Steigende Risiken: «Überall und jederzeit»

Nicht nur im Berggebiet und an gewässernahen Zonen ist man mit Naturgefahren konfrontiert, sondern überall in der Schweiz. Aufgrund der Siedlungsentwicklung und des Klimawandels erhöhen sich die Risiken trotz allen Schutzanstrengungen stetig. Nur mit vereinten Kräften lassen sie sich auf ein für die Gesellschaft erträgliches Mass begrenzen.

Text: Nicolas Gattlen

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© WSL

Die Schweiz ist regelmässig von extremen Naturereignissen betroffen. In Erinnerung sind uns etwa der Murgang von Bondo (GR) 2017, der Wintersturm Lothar im Jahr 1999 oder Jahrhunderthochwasser wie jenes vom August 2005. Die Gefahr lauert aber nicht allein im Berggebiet und in der Nähe von Gewässern – jeder Ort in unserem Land muss mit Naturereignissen rechnen, die gesamte Bevölkerung kann betroffen sein. So zeigen etwa Datenerhebungen der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), dass in den letzten 45 Jahren vier von fünf Schweizer Gemeinden Schäden durch Murgänge oder Hochwasser verzeichneten; von Rutschungen waren im selben Zeitraum zwei von fünf Gemeinden betroffen.

Bis 100 Milliarden Franken

Erdbeben sind in der Schweiz die Naturgefahr mit dem grössten Schadenpotenzial. Im Fall eines Bebens wie desjenigen in Basel im Jahr 1356 mit einer geschätzten Magnitude von 6,6 rechnen die Be­hörden heute mit bis zu 2000 Todesopfern sowie 5000 Schwer- und 20 000 Leichtverletzten; hin­zu kämen Sachschäden in der Höhe von 50 bis 100 Milliarden Franken. Starke Beben sind hierzulande zwar selten, die Geschichte und die Forschung zeigen aber, dass sie bei uns trotzdem jederzeit und überall auftreten können. Mit einem grösseren Beben (Magnitude 6 oder mehr) ist alle 50 bis 150 Jahre an irgendeinem Standort in der Schweiz zu rechnen. Am höchsten ist die Gefährdung jedoch im Wallis, gefolgt von Basel, Graubünden und dem St. Galler Rheintal.

Auch starke Niederschläge können in der ganzen Schweiz erhebliche Schäden anrichten. Das zeigte sich etwa im Juli 2017 in Zofingen (AG), wo ein dreistündiges Gewitter zahlreiche Keller, Garagen, Gärten und Unterführungen unter Wasser setzte. Schuld daran war nicht in erster Linie der Fluss Wigger, der stellenweise über die Ufer trat. Vielmehr konnte das viele Wasser im zum Teil versiegelten Boden nicht versickern. Aus der «Gefährdungskarte Oberflächenabfluss Schweiz» geht hervor, dass rund zwei Drittel der Gebäude von Oberflächenabfluss betroffen sein können. Bei Starkniederschlägen ist dieser Abfluss für bis zu 50 Prozent der Hochwasserschäden verantwortlich, was rund 140 Millionen Franken pro Jahr entspricht. Der Rest der Hochwasserschäden wird von über die Ufer tretenden Flüssen, Bächen und Seen verursacht.

In unserem dicht besiedelten und gewässerreichen Land sind die Hochwasserrisiken beträchtlich: Rund 20 Prozent der Bevölkerung wohnen in Zonen, die von Hochwasser betroffen sein können; in diesen Gebieten befinden sich auch 30 Prozent der Arbeitsplätze und 25 Prozent der Sachwerte. Die Hauptrisiken liegen in den grossen Siedlungsräumen.

Zwischen 1972 und 2018 verursachten Hochwasser, Murgänge, Rutschungen und Sturzprozesse in der Schweiz durchschnittliche Schäden von rund 305 Millionen Franken pro Jahr. Über 90 Prozent der Sachschäden sind auf Hochwasser und Murgänge zurückzuführen, knapp 10 Prozent auf Rutschungen. Sachschäden durch Lawinen und Sturzprozesse sind im Vergleich dazu gering. Nicht selten aber kosten Stürze, Rutschungen und Lawinen Menschenleben.

Häufiger und intensiver

Es ist davon auszugehen, dass bei uns Hochwasser, Murgänge, Rutschungen und Felsstürze aufgrund des Klimawandels künftig vermehrt auftreten. Aber nicht nur die Häufigkeit der Naturereignisse, auch deren Intensität dürfte zunehmen. Die Zunahme der Winterniederschläge und der gleichzeitige Anstieg der Schneefallgrenze führen zu einem erhöhten Hochwasserrisiko in den Wintermonaten. Aufgrund der erwarteten Häufung und Intensivierung von Starkniederschlägen muss auch in den übrigen Jahreszeiten mit einem steigenden Hochwasserrisiko und vor allem mit grösseren Schäden durch Oberflächenabfluss gerechnet werden. Gleichzeitig sind wir in den niederschlagsarmen Sommermonaten häufiger mit Waldbränden und Dürren konfrontiert. Die höheren Temperaturen treiben im Gebirge die Gletscherschmelze und das Auftauen des Permafrosts voran, was zu einer Destabilisierung von Felsflanken und Hängen aus Lockergestein führt. Insgesamt wird sich die Gefährdungssituation saisonal und regional verändern und akzentuieren.

Zusätzlich verschärfen sich die Risiken aus Naturgefahren durch die Intensivierung der Raumnutzung und die Ausdehnung der Siedlungen in Gefahrengebieten. Die Gebäude- und Infrastrukturwerte nehmen unter anderem wegen der teureren Bauweise und der grösseren Wohnvolumen stetig zu. Mit aufwendigen Schutzbauten allein lassen sich Schäden nicht komplett verhindern. Um eine angemessene Sicherheit schaffen und langfristig erhalten zu können, braucht es auch eine risikobasierte Raumplanung und ein solidarisches Zusammenspiel aller Kräfte. Der Schutz vor Naturgefahren und die Bewältigung von Ereignissen sind in der Schweiz eine Verbundaufgabe von Bund, Kantonen, Gemeinden, Versicherungen und Privaten. Auf den folgenden Seiten wird aufgezeigt, welche Akteure welche Aufgaben leisten und was jeder und jede Einzelne zum Schutz vor Naturgefahren beitragen kann.

Schweiz engagiert sich weltweit

In den Jahren 2008 bis 2018 hat das Rote Kreuz weltweit 3750 Naturkatastrophen erfasst. Rund zwei Milliarden Menschen waren von den Ereignissen betroffen, mehr als 700 000 Personen haben ihr Leben verloren. Pro Jahr entstanden Schäden von mehr als 145 Milliarden US-Dollar. Und in Zukunft werden die Katastrophenrisiken infolge des Klimawandels, der Umweltzerstörung, des Bevölkerungswachstums und der schlecht geplanten Urbanisierung zunehmen. Die Schweiz verfügt über grosse Erfahrung im Umgang mit Naturgefahren und verfolgt einen integralen Ansatz zur Minderung der Risiken, den sie unter anderem in internationale Gremien und Konferenzen wie etwa die «Global Platform for Disaster Risk Reduction» einbringt. Dort werden regelmässig die Fortschritte zur Umsetzung des Sendai-Abkommens der UNO zur Verringerung der Katastrophenrisiken überprüft und neue Impulse beim Umgang mit Risiken diskutiert.

Die Verminderung von Katastrophenrisiken nimmt auch in den Programmen der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) einen wichtigen Platz ein. Denn Naturkatastrophen vermögen jahrzehntelange Entwicklungsfortschritte auf einen Schlag zunichtezumachen. Die DEZA kann bei Präventions- und Schutzprojekten auch die Erfahrungen und Expertisen des BAFU nutzen. So wurden zum Beispiel in Bolivien Trainings zur Gefahren- und Risikobewertung durchgeführt. In Jordanien wird derzeit geprüft, wie sich eine nationale Gefahren- und Risikokartierung im Bereich Hochwasser umsetzen liesse. Und in einem grösseren Wildbacheinzugsgebiet in China wird mit Unterstützung des BAFU der integrale Ansatz des Risikomanagements angewendet.

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Letzte Änderung 03.06.2020

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