Waldpolitik: Es wäre fahrlässig, auf das Holz unserer Wälder zu verzichten

Die Temperaturen steigen, der Boden wird knapp, die Rohstoffvorräte gehen zur Neige. Diese Trends bleiben nicht ohne Folgen für unseren Wald. umwelt sprach mit Rolf Manser, Chef der Abteilung Wald im BAFU, über die Herausforderungen, die sich der Waldpolitik heute angesichts des sich rasch wandelnden Umfelds stellen.

Portrait Rolf Manser
Nach Abschluss seines Studiums an der ETH Zürich war Rolf Manser zunächst als selbstständiger Forstingenieur tätig. 1992 stiess er zur Eidgenössischen Forstdirektion im BUWAL, wie das BAFU damals hiess. Dort arbeitete er in leitender Position in verschiedenen Sektionen, bis er 2007 zum Chef der BAFU-Abteilung Wald ernannt wurde.
© Markus Forte Ex-Press BAFU

Interview: Hansjakob Baumgartner

umwelt: «Man muss die Dinge so nehmen, wie sie kommen; man muss aber alles unternehmen, dass sie so kommen, wie man sie nehmen möchte.» Dieses Zitat des Schriftstellers und Schauspielers Curt Goetz empfahl der 2013 pensionierte BAFU-Vizedirektor Andreas Götz als Leitmotiv für die Schweizer Waldpolitik. Was sagt es Ihnen?

Rolf Manser: Dieser Leitspruch passt sehr gut zu unserer Philosophie und unserem beruflichen Alltag. Auf der einen Seite haben wir es mit der Natur zu tun, mit Bäumen, mit dem Wetter, mit Stürmen und Lawinen. Das sind die Dinge, die wir nur beschränkt oder gar nicht beeinflussen können und deshalb tatsächlich einfach so nehmen müssen, wie sie kommen. Auf der anderen Seite haben wir die Aufgabe, die Entwicklung des Waldes für die nächsten 100 bis 120 Jahre zu planen und zu gestalten. Wir müssen versuchen, dieses Ökosystem so zu steuern und zu managen, dass es auch für die Generationen unserer Enkel- und Urenkelkinder noch all seine Funktionen wahrnehmen kann.

Dass dies ein anspruchsvoller Job ist, versteht sich. Hier hilft uns das ausgezeichnete forstliche Ausbildungssystem, über das wir in der Schweiz verfügen. Unsere Waldfachleute sind sehr gut befähigt, diese Herausforderung zu meistern.

Nun kommen heute aber auch Dinge auf uns zu, die nicht naturgegeben sind, für den Wald jedoch nicht minder einschneidende Konsequenzen haben.

Das ist richtig. Der Klimawandel zum Beispiel ist eine enorme Herausforderung für das Waldmanagement. Doch auch andere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen haben starke Auswirkungen auf den Wald: Die Globalisierung führt dazu, dass zusammen mit dem weltweit transportierten Holz oder den Holzverpackungen gefährliche Schadorganismen aus fernen Ländern in unsere Wälder gelangen. Oder: Zwar boomt der Holzbau in der Schweiz, aufgrund externer Rahmenbedingungen - starker CHF, Eurokrise - aber leider nicht mit hiesigem Holz. Für die Schreiner und Zimmerleute ist es günstiger, im Ausland einzukaufen.

Ein weiteres Problem ist, dass der Boden in der Schweiz immer knapper wird, während die Einwohnerzahl wächst. Der Siedlungsdruck auf den Wald wird zunehmen. Wie die Berner Projektidee «Waldstadt Bremer» zeigt, sind Waldrodungen für den Wohnungsbau für manche Leute kein Tabu mehr.

Wie geht das BAFU mit diesen Herausforderungen um?

Unsere Aufgabe ist es, Lösungen für die politische Ebene zu erarbeiten. Die Politik versucht, möglichst weit vorauszublicken, Probleme frühzeitig zu erkennen, Szenarien zu entwickeln, Ziele zu formulieren und daraus die nötigen Massnahmen abzuleiten. Insofern es in unserem Einflussbereich liegt, haben wir dies mit der Formulierung der Waldpolitik 2020 getan, die der Bundesrat 2011 gutgeheissen hat.

Die Waldpolitik 2020 umfasst 5 Schwerpunkte und 6 weitere Ziele. Welche stehen für Sie im Vordergrund?

Einerseits die Ausschöpfung des Holznutzungspotenzials der Schweizer Wälder, andererseits die Anpassung des Waldes an den Klimawandel. Danach kommen alle anderen Schwerpunkte und Ziele, die für mich gleichwertig sind.

Was beschäftigt Sie derzeit am meisten?

Viel Arbeit geben uns in der Abteilung Wald gegenwärtig die neuen Schadorganismen wie zum Beispiel der Asiatische Laubholzbockkäfer. Dieses Problem ist in den letzten Jahren sehr aktuell geworden und hat zahlreiche Aktivitäten ausgelöst. Bei mehreren gebietsfremden invasiven Arten haben wir jetzt noch die Chance, das Einwandern zu verhindern. Aber dies kann sehr aufwendig sein.

Zum Holznutzungspotenzial: Was ist denn so schlimm daran, wenn man dieses nicht ausschöpft und die Bäume im Wald einfach stehen lässt?

Für den Wald als Ökosystem ist das nicht dramatisch. Die Natur wird damit problemlos fertig. Die Bäume werden einfach alt und immer älter. Nach mehreren 100 Jahren fallen sie um und verrotten. Durch den zusätzlichen Lichteinfall kommen dann wieder junge Bäume auf. Aber wir müssen das Ganze auch aus der Sicht der Ressourcenpolitik betrachten: Es wäre fahrlässig, auf das Holz unserer Wälder zu verzichten. Dieser natürliche Rohstoff hat zu viele Vorteile: Holz ist vielseitig verwendbar - als Baumaterial, Energieträger, Werkstoff und Ausgangsmaterial für chemische Prozesse; es wächst nach, und es ist CO2-neutral.

Holznutzung kann uns helfen, die klimapolitischen Ziele zu erreichen. Berechnungen zeigen, dass der Wald den grössten Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen leistet, wenn der Zuwachs genutzt und das geerntete Holz in Gebäuden oder Infrastrukturanlagen verbaut wird. Einerseits wird Kohlenstoff so in der Bausubstanz langfristig gespeichert, andererseits wird er im Wald von den nachwachsenden Bäumen gebunden. Zu Heizzwecken verfeuert, kann Holz zudem fossile Energieträger ersetzen.

Die Umsetzung der Waldpolitik 2020 bedingt eine Revision des Waldgesetzes. Was muss sich ändern?

Nicht sehr viel. Das gültige Gesetz ist immer noch gut, es braucht bloss kleine Anpassungen. Ein Punkt betrifft die neuen Schadorganismen. Sie müssen wirksam bekämpft werden. Das Gesetz schreibt dies heute schon vor. Gefordert sind hier unter anderen die Kantone. Der Bund kann sie zurzeit finanziell nur unterstützen, wenn die Organismen in Schutzwäldern auftreten. Dies wäre aber auch in den übrigen Wäldern nötig, denn die Kantone haben nicht genügend Mittel, um das Problem alleine zu lösen.

Zudem gibt es gegenwärtig noch keine konkrete gesetzliche Grundlage für Massnahmen zur Anpassung des Waldes an den Klimawandel. Diese soll nun geschaffen werden. Und schliesslich soll der Bund in die Lage versetzt werden, die Holzförderung besser unterstützen zu können.

Was braucht es sonst noch, um die Waldpolitik 2020 umzusetzen?

Die Gesetzesrevision ist das eine. Ebenso entscheidend ist das Engagement aller Akteure. Waldpolitik ist eine Verbundaufgabe von Bund und Kantonen. Letztere müssen vielfach umsetzen, was gemeinsam beschlossen wurde. Und auch die Waldeigentümerinnen und
-eigentümer müssen mitmachen. Nur wenn alle am gleichen Strick ziehen, kann das Werk gelingen - und werden die Dinge letztendlich so kommen, wie wir sie nehmen möchten.

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 12.02.2014

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/thema-wald-und-holz/wald-und-holz--dossiers/den-wald-gestalten---magazin--umwelt--1-2014/waldpolitik--es-waere-fahrlaessig--auf-das-holz-unserer-waelder-.html