Schutzwald: Freilandlabor im Bergwald

Fast die Hälfte des Schweizer Waldes schützt vor Naturgefahren. Im Gebirge ist der Anteil noch weit höher. Zum Beispiel im Bawald im Obergoms (VS). Die 1986 eingerichteten Dauerbeobachtungsflächen lehren, wie der Schutzwald gepflegt werden muss.

Schutzwald Bawal Obergoms
Fast die Hälfte des Schweizer Waldes schützt vor Naturgefahren. Im Gebirge ist der Anteil noch weit höher. Zum Beispiel im Bawald im Obergoms (VS). Die 1986 eingerichteten Dauerbeobachtungsflächen lehren, wie der Schutzwald gepflegt werden muss.
© Urs Fitze

Text: Urs Fitze

Eine stattliche Fichte, daneben zwei kaum verrottete Baumstrünke. Um den einen gruppieren sich ein paar junge Tännchen, darum herum grünt dichtes Blattwerk. So präsentiert sich die Dauerbeobachtungsfläche 209. Sie liegt auf rund 1700 Metern über Meer im Bawald oberhalb des Obergommer Dorfs Ritzingen.

Fredy Zuberbühler, Bereichsleiter Ökologie bei Forst Goms, zieht ein Schwarz-Weiss-Foto aus einem Ordner. Es wurde 1986 aufgenommen und zeigt dieselbe Stelle. Neben der Fichte, die seither an Umfang nicht sichtbar zugenommen hat, steht auf dem Bild noch ein zweiter Baum, der einige Jahre später dem Bau einer Seilbahn zum Abtransport des geschlagenen Holzes weichen musste. Von einem weiteren Baum war schon damals nur noch der Strunk übrig. Wenig scheint in so vielen Jahren passiert zu sein, trotz des Eingriffs mit der Säge. In der Tat entwickelt sich ein Gebirgswald im Zeitlupentempo. Eine Baumkindheit kann hier ohne Weiteres ein halbes Jahrhundert dauern.

150 Jahre jung

Fredy Zuberbühler zieht ein positives Fazit aus dem Vergleich des Fotos mit dem heutigen Waldbild. «Die riesige Fichte ist mit ihren 150 Jahren so vital wie eh und je und wird noch viele Jahre hier stehen. Die beiden Strünke werden sich weiterhin gegen den Schnee stemmen und so den von selbst gekeimten Nachwuchs schützen, der sich gut behütet entwickelt. Noch zehn, fünfzehn Jahre, dann sind die Jungbäume so weit und übernehmen selbstständig die Schutzfunktion der vorherigen Baumgeneration.»

So soll es sein im Schutzwald: Die Baumarten sind an den Standort bestens angepasst, sie verjüngen sich auf natürliche Weise und sind altersmässig gut durchmischt. Solche Wälder sind fähig, auch den widrigsten Bedingungen zu trotzen.

Seit 1986 unter Beobachtung

1986 hatten sich die Mitglieder der Schweizerischen Gebirgswaldpflegegruppe erstmals im Bawald getroffen, um über die richtige Behandlung von Schutzwäldern zu diskutieren. Spontan beschlossen sie, hier einige Dauerbeobachtungsflächen, auch Weiserflächen genannt, einzurichten. Auf diesen wollte man die Wirksamkeit von forstlichen Eingriffen auf lange Sicht überprüfen.

Darüber war damals - nach Jahrzehnten der Vernachlässigung unserer Schutzwälder - wenig bekannt. Die Rezepte aus dem Mittelland, wo zum Beispiel bei Holzschlägen gezielt Einzelbäume stehen gelassen werden, erwiesen sich als unbrauchbar. «Für einen Baum im Gebirge kann es tödlich sein, wenn er nach einem Holzschlag zu viel Licht erhält», erklärt Fredy Zuberbühler. Er zeigt auf eine steile Rinne, wo schon ein halber m Neuschnee ausreichen kann, um eine Lawine auszulösen, die bis ins Tal vordringt. Zwei gut hundertjährige, eigentlich gesunde Fichten sind umgestürzt. Vor zwanzig Jahren waren hier Bäume gefällt worden, um mehrere Holzschneerechen zu errichten. Das sind einfache Lawinenverbauungen, die rund 40 Jahre halten; genug Zeit also für den Baumnachwuchs, um sich zu entwickeln. Doch für die älteren Bäume, die stehen blieben, war das zusätzliche Licht fatal. Sie gediehen auf der Sonnenseite besonders gut und bildeten kräftige Äste aus, was die beiden Fichten allmählich aus dem Gleichgewicht brachte.

«Wir hätten sie damals fällen sollen», sagt Fredy Zuberbühler. «Jetzt haben wir ein Vierteljahrhundert verloren und müssen hoffen, dass die Schneerechen noch lange genug halten, bis wieder ein stabiler Wald entstanden ist.» Künftig wird man solche Fehler vermeiden - dank der Erkenntnisse, welche die 27 Jahre zuvor eingerichtete Weiserfläche erbracht hat.

Kriechender Schnee

Bis zu 45 Grad steil ist der Bawald, im Winter liegen zwei m Schnee. Dieser ist stets in Bewegung. Um zehn m kann er bis zur Schmelze talwärts kriechen - eine Tortur für die jungen Bäumchen, die dies nur geduckt überstehen. Im Frühling richten sie sich dann mit aller Kraft wieder auf. Manche sehen nach ein paar Jahren aus wie die runden Kufen eines Davoser Schlittens. Ihnen zu helfen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Förster im Gebirgswald. Doch wie geht dies am besten? Um kriechenden Schnee zu stoppen, habe man zuerst die Stämme gefällter Bäume quer zum Hang abgelegt, erzählt Fredy Zuberbühler. Doch diese seien einfach mitgezogen worden und hätten damit weit mehr Schaden angerichtet als Nutzen gestiftet. Jetzt werden die Stämme in der Falllinie liegen gelassen. Mit ihren Aststümpfen, die sich im Boden festkrallen, sorgen sie für Stabilität. Auch das hat die Erfahrung im Bawald gelehrt.

Forst Goms entstand Anfang 2011 aus einem Zusammenschluss mehrerer Forstbetriebe im Obergoms und im Binntal. Der Betrieb bewirtschaftet 6000 Hektaren Wald, davon sind 73 % Schutzwald. Die ältesten Bäume stehen hier seit sechs Jahrhunderten. 2013 wurde Forst Goms wegen seiner vorbildlichen Schutzwaldpflege mit dem renommierten Binding-Waldpreis ausgezeichnet.

«Die Erkenntnisse aus dem Bawald lassen sich aber nicht zwingend auf andere Schutzwälder übertragen. Es kommt auch immer auf die lokalen Gegebenheiten an», sagt Willy Werlen, Geschäftsführer bei Forst Goms. Deshalb schreibt der Bund im Rahmen des Projekts «Nachhaltigkeit im Schutzwald» (NaiS) den Kantonen vor, Weiserflächen einzurichten. Diese werden nicht nur über Jahre beobachtet; sie sind auch Experimentierfelder, um Neues auszuprobieren. Gerade jüngere Förster profitierten und könnten sich daran orientieren, etwa wenn sie neu in einen Betrieb einsteigen, erklärt Stéphane Losey von der Sektion Rutschungen, Lawinen und Schutzwald im BAFU.

Gelder für den Schutzwald

Nicht zuletzt aufgrund der Erkenntnisse, die dank Weiserflächen gewonnen wurden, hat der Bund die Weichen in seiner Schutzwaldpolitik neu gestellt. Er unterstützt die Kantone heute mit Beiträgen in der Höhe von insgesamt 60 Mio. CHF jährlich . Zahlungen in ähnlichem Umfang leisten die Kantone selbst. Hinzu kommen etwa 30 Mio. CHF, welche die Nutzniesser - betroffene Gemeinden, aber zum Beispiel auch Bahnbetreiber wie SBB und BLS - aufwenden. Insgesamt fliessen so pro Jahr um die 150 Mio. CHF in die Pflege der Schweizer Schutzwälder.

Bei Forst Goms kommen davon 850‘000 CHF an. Angesichts anhaltend niedriger Holzpreise, die deutlich weniger einbringen als die Beiträge von Bund und Kanton, sei das nicht ganz ausreichend, sagt Willy Werlen. Der Forstbetrieb beschäftigt 15 Ganzjahres- und 15 Saisonangestellte. Er ist damit einer der wichtigsten Arbeitgeber in der strukturschwachen Region. Rund ein Drittel der Arbeitsstunden wird in die Waldpflege investiert.

Der Bund prüfe laufend, ob die Beiträge ausreichten, sagt Stéphane Losey vom BAFU. Es sei durchaus denkbar, dass diese in Anbetracht des Nachholbedarfs in vielen Schutzwäldern und neuer Herausforderungen wie des Klimawandels erhöht werden müssten. «Es liegt aber heute vor allem an den Kantonen, im Rahmen ihres eigenen Gestaltungsspielraums die Akzente zu setzen und der Schutzwaldpflege den Stellenwert zu geben, der ihr gebührt.»

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Letzte Änderung 12.02.2014

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