Waldpolitik 2020: Unser Wald entwickelt sich in eine nachhaltige Richtung

26.08.2015 - Der Schweizer Wald wächst. Vor allem im Berggebiet schliessen sich seine Kronen, die Stämme gehen in die Breite, und seine Fläche dehnt sich aus. Mit der Waldpolitik 2020 nimmt der Bund Einfluss auf dieses Wachstum und auf weitere Entwicklungen im Wald.

Die Waldpolitik 2020 soll unter anderem die Schutzwaldleistung – wie hier ob Chur – sicherstellen, das nachhaltig nutzbare Holzpotenzial ausschöpfen und die Biodiversität gezielt verbessern.
© Markus Bolliger, BAFU; BAFU/Fotoagentur AURA

Text: Oliver Graf

Die Holzvorräte im Schweizer Wald sind um weitere 1,5 % gestiegen, wie das Ende 2014 aktualisierte Landesforstinventar für den Zeitraum von 2009 bis 2013 berechnet hat. Allerdings ist dieser Zuwachs höchst ungleichmässig ver-teilt. Während in den gut erschlossenen Wäldern des Mittellandes 3,5 % weniger Holz stehen als zuvor, haben die Vorräte in den Alpen um mehr als 4 % und auf der Alpensüdseite sogar um 10 % zugenommen.

© Markus Bolliger, BAFU; BAFU/Fotoagentur AURA

Potenziale besser ausschöpfen

Aus Holz lassen sich Gebäude errichten und Möbel fabrizieren. Holz ersetzt Plastik, Beton, Stahl und andere energieintensive Materialien. Holzhäuser haben eine gute Wärmeisolation, und als Brennstoff ist Holz klimaneutral. Gute Gründe also, diesen Rohstoff stärker zu nutzen und der Zunahme der Vorräte entgegenzuwirken. Das erste von insgesamt elf Zielen der Waldpolitik 2020 lautet denn auch, das Potenzial für eine nachhaltige Holznutzung besser auszuschöpfen . Beschlossen hat der Bundesrat die Waldpolitik 2020 im August 2011. Die erste Umsetzungsetappe dauert noch bis Ende 2015.

Die Holznutzung erfolgt in der Schweiz in aller Regel nach marktwirtschaftlichen Prinzipien: Geerntet wird, wo der Preis die Kosten deckt. Dies ist in den gut erschlossenen und leicht zugänglichen Wäldern des Mittellandes meist der Fall, nicht jedoch in weiten Teilen der unternutzten Voralpen- und Alpenwälder, wo eine kostendeckende Ernte schwierig ist. Damit die Holznutzung auch hier zunimmt, müssten entweder die Preise steigen oder die Ernte- und Produktionskosten sinken. «Für den Bund ist die Ausschöpfung des Holznutzungs-Potenzials eine anspruchsvolle Aufgabe», stellt Rolf Manser, Chef der Abteilung Wald beim BAFU, fest.

Die Nachfrage stärken

In einem liberalisierten Markt kann der Staat nicht nach Belieben eingreifen. «Wir setzen aber unterstützende Akzente und gehen selbst mit gutem Beispiel voran», ergänzt Alfred Kammerhofer, Chef der BAFU-Sektion Holz- und Waldwirtschaft. So prüft das Amt in Erfüllung einer parlamentarischen Initiative, wie sich die Verwendung von Schweizer Holz in Bauten mit öffentlicher Finanzierung fördern lässt, ohne dass dadurch geltende internationale Handelsregeln der WTO verletzt werden. «Am meisten Erfolg verspricht der Weg über eine Anerkennung der besonderen ökologischen und sozialen Vorzüge von Holz aus Schweizer Wäldern», ist Alfred Kammerhofer überzeugt.

Eng mit der Waldpolitik 2020 verknüpft ist der Aktionsplan Holz. Er zielt darauf ab, diesen Rohstoff nachhaltig bereitzustellen und in Kaskaden zu nutzen: Zuerst leistet er als Bau- oder Möbelholz gute Dienste, zuletzt wird er im Ofen verbrannt und produziert Heizwärme. Die Förderung von Laubholz zeigt exemplarisch, wie der Aktionsplan Holz funktioniert. Die Buche dominiert die meisten Wälder im Schweizer Mittelland. Ihr Holz ist relativ hart, schwer und kurzfaserig. In den Sägereien und im Holzbau gilt sie daher als Sorgenkind. Das BAFU hat deshalb in den letzten Jahren mit Innovationsprojekten sowie Markt- und Machbarkeitsstudien nach neuen Verarbeitungs- und Vermarktungswegen für Laubholz gesucht. «Leider mangelt es jedoch an der Nachfrage und damit an der Umsetzung in der Praxis», stellt Alfred Kammerhofer fest. «Aus diesem Grund hat man die Auslegeordnung ausgeweitet: Neben traditionellen Anwendungen werden nun auch Möglichkeiten von Verbundwerkstoffen, Faserzellstoffen sowie der Einsatz von Buchenholz in der Bioraffination geprüft. Damit steht die holzbasierte Produktion von Chemikalien und Werkstoffen zur Diskussion.

© Markus Bolliger, BAFU; BAFU/Fotoagentur AURA

Kostenreduktion als Hebel

Die Senkung der Produktions- und Erntekosten ist ein weiterer Hebel zur Förderung der Holznutzung. Auch hier engagiert sich der Bund im Rahmen der Waldpolitik 2020. Rund 200 Forstbetriebe beteiligen sich am forstwirtschaftlichen Testbetriebsnetz (TBN) und lassen sich dabei in die Bücher schauen. Schwarze Zahlen schreibt weniger als die Hälfte von ihnen. Ein positives Betriebsergebnis hängt häufig von den Erträgen aus rentablen Dienstleistungen ausserhalb der eigentlichen Holznutzung ab.

Gerade im steileren Gelände liessen sich zudem die Kosten der Holzernte - wie im benachbarten Ausland - durch eine bessere Erschliessung senken. Denn viele Waldstrassen sind für die mittlerweile grösser und schwerer gewordenen Ernte- und Transportmaschinen zu schmal und zu wenig stabil. Damit können sie gar nicht an ihren Einsatzort gelangen. Allerdings hat der Bundesrat eine Ausdehnung der heute auf den Schutzwald beschränkten Bundesbeiträge für die Walderschliessung aus finanziellen Gründen abgelehnt. Die politische Debatte ist im Gang.

Der Bund fördert auch die Strukturverbesserung von Forstbetrieben. Ab 2016 bilden kantonale Konzepte die Grundlagen für entsprechende Vereinbarungen zwischen Bund und Kantonen.

Schutzleistung sicherstellen

Am Nachmittag des 2. Mai 2013 zog von Westen her eine Gewitterwelle über die nördliche Schweiz. Zeugen berichteten von Hagelkörnern in der Grösse von Pingpongbällen. Besonders betroffen war der Kanton Schaffhausen, wo kurz nach 18 h schwere Regenfälle einsetzten. Der sonst unscheinbare Freudentalbach schwoll innert kurzer Zeit zum stellenweise bis zu 50 m breiten Fluss an und überschwemmte auch den Werkhof, wo der kantonale Forstdienst seinen Stützpunkt hat.

Insgesamt entstanden in der Region Schaffhausen Schäden zwischen 20 und 25 Mio. CHF. Der grösste Teil der Schadenssumme war nicht einzelnen Hochwasser führenden Bächen anzulasten, sondern dem allgemeinen Oberflächenabfluss. Besonders verheerend wirkten dabei verdichtete Böden.

Der Wald kann je nach Untergrund die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens deutlich erhöhen. Dabei spielen die von Wurzeln gebildeten Hohlräume eine wichtige Rolle. «Nur dank des Waldes - im Kanton Schaffhausen sind es 42 % der Fläche - waren die Schäden durch das Mai-Unwetter nicht noch grösser», ist der Kantonsförster Bruno Schmid überzeugt.

Nach einheitlicher Methode ausscheiden

Tatsächlich gelten auch im gebirgsfernen Schaffhausen rund 6% der Wälder als Schutzwald. Der grösste Teil dient hier allerdings nicht dem Hochwasserschutz, sondern dem Schutz gegen Steinschlag. Ausgeschieden wurde der Schutzwald vor drei Jahren nach einer schweizweit einheitlichen Methode. «Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um die in der Waldpolitik 2020 geforderte Schutzwirkung des Waldes nachhaltig zu gewährleisten», erklärt Stéphane Losey, Projektleiter in der Abteilung Gefahrenprävention beim BAFU.

Gesamtschweizerisch gilt knapp die Hälfte aller Wälder als Schutzwald. «Wir haben verschiedene Gefahrenprozesse modelliert, in einem geografischen Informationssystem (GIS) dargestellt und mit der Waldfläche verschnitten», sagt Stéphane Losey. Die Ergebnisse dienen als Basis für die kantonale Schutzwaldausscheidung und für die Zuteilung der Bundesmittel sowie für Vereinbarungen über die Schutzwaldpflege zwischen Bund und Kantonen.

Damit der Wald Siedlungen, Infrastrukturen und Verkehrswege wirkungsvoll vor Lawinen, Steinschlag, Rutschungen, Ufererosion oder Schwemmholz schützen kann, muss er gut strukturiert sein. Ungünstig sind gleichförmige Bestände aus einer einzigen Baumart. Mit fortschreitendem Alter verarmt ihr Unterwuchs, und es droht ein flächiger Zusammenbruch. Das wirksame Gegenmittel ist eine rechtzeitige und gezielte Verjüngung.

© Markus Bolliger, BAFU; BAFU/Fotoagentur AURA

Zerfall gezielt zulassen

Indessen sind auch alte Baumbestände, zerfallende Stämme und vermoderndes Holz wertvoll: Spechte, Käuze und andere Höhlenbrüter, Fledermäuse, Siebenschläfer, aber auch Hirschkäfer, der Alpenbock und viele weitere Insekten sowie unzählige Pilze, Moose und Flechten sind auf genügend Totholz angewiesen. Sie gedeihen nur in den reifen Wäldern der späten Zerfallsphasen. Langfristig gesicherte Waldreservate fördern diese Entwicklungen und bilden deshalb ein wichtiges Instrument der Waldpolitik, indem sie den Fortbestand urwaldähnlicher Lebensräume ermöglichen. Neben solchen Naturwaldreservaten gibt es auch Sonderwaldreservate, in denen eine sorgfältig auf bestimmte Zielarten ausgerichtete Pflege stattfindet. Oft sind lichtbedürftige Orchideen und Schmetterlinge die Nutzniesser solcher Massnahmen.

Defizite sichtbar machen

2014 hat das BAFU erstmals eine Übersicht aller Waldreservate erstellt. Demnach waren schweizweit 4,8 % der Waldfläche Reservate, je etwa zur Hälfte Naturwald- und Sonderwaldreservate. «In den vergangenen 10 Jahren hat sich der Reservatsanteil verdoppelt», freut sich Markus Bolliger von der BAFU-Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität. «Allerdings ist bis 2030 nochmals mindestens eine Verdoppelung nötig, um das 10-%-Ziel der Waldpolitik 2020 zu erreichen.» Ausserdem sind viele Naturwaldreservate zu klein, um ihren Hauptzweck zu erfüllen, nämlich die ungestörte natürliche Entwicklung des Waldes in seiner ganzen ökologischen Bandbreite. Dies ist insbesondere im Mittelland der Fall, wo es kaum grosse Waldreservate über 20 Hektaren gibt. Die flächendeckende Auswertung zeige auf, wo im Reservatsnetz noch Lücken klafften, und sie unterstütze die Identifikation von Gebieten, in denen die National Prioritären Arten besonders gefördert werden sollen, erklärt Simon Capt vom Schweizer Zentrum für die Kartografie der Fauna (CSCF) in Neuenburg.

Herausforderungen für die zweite Umsetzungsperiode

Klimawandel, Waldfläche und invasive Organismen sind weitere Bereiche, in denen der Bund die Entwicklungen im Schweizer Wald steuern und beeinflussen will. «Die Waldpolitik 2020 bringt die verschiedenen gesellschaftlichen Ansprüche an den Wald unter ein gemeinsames Dach», fasst Abteilungschef Rolf Manser deren Bedeutung zusammen. «Auch für die zweite Umsetzungsperiode 2016-2020 bleibt uns aber noch viel Arbeit.» Eine Grundlage soll die laufende Ergänzung des Waldgesetzes schaffen. Die vom Bundesrat im Mai 2014 verabschiedete Botschaft wird derzeit vom Parlament behandelt und soll möglichst noch 2015 unter Dach und Fach sein.


Waldpolitik 2020

Bereits realisierte Massnahmen zu den fünf prioritären Zielen:

Ziel 1: Das nachhaltig nutzbare Holzpotenzial wird ausgeschöpft.

Der Bund hat mit dem Landesforstinventar, dem forstwirtschaftlichen Testbetriebsnetz der Schweiz sowie Studien zu Holznutzungspotenzialen, Holzverbrauch und Wertschöpfungskette fachliche Grundlagen bereitgestellt.

Ziel 2: Klimawandel - Minderung und Anpassung sind sichergestellt.

Der Bund hat Grundlagen zur Inwertsetzung der Klimaleistung des Waldes erarbeitet. CO2, das in verbautem Holz gespeichert und der Atmosphäre so längerfristig entzogen ist, wird als Senkenleistung angerechnet. Mit dem Aktionsplan Holz fördert der Bund einen klimafreundlichen Rohstoff, und das Forschungsprogramm «Wald und Klimawandel» ist in der Umsetzungsphase.

Ziel 3: Die Schutzwaldleistung ist sichergestellt.

Im Rahmen des Projekts SilvaProtect-CH hat der Bund die Kriterien für die Schutzwaldausscheidung harmonisiert; die Kantone setzen sie um.

Ziel 4: Die Biodiversität bleibt erhalten und ist gezielt verbessert.

Der Bund hat als Grundlage für die Ausweisung von Schutzflächen und die Aufwertung prioritärer Lebensräume eine Statistik der Waldreservate erstellt. Konkrete Umsetzungsmassnahmen sind in der Vollzugshilfe «Biodiversität im Wald - Ziele und Massnahmen» festgelegt.

Ziel 5: Die Waldfläche bleibt erhalten.

Gestützt auf eine punktuelle Anpassung des Waldgesetzes können die Kantone neu feste, sogenannt «statische» Waldgrenzen auch ausserhalb von Bauzonen ausscheiden. Zudem sind die Bestimmungen für den Rodungsersatz angepasst worden.

Die Ziele 6 bis 11 sind der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, der Waldgesundheit, den Schadorganismen, dem Gleichgewicht zwischen Wald und Wild sowie Bildung, Forschung und Wissenstransfer gewidmet.

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 26.08.2015

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/thema-wald-und-holz/wald-und-holz--dossiers/waldpolitik-2020--unser-wald-entwickelt-sich-in-eine-nachhaltige.html