CO2-Gespräche: Wegweiser für ein klimaschonendes Leben

Angesichts der Klimaerwärmung scheinen viele Menschen wie gelähmt. In CO2-Gruppengesprächen lassen sich Ängste und der Widerstand gegen erforderliche Veränderungen überwinden. Sie bieten konkrete Tipps, damit wir unsere Gewohnheiten ändern und uns im Alltag klimabewusster verhalten können.

Text: Zélie Schaller

CO2-Gespräche
In den CO2-Gesprächen sollen Teilnehmende lernen, ihre Gewohnheiten besser zu verstehen und sie zu ändern.
© Cynthia Magnin | Artisans de la transition

Wir wollen es fast täglich: unsere Lebensweise und Konsumgewohnheiten ändern und damit den ökologischen Fussabdruck verkleinern. Schwieriger aber ist es, diese Absicht in die Tat umzusetzen. Die Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin Rosemary Randall sowie der Ingenieur Andy Brown, beide aus Grossbritannien, haben deshalb eine Methode entwickelt, um dem Klimawandel zu begegnen, wobei Emotionen und konkrete praktische Antworten mithelfen. Sie heisst «Carbon Conversations» oder CO2-Gespräche.

Ein CO2-Gespräch umfasst sechs zweistündige Gruppen-Workshops, die sich über vier Monate verteilen. Gemäss dem Konzept sollen die Teilnehmenden in sich selbst die Ressourcen finden, um Gefühle der Ohnmacht zu überwinden und ihre CO2-Emissionen nachhaltig zu verringern. Sie lernen dabei, ihre Gewohnheiten besser zu verstehen und sie auch zu ändern. Am Schluss gehen alle mit einem persönlichen Aktionsplan und mit Zielen nach Hause, die im Einklang mit ihren persönlichen Werten stehen.

In der Romandie hat der Verein Arti­sans de la transition die Methode aus dem Englischen ins Französische übertragen und an den schweizerischen Kontext angepasst. Vor Ort hat sie rasch Verbreitung gefunden und kommt heute in den Kantonen Freiburg, Genf, Jura, Neuenburg und Waadt mit Erfolg zum Einsatz. Es bestehen lange Wartelisten. In der Deutschschweiz dagegen existiert das Angebot der CO2-Gespräche vorläufig noch nicht.

Respekt und Wohlwollen

CO2-Gespräche bauen auf der Gruppendynamik auf. Die Gemeinschaft soll einen geschützten Raum bilden, in dem sich die Teilnehmenden gegenseitig respektieren und zuhören. Alle sollen sich vertrauensvoll äussern können, ohne bewertet zu werden. «Das Ziel ist, sich nicht isoliert zu fühlen und Verbindungen zu knüpfen», sagt Susana Jourdan, Co-Geschäftsführerin des Vereins Artisans de la transition. «In der Gruppe entsteht eine Energie, die zu Veränderung führt.» Christiane Wermeille, Chefin der Sektion Altlasten im BAFU, hat auf privater Basis an einem CO2-Gespräch teilgenommen und pflichtet der Aussage bei: «Die Arbeit in der Gruppe schafft eine positive Einstellung. Wer nicht mehr das Gefühl hat, allein vor einer riesigen Herausforderung zu stehen, ist auch motivierter zu handeln.»

CO2-Gespräche wirken auch über die Emotionen. «Der Klimawandel wird häufig aus technischer Sicht dargestellt. Das Empfinden hat dabei wenig Platz. Es sind aber genau die Emotionen, die uns voranbringen», sagt Susana Jourdan. Deshalb geht es darum, Abstand zu ge-winnen, um diese Verleugnung zu überwinden, sich wieder auf seine Werte zu besinnen und in sich einen nachhaltigen Willen zur Veränderung aufkommen zu lassen.

Übungen und Spass

Im ersten Workshop lernen sich die Teil-nehmenden kennen und erhalten einen Leitfaden sowie ein Heft mit Übungen. Sie berechnen ihren CO2-Fussabdruck in den vier Bereichen, die sie direkt beeinflussen können, das heisst Wohnen, Mobilität, Ernährung und Wasserverbrauch, sowie für Konsum und Abfall. Diese grössten Treibhausgasquellen nehmen die vier folgenden Workshops dann einzeln unter die Lupe.

«Anhand von Spielen und Übungen lassen sich Lösungen finden, wobei der Spass nicht zu kurz kommt», sagt Susana Jourdan. Im Workshop zur Ernährung sprechen die Teilnehmenden über Mahlzeiten, die mit besonderen Erinnerungen verbunden sind. Wichtige Lebensmittel werden nach Produktionsweise und Verarbeitungsart, Verpackung und Transport eingestuft. Bei der Analyse des Konsumverhaltens nennen die Teilnehmenden eine Anschaffung, die sie bedauern oder mit der sie zufrieden sind. Sie lernen auch, ihre Bedürfnisse von ihren Wünschen zu unterscheiden.

CO2-Gespräche Nachtzug
Wer das Klima schonen will, reist statt im Flugzeug mit dem Nachtzug nach Berlin oder Hamburg.
© René Meyer | Ex-Press | ky

Von Worten zu Taten

In der Schweiz setzt eine Person pro Jahr im Durchschnitt knapp 6 Tonnen CO2 frei. Berücksichtigt man neben diesen direkten Emissionen auch die im Ausland durch eingeführte Güter und Dienstleistungen verursachten Treibhausgase, so beläuft sich der jährliche Gesamtausstoss pro Kopf bei uns auf rund 14 Tonnen CO2-Äquivalente.

Vor dem letzten Workshop arbeiten die Teilnehmenden jeweils ihren persönlichen Aktionsplan aus. Liegt ihre CO2-Anfangsbilanz nahe dem schweizerischen Mittel, so strebt der Plan eine Reduktion des Fussabdrucks um 4 Tonnen an, was je 1 Tonne pro Emissionsbereich entspricht. Für Personen mit einer Klimabilanz über dem nationalen Durchschnitt besteht das Ziel darin, ihren Ausstoss an Treibhausgasen zu halbieren.

Dazu müssen sie nicht auf Dinge verzichten, die ihnen lieb sind, sondern gestalten einiges in ihrem Leben neu. Der pensionierte Erwachsenenbildner Guy Bovey hat «umfangreiche Ände­rungen» vorgenommen: «Die Wohnung wird nur noch auf 20 statt auf 23 Grad geheizt. Das ist nicht mehr derselbe Komfort, und man muss sich warm anziehen.» Der Neuenburger fügt hinzu: «Ich fliege überhaupt nicht mehr. Meine Partnerin und ich verbringen unsere Ferien in Europa und reisen mit dem Zug. Im Alltag bewege ich mich zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem öffentlichen Verkehr. Das Auto benutze ich nur noch, wenn es nicht anders geht.»

Das Paar plant, in das Nullemissionshaus einer Genossenschaft umzuziehen. Die beiden kaufen mehr unverpackte Produkte und verringern «ihren Konsum insgesamt, vor allem bei Kleidern, deren Herstellung unvermeidbare Emissionen verursacht.» Die CO2-Bilanz von Guy Bovey beträgt 9 Tonnen CO2-Äquivalente, die er künftig auf 7 Tonnen verringern möchte.

Frei und leicht

Die Bilanz von Mark Haltmeier liegt bereits bei 7 Tonnen CO2-Äquivalenten; hier braucht es noch «Feinabstimmungen». Sein Rezept: «40 Jahre Velofahren, ein neun Jahre alter Computer und eine Solarvignette, um ihn wieder aufzuladen. Tierische Produkte habe ich deutlich reduziert, und ich besitze nur eine wetterfeste Jacke, die ich das ganze Jahr über benutze», erzählt der Unternehmer. «Ich kaufe wenig und achte auf Qualität. Ich fühle mich frei, leicht und unbelastet.» Mark Haltmeier hat beschlossen, auf Flugreisen zu verzichten. «Wozu verreisen? Wir brauchen nicht mehr in die Tropen zu gehen, wir haben ja auch hier Hitzewellen!»

Christiane Wermeille wusste, «dass Flüge enorm viel Treibstoff verbrauchen. Aber zu erfahren, dass sie derart viele Treibhausgasemissionen verursachen, hat mich dennoch aufgerüttelt.» So belastet zum Beispiel ein Retourflug von Genf nach Madrid – also eine Strecke von rund 2000 Kilometern – die Atmosphäre mit einer halben Tonne CO2 pro Passagier. «Wer seinen Konsum sehr genau betrachtet, erlebt Überraschungen», bemerkt Christiane Wermeille. «Eine genaue Analyse mag zwar aufwendig erscheinen, aber es braucht sie, damit wir sehen, welche Bereiche für unsere grössten Emissionen verantwortlich sind.»

Sie möchte ihren CO2-Fussabdruck künftig von 14 auf 10 Tonnen pro Jahr senken. Dazu will sie die Zahl ihrer Flugreisen und Autofahrten stark verringern. «Es sind die grössten Posten in meiner Bilanz, denn ich wohne in einem sehr gut isolierten Haus, heize mit Holz und Solarenergie und esse wenig Fleisch.»

Eine 2010 im Vereinigten Königreich durchgeführte Evaluation hat gezeigt, dass die Teilnehmenden an CO2-Gesprächen ihre Treibhausgasemissionen im ersten Jahr um durchschnittlich 1 Tonne pro Person reduzieren. Nach zwei bis fünf Jahren haben sie die Emissionen halbiert. Dank der Workshops kann jeder und jede zum Akteur oder zur Akteurin werden: «Man wird sich bewusst, dass man eine Veränderung herbeiführen kann», stellt Mark Haltmeier fest.

Von Teilnehmenden zu Moderierenden

Die CO2-Gespräche werden unter anderem vom BAFU unterstützt und richten sich an alle, die ihren CO2-Fussabdruck reduzieren möchten. Verlangt wird ein Beitrag von mindestens 50 Franken, wobei sich die Gesamtkosten pro Person auf 250 Franken belaufen. Die Teilnehmenden werden eingeladen, Vermittler – also Moderierende – zu werden. Die entsprechende Ausbildung dauert ein Wochenende, anschliessend leiten die Kursteilnehmenden einen gesamten Workshop-Zyklus.

Das Vogel-Strauss-Syndrom

Weshalb ist es so schwierig, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen? Für viele von uns bleibt das Phänomen abstrakt und schwer fassbar. Die Problematik erweist sich als so komplex, und ihre Folgen scheinen in noch so weiter Ferne zu liegen, dass ein Gefühl der Ohnmacht aufkommt. Der ansteigende Meeresspiegel, schrumpfende Gletscher und schmelzendes Packeis, immer häufigere Extremereignisse – da dies für die wenigsten von uns unmittelbar spürbare Folgen hat, bleiben wir mehrheitlich passiv. Ausserdem besitzt unser Gehirn einen wirksamen Verteidigungs- und Schutzmechanismus und neigt damit dazu, Unangenehmes zu verdrängen. Deshalb können wir weiterleben wie bisher, ohne unsere Gewohnheiten zu ändern. Um aus der Apathie herauszufinden, empfehlen Fachleute der Psychologie, über die positiven Seiten zu sprechen und aufzuzeigen, inwiefern der Kampf gegen die Klimaerwärmung nützlich ist. So soll man zum Beispiel besser über grüne Arbeitsplätze berichten, anstatt sich nur auf die Gefahren zu konzentrieren.

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Letzte Änderung 04.09.2019

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