Revision Gewässerschutzverordnung – Strengere Grenzwerte stärken den Gewässerschutz

Pestizide und andere Mikroverunreinigungen können das Trinkwasser verunreinigen und die Lebewesen im Wasser schädigen. Das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) will die Gewässer besser schützen. Es hat dazu die Gewässerschutzverordnung angepasst. Wie bisher dürfen Pestizide in allen Bächen, Flüssen und Seen, aus denen Trinkwasser gewonnen wird, den Grenzwert von 0.1 Mikrogramm pro Liter nicht überschreiten. Für 12 Pestizide, die für Wasserlebewesen besonders problematisch sind, führt die Verordnung zusätzlich strengere Grenzwerte ein. Erstmals werden auch für drei Arzneimittel Grenzwerte festgelegt. Die revidierte Gewässerschutzverordnung tritt am 1. April 2020 in Kraft.  

FAQ Revidierte Gewässerschutzverordnung

1. Warum braucht es neue Grenzwerte für die Wasserqualität von Bächen, Flüssen und Seen?
Das Gewässerschutzrecht verlangt, dass die in den Gewässern lebenden Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen nicht durch Stoffe (Chemikalien) geschädigt werden dürfen. Es verlangt zusätzlich, dass die Gewässer als Ressource für sauberes Trinkwasser erhalten werden. Viele Mikroverunreinigungen, d.h. Stoffe, die bereits in sehr geringen Konzentrationen schädlich sind, können die Wasserlebewesen oder das Trinkwasser gefährden. Dazu zählen unter anderem Rückstände von Pestiziden und Arzneimitteln. Die Gewässerschutzverordnung enthält für verschiedene Stoffe Grenzwerte (Fachbegriff: numerische Anforderung). Werden die Grenzwerte überschritten, müssen zusätzliche Massnahmen zum Schutz der Gewässer ergriffen werden.
Für Pestizide in oberirdischen Gewässern (Bäche, Flüsse und Seen) gab es bis anhin nur einen Einheitsgrenzwert. Er war für alle Pestizide identisch und betrug 0,1 µg/l (0,1 µg/l = 0.1 Mikrogramm pro Liter = 0,1 millionstel Gramm pro Liter). Einige Pestizide sind für gewisse Wasserlebewesen derart giftig, dass sie bereits in sehr viel tieferen Konzentrationen problematisch sind. Der einheitliche Wert von 0,1 µg/l war daher für den Schutz der Wasserlebewesen nur teilweise geeignet.
Aus diesem Grund wird nun für ausgewählte Pestizide der einheitliche Grenzwert von 0,1 µg/l durch einen differenzierten Wert ersetzt. Dieser ökotoxikologische Grenzwert ist der Giftigkeit der jeweiligen Pestizide angepasst. Je nach Giftigkeit variieren diese neuen Werte zwischen 0.00003 µg/l und 0.1 µg/l in oberirdischen Gewässern, aus denen Trinkwasser gewonnen wird und 0.00003 µg/l bis 6.4 µg/l in den Bächen, Flüssen und Seen, die kein Trinkwasser liefern.
Für andere Mikroverunreinigungen wie etwa Arzneimittel existierten bis heute gar keine Grenzwerte, obwohl auch solche Stoffe Wasserlebewesen schädigen können. Darum werden neu auch für drei Arzneimittel, die in Gewässern für Wasserlebewesen problematische Konzentrationen erreichen können, Grenzwerte festgelegt.

 

2. Wie wurden die neuen ökotoxikologischen Grenzwerte hergeleitet?
Die neuen ökotoxikologischen Grenzwerte für die oberirdischen Gewässer wurden für jeden Stoff aufgrund seiner Toxizität (Giftigkeit) für Wasserlebewesen durch das Oekotoxzentrum erarbeitet. Dafür wird ein international anerkanntes, wissenschaftlich abgestütztes Verfahren angewendet, das in einem Leitfaden der Europäischen Union (EU) ausgeführt ist. Siehe auch Verfahren zur Herleitung der Qualitätskriterien.

3. Was geschieht, wenn Grenzwerte überschritten werden?
Die Kantone sind dafür verantwortlich, die Vorschriften des Gewässerschutzrechts umzusetzen. Stellt ein Kanton eine Überschreitung der Grenzwerte fest, ist er verpflichtet, deren Ursachen abzuklären und Massnahmen zur Verbesserung der Wasserqualität zu verfügen. Wenn Überschreitungen weitverbreitet festgestellt werden, muss der Bund übergeordnet Massnahmen zur Reduzierung der Belastung einleiten, so dass diese weitverbreiteten Überschreitungen nicht mehr auftreten.

4. Die neuen Grenzwertbestimmungen wurden wegen den Stellungnahmen in der Vernehmlassung angepasst. Was hat man gegenüber dem ursprünglichen Vorschlag geändert?
Es gibt nur noch für diejenigen Stoffe neue Grenzwerte, die in den Gewässern effektiv für Wasserlebewesen schädliche Konzentrationen erreichen. Zu diesen Stoffen gehören keine mit sehr hohen Grenzwerten. In der Vernehmlassung wurden vor allem die sehr hohen, ökotoxikologisch begründeten Grenzwerte für verschiedene Pestizide kritisiert, z.B. für den Pflanzenschutzmittel-Wirkstoff Glyphosat, für welchen ein Grenzwert von 360 µg/l vorgeschlagen wurde. Diese sehr hohen Grenzwerte sind in der überarbeiteten Verordnung nicht mehr enthalten.
Anstelle von ursprünglich 55 Stoffen, mit vorgeschlagenen Grenzwerten zwischen 0.00003 µg/l und 4'000 µg/l, werden nun 22 Stoffe mit Grenzwerten zwischen 0.00003 µg/l und 6.4 µg/l in die Gewässerschutzverordnung aufgenommen.
Neu gilt zudem in allen Flüssen und Seen, aus denen Trinkwasser gewonnen wird, explizit ein Grenzwert für alle Pestizide von 0,1 µg/l. Dadurch wird der Schutz der Oberflächengewässer als Trinkwasserressource gestärkt.

5. Welche Grenzwerte gelten für den Pflanzenschutzmittel Wirkstoff Chlorothalonil und seine Metaboliten, welche aktuell das  Grundwasser stark verunreinigen?
Für den Wirkstoff Chlorothalonil gilt in allen Gewässern der Grenzwert von 0.1 μg/l. Ebenso gilt im Grundwasser, das der Trinkwassernutzung dient, für alle Metaboliten 3 von Chlorothalonil der Grenzwert von 0.1 μg/l. Dies, nachdem das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen am 12.12.2019 bekannt gegeben hat, dass alle Metaboliten von Chlorothalonil als für das Trinkwasser relevant anzusehen sind.

 

6. Im Rahmen der Vernehmlassung wurde die Erhöhung des Grenzwertes für den Pflanzenschutzmittel Wirkstoff Glyphosat in Bächen, Flüssen und Seen stark kritisiert. Welcher Grenzwert gilt nun für Glyphosat?
Wie unter Antwort 4 ausgeführt, wurden neue ökotoxikologische Grenzwerte nur noch für Stoffe festgelegt, die für Wasserlebewesen besonders problematisch sind. Für Wasserlebewesen ist Glyphosat aber nicht besonders gefährlich. Deshalb bleibt der Grenzwert für Glyphosat in allen Gewässern unverändert bei 0,1 µg/l.

 

7. Gelten die neuen Grenzwerte auch für das Grundwasser?
Nein, die neuen Grenzwerte gelten nur in den oberirdischen Gewässern, also in Bächen, Flüssen und Seen. Im Grundwasser, das als Trinkwasser genutzt wird, darf wie bis anhin kein Pestizid den Grenzwert von 0,1 µg/l überschreiten. Dieser Wert darf auch nicht überschritten werden, wenn Wasser aus einem oberirdischen Gewässer ins Grundwasser versickert.

8. Einige der neuen Grenzwerte für Pestizide in Gewässern, aus denen kein Trinkwasser gewonnen wird, sind höher als der bisherige Wert von 0,1 µg/l. Dürfen jetzt mehr von diesen Pestiziden verwendet und die Gewässer bis zum neuen Grenzwert verunreinigt werden?
Nein, an den Vorschriften zur Verwendung von Pestiziden ändert sich nichts.
Alle bisherigen Verbote und Gebote sowie die Anwendungsauflagen für Pestizide bleiben unverändert. Mit dem Aktionsplan zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln (AP PSM) werden zudem Massnahmen ergriffen, die dazu führen, dass insgesamt weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden und in die Gewässer gelangen.
Alle allgemeinen Vorschriften des Gewässerschutzes (Sorgfaltsprinzip, Verunreinigungsverbot, Einleitvorschriften für Abwasser usw.) bleiben ebenfalls unverändert bestehen. Es ist auch mit den neuen Grenzwerten verboten, Stoffe, die Wasser verunreinigen können, in ein Gewässer einzuleiten. Verboten ist auch, ein Gewässer solange mit belastetem Wasser «aufzufüllen» bis ein Pestizid-Grenzwert erreicht wird.

9. Führen die höheren Grenzwerte als 0.1 µg/l für einige Pestizide in den oberirdischen Gewässern nicht zu einer Verschlechterung des Trinkwasserschutzes?
Nein, weil diese höheren Grenzwerte als 0.1 µg/l gelten nur für Gewässer, aus denen kein Trinkwasser gewonnen wird.
Der Trinkwasserschutz wird sogar gestärkt, weil alle neuen Grenzwerte, die tiefer als 0,1 µg/l sind, auch in denjenigen oberirdischen Gewässern gelten, aus denen Trinkwasser gewonnen wird.

10. Aus welchen Gewässern wird Trinkwasser gewonnen?
Etwa 80% des Trinkwassers stammt aus dem Grundwasser, etwa 20% aus oberirdischen Gewässern. Dies sind v.a. die grossen Seen, wie der Bieler-, Boden-, Genfer- oder Zürichsee.

11. Warum wird bei den Grenzwerten für Arzneimitteln nicht zwischen Gewässern, aus denen Trinkwasser gewonnen wird, und den übrigen Gewässern unterschieden?
Für Arzneimittel gibt es im Lebensmittelrecht im Gegensatz zu den Pestiziden keine Höchstwerte. Die neu eingeführten Arzneimittel-Grenzwerte braucht es zum Schutz der Wasserlebewesen. Sie reagieren auf gewisse Arzneimittel viel empfindlicher als die Menschen. Deshalb wird bei den neuen Grenzwerten für Arzneimittel nicht zwischen oberirdischen Gewässern mit oder ohne Trinkwassernutzung unterschieden.

12. Wird es in den nächsten Jahren weitere neue Grenzwerte für Mikroverunreinigungen geben?
Ja, diese Arbeit wird nie abgeschlossen sein. Die Kenntnisse über die Gewässerbelastungen und die Auswirkungen der verschiedenen Stoffe auf Wasserlebewesen verbessern sich laufend. Auch die Verwendung der Stoffe ändert sich mit der Zeit, gewisse Stoffe werden verboten, andere Stoffe kommen neu hinzu. Alle diese Änderungen müssen laufend beobachtet werden. Zeigt sich, dass weitere Stoffe für die Gewässer problematisch sind, werden auch für diese Stoffe Grenzwerte festgelegt.

13. In den Gewässern wirken verschiedene Stoffe gleichzeitig auf Wasserlebewesen (Cocktaileffekt). Warum gibt es für Stoffgemische keine Grenzwerte?
Es gibt unzählige Mischmöglichkeiten. Deshalb ist es schlicht nicht möglich, konkrete, ökotoxikologisch basierte Werte für jede einzelne Mischung festzulegen. Das heisst aber nicht, dass Mischungen nicht geregelt sind! Die Gewässerschutzverordnung enthält zum Beispiel eine Anforderung, wonach Stoffe, die durch menschliche Tätigkeit in die Gewässer gelangen, Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen nicht beeinträchtigen dürfen. Diese Anforderung gilt natürlich auch für Mischungen von Stoffen. Sobald sich nachweisen lässt, dass eine bestimmte Mischung für Wasserorganismen schädlich ist, gilt das betroffene Gewässer als verunreinigt.

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Letzte Änderung 18.02.2020

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