Hitze in den Städten: Mehr Grün und Blau als Grau

Städte und Agglomerationen leiden besonders unter der Klimaerwärmung. Immer mehr von ihnen ergreifen aber Massnahmen, um die Auswirkungen dieser Entwicklung zu mildern. Im Wallis ist die Stadt Sitten/Sion ganz speziell von diesem Phänomen betroffen. Sie hat ein ehrgeiziges Projekt mit dem Namen ACCLIMATASION lanciert und will andere Städte von ihren Erfahrungen profitieren lassen.

Text: Cornélia Mühlberger de Preux 

Hitzeschutzmassnahmen
Ein Baum trägt gleich viel zur Kühlung einer hitzegeplagten Stadt bei wie fünf Klimaanlagen. Deshalb schafft Sitten/Sion grüne Inseln in der Landschaft. Positiv auf das Mikroklima wirken sich nicht nur heller Kies, sondern auch Wasserflächen und feuchte Böden aus, denn der Verdunstungseffekt hat eine kühlende Wirkung. In Sitten wurden aus diesem Grund Böden «entsiegelt», das heisst, undurchlässige Oberflächen wurden beispielsweise durch Rasengitter ersetzt.
© Flurin Bertschinger/Ex-Press/BAFU

Sitten ist die Schweizer Stadt, in der sich das Klima am stärksten erwärmt. Innerhalb von 20 Jahren ist die Temperatur im Kantonshauptort um 1 °C gestiegen, während die Niederschläge um 10 Prozent abgenommen haben. «Im Stadtzentrum, wo Beton und Asphalt am dichtesten sind, erstickt man im Sommer fast. Hier manifestiert sich das berühmte Phänomen der urbanen Hitzeinseln», erklärt Lionel Tudisco. Der junge Sittener Stadtplaner vergleicht diesen Effekt mit der Wirkung eines Specksteinofens, der die Temperatur speichert und bis am Abend aufrechterhält. Die Klimaerwärmung verwandelt Agglomerationszentren tatsächlich in Glutöfen. Dichte Bebauung, wenig Vegetation, ein hoher Anteil an versiegelten Flächen, Luftschadstoffe, Abwärme von Gebäuden und Verkehr sowie immer häufigere Hitzewellen verstärken das Phänomen zusätzlich. Dies alles kann dazu führen, dass die Temperatur in städtischen Zonen bis zu 6 °C höher ist als in den umliegenden Regionen.

Grün und Pflanzen, wo es nur geht

Angesichts seiner klimatischen Geschichte erstaunt es nicht, dass Sitten mit einem Projekt am Pilotprogramm «Anpassung an den Klimawandel» des Bundes teilgenommen hat. Dieses unterstützte zwischen 2014 und 2016 31 Projekte, um die besten Ansätze zur Minimierung der klimabedingten Schäden und zur Erhaltung der Lebensqualität der Bevölkerung zu eruieren. Die Projekte dieses Programms beschäftigten sich auch mit Themen wie Biodiversität, landwirtschaftliche Produktion oder Funktionen des Waldes in einem sich verändernden Klima. Sitten wurde für die Umsetzung eines Projekts im Bereich klimaangepasste Stadtentwicklung ausgewählt. Das Credo des Projekts ACCLIMATASION fasst Lionel Tudisco wie folgt zusammen: «Mehr Grün und Blau als Grau.» 

Deshalb fördert die Stadt die Vegetation auf ihrem Gebiet, und zwar nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch durch die Unterstützung privater Vorhaben. Jedes Jahr werden über 100 Bäume und Büsche ersetzt und gepflanzt. Indem sie Wasser verdunsten und Schatten spenden, kühlen sie die Luft. Mehrjährige Pflanzen und Grasflächen stehen ebenfalls hoch im Kurs, so etwa rund um die Kindertagesstätte von St-Guérin. Hügelbeete, auf denen Iris, Federgräser und Sonnenhut gedeihen, haben dort einen Teil des ehemaligen betonierten Parkplatzes ersetzt. Neben der Kirche wurde eine Böschung neu bepflanzt und das Dach eines kleinen Gebäudes begrünt. Rundherum wachsen heute diverse Bäume wie etwa Fichten, Eiben oder auch Judasbäume. 

Die Stadt Sitten ist allerdings bereits vor dem Projekt ACCLIMATASION aktiv geworden. Dies beweist die Strasse Espace des Remparts direkt vor dem Stadthaus, wo auch das Städtische Amt für Raumplanung angesiedelt ist. Wo früher ein Parkplatz war, breitet sich heute eine eigentliche städtische Lounge aus – mit Bäumen, Sitzgelegenheiten, einem Wasserspiel und einem hellen, durchlässigen Boden. Dieser Platz diente zudem als Modell für andere Gestaltungen wie etwa den Boulevard Cours Roger Bonvin, wie Lionel Tudisco betont. Wir schwingen uns auf unsere Velos und machen uns auf Entdeckungstour.

Wir pedalen in Richtung westlicher Stadtrand zur Landwirtschaftsschule Châteauneuf, wo zwei neue Einrichtungen entstanden sind: ein japanischer Garten auf dem Dach der Schule und ein Teich, der in einer grossen Wiese vor dem Nordeingang des Gebäudes angelegt wurde. «Mehrere Studien zeigen, dass eine Kombination verschiedener Massnahmen wie Wasserquellen, Schatten, Begrünung, angepasster Materialien oder Wiederherstellung der Durchlässigkeit die Hitze in Städten deutlich vermindern kann», erklärt Melanie Butterling vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE).

Wasser und Albedo

Was uns bei unserer Tour quer durch Sitten ebenfalls auffällt, sind die Anstrengungen zum Schutz und zur Optimierung des Wasserkreislaufes. Dazu gehört nicht nur die Einrichtung von Brunnen, Wasserflächen und Versickerungsmulden oder die Freilegung eingedolter Wasserläufe. Wo immer möglich wird auch der Boden durchlässiger gemacht, damit das Regenwasser besser versickern kann und der Hochwasserabfluss bei Starkniederschlägen vermindert wird. Die Stadt setzt deshalb beim Bau von neuen Parkflächen auf Rasengitter. Auf Plätzen oder rund um Bäume kommt heller Kies statt Beton zum Einsatz, und bei Neugestaltungen wird heller Asphalt dem gewohnten dunklen Bodenbelag vorgezogen. «Eine schwarze Strasse speichert viermal mehr Wärme als eine helle», erklärt Lionel Tudisco und weist zudem darauf hin, dass eine hohe Albedo – das heisst ein hohes Rückstrahlvermögen einer Fläche – zu einer Temperatursenkung beiträgt.

Der richtige Baum am richtigen Ort

Beim Place du Midi legen wir einen Halt ein und treffen uns mit dem Stadtgärtner Philippe Quinodoz. «Unser Ziel besteht darin, den Baumbestand zu erhalten, zu schützen und (neu) aufzubauen und im selben Zug die Biodiversität zu fördern», erklärt er gleich zu Beginn. Nur sind die hiesigen Bedingungen nicht einfach. Die Rhoneebene ist eine eigentliche Kiesgrube, es steht nur wenig Boden zur Verfügung, und die Zone ist von zwei Mikroklimata geprägt: einem kontinentalen und einem mediterranen am Sonnenhang. Hinzu kommt der Stress aufgrund des Klimawandels. Philippe Quinodoz musste feststellen, dass einige der vorhandenen Arten leiden. Deshalb führt er nun zahlreiche Tests durch, um genau die Pflanzen zu finden, die unter den aktuellen Bedingungen überleben können. 

«Wir siedeln beispielsweise die Hopfenbuche an – einen Baum aus der Provence, der Hitze, Trockenheit und kalkreiche Böden sehr gut erträgt – und führen Versuche mit verschiedenen Eichenarten, wie zum Beispiel Steineiche, Zerr-Eiche oder auch Ungarischer Eiche, durch.» Den richtigen Baum am richtigen Ort zu pflanzen, bedeutet zudem weniger Unterhalt und damit auch weniger Kosten. Für den Place du Midi wurden Gleditschien gewählt. Sie haben den Vorteil, dass sie sommergrün sind, ihre Blattentwicklung erst spät im Frühling einsetzt und sie ihre Blätter im Herbst rasch verlieren. «Hinsichtlich Vegetation hat jede Stadt ihre Besonderheiten. Was für Sitten gilt, ist nicht unbedingt auch für Genf, Zürich oder Bern richtig», bemerkt Melanie Butterling. 

In Bern hat die Studie Urban Green & Climate Bern – ebenfalls ein Pilotprojekt des Programms «Anpassung an den Klimawandel» – die extremen Bedingungen deutlich gemacht, denen der städtische Baumbestand unterworfen ist, so etwa Bodenversiegelung, Streusalz, Luftverschmutzung oder auch mangelnder Wurzelraum. Zudem wurde der Gesundheitszustand von mehr als der Hälfte der inventarisierten Strassenbäume als schlecht beurteilt. Diese Studie identifiziert die klimatischen Ansprüche verschiedener Arten, formuliert Empfehlungen und schlägt neue Finanzierungsmöglichkeiten etwa durch Patenschaften für «klimafitte Baumarten» vor.

Bessere Durchlüftung

Zahlreiche Ansätze und Empfehlungen gelten aber für alle Städte und Agglomerationen. Das ARE hat dazu eine Arbeitshilfe für Planerinnen und Planer mit dem Titel «Klimawandel und Raumentwicklung» erarbeitet. Sie behandelt die Integration von Klimafragen in den Planungsprozess, Anreizstrukturen zur Sicherung von Freiräumen oder auch die Anpassung der Bepflanzung an das Klima und das Wasserangebot. Daneben nennt die Arbeitshilfe zwei weitere wichtige Aspekte: die Anpassung der raumplanerischen Instrumente an die klimatischen Herausforderungen und die Verbesserung der Durchlüftung. Sitten hat auch diese Aspekte berücksichtigt. 

Um eine nachhaltige Wirkung zu gewährleisten, plant die Walliser Stadt, die Prozesse und Lösungen im kommunalen Richtplan, im Zonenplan, in den Quartierplänen und im Baureglement zu verankern. Ausserdem will sie eine maximale Fassadenlänge festlegen, damit keine zu langen Häuserblöcke gebaut werden, die die natürliche Durchlüftung der Stadt behindern. Interessant ist diesbezüglich das Beispiel des Erlenmatt-Areals in Basel. Hier wurde bereits vor dem Bau des neuen Quartiers die Ausrichtung der Bauten speziell untersucht, damit Frischluft aus dem Wiesental von Norden in das Areal strömen und den Hitzestau im Sommer mildern kann. 

Im Rahmen des Projekts «Klimaangepasste Stadtentwicklung» setzen sich das BAFU und das ARE dafür ein, dass die Innenstädte auch in einem wärmeren Klima eine angenehme Aufenthalts- und Wohnqualität bieten. Das Ziel besteht darin, einen Überblick über Grundlagen, mögliche Massnahmen sowie Vorgehen zur Bewältigung der zunehmenden Hitzebelastung und insbesondere der Hitzeinseln in Städten und Agglomerationen zu erarbeiten. Um die Vertreterinnen und Vertreter städtischer Räume für dieses Thema zu sensibilisieren und Beispiele vorzustellen, organisieren die beiden Bundesämter Tagungen und Workshops. Mehrere Schweizer Städte haben den Stier bereits bei den Hörnern gepackt, so etwa Zürich mit der Klimaanalyse KLAZ, Basel oder eben Sitten. Zahlreiche weitere interessieren sich für diese Problematik. 

Parallel dazu werden die Parameter, die unser Wohlbefinden im städtischen Umfeld beeinflussen, immer intensiver erforscht. In Genf hat das Projekt CityFeel, das von der Gruppe Laboratoire, Energie, Environnement, Architecture (leea) der Hochschule für Landschaft, Ingenieurwissenschaften und Architektur (hepia) erarbeitet wurde, einen «microclimatmètre» entwickelt. Dieses Messgerät erfasst und quantifiziert die verschiedenen Faktoren, die auf Fussgängerinnen und Fussgänger in der Stadt einwirken. Es wurde bis anhin in Basel, Zürich, Genf und wiederum in Sitten eingesetzt. Die Ergebnisse der Analysen stehen noch bevor.

Ein Gewinn für die Lebensqualität

Unsere Sitten-Rundfahrt führt uns schliesslich auf die andere Seite der Rhone. Wir folgen der Avenue du Bietschhorn, die sich neuerdings dank grosszügiger Pflanzenstreifen, auf welchen Mohnblumen, Roggen und andere Feld- und Wiesenpflanzen spriessen, je nach Jahreszeit anders präsentiert. Die letzte Etappe endet auf der Cours Roger Bonvin, dem Vorzeigeobjekt von ACCLIMATASION. Hier ist auf der Autobahn und auf einem einen Hektar grossen Areal ein ausgedehnter Treffpunkt entstanden, mit flossartigen Behältern, die mit Ahornbäumen bepflanzt wurden, Holzdecks, die als Bänke dienen, Wasserspielen und einem Pétanque-Platz. Lionel Tudisco ist sich sicher: «Man muss die Menschen berühren, sie mit Projekten sensibilisieren, welche sie anregen und die Geselligkeit und das Wohlbefinden fördern.» Melanie Butterling pflichtet ihm bei: «Die Eingriffe in Sitten sind Win-win-Lösungen. Sie bekämpfen nicht nur die Klimaerwärmung, sondern erhöhen auch die Lebensqualität in der Stadt.»

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Letzte Änderung 28.08.2017

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