Baustoff Holz: Die Wiederentdeckung eines natürlichen Baumaterials

26.11.2014 - Auf dem Weg von der Holzernte im Schweizer Wald bis zum Endkonsum der Holzprodukte bestehen hierzulande noch einige Lücken in der Wertschöpfungskette. Doch vor allem in der Bauindustrie gibt es ermutigende Anzeichen für eine Trendwende. Hier ist Holz inzwischen ein stark nachgefragter Rohstoff.

Mit dem regionalen Baustoff Holz lässt sich eine gute Wertschöpfung erzielen. Hier ein Anwendungsbeispiel aus der Genossenschaftssiedlung Oberfeld in Ostermundigen bei Bern.
© Christine Bärlocher/Ex-Press/BAFU

Text: Urs Fitze

Holz und Glas dominieren das Bild der drei neuen Mehrfamilienhäuser im Quartier Oberfeld der Berner Vorortsgemeinde Ostermundigen. Doch die Fassade aus unbehandeltem Emmentaler Weisstannenholz ist nicht einfach aufgesetzt. Bis auf Fundament und Treppenhaus sind die vierstöckigen Wohnbauten mit durchgehenden Balkonen aus vorgefertigten Holzelementen zusammengefügt. Deren Fertigung erfolgte durch ein Holzbauunternehmen in Langenthal (BE).

Die Gebäude der Wohnbaugenossenschaft erfüllen den Minergie-PEco-Standard. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Bau liegt der Energieverbrauch damit bei weniger als einem Sechstel, wobei die Baukosten etwa 8 % höher ausfallen. Eine Konstruktion aus Beton oder Mauerwerk mit ähnlich niedrigem Energiebedarf hätte ungefähr gleich viel gekostet. Das sind gute Argumente für den erneuerbaren und einheimischen Rohstoff Holz. Obwohl die Bauherrschaft grundsätzlich sehr offen für ökologische Anliegen sei, habe es viel Überzeugungsarbeit gebraucht, sagt Architekt Peter Schürch vom Architekturbüro Halle 58 in Bern. «Gerade bei Bauten mit niedrigem Energieverbrauch ist Holz als Bauträger heute preislich absolut konkurrenzfähig», stellt er fest. Dies sei jedoch längst nicht allen Bauherren und Bauplanern bewusst. Trotzdem ist Peter Schürch überzeugt: «Mit den heutigen technischen Möglichkeiten, die Holzbauten mit bis zu acht Geschossen erlauben, wird Holz den Weg zurück in die Stadt finden.»

Die stoffliche Verwertung bringt Vorteile

Es wäre ein Kreislauf wie aus dem ökonomischen und ökologischen Bilderbuch. Der nachwachsende Rohstoff Holz liefert das Rohmaterial für eine industrielle Nutzung, die eine hohe Wertschöpfung und zahlreiche Arbeitsplätze in wirtschaftlich schwächeren Regionen ermöglicht. Eine Studie des BAFU zur inländischen Wertschöpfung von Holz zeigt, dass die stoffliche Verwertung auf allen Stufen der Verarbeitungskette - von der Rohstoffgewinnung bis zum Möbelschreiner - die Chance bietet, weit höhere Erträge zu erzielen als eine rein energetische Nutzung. Mit durchschnittlich 420 CHF pro Kubikmeter ist es etwa das Fünffache. Im Idealfall wird das Holz bis zur Verbrennung mehrfach genutzt: zuerst als Rohstoff für Gebäude, Innenausbauten oder Möbel, dann für Holzwerkstoffe - etwa in Form von Spanplatten - und zuletzt zur Erzeugung von Wärme und Strom in Anlagen mit einer effizienten Rauchgasreinigung.

Doch das ist noch weitgehend Theorie. Im holzwirtschaftlichen Alltag lassen sich solche Materialflüsse nur sehr beschränkt steuern. Dabei gibt es Holz als nachwachsende Ressource zuhauf. Das jährlich im Schweizer Wald nutzbare Potenzial von rund 8 Mio. Kubikmetern wird nur zu knapp drei Vierteln ausgeschöpft.

Erhebliche Holzvorräte

Der Gesamtverbrauch im Inland liegt bei rund 10 Mio. Kubikmetern pro Jahr. Ein beträchtlicher Teil davon wird vor allem in Form von verarbeiteten Holzprodukten importiert. Im Privatwald summiert sich der Holzvorrat inzwischen auf durchschnittlich 420 Kubikmeter pro Hektare, während es im öffentlichen Wald 320 Kubikmeter sind. Dies kommt nicht von ungefähr, denn die öffentlichen Forstbetriebe können den anhaltenden Preiszerfall des Holzes durch die eigene Nutzung noch einigermassen kompensieren. Dagegen warten viele Privatwaldbesitzer auf bessere Zeiten und verzichten auf Holzeinschläge.

Aus Laubholz liesse sich mehr machen

Schweizweit nimmt die Holzernte seit 2008 tendenziell ab. Dabei zeigt sich eine gegenläufige Entwicklung, die nicht im Sinne der erwünschten Mehrfachnutzung sein kann. Seit 2007 ist die Nutzung von einheimischem Nadelstammholz für die Sägeindustrie um 40 % zurückgegangen. Gleichzeitig hat der Absatz von Energieholz um knapp 28 % zugenommen. Vor allem Laubholz wird energetisch genutzt, obwohl die Buche als häufigster Baum in unseren Laubwäldern zu den Harthölzern gehört und eigentlich zu Höherem berufen wäre.

Die in den vergangenen Jahren stark gewachsene Nachfrage nach Holz als Rohmaterial für die Holzbauindustrie zeigt, dass aufgrund des Potenzials in den Schweizer Wäldern eine deutlich höhere Wertschöpfung möglich wäre - wie etwa die Unternehmensgruppe Strüby Holding AG in Seewen (SZ) zeigt. Der aus einer 1949 gegründeten Zimmerei hervorgegangene Familienbetrieb zählt heute zu den führenden Holzbaufirmen der Schweiz. 200 Holzhäuser erstellt das Unternehmen jährlich - vom Ein- oder Mehrfamilienhaus über den Stall bis zur Supermarktfiliale. Zusätzlich führt es Umbauten und Renovationen aus. Im Planungsbüro Strüby Konzept AG sind 70 Personen aus den Bereichen Architektur, Engineering und Projektleitung tätig. Damit ist die Firma auch das grösste Architekturbüro der Innerschweiz.

Das Holz stammt aus der näheren Region - unter anderem auch aus den Wäldern des Klosters Einsiedeln - und wird regional verarbeitet. Zur Anwendung kommt ausschliesslich Holz von Fichten und Weisstannen. Laubholz werde kaum nachgefragt und lasse sich zudem mit der heutigen Technologie nicht wirtschaftlich verarbeiten, sagt Robert Kündig, Delegierter des Verwaltungsrates der Strüby Holding AG. Er blickt zuversichtlich in die Zukunft: «Wir setzen konsequent auf Schweizer Holz. Das zahlt sich aus.»

Analyse der Wertschöpfungskette

Diesen Optimismus teilt der Forstwissenschaftler Ludwig Lehner von der bwc management consulting GmbH in Abensberg in Bayern. Im Auftrag des BAFU-Aktionsplans Holz hat er zusammen mit einem Expertenteam eine Branchenanalyse zur Wertschöpfungskette Wald und Holz in der Schweiz verfasst. «Mit einem Verbrauch von 1 Million Kubikmetern im Jahr 2011 ist der Schweizer Holzbau heute das grosse Zugpferd. Damit wurde die Hälfte der Bruttowertschöpfung in der Holzbranche erzielt. Doch nur rund 40 % des Holzes stammen aus der Schweiz», sagt Ludwig Lehner. Die anderen Glieder der Wertschöpfungskette sind teilweise weit schwächer entwickelt.

Insgesamt liessen sich aus dem Schweizer Wald knapp 3 Mio. Kubikmeter Holz zusätzlich gewinnen und einer nachhaltigen Mehrfachnutzung zuführen, schätzt Ludwig Lehner. Das sei vor allem für die Schweizer Sägereien und die weiterverarbeitenden Betriebe interessant. Er empfiehlt «massvolle Investitionen für die nahe Zukunft», um diese wachsende Nachfrage mit Schweizer Holz zu befriedigen. «Das wäre auch aus regionalpolitischer Sicht wünschenswert, denn die meisten dieser Betriebe finden sich in strukturschwachen Regionen», bemerkt der Forstwissenschaftler.

Holz gehört zu den vielseitigsten Baumaterialien, wie der Werkkatalog der Holzbaufirma Strüby in Seewen (SZ) zeigt.
© Strüby Holding

Buchenholz für den BauDoch der Teufel steckt zumindest beim Buchenholz im Detail. Denn während die Verarbeitungstechnologie beim Nadelholz heute den Bau von Holzträgern mit Querschnitten von über 1 m ermöglicht, steckt die Entwicklung beim Laubholz noch im Versuchsstadium. Dabei wären gerade die vom Preiszerfall besonders gebeutelten Forstbetriebe im Mittelland und im Jura froh um neue Absatzmärkte.In Vendlincourt im Kanton Jura könnte sich einiges zum Besseren wenden. Mit der im Mai 2014 gegründeten Fagus Jura SA will ein Verbund von regionalen Waldwirtschaftsverbänden zusammen mit der grössten Laubholzsägerei der Schweiz in die Zukunft investieren. An ihrem Standort sollen ab 2016 jährlich 20‘000 Kubikmeter Bauelemente aus Buche (Fagus) und anderen Laubholzarten hergestellt werden. Der Verwaltungsrat und Projektleiter Stefan Vögtli hat das Vorhaben mitinitiiert und betont: «Wir möchten sämtliches Laubholz für die spätere Nutzung in der Bauholzindustrie aufbereiten.» Noch sei man technisch nicht ganz so weit, die gewünschte Steifigkeit auch unter industriellen Bedingungen zu erreichen. «Aber wir sind auf gutem Weg.»Die Chance packenDie Hürden bleiben auch bei einem Gelingen hoch. Es gilt vor allem, gegen die ausländische Konkurrenz zu bestehen. Diese produziert nicht zuletzt dank hochmechanisierter Verfahren zu geringeren Gestehungskosten- und zwar sowohl im Wald als auch bei der industriellen Weiterverarbeitung des Holzes. «Weitere Rationalisierungsschritte werden nötig sein», sagt Ludwig Lehner. Stefan Vögtli setzt in der Startphase der Fagus Jura SA auf die Solidarität der am Unternehmen beteiligten Waldbewirtschafter und mittelfristig auf steigende Preise: «Die Nachfrage auf dem Schweizer Markt besteht ja. Und niemand kann ein Interesse daran haben, dass wertvolles Buchenholz einfach verbrannt wird.»Es wäre ein erster Schritt, dem weitere in anderen Regionen folgen könnten, sofern das Projekt im Jura erfolgreich ist. Immerhin harren rund 0,7 Mio. Kubikmeter Buchenholz pro Jahr einer nachhaltigeren Nutzung. Ludwig Lehner ist überzeugt: «Die Zukunft der Wald- und Holzwirtschaft hat nach schwierigen Jahren begonnen. Jetzt gilt es, die Chance zu packen.»

1 Kubikmeter Schweizer Holz

  • 1 Kubikmeter frisches Rundholz wiegt rund 1 Tonne. Dabei sind Nadelbäume wie Fichte und Weisstanne etwas leichter und harte Laubhölzer wie Buche oder Eiche schwerer.
  • 1 Kubikmeter Holz wächst im Schweizer Wald im Durchschnitt in 3 Sekunden nach. Pro Jahr entspricht dies rund 10 Millionen Kubikmetern. Auf Eisenbahnwagen verladen, liesse sich damit ein Güterzug von der Länge der Strecke Basel – Moskau zusammenstellen.
  • 1 Kubikmeter verbautes Holz in Form von Balken und Brettern speichert langfristig rund 1 Tonne des bedeutendsten Treibhausgases Kohlendioxid (CO2).
  • 1 Kubikmeter luftgetrocknete Fichte enthält rund 2000 kWh Energie. 1 Kubikmeter luftgetrocknete Buche hat einen Energieinhalt von 2800 kWh, was einem Brennwert von 280 Liter leichtem Heizöl entspricht.

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Letzte Änderung 26.11.2014

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