich nicht vorausschauend?

Der Mensch kann zwar abstrahieren und ist theoretisch der Logik mächtig, doch er handelt nicht logisch. Er ist Sklave seiner Erfahrungen. Und solange der Klimawandel die Menschen nicht persönlich betrifft, ihnen nicht wehtut, physisch oder übers Portemonnaie, bleibt der Wandel für sie abstrakt und irrelevant.

Der Schmerz als Lehrmeister?

Er ist zweifellos der stärkste Antrieb für eine Verhaltensänderung, stärker als jede Belohnung. Durch Verhaltensänderung wollen wir dem Schmerz ausweichen.

Dann dürfte auch die Angst vor dem Schmerz eine Verhaltensänderung bewirken. Der «Spiegel» schürte solche Ängste 1986 mit einem Coverbild, das den Kölner Dom bis zur Hälfte unter Wasser zeigte, darunter prangte die Schlagzeile «Die Klima-Katastrophe». Was lösen solche Horrorszenarien aus?

Sie bewirken bloss eine Abwehrreaktion. Das Gehirn sagt uns: «Nein! Diese Erfahrung haben wir noch nie gemacht. Das ist Science-Fiction.»

Und wie wirken Bilder von Eisbären, die sich an einer abdriftenden Eisscholle festkrallen?

Sie mögen bei Tierfreunden Assoziationen und Emotionen hervorrufen, viele Leute aber sagen sich: «Das ist mir zu weit weg. In meinem Leben gibt es keine Eisbären.» Die Szene im Film «Titanic» hingegen, wo sich Jack im Eismeer zitternd an ein Holzstück klammert und sich von seiner geliebten Rose verabschiedet, ruft bei den meisten Menschen starke Gefühle hervor. Vielleicht, weil sie sich schon mal von der gros-sen Liebe trennen mussten oder weil ihnen die Angst vor Verlust im Nacken sitzt.

Und die Sprache, hat sie eine ähnliche Kraft wie der Film? Kann ein emotional vorgetragener Appell die Zuhörer zu Verhaltensänderungen bewegen?

Die Sprache ist ein mächtiges Kommunikationswerkzeug. Allerdings sind die Sprachregionen im Gehirn nicht direkt an die emotionalen Systeme gebunden. Sprache befindet sich im Kortex, einem relativ jungen Teil des Gehirns, während die Emotionen in subkortikalen, stammesgeschichtlich alten Hirnbereichen sitzen. Das bedeutet: Wenn wir sprechen, geht das ohne Emotionen einher. Wir können sogar völlig emotionslos über unsere eigenen Gefühle sprechen. Die Vokalisationen der Tiere hingegen sind affektiv, der Lustschrei eines Affen wird von emotionalen Kernen ausgelöst.

Der Mensch kann doch aber auch streng, verbittert oder aufgeregt fröhlich sprechen?

Wir fügen unseren Worten meist eine emotionale Komponente bei. Doch diese Emotionen sind willentlich «aufgesetzt».

Und das spürt das Gegenüber?

Es nimmt das Gesamtpaket wahr und reagiert erst dann stutzig, wenn die aufgesetzte Emotion nicht zum Inhalt passt. Die Sprache transportiert Inhalte, Informationen, sie ist in ihrem Kern abstrakt. Das gilt umso mehr für das geschriebene Wort. Ein Artikel über den Klimawandel kann sehr informativ und sprachlich wertvoll sein, doch die meisten Menschen wird er nicht bewegen.

Gerade die bildhafte Sprache weckt doch auch Assoziationen und Emotionen. Das Wort «Klimaflüchtling» etwa löst Bilder von Überschwemmungen und überfüllten Gummibooten aus.

Da sind wir wieder beim Kern des Problems: Emotionen sind an persönliche Erfahrungen gebunden. Wenn diese fehlen, lösen die Sprachbilder auch keine starken Gefühle aus. Wer von uns hat schon mal eine Überschwemmung in Bangladesch miterlebt? Wer hat durch solche anthropogenen Naturereignisse persönlich Schaden erlitten?

Der Klimawandel muss also persönlich erfahrbar sein, bevor wir zu handeln bereit sind. Mancher passionierte Skifahrer hat in den vergangenen Wintern eine bittere, vielleicht sogar schmerzvolle Erfahrung gemacht, wenn er sich auf einem harten Kunstschneeband inmitten einer grünen Landschaft wiederfand, wo doch früher Pulverschnee lag.

Eine solch sinnliche Erfahrung kann durchaus etwas bewegen. Allerdings verfügen wir heute noch über genügend Ausweichmöglichkeiten. Man kann sich eine Skistation aussuchen, die höher liegt, und so die schmerzliche Erfahrung umgehen. Hinzu kommt, dass wir in unserem Alltag oft das Gegenteil erfahren von dem, was uns kommuniziert wird. Stetig sinkende Flugpreise und Billig-Airlines etwa stehen in Widerspruch zu den Appellen der Klimaforscher. Das passt einfach nicht zusammen.

Und doch gibt es Menschen, die ihr Verhalten verändert haben – ohne dass sie den Klimawandel selbst zu spüren bekamen. Oft sind es jüngere Leute. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Über die Beweggründe kann ich nur mutmassen. Vielleicht haben manche der jüngeren Leute realisiert, dass die sich anbahnenden einschneidenden Veränderungen sich noch zu ihren Lebzeiten bemerkbar machen werden. Dies gilt sicher in geringerem Masse für die ältere Generation.
   Trotzdem überrascht mich die allgemeine Sorglosigkeit nicht. Die Angst vor einer Apokalypse durch einen nuklearen Waffengang war in den 1980er-Jahren sicher grösser, und zwar in allen Teilen der Bevölkerung, denn ein Atomkrieg hätte das Ende unserer Zivilisation innerhalb weniger Stunden oder Tage bedeutet. Das ist für das Gehirn nachvollziehbar. Anders als beim schleichenden Klimawandel. Durch das langsame Tempo entsteht die Illusion, man könne den rollenden Zug jederzeit anhalten. 

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Letzte Änderung 28.08.2017

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